Posts Tagged ‘Freudo-Marxismus’

Bezüglich Reichs SEX-POL ESSAYS, 1929-1934 (Teil 2: Mathews)

13. November 2020

Antwort von Professor Paul Mathews
 

Lassen Sie mich zunächst sagen, dass ich Myron Sharaf voll und ganz zustimme, dass wir die Untersuchung des Einflusses von Karl Marx auf Wilhelm Reich nicht verhindern oder ausschließen sollten. Genau das meinte ich mit dem „historischen Interesse“ an Reichs frühen marxistischen Schriften. Es tut mir leid, dass ich den Eindruck erweckte, wir sollten uns ihnen verschließen und uns niemals mit ihnen befassen.

Dennoch war es, wie Dr. Sharaf richtig feststellt, in der Tat meine Absicht, mich auf die Motivationen der Herausgeber dieses Bandes zu konzentrieren und unvorsichtige Leser vor deren Hintergedanken zu warnen, Reich mit einer Bewegung der Neuen Linken in Verbindung zu bringen, die ihm ein Gräuel war. Auch dies passt zu Reichs eigenem Eindruck, dass scheinbar freundliche Schriften – in diesem Fall seine eigenen – gegen das Wohl der Orgonomie verwendet werden könnten. Diese Enthüllung schien mir von größter Bedeutung zu sein und tut es immer noch.

Dies bedeutet nicht, dass diese Schriften keinen funktionellen oder pragmatischen Wert haben, aber wie Dr. Sharaf sehr wohl weiß, hat sich die Orgonomie schließlich sogar noch weiter von Marx und dem Marxismus entfernt als von der Psychoanalyse. Wir verwenden immer noch eine stattliche Anzahl von Freuds Konzepten, um unsere therapeutischen Ziele zu verstehen und umzusetzen, während Reich, abgesehen von den von Sharaf angeführten Zitaten, sagte: „Ich glaube, daß von der Marxschen Lehre nur der lebendige Charakter der menschlichen Produktivkraft bestehen bleiben wird.“ (People in Trouble, S. 131d). Soweit wir wissen, hat Reich möglicherweise absichtlich den Begriff „Soziologie“ statt „Marxismus“ verwendet, da er „Psychoanalyse“ nicht in „Psychologie“ oder „Verhaltensforschung“ umbenannt hat.

Ja, jeder Aspekt des historischen Einflusses auf Reich ist genauso interessant wie wichtig, aber es wäre falsch, Bereiche über zu bewerten, die Reich selbst von sich gewiesen hat oder von denen er meinte, dass sie heute nicht mehr bedeutsam sind, sodass man sowohl die gegenwärtige Natur und Stellung der Orgonomie als auch ihre Todfeinde aus den Augen verlieren könnte.

 

Anmerkungen des Übersetzers

d Menschen im Staat, Stroemfeld Verlag, Frankfurt/M., 1995, S. 20.
People in Trouble, New York, 1976, S. 10.
People in Trouble, Rangeley, Maine, 1953, S. 131.
Die Ausgaben von 1953 und 1976 unterscheiden sich in Teilen voneinander. Das Zitat von Reich steht in der späteren Ausgabe in der Einführung.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 2, S. 284-285.
Übersetzt von Robert (Berlin)

nachrichtenbrief146

27. Januar 2020

Orgonomie und Christentum: Die Abfolge Heidentum – Christentum – Neoheidentum – Orgonomie (Teil 6)

16. Januar 2020

Das römische Kaiserreich nach Christi Geburt zerfiel immer mehr und drohte in einem Morast aus „orientalischem“ Obskurantismus und Verantwortungslosigkeit zu ertrinken. Schließlich konnte es nur noch vom Christentum zusammengehalten werden. Tatsächlich hat das Christentum das Abendland gerettet, indem es die Kräfte der Selbstregulation mobilisiert hat, die schließlich in der Entwicklung von Wissenschaft, Kapitalismus und Demokratie mündeten. Vorher waren Menschen, jedenfalls die außerhalb der Familie und der eigenen Gesellschaftsschicht, kaum mehr als Dinge, die man versklaven und in jeder denkbaren Weise „instrumentalisieren“ konnte. Erst im Christentum gewann jeder Mensch als „Ebenbild Gottes“ einen unverlierbaren Eigenwert, was über die Jahrhunderte erst die Selbstregulation der Gesellschaft ermöglicht hat.

Ähnliches läßt sich über den gegenwärtigen Westen sagen, für dessen Untergang wir alle Zeugen sind. Erneut versinken wir im „orientalischen“ Obskurantismus und Verantwortungslosigkeit. Wenn man die Orgonomie mit den allesbestimmenden „Weltlehren“ des letzten Jahrhunderts, dem Marxismus und der Psychoanalyse, vergleicht, hatte AUSSCHLIESSLICH Reich einen Zugang zum biosozialen (Arbeitsdemokratie) und biologischen Kern, dem Quell der Selbstregulation. Entsprechend Ist die Orgonomie der EINZIGE Weg der Rettung wie vor fast 2000 Jahren das Christentum. Ausschließlich die Orgonomie kann die Kräfte der Selbstregulation mobilisieren, die den Westen erneut zu ungeahnten Höhen bringen werden.

Haltlose Utopie? Tatsächlich hat sich die Gesellschaft Reich schon längst zu eigen gemacht. Reich selbst hatte Ende der 1920er Jahre darauf hingewiesen, daß Marx und Freud bloße Instrumente der Entwicklung autonom verlaufender wirtschaftlicher und sexualökonomischer Prozesse waren, die in der „mental-hygienischen Bewegung“ des frühen 20. Jahrhunderts, dem Freudo-Marxismus und letztendlich der „sexuellen Revolution“ der letzten 60 Jahre zum Ausdruck kamen. Wo immer man hinschaut, gibt es sogenannte „Reichianische“ Therapeuten und Leute, die ähnliche Sachen praktizieren, teilweise ohne überhaupt den Namen „Reich“ zu kennen. Es ist alles eine gigantische Verzerrung, Emotionelle Pest, aber es ist eindeutig ein Ersatz für das Wahre. Das Problem ist, daß das Wahre bei all diesen pestilenten Überwucherungen unsichtbar wird. Trotzdem wird die Orgonomie diese „Bewegung“ übernehmen, eben weil sie das Original ist und nicht nur bloßer Ersatz. Sie kann nicht in die Irre führen, solange sie sich auf das Problem Emotionelle Pest konzentriert. Elsworth F. Baker, Paul Mathews und Charles Konia waren die EINZIGEN nach Reich, die dieses „Konzept“ am Leben gehalten haben. Reich war der deutlichste Ausdruck der biosozialen Entwicklung, die mit dem Verfall des Christentums begann, und die heutige Orgonomie ist nur eine Fortsetzung dieses unüberwindlichen Impulses.

Mechanismus und Mystizismus bei Liberalen und Konservativen

25. Dezember 2019

Während der Liberale nur in seinem Kopf lebt (Zentrales Nervensystem, energetisches Orgonom), ist der Konservative bioenergetisch besser integriert. Dementsprechend ist das gesellschaftliche Leben des Konservativen: er geht mit Menschen rein instinktiv um, er geht aus seinem Bauch heraus mit Menschen um (Autonomes Nervensystem, orgonotische Pulsation). Er ist nicht „gesellschaftlich engagiert“, wie der Liberale sagen würde, nicht „sozial bewußt“. Hingegen ist das Innenleben des Konservativen durchaus „bewußt“ und „wach“, d.h. er „beherrscht sich“, „führt sich selbst“ und handelt verantwortlich. Er ist ein Erwachsener, d.h. wenn er etwas braucht, handelt er dementsprechend; bei Schmerzen geht er zum Arzt usw. Er handelt in seinen persönlichen Angelegenheiten achtsam und man kann mit ihm auf rationale, logische Weise diskutieren, obwohl es vielleicht alles ein bißchen mechanisch wirkt.

Natürlich neigt der Konservative zum Mystizismus in gesellschaftlichen Fragen (siehe die Ausführungen von Baker, Mathews und Konia), aber hier beziehe ich mich auf sein persönliches Alltagsleben. Die Starrheit der autoritären Gesellschaft, der Militarismus, das rigide Geschäftsleben, oder etwa die mechanische Art und Weise, wie Weihnachten in der Familie organisiert ist; all das, was Reich in Was ist Klassenbewußtsein? (1934) und Die Massenpsychologie des Faschismus (1933-1942) beschrieben hat. Die Nazis waren zweifellos Mystiker, aber der Alltag war äußerst mechanisch. Oder nehmen wir die Religion. Ihr Inhalt ist mystisch, aber die tatsächlichen Rituale und das Alltagsleben sind eine Karikatur des Mechanismus und von einer absurden Zwangsneurose nicht zu unterscheiden.

Der verkopfte Liberale versucht, das gesellschaftliche Leben zu kontrollieren, er analysiert alles zu Tode. Alles dreht sich um soziale Feinabstimmung und Mikromanagement. Das gesellschaftliche Leben ist für ihn kompliziert, unendlich komplex, aber gerade deshalb sein Gegenstand von Überlegungen und Planungen. Man ist verantwortlich für das, was in der Welt passiert (Schuldgefühle). Gleichzeitig fehlt seinem Innenleben Orientierung, d.h. er ist nicht in der Lage, sich selbst zu regulieren, und er ist Spielball äußerer (sozialer) und innerer (emotionaler) Kräfte – und empfindet sich so. Es ist ja alles so „ungerecht“ und ständig fühlt er sich „betroffen“ bzw. fühlt „Betroffenheit“. Er ist verantwortungslos und kann nicht von sich aus rational handeln und wartet daher auf Anweisungen und darauf, daß die Gesellschaft (andere Liberale!) sein Leben verwaltet. Er handelt nicht, er reagiert, und es ist unmöglich, mit ihm ein vernünftiges Gespräch von einer unabhängigen verantwortlichen Person zur anderen zu führen. Vielleicht findet man hier und da etwas auffällig Funktionales in seinen Argumenten, aber in all der emotionalen Verwirrung bleibt es isoliert.

Man schaue sich den ehemaligen Ostblock an, insbesondere die DDR: Das gesellschaftliche Leben war absolut mechanisch bis zum Äußersten, während auf persönlicher Ebene alle möglichen Freiräume herrschten. Das Mechanische schaffte bzw. hinterließ Leerräume, ließ Freiräume. Man denke nur an Phänomene wie Rolf Schilling oder auch Solschenizyn oder gar an die „psychotronische“ Forschung in der UdSSR und der Tschechoslowakei.

Das Problem mit dem Konservativen ist, daß er die Gesellschaft als naturgegeben betrachtet. Für ihn ist die Gesellschaft, in die er hineingeboren wurde, zumindest eine traditionelle Version derselben, „natürlich“ und so, wie die Dinge sein und bleiben sollten. Der Liberale hingegen spürt, daß mit der Gesellschaft etwas grundlegend falsch läuft und geändert werden muß. Aber leider tragen fast alle Änderungen, die er verbreitet und zu institutionalisieren versucht, nur zur Verwirrung bei. Dies liegt daran, daß er keine Möglichkeit hat, in sich selbst zu schauen, um die bioenergetische/charakter-strukturelle Grundlage aller Irrationalität in dieser Welt zu erkennen. Stattdessen „verändert er die Gesellschaft“ auf verantwortungslose Weise ohne Sinn und Verstand. Der Konservative hingegen ist in der Lage, verantwortungsbewußt zu handeln, aber er ist taub und blind für die soziale Tragödie, die ihn umgibt. Alles ist in Ordnung – während, etwa durch den Katholizismus, eine junge Seele nach der anderen getötet wird.

Das Gegenteil beim Liberalen: während für ihn alles Soziale nur ein „Konstrukt“ ist, sieht er sein Innenleben als natürlich und unveränderlich an. (Deshalb sind ihm auch Homosexualität und alle möglichen anderen Neurosen und Perversionen „ganz natürlich“!) Orgontherapie ist ihm grundsätzlich fremd, weil sie etwas verändern will, nämlich den Charakter, der etwas ist, das er einfach nicht erfassen kann; ein Konzept, zu dem er einfach keinen Zugang findet. Aus genau diesem Grund ist die Charakteranalyse für die Behandlung des Liberalen so wichtig: um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß es so etwas wie einen „Charakter“ gibt. In ähnlicher Weise ist es wichtig, den Konservativen der sozialen Orgonomie (die historisch auf den „Freudo-Marxismus“ und die „Sexpol“ zurückzuführen ist) auszusetzen, weil er keinerlei Sensorium dafür hat, daß „Gesellschaft“ als etwas existiert, das geändert werden kann und muß.

Buchbesprechung: THE FREUDIAN LEFT von Paul A. Robinson (Teil 2)

22. Dezember 2019

von Paul Mathews, M.A.

 

Für diese Phase seiner Bewertung von Reich greift Robinson auf die verleumderischen Verzerrungen von Mildred Edie Bradys New Republic-Artikel vom 26. Mai 1947 zurück: „[Reich] etablierte bald eine lukrative Privatpraxis.“ „Orgonenergie konnte verwendet werden, um eine beliebige Anzahl von psychischen und physischen Krankheiten zu heilen, von Hysterie bis Krebs.“ „[Er] beobachtete die blaue Färbung von sexuell erregten Fröschen.“ Etc., etc. (Alles Kursive von mir – P.M.) Darüber hinaus wird Reich zu einem „religiösen Denker“, der „zu dem Schluss kam, dass die Religion, auch wenn sie reaktionär ist, der legitime Vorläufer seiner eigenen Wissenschaft ist“. Dies leitet er aus seiner offensichtlichen Fehlinterpretation von Christusmord und Die kosmische Überlagerung ab. Reich wird erneut eine „anti-intellektuelle Voreingenommenheit“ vorgeworfen, da Robinson, wie Rieff, nicht in der Lage ist, zwischen dem Intellekt als Abwehr und dem Intellekt des Kerns zu unterscheiden. Auf besonders raffinierte Weise missbraucht er Reichs Spekulation, Selbstwahrnehmungsprozesse könnten für den Ursprung der menschlichen Panzerung verantwortlich gewesen sein und behandelt sie wie ein Dogma: „Gleichzeitig erreichte die anti-intellektuelle Voreingenommenheit, die implizit in allen von [Reichs] Gedanken enthalten ist, schließlich eine explizite Formulierung: Der Mensch wusste zu viel für sein eigenes Wohl“ (S. 70).

Robinson ist besonders nachtragend gegenüber Reichs Konzept der emotionellen Pest und sagt: „Er hypostasiert alle Kritiker seiner Theorien zu ‚die emotionelle Pest‘ und erweist sich damit Freud mehr als ebenbürtig, was die Kunst des ad hominem-Arguments betrifft.“ Hier zeigt er nicht nur seine Unkenntnis der Definition der Pest durch Reich sowie von dessen wahren Motiven, sondern versucht auch, sich selbst gegen eine möglicherweise berechtigte Anschuldigung zu immunisieren.

Nachdem er eingeräumt hat, dass Reichs Gefühl der Verfolgung durchaus gerechtfertigt ist, kommt er zu dem Schluss: „Das war das traurige, aber (man kommt um das Gefühl nicht herum) angemessene Ende einer Karriere, die so zutiefst ernst und hoffnungslos grandios war, dass sie unmerklich in eine Farce verblasste“ (S. 73). Man kann sich nur fragen, warum Robinson überhaupt behauptet, Reich zu bewundern. Die Antwort liegt zweifellos nicht nur darin, dass er die Größe Reichs schemenhaft erahnt, sondern auch darin, im Namen der Sexualbejahung und unter dem Vorwand eines bewundernden Freundes, der ausgesprochen fair ist (vgl. S. 69, 70), die Bedrohung durch Reichs Theorie der Genitalität zu beseitigen; und natürlich auch in seinem Wunsch, durch „Neuinterpretation“ sich jener Aspekte von Reichs Werk zu bemächtigen, von denen er glaubt, dass sie seine politische Voreingenommenheit bestärken und bestätigen – was er in seiner Einleitung einräumt. So ist sein expliziter Vorsatz in diesem Buch, Freud selbst zu radikalisieren (in der Marcusianischen Wortbedeutung bzw. der der Neuen Linken) und jene Vertreter des „Freudschen“ Denkens, deren Theorien – speziell im sexuellen Bereich – revolutionäre Auswirkungen im politischen Sinne haben. Tatsächlich ist dies ein modernes Gegenstück (mit sehr unterschiedlichen Motivationen) zu Reichs seit langem aufgegebenem Versuch, Freud und Marx zu verschmelzen.

Robinson abstrahiert bei Roheim jene Aspekte seiner anthropologischen Erkenntnisse, die die Idee der Unvereinbarkeit von Kultur und Gesundheit unterstützen, insbesondere dessen Studien über die australischen Ureinwohner, deren Kindererziehung in jeder Hinsicht sexuell frei war, außer dem Inzesttabu (was Freuds Konzept des Urverbrechens unterstützte). Er führt Roheims Konservatismus bei der Lösung des Dilemmas der westlichen Gesellschaft auf dessen Loyalität zu Freud und die Fixierung auf den Pessimismus von Das Unbehagen in der Kulturc zurück. Robinson ist besonders beeindruckt von Roheims Erkenntnis, dass „der Schlüssel zum Wohlbefinden der Primitiven in der allgemeinen Permissivität ihrer Kultur [liegt]“. Dies ist ein wichtiger Punkt, da es mit der Identifikation des Autors mit Marcuse zusammenhängt. Freuds „Radikalismus“ läge in seinem Konzept eines Antagonismus zwischen Trieb und Kultur sowie in seinem Konzept des Todestriebs, den Norman Brown und Marcuse interessanterweise auf unterschiedliche Weise in ihre Philosophien aufgenommen haben.

 

Anmerkungen des Übersetzers

c Das Unbehagen in der Kultur ist der Titel einer 1930 erschienenen Schrift Sigmund Freuds.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 4 (1970), Nr. 1, S. 136-140.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Die soziopolitische Diathese

19. Juli 2019

 

Paul Mathews:
Die soziopolitische Diathese

 

Buchbesprechung: SEX-POL-Essays, 1929-1934 (Teil 1)*

30. Juni 2019

von Paul Mathews, M.A.

 

Diese Taschenbuch-Anthologie hat eine interessante Geschichte. Nach Reichs Tod 1957 erschienen eine Reihe von Artikeln in verschiedenen Zeitschriften und Magazinen, mal abgesehen von den üblichen verzerrten und sexuell ausbeuterischen Schriften, gaben diese Artikel vor, eine faire Analyse des Reichschen Werkes zu bieten. In der Zeitschrift Liberationa wurde beispielsweise ein Artikel mit dem Titel „Wilhelm Reich: Zwei Beurteilungen“ von Don Calhoun und Paul Goodmanb veröffentlicht (1). Obwohl Calhoun Reichs wissenschaftlichen Entdeckungen einige Anerkennung zollte, während Goodman sie verunglimpfte, lobten beide Reich als Revolutionär im libertären und anarchistischen Sinne. Damals empfand ich ein Unbehagen an dieser Identifikation, nicht nur, weil Reich, wie Goodman zugabc, diese Verbindung verärgert verworfen hatte, sondern auch, weil ich spürte, dass dies ein Vorläufer der gesellschaftspolitischen Verzerrung und Ausbeutung von Reich durch die politische Linke sein könnte – eine, die seine naturwissenschaftlichen und funktionellen Erkenntnisse verleugnen würde, um seine früheren, von ihm selbst zurückgewiesenen, marxistischen Ideen wiederzubeleben.

Erst in den 1960er Jahren zeichnete sich dieses Muster jedoch deutlich ab und hat sich bis heute fortgesetzt. 1966 widmete eine Zeitschrift mit dem Titel Studies on the Leftd (einer ihrer Herausgeber war derselbe Lee Baxandall,e der den hier besprochenen Band herausgegeben hat) fast eine ganze Ausgabe dem Thema „Wilhelm Reich on Marx and Freud“, ein Heft, das sich aus einer Reihe von bisher unübersetzten frühen marxistischen Aufsätzen Reichs zusammensetzt. Die Veröffentlichung dieser Ausgabe harmonierte mit linksextremer und neuer linker Agitation in verschiedenen Teilen der Welt und in den USA. Der Vietnamkrieg stand im Mittelpunkt und die Drogenkultur und Gegenkultur gehörten zum revolutionären Arsenal. Viele der Führer und Anhänger dieser Bewegungen proklamierten plötzlich Reich als einen ihrer großen ideologischen Propheten, wobei seine unrevidierten freudo-marxistischen Schriften als Teil ihrer Evangelien dienten. Um Baxandall zu zitieren: „Aber in den 1960er Jahren in den Jugendbewegungen der Neuen Linken … ist die untergegangene, aber kaum zerfallene Figur von Wilhelm Reich wieder auferstanden, in den Blick gerückt von der frischen Generation der radikalen Jugend“ (S. vi). Die Idee, die sie unterstützen, ist, dass der patriarchalisch-autoritäre Kapitalismus die Massen durch sexuelle Repression der einen oder anderen Art unterdrückt. Marcuse zufolge wurde dies nicht nur durch sexuelle Unterdrückung, sondern insbesondere durch die „Tyrannei der Genitalität“ gegenüber einer prägenitalen Freiheit-für-Alle herbeigeführt (2). Die Lösung bestand also darin, alle diese Ketten in einer wilden revolutionären Orgie des „befreiten“ Ausdrucks zu brechen, unterstützt durch Drogen, Promiskuität, wahllose Angriffe auf das Establishment usw., um so ein soziopolitisches Nirwana zu erreichen. Auch hier wieder das, was Reich als Freiheitshausieren bezeichnete – völlige Unbekümmertheit darüber, ob die Massen strukturell in der Lage sind, verantwortungsvolle Freiheit zu erlangen.

Anschließend erschienen verschiedene andere Arbeiten in Artikeln, Büchern und Filmen von Rieff, Robinson, Rycroft, Makavejev aus Jugoslawien, Cattier in Frankreich und Luigif in Italien.1 Das ultimative Thema all dieser Autoren war, dass Reich ein großer Revolutionär, aber ein verrückter Wissenschaftler war.

 

Anmerkungen

* SEX-POL-Essays, 1929-1934, by Wilhelm Reich. Edited by Lee Baxandall, with an Introduction by Bertell Ollman. New York, Vintage Books, 1972, 378 pp., paperback $2.45.

1 Die meisten davon wurden in früheren Ausgaben des Journal of Orgonomy besprochen.

 

Anmerkungen des Übersetzers

a Die Zeitschrift Liberation (1956–1977) war ein Magazin in den Vereinigten Staaten, das in den 1960er Jahren mit der Neuen Linken identifiziert wurde.
Die redaktionellen Positionen des Magazins waren mit denen von Dissent und Studies on the Left vergleichbar. Redaktionell unterstützte Liberation die kubanische Revolution, den SDS (Students for a Democratic Society) und den Widerstand gegen den Vietnamkrieg. Hinzu kam die Unterstützung für einseitige nukleare Abrüstung.

b Goodmans Beitrag findet sich in: Paul Goodman: Natur heilt, Edition Humanistische Psychologie, 1989, S.111-116, Kapitel: Ein großer Pionier, aber kein Libertärer.

c Goodman: Natur heilt, S.115: „Lassen sie mich eine persönliche Geschichte erzählen. Reich rief mich 1945 an und bat mich, ihn kurz zu besuchen. Ich war erfreut und erstaunt und hoffte begeistert, daß dieser bemerkenswerte Mann eine Aufgabe für mich hätte. (Mein Problem ist, daß ich der Anleitung bedarf.) Aber er wollte, daß ich aufhörte, seinen Namen mit Anarchisten und Libertären in Verbindung zu bringen‘ – wahrscheinlich hatte er den lobenden Text gelesen, den ich im Juli 1945 in Politics über ihn verfaßt hatte. Ich war von seinem Anliegen überrascht; ich erklärte ihm, daß seine Hauptziele schließlich anarchistische Ziele seien, daß wir ihn bräuchten und er nie etwas gesagt habe, daß uns völlig gegen den Strich ging, wiewohl er einige unbedachte Formulierungen von sich gab. Er bestritt meine Aussagen – es wurde klar, daß er nie Kropotkin gelesen hatte; als ich einige pädagogische Allgemeinplätze aus Fields, Factories and Workshops fallenließ, verriet sein Gesicht charmanterweise eine kindliche Verblüffung – ich war von seiner Offenheit, mit der er seine Überraschung zeigte, sehr beeindruckt. ‚Was macht es Ihnen denn aus, Dr. Reich‘, sagte ich schließlich, ‚wenn wir jungen Leute Sie als Anarchisten bezeichnen?‘ Er erklärte mir – dieses mal zu meinem Überdruß – , daß es für A.S. Neill in England doppelt so schwierig sein würde, seine Oberschicht-Kinder in der progressiven Summerhill-Schule zu halten, falls der Bewegung auch noch der Stempel des Anarchismus aufgedrückt würde.“
Der Artikel in Politics heißt: „Die politische Bedeutung einiger neuerer Revisionen an Freud“, in: Goodman: Natur heilt, S. 71-99.

d Studies on the Left war eine Zeitschrift des Radikalismus der Neuen Linken in den Vereinigten Staaten, die zwischen 1959 und 1967 veröffentlicht wurde.

e Lee Raymond Baxandall (1935 – 2008) war ein US-amerikanischer Schriftsteller, Übersetzer, Redakteur und Aktivist. Er war für sein Engagement in der Neuen Linken mit kulturellen Themen bekannt.
In den 1960er und 1970er Jahren zeigte Baxandall ein starkes Interesse an der Beziehung zwischen Kultur, insbesondere Theater, und Radikalismus. Er übersetzte Stücke von Peter Weiss und Bertolt Brecht, bearbeitete eine Sammlung von Schriften des deutschen Sozialkritikers und Psychologen Wilhelm Reich, verfasste eine kommentierte Bibliographie zu Marxismus und Ästhetik und schrieb zahlreiche Essays über bedeutende Literaten, darunter Bertolt Brecht und Franz Kafka. (Wiki)

f Luigi De Marchi.

 

Literatur

1. Calhoun, D. und Goodman, P.: „Wilhelm Reich: Two Appraisals“, Liberation, Januar 1958, S. 4-9

2. Mathews, P.: Besprechung von The Freudian Left von P. Robinson, Journal of Orgonomy 4:136-40, 1970

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 1, S. 120-124.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Ergänzungen zur BIBLIOGRAPHIE DER ORGONOMIE

23. Januar 2019

BibliographiederOrgonomie - Kopie

32ed und 32ee in http://www.orgonomie.net/hdobiblio.htm
36sa in http://www.orgonomie.net/hdobiblio3.htm
38fa bis 38fe ebenfalls in http://www.orgonomie.net/hdobiblio3.htm

Die soziopolitische Diathese (Teil 2)

31. Oktober 2018

Paul Mathews: Die soziopolitische Diathese

Der Rote Faden: Der rote Parasit

25. Juli 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

c. Rassenhygiene

d. Der Weg in den Faschismus (Berlin und Kopenhagen)

e. Der Übermensch

f. Die Untermenschen

2. Der Weg in den Kalten Krieg

a. Das rote Berlin

b. Der rote Parasit