Emotionen sprechen lauter als Worte (Teil 11)

Eine Einführung in die klinische Theorie der Orgonomie mit einer Diskussion einiger paralleler Funde in der modernen Neurowissenschaft und Psychotherapie von David Holbrook, M.D.

 

DER WEG EINES ORGONOMEN ZUR ORGONOMIE (Fortsetzung)

In gewissem Sinne scheint mir, daß ein tiefer Kontakt mit sich selbst einen tiefen Kontakt und eine Integration zwischen dem eigenen ZNS und dem eigenen ANS erfordert. Darüber hinaus beinhaltet tiefer Kontakt mit anderen die Wahrnehmung des emotionalen, nonverbalen Bereichs im anderen. Auf der anderen Seite wollen wir das Baby nicht mit dem Bade ausschütten: Worte können tief emotional und voller Kontakt sein, wenn sie nicht defensiv als Mittel zur Distanzierung von Emotionen eingesetzt werden. Auch dazu hat Reich etwas zu sagen:

Die vulgäre Meinung nimmt an, daß die Funktion des menschlichen Verstandes … absolut dem Affekt [entgegengesetzt ist] … . Dabei wird zweierlei übersehen: daß erstens die intellektuelle Funktion selbst eine vegetative [autonome] Tätigkeit ist, daß es zweitens eine Gefühlsbetonung der Verstandestätigkeit gibt, die keiner bloß affektiven Regung an Intensität nachsteht … [Hast du jemals eine leidenschaftliche Idee gehabt?] Der Intellekt kann also in den beiden grundsätzlichen Richtungen des psychischen Apparates, zur Welt und weg von der Welt, tätig sein; er kann ebenso mit lebhaftestem Affekt gleichgerichtet korrekt funktionieren wie auch sich dem Affekt kritisch gegenüberstellen. Zwischen Intellekt und Affekt besteht keine mechanische, absolut gegensätzliche, sondern wieder eine dialektische Funktionsbeziehung. (Reich, 1949, S. 412f)

Also, sprechen Emotionen lauter als Worte? Wenn wir auf das zurückblicken, was wir besprochen haben, würde ich doch sagen: wir kommen zu dem Schluß, daß Emotionen in gewissem Sinne der weitere Bereich sind, der Kontext aus dem oder die Quelle aus der Wörter entspringen können. Wenn Wörter als Abwehr verwendet werden, um den Emotionen zu entkommen oder sie zu vermeiden, liegt die Wahrheit in der Emotion und der begleitenden Körpersprache und nicht in den Wörtern. Auf der anderen Seite, wenn, wie Reich sagt, die Worte in dieselbe Richtung wirken wie ein lebhafter Affekt, dann werden die Worte mit der Kraft der Emotion verbunden, und beide, Worte und Emotionen, sprechen laut.

Zu einem Orgonomen zu werden hat mir persönlich geholfen, einen Fuß in der Natur und einen Fuß im Bereich meiner Mitmenschen zu haben und mir dergestalt geholfen, die Spaltung in meinen Gefühlen über diese beiden Welten zu heilen. Ich konnte tiefe und profunde verbale und nonverbale Erfahrungen mit meinen Patienten teilen und einigen der besten und aussagekräftigsten Theatervorführungen beizuwohnen und in ihnen mitzuspielen, die ich je hätte finden können. In meiner Arbeit ist das Potential, Shakespearesche Tiefen jeden Tag zu erleben. Shakespeare hat nur 36 Stücke geschrieben, aber es gibt unendlich viele tiefgreifende und bedeutungsvolle menschliche Geschichten, an denen ich als Orgonom teilhaben darf. Ich muß nicht zwischen Bühne und Wiese wählen. Ich habe sie beide in meiner Arbeit. Das ist das Geschenk der Orgonomie an mich und an meine Patienten.

Reich starb 1957 in einem Bundesgefängnis. Er war wegen Mißachtung des Gerichts verurteilt worden, weil er sich geweigert hatte, beim Versuch der FDA mitzuarbeiten, seine Arbeit als unwissenschaftlich abzutun. Ich möchte mit den Worten abschließen, die Reich aus dem Gefängnis an seinen 13jährigen Sohn Peter geschrieben hat: „Halte deinen Bauch weich. Laß nicht zu, daß er hart wird. Leide lieber, als hart zu werden“ (Reich 2012, S. 235, kursiv im Original).

 

Literatur

  • Reich W 1949: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989
  • Reich W 2012: Where’s The Truth? New York: Farrar, Straus and Giroux

 

Dieser Text aus dem Jahre 2013 wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

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Eine Antwort to “Emotionen sprechen lauter als Worte (Teil 11)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Emotions Speak Louder than Words?
    October 6, 2012

    On Saturday, October 6, 2012, David Holbrook, M.D., board-certified psychiatrist and Clinical Associate of the American College of Orgonomy, presented „Emotions Speak Louder than Words“ at the Paul Robeson Center for the Arts, Princeton, NJ as part of the ACO’s ongoing Social Orgonomy Presentation Series. Dr. Holbrook shares some insights about his presentation.

    http://www.orgonomy.org/public_eye.html#holbrook

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