Der linke Reich: Die mittlere Schicht und die Mittelschicht

Ich habe dieses Thema in folgendem Video bereits angeschnitten:

Reich war ohne jede Frage ein Feind der Mittelschicht, weil hier Ökonomie und Sexualökonomie besonders unheilvoll miteinander verzahnt sind. Sie macht das Rückgrat des Patriarchats aus und ist der „Ort“ von Sexualunterdrückung und Faschismus (Nach oben buckeln, nach unten treten). Die entsprechende Analyse ist der Kernbestand des „Freudo-Marxismus“. Siehe dazu ein typisches Produkt der „68er“, das Buch Die deklassierte Klasse (Studien zur Geschichte und Ideologie des Kleinbürgertums von Annette Leppert-Fögen, Fischer TB, 1974). Marx, Freud, Reich geben sich hier die Stichworte!

Die prinzipiell negative Haltung Reichs war bis in die Orgonomie hinein wirkmächtig. Insbesondere der Kaufmann und Händler steht (ähnlich dem Politiker und anderen „Funktionsträgern“) dem direkten Kontakt zwischen Produzenten und Konsumenten im Wege. Sie blockieren den freien Fluß der Energie. In diesem Sinne kann man die Mittelschicht mit der Panzerung, der biophysischen „mittleren Schicht“ und dem Charakter gleichsetzen. Ich verweise auf das obige Video und auf folgende Aussage von Jerome Eden:

Aus seiner gepanzerten Struktur heraus produziert ARM [der gepanzerte Mensch, armored man] die Zwillingsbrüder seiner Versklavung – den „Mittelsmann“ und den Politiker. Wie die mittlere Schicht seiner gepanzerten Struktur besteuert der Mittelsmann die Energie, die Früchte bioenergetischer Arbeit, weil ARM nicht fähig ist, für seine eigene Produktivität, für den Verkauf und die Verteilung seiner selbst erzeugten Güter die Verantwortung zu übernehmen. Der Politiker repräsentiert ARMs oberflächliche Fassade. Beide sind wesentlich für die Fortdauer der gepanzerten Gesellschaft. Sie können in einer arbeitsdemokratischen Gesellschaft nicht geduldet werden. (The Value of Values, Careywood, Idaho: Jerome Eden, 1980)

Das Problem des ganzen ist natürlich, daß sich das alles auf die autoritäre Gesellschaft bezieht. In der anti-autoritären Gesellschaft fällt die Panzerung weitgehend weg und die daraus resultierende Angst wird mittels Kontaktlosigkeit kompensiert. Die Menschen werden derartig verpeilt, daß sie buchstäblich „nicht mehr wissen, ob sie Weiblein oder Männlein sind“! Funktionell exakt dasselbe findet sich in der gesellschaftlichen Struktur. Früher konnte man sich blindlings auf den Handwerker verlassen, heute kommt man angesichts des unglaublichen Pfusches aus dem Fluchen nicht mehr raus. Früher konnte man mit dem Kreditberater seiner Bank noch sprechen und gemeinsam Chancen und Risiken abwägen und darauf vertrauen, daß die Interessen beider Seiten (die letztendlich dieselben sind!) harmonieren, weil die Verkörperung von Tradition, Erfahrung, Menschenkenntnis und Integrität vor einem saß. Heute grinst einen eine hohle Maske an, die irgendwelche Module abarbeitet und sich stets bei ihren Vorgesetzten absichern muß, der abstrakten Vorgaben und unrealistischen Computerprogrammen folgt. Resultat ist, daß der gesellschaftliche Wohlstand für haltlose Projekte verpulvert wird, während zukunftsträchtige Unternehmungen im Anfangsstadium ihrer Existenz verdorren.

Und so in allem: die Menschen sind hohl und die Gesellschaft ist hohl. Das ist wortwörtlich zu nehmen! Gespräche erschöpfen sich auf Versatzstücke aus den Massenmedien und hohle Phrasen. Da, wo man sich noch vor wenigen Jahren Rat darüber einholen konnte, was man eigentlich macht, wenn seltsamerweise der elektrische Rasierer „stumpf“ geworden ist, findet sich heute eine Spielhalle oder ein Laden für Computerspiele oder – Leerstand. Die sexuelle Freiheit mündete in einer Jugend, die dazu angehalten wird ihre Sexualität „einzuordnen“, so wie man Gewaltdarstellungen und Fake News „einordnen“ soll. Es geht nicht mehr um körperliche Ladung und Entladung, sondern um kognitive Verarbeitung!

Um Reichs Rede an den Kleinen Mann zu paraphrasieren: sie haben weder Selbstbewußtsein (ein Gefühl von Eigenheit) oder „Arbeitsbewußtsein“ (Reich), d.h. das Gefühl durch den objektiven Arbeitsprozeß vereint zu sein, noch haben sie ein Gefühl für ihre ureigensten Bedürfnisse. Die alte Mittelschicht mit ihrem Stolz, dem Geist der alten Gilden und ihrer Lebenskunst, wurde durch Menschen ersetzt, die voller Begeisterung ihrer Sklavenexistenz nach dem „Great Reset“ entgegenschauen.

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2 Antworten to “Der linke Reich: Die mittlere Schicht und die Mittelschicht”

  1. David Mörike Says:

    Interessanter Artikel (Video bislang nicht angeschaut):

    Anbetracht der Planwirtschaften des ehemaligen Ostblocks bin ich ja bisher sehr positiv eingestellt gegenüber den Supermarktkonzernen und -ketten – ich dachte niemand versorgt uns so günstig mit Essen und den anderen Dingen des Alltags. Durch den Artikel hier fange ich an, neu nachzudenken.

    Eine Entsprechung zwischen Mittlerer Schicht der Charakterstruktur und Mittelschicht ist schon da. Vielleicht auch betreffend Sexualunterdrückung.

    In der Schicht ganz oben wo man verschiedene Schlösser und Landsitze hat war es vermutlich schon immer einfacher, außereheliche Beziehungen und ähnliches zu verstecken.

    Und nach „ganz unten“ also hinein in die Slums und Favelas der Dritten Welt (aber auch in England und Deutschland traut sich die Polizei in manche Stadtviertel nachts nicht hinein) kann man nicht so einfach „durchregieren“.

    ***

    Wie die mittlere Schicht seiner gepanzerten Struktur besteuert der Mittelsmann die Energie, die Früchte bioenergetischer Arbeit, weil ARM nicht fähig ist, für seine eigene Produktivität, für den Verkauf und die Verteilung seiner selbst erzeugten Güter die Verantwortung zu übernehmen.

    Das ist immer schwierig, wenn ich in einer Riesenstadt lebe und nicht fußläufig zum nächsten – verkaufsbereiten – Bauern. Oder wenn ich Orangen essen will und der, der die produziert hat, sitzt in Sizilien. Direktvermarktung ist da auf jeden Fall schwierig, aber die Dinge ändern sich.

    Durch das Internet ergeben sich hier Möglichkeiten, die früher nicht da waren.

    Bisheriger Zustand: nicht fähig, die Verantwortung zu übernehmen.

    Es gibt immer auch die Einflüsse der Erziehung durch Schule, Universität und Elternhaus (letzteres vielleicht am wenigsten wenn der Vater beispielsweise Handwerker ist), die uns dazu erziehen, arbeitsgestört zu sein und uns ausbeuten zu lassen. Viele Menschen sind aus diesem Grunde miserable Geldverdiener.

    Deutschland ist – vielleicht gerade ausgehend von eben dieser Mittelschicht – noch zu gut durchorganisiert, als dass – aus der Not und der durch diese frei werdenden Kreativität – hier eine Veränderung erzwungen werden könnte. Aber auf lange Sicht kommt das.

  2. Kim Says:

    „Resultat ist, daß der gesellschaftliche Wohlstand für haltlose Projekte verpulvert wird, während zukunftsträchtige Unternehmungen im Anfangsstadium ihrer Existenz verdorren.“
    Beispiele?

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