Das Aufkommen des Psychopathen (Teil 13)

von Dr. med. Dr. phil. Barbara G. Koopman

Ein eher kontroverses Gebiet ist die Frage der Nacktheit von Erwachsenen. Meine persönliche Meinung, basierend auf den Beschwerden und Fantasien von Kinderpatienten im Laufe der Jahre, ist, dass auch dies eine Erregung erzeugt, die zu viel für die Energiekapazität des Kindes ist. Ich hatte erhebliche Schwierigkeiten mit verführerischen, hysterischen Müttern mit unbewussten exhibitionistischen Tendenzen, die darauf beharren, sich nackt oder leicht bekleidet vor ihren Söhnen zu zeigen. Sie beteuern, dass das alles „natürlich“ sei und haben keine Einsicht in ihre eigene unbewusste Motivation oder die daraus resultierenden neurotischen Symptome der Kinder. Ich weiß nicht, wie schädlich die Nacktheit von Erwachsenen in einer vollkommen gesunden Gesellschaft von ungepanzerten Eltern und Kindern wäre; vielleicht wäre sie bei einer geordneten Libidoökonomie ganz natürlich und harmlos und diese Verhaltensweisen wären wirklich unbedenklich. Es mag von Interesse sein, dass die Trobriander (die nach Reichs Ansicht eine der sexuellen Gesundheit nahestehende Gesellschaft verkörperten) Nacktheit nicht ermutigten, es sei denn, es gibt einen funktionellen Grund dafür, wie etwa das Baden (5). Auch bei den Trobriand-Insulanern wurde die Privatsphäre im Zusammenhang mit Körperpflege peinlich genau eingehalten. Ich glaube, dies ist ein weiterer Bereich, in dem unsere fehlgeleiteten Modernisten schmerzlich sündigen.

Die oben genannten neurotischen Praktiken stehen in scharfem Kontrast zu den Grundprinzipien der Selbstregulierung, deren Eckpfeiler das Recht von Kindern und Jugendlichen auf ein gesundes, altersgerechtes Sexualleben ist. Unter solchen Verhältnissen unterdrückt man den Sexualtrieb bei Kindern nicht: Stauung und Panzerung entstehen nicht; der ödipale Wunsch bleibt uninteressant und ohne Verlangen; die Energie kann frei über bestmögliche entwicklungsbedingte Wege in Richtung der Reifung des Ichs, der Kreativität und der Fähigkeit zu guten Objektbeziehungen fließen.

In einer gepanzerten Gesellschaft ist die Situation selbst bei einfühlsamen Eltern nicht so einfach. Gepanzerte Eltern neigen dazu, gepanzerte Kinder zu produzieren. Dies ist wahrscheinlich auf die unbewussten Einstellungen der Eltern zurückzuführen, über die sie keine Kontrolle haben und die sich wiederum nicht nur in ihrem Verhalten, sondern auch in ihren Energiefeldern widerspiegeln. Letztere werden in den Bereichen der Panzerung unweigerlich geschwächt und geschrumpft sein. Das Feld des Kindes, das über einen langen Zeitraum mit den elterlichen Feldern in Resonanz steht, spürt zweifellos die Bereiche der Kontraktion und kann sich in den korrespondierenden Bereichen seines eigenen Feldes zusammenziehen. Ich habe dies sogar bei kleinen Babys mit sehr wohlmeinenden Eltern gesehen. Dennoch sagt mir mein Gefühl, dass die Erziehung der Eltern zu einer gesunden Kindererziehung dazu beitragen kann, eine Generation hervorzubringen, die weniger gepanzert ist als ihre Vorfahren, und so weiter, bis eine relativ gesunde Gesellschaft entsteht, die auf sexualökonomischen Prinzipien beruht.

Literatur

5. Malinowski, B.: The Sexual Life of Savages. New York: Harcourt, Brace & WorId, 1929

[Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 1, S. 40-58.
Übersetzt von Robert Hase]

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4 Antworten to “Das Aufkommen des Psychopathen (Teil 13)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Kaum zu glauben, dass Reich absichtlich Lore Reich beim Geschlechtsakt zusehen ließ, als diese zufällig hereinplatzte (Lore Reich Rubin: Erinnerungen an eine chaotische Welt). Jedenfalls hat er später seine Meinung um 180 Grad gedreht.

    „Ich weiß nicht, wie schädlich die Nacktheit von Erwachsenen in einer vollkommen gesunden Gesellschaft von ungepanzerten Eltern und Kindern wäre; vielleicht wäre sie bei einer geordneten Libidoökonomie ganz natürlich und harmlos und diese Verhaltensweisen wären wirklich unbedenklich.“ Ich war als Jugendlicher sehr erstaunt , als ich die Fotos der Nuba sah, die Nackt herumliefen und dass es dort normal war (Leni Riefenstahl: Die Nuba von Kau)

    • O. Says:

      Punkt 1: Zur (absichtlichen) Nacktheit eines Erwachsenen gegenüber (s)eines Kindes gibt es nur ein Wort: Nein.
      Punkt 2: Die Hoffnung, dass es besser werden könne, wenn Eltern ihre Kinder kindgerechter erziehen, dass dies auch sich auf die nächste Generation so überträgt, ist theoretisch schön. Da wir unsere Kinder aber an auch hoch neurotische Lehrer und meist relativ normale Erzieher abgeben müssen, (ich betone, dass wir in der Regel bessere Erzieherinnen haben als Lehrer), um ökonomisch zu existieren und unsere Wirtschafts- uns Politiksystem Ausbeutung und Unterdrückung im Sinne hat, wird es kein Fortschreiten geben. Die emotionelle Pest regiert. Also jede Hoffnung darf dann sterben, das sind wohl die Fakten.
      Ich halte der Autorin zugute, dass sie den Text wohl noch zu Zeiten der Hoffnung geschrieben hat. Das entschuldigt solch kühne Spekulationen.

  2. Robert (Berlin) Says:

    „Dennoch sagt mir mein Gefühl, dass die Erziehung der Eltern zu einer gesunden Kindererziehung dazu beitragen kann, eine Generation hervorzubringen, die weniger gepanzert ist als ihre Vorfahren, und so weiter, bis eine relativ gesunde Gesellschaft entsteht, die auf sexualökonomischen Prinzipien beruht.“

    Schon wieder eine neue Version eines Weges zur ungepanzerten Gesellschaft. Koopman übersieht, dass stark gepanzerte Gesellschaften freie Gesellschaften unmöglich machen. Ohne Erkennung der emotionellen Pest ist es nicht möglich.

    Teil 12 und 13 sind de facto Fortsetzungen von Reichs früheren Ratgebern, in denen Sie praktische Probleme angeht.

  3. Christian Says:

    Man stelle sich mal vor, Dr. Koopman würde heute leben! Es ist heute alles dermaßen… Mir fehlen die Worte!

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