Eine Einführung zu Paul Mathews‘ Auseinandersetzung mit Kritikern der Orgontherapie

Morgen erscheint der erste Teil von Paul Mathews‘ 1961 erschienenen Auseinandersetzung mit dem sich formierenden „Reichianismus“. Er kann als eine vorweggenommene Illustration zu seinem Artikel über die Mechanismen der Emotionellen Pest betrachtet werden.

Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre ist David Boadella mit einer heftigen Kritik an dem späten Reich und seinen Schülern hervorgetreten: sie hätten die ausgewogene „charakteranalytische Vegetotherapie“ auf eine „bloße Vegetotherapie“ reduziert, die Psyche im allgemeinen und die Charakteranalyse im besonderen vernachlässigt und alles auf die rasche Heilung von Symptomen durch körperliche Interventionen gesetzt. Wie fast immer bei derartigen Einwänden ist auch dieser nicht vollkommen von der Hand zu weisen. Reich konzentrierte sich stets auf seine neusten Entwicklungen, in diesem Fall auf die segmentäre Struktur des Muskelpanzers, außerdem war für ihn Orgontherapie Teil der Ausbildung seiner Mitarbeiter und mußte entsprechend schnell durchlaufen werden. (Genau unter dieser Prämisse verlief seine therapeutische Tätigkeit in den USA, schließlich war er nirgends als Arzt und Psychotherapeut registriert!) Auch experimentierte er mit dem Versuch den Orgasmusreflex möglichst früh freizulegen, in der Hoffnung die Gesundheit würde sich selbst organisieren, warnte aber ausdrücklich seine Schüler davor, dieser Ansatz sei nur etwas für die bestausgebildeten und erfahrensten Orgontherapeuten.

1967 veröffentlichte dann der nach Reich zweifellos bestausgebildete und erfahrenste Orgontherapeut, Elsworth F. Baker, sein Buch Der Mensch in der Falle und gleich hob die gegenteilige Kritik an: zu viel Bezug auf psychoanalytische Konzepte. Außerdem seien Bakers Beschreibungen zu schematisch und geradezu „kochbuch-artig“. Zu diesen Kritikpunkten ist zu sagen, daß Baker (abgesehen von Ola Raknes) der einzige vollausgebildete Psychoanalytiker unter den Orgontherapeuten war, Reich ihn zum Herausgeber seiner frühen psychoanalytischen Schriften erwählt hatte und ihm als offizieller Ausbilder des Orgone Institute für neue Orgontherapeuten jene Aspekte seiner Arbeit übertragen hatte, für die er, Reich, kein Interesse mehr aufbrachte und auch keine Zeit mehr hatte. Außerdem war bereits dem Charakteranalytiker Reich von seinen psychoanalytischen Kollegen vorgeworfen worden zu schematisch vorzugehen. Natürlich ist auch die Kritik an Baker nicht vollständig aus der Luft gegriffen, was man schon daran sieht, daß seit seinem Tod 1986 von den Orgonomen weitaus weniger auf eine psychoanalytische Begrifflichkeit zurückgegriffen wird.

Am drolligsten sind vielleicht jene Kritiker, die die Orgon-Biophysik, die Überlagerung und das kosmische Orgonenergie-Ingenieurswesen für sich entdeckt haben und die die Orgonomen sozusagen „orgonomisch überholen“ wollen. Sie sind „drollig“, weil sie offensichtlich Erstrahlung, Pulsation und die KRW-Bewegung nicht auseinanderhalten können und ein heilloses Durcheinander erzeugen. Aber natürlich ist auch ihre Kritik nicht vollständig aus der Luft gegriffen. Es ist aber auch offensichtlich, daß selbst der beste Orgonom, der im 45 Minuten-Rhythmus Patienten empfängt, froh ist, wenn er auf, wie soll ich sagen, „mondäne“ Techniken zurückgreifen kann. Die Kritik an den Orgontherapeuten ist fast durchweg kindisch und schlichtweg überflüssige Wichtigtuerei.

In einem zweiten Artikel griff Boadella sogar Reich selbst an und stellte dessen Geisteszustand in den letzten Jahren in Frage. Darauf geht Mathews in einer weiteren Antwort ein.

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13 Antworten to “Eine Einführung zu Paul Mathews‘ Auseinandersetzung mit Kritikern der Orgontherapie”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Bei Reich fällt mir die Prämisse ein, „Zeit ist das Kostbarste, was man hat.“
    Man kann Mathews durchaus als Sprachrohr Bakers betrachten, der die Sachen sagte, die Baker weder so oder dermaßen ausführlich darlegen konnte.

  2. Robert (Berlin) Says:

    Vergesse oft, welche Schätze ich habe. Aus Jan Olav Gatland, Ord og orgasme:

    • Peter Nasselstein Says:

      Interessantes Photo. 13 Leute. Akteure in einer griechischen Tragödie. Levy war einer der wichtigsten Männer in dieser Runde. Etwa zwei Jahre später war er ausgetreten. Baker zufolge eine „linke Charakterstruktur“… Etwa drei Jahre später starb Raknes, nicht ohne zuvor ein unglaubliche Chaos verursacht zu haben, indem er Leute wie Navarro „autorisierte“ „Orgontherapie“ zu praktizieren. Duvall starb Ende der 1970er Jahre. Anfang der 1980er Jahre kam es dann zum großen Bruch: Dew und Courtney Baker sowie Lois Wyvell verließen das College aus Protest gegen Baker und das IOS entstand. Herskowitz war Mitglied bei beiden, verließ aber das College nach Bakers Tod Mitte der 1980er Jahre. (Kurz danach starb auch Mathews – viel zu früh.) Eine von Blasband initiierter Versuch der Wiedervereinigung, dem Herskowitz positiv gegenüberstand, wurde von Courtney Baker abgelehnt. Wenig später mußte er das IOS verlassen… Kurz danach, Anfang der 1990er Jahre verließ Blasband das College wegen Levashov. Sein Bruder und Bell schlossen sich aus Solidarität bzw. enger Freundschaft an. Ein oder zwei Jahre später folgte Koopman.

      Die neuen Hauptprotagonisten waren Konia, Crist und Schwartzman. Anfang des Jahrtausends gab es eine kleine Verwerfung, als zeitweise Karpf, statt Crist, Präsident wurde. Das endete mit seinem Austritt, wobei er ein paar Orgonomen mitnahm. Ein paar Jahre später trat Schwartzman aus. Aber die einzige wirkliche Katastrophe war „das große Schisma“ Anfang der 1980er Jahre.

    • claus Says:

      Wie kam eigentlich dieses Talar-Theater zustande? Anstatt z.B. ein bisschen Wissenschaftstheorie zu verarbeiten, solches Theater? Entschuldigung, das nervt mich. Wo war das Foto veröffentlicht?

    • Robert (Berlin) Says:

      In Twitter auf das Foto klicken, dann habt ihr die Vollansicht.

    • claus Says:

      Gerade gelesen: Courtney Baker ist auch schon tot. http://webcache.googleusercontent.com/search?q=cache:FEkHs9EhJo0J:www.trettin-tv.de/orgoninstitut2019.htm+&cd=9&hl=de&ct=clnk&gl=de
      JJ Trettin meint, er habe mal das beste Orgonomie-Seminar in Deutschland gegeben. ?

    • O. Says:

      Das Bild scheint auf jedem Jahrestreffen usus zu sein. Im JO 1986 – die Ausgabe über E.F. Baker – gibt es ein Farbfoto mit allen.

  3. Peter Nasselstein Says:

    • claus Says:

      Natürlich ist das Theater nicht spezifisch fürs ACO. Aber mir kommt die Nachahmung universitärer Gepflogenheiten ein bisschen vor wie: Ich pfeife auf euch, will aber doch Anerkennung. Ich bin sicher, dass nicht alles an Unis irrational ist. Aber es gibt sicher Wichtigeres als Talare. Und gerade solchen Zauber machen Institutionen nach, an denen sich Leute die lächerlichsten Abschlüsse holen, oder?

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