Zwei Arten von Debitismus (Teil 1)

Wenn ich die orgonomische Wirtschaftstheorie, wie sie von Charles Konia und Robert A. Harman auf der Grundlage von Reichs Erkenntnissen dargelegt wurde, richtig verstanden habe, ist das gegenwärtige Wirtschaftssystem bruchlos aus dem Austausch zwischen den ersten Menschengruppen hervorgegangen. Ursprünglich setzte sich die Menschheit aus kleinen Clans zusammen, die sich mehr oder weniger feindlich gesonnen waren. Ganz ähnlich den Zuständen, die wir bei Schimpansenhorden beobachten. Die einzelnen Clans fanden erst durch komplizierte Heiratsregeln und durch quasi „Kreditgeschäfte“ dauerhaft zueinander und konnten einigermaßen friedliche Gesellschaften bilden. Bei den besagten „Kreditgeschäften“ ging es um Geschenke, die den Beschenkten implizit verpflichteten ein wertvolleres Gegengeschenk zu geben. Das war sozusagen der erste „Zinsstreß“, ging es doch um die Gefahr des Gesichtsverlusts und des sozialen Todes (der zwangsläufig den physischen Tod nach sich zog, denn auf sich allein gestellt, konnte niemand überleben).

Durch die Zusammenarbeit der Clans kam es zu wachsender Arbeitsteilung und die „Kreditgeschäfte“ betrafen schließlich auch Güter: Wildbret, Fisch, Töpferwaren, Früchte, etc. Beispielsweise läßt sich der „Handel“ mit Sperrspitzen über ganze Kontinente hinweg nachweisen. Das, was ursprünglich die Clans zusammengeführt und zusammengehalten hatte, organisierte nun die Arbeitsdemokratie: ein unüberschaubares Netz gegenseitiger Verpflichtungen. Schließlich kam durch das Marktgeschehen das Geld auf, um den Austausch zu vereinfachen und zu vereinheitlichen. Gestört wurde das System durch immer neue Einbrüche der Emotionellen Pest. Die Emotionelle Pest bewirkte, daß das freiwillige Geben eine immer geringere Rolle spielte und stattdessen das Nehmen ausuferte.

Der Ausgangspunkt von Harmans Argumentation sind die beiden folgenden Stellen aus Reichs Massenpsychologie des Faschismus:

Die Summe aller natürlichen Arbeitsbeziehungen nennen wir Arbeitsdemokratie, als die Form der natürlichen Organisation der Arbeit. Diese Arbeitsbeziehungen sind ihrem Wesen nach funktionell und nicht mechanisch. Sie können nicht willkürlich organisiert werden, sie ergeben sich spontan aus dem Arbeitsprozeß selbst. Die wechselseitige Abhängigkeit eines Tischlers von einem Schmied, eines Naturforschers vom Glasschleifer, eines Malers von der Produktion des Farbstoffes, eines Elektrikers von der Metallarbeit ist an sich durch die Verwobenheit der Arbeitsfunktionen gegeben. (Fischer TB, S. 312)

Dieses Gewebe wechselseitiger Abhängigkeiten und Verpflichtungen formiert sich spontan und kann nicht künstlich geschaffen bzw. durch Vorgaben, gar Befehle hergestellt werden. Wenn es doch versucht wird, geschieht allenfalls das gleiche wie bei den Primitiven, wenn man diese willkürlich organisieren will: sie gehen, wenn sie denn gezwungen werden, in den inneren Streik. An einem ähnlichen Zwang ist beispielsweise die „DDR“ zugrundgegangen: ihr tut so, als wenn ihr uns bezahlt und wir tun so, als wenn wir für euch arbeiten.

[W]enn weiter die Arbeitsfunktionen an sich und unabhängig vom Menschen rational sind, dann stehen vor uns zwei riesenhafte Betätigungsgebiete des menschlichen Lebens, einander todfeindlich, gegenüber: die lebensnotwendige Arbeit als rationale Lebensfunktion hier; die emotionelle Pest als irrationale Lebensfunktion dort. (ebd., S. 330)

Entsprechend ist heute Wirtschaftswissenschaft das Studium der Wechselwirkung zwischen der Arbeitsdemokratie und der Emotionellen Pest:

ArbeitsHeinhar

Die orgonomische Wirtschaftstheorie steht heute jedoch vor einer ähnlichen Situation wie Reich Mitte der 1920er Jahre. Damals war Reich angesichts von Freuds Totem und Tabu mit dem Problem konfrontiert, daß seine Orgasmustheorie anthropologisch unhaltbar zu sein schien, waren doch die Primitiven (also jene, die dem „orgastisch potenten Naturzustand“ vermeintlich am nächsten standen) „patriarchal, neurotisch und pervers“. Ihre Leben schien von Männerwillkür, neurotischem Aberglauben und beispielsweise von grausamen Genitalverstümmelungen beherrscht zu sein. Damals wurde der „edle Wilde“ Rousseaus vollständig dekonstruiert. Das Bild des Wilden verdüsterte sich derartig, daß selbst Freuds Todestriebtheorie glaubhaft wirkte.

Es muß für Reich wie eine Erlösung gewesen sein, als er auf die Arbeit von Bronislaw Malinowski über die Trobriander stieß, die seine Orgasmustheorie vollauf bestätigte. In den 1980er Jahren konnte James DeMeo dann die Stichhaltigkeit des Reichschen Ansatzes durch eine kulturvergleichende Studie nachweisen, die sämtliche ethnographisch untersuchten Völkerschaften umfaßte.

Wenn man sich nun daran macht, im Anschluß an die klassischen Wirtschaftstheorien seit Adam Smith eine orgonomische Wirtschaftstheorie zu formulieren, wonach der rationale Austausch zwischen den Menschen (die Arbeitsdemokratie) durch die Emotionelle Pest gestört wird, steht man vor einem ganz ähnlichen Problem, denn die Ethnologie zieht ebenfalls seit Anfang des letzten Jahrhunderts die Vorstellung eines rational handelnden (tauschenden) Wilden in Zweifel. Tauschhandlungen habe es nur im Rahmen der Sitte und Ritualen gegeben und es sei dabei um Dinge wie Ehre, Ehrgeiz, Angst vor Gesichtsverlust, etc. gegangen. Tausch galt also weniger dem materiellen Erhalt der Gemeinschaft, als vielmehr dem sozialen Ausgleich.

Erst mit der Zivilisation sei das Element der rationalen Wirtschaftsführung hinzugetreten, Kosten-Nutzen-Analyse, Bereicherung, Kapitalakkumulation, etc. Die klassische Ökonomie hätte dann mit viel Phantasie einen rationalen „Homo oeconomicus“ an den Anfang der Entwicklung gestellt. Diesem war es zwar ebenfalls um den sozialen Ausgleich zu tun („Geben und Nehmen zum gemeinsamen Vorteil“), doch ging dies vom rational kalkulierenden Subjekt aus. Quasi wurde der zeitgenössische Kaufmann zurück in den Urwald versetzt losgelöst von allen Stammesstrukturen.

Ende der 1920er Jahre postulierte Reich, sich auf Malinowski berufend, einen „Urkommunismus“ bei den Trobriandern, d.h. eine solidarische Gemeinschaft, in der, wenn man so sagen kann, die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ verwirklicht war. Malinowski selbst sollte in seinem 1935 erschienenen Buch Korallengärten und ihre Magie (Bodenbestellung und bäuerliche Riten auf den Trobriand-Inseln), das m.W. Reich nie gelesen hat, dieser Interpretation entschieden entgegentreten. Auch lehnte Malinowski die gegenteilige Interpretation ab, daß es sich bei den Wilden um eine Art rücksichtslosen „Urkapitalisten“ handele. Beispielsweise ist ein aufwendiges hochseetüchtiges Kanu nicht einfach „Allgemeingut“, sondern es gehört einer Person, die jedoch in einem schier unentwirrbaren Gestrüpp von Verpflichtungen gegenüber jenen eingebunden ist, die ihr beim Bau des Kanus geholfen haben. In seiner orgonomischen Wirtschaftstheorie geht Robert Harman im Detail darauf ein. Die Trobriandrische Gesellschaft wird von einem Netz gegenseitiger Verpflichtungen organisiert, durch ein universelles Geben und Nehmen.

Am Ende seines Buches über die Ökonomie der Trobriander schrieb Malinowski etwas, was später noch in einem ganz anderen Zusammenhang Bedeutung gewinnen wird:

Abschließend möchte ich noch hervorheben, daß sich im Licht dieser Analyse zeigt, wie vergeblich die Unterscheidung zwischen kommunistischem und Privateigentum ist. Ich hätte durchweg zeigen können, wie jeder Anspruch, jede Beziehung zwischen Mensch und Boden betontermaßen sowohl individuell wie kollektiv ist. Die Konzeption der ursprünglichen Heraufkunft (der Clans aus dem Inneren der Erde, PN) impliziert eine große Verwandtschaftsgruppe, den Subclan, der uranfänglich von einem Individuum, der Urahne – vielleicht auch ihrem Bruder –, repräsentiert wird, und den heute gleichermaßen ein Individuum repräsentiert, das Oberhaupt. Diese Gruppe ist nach Geschlecht und Alter differenziert und in kleinere Lineages unterteilt. Und innerhalb des Subclans gibt es sogar individuelle Besitztitel auf Land, und das Land selbst ist gleichsam aus Rücksicht auf den Wunsch nach individuellen Unterscheidungen aufgeteilt. Obwohl nämlich der persönliche Parzellenbesitz in gewisser Weise unserer eigenen Vorstellung von letztgültigen Verhältnissen im Bodenrecht am nächsten kommt, ist er doch auf den Trobriand-Inseln nur von allergeringster ökonomischer Relevanz. Dennoch ist dieser Umstand hier äußerst wichtig, da er belegt, wie wenig der sog. Urkommunismus in der Wirtschaftseinstellung der Eingeborenen vorkommt. Geradezu zum Ärger der anthropologischen Theoretiker insistiert der Trobriander darauf, eine eigene Parzelle zu haben, die mit seinem Personennamen assoziiert ist. Bei der alten Entgegensetzung handelt es sich um einen schlechten und unklugen Kurzschluß; durchgehend haben wir gesehen, daß das eigentliche Problem nicht im Entweder-Oder von Individualismus und Kommunismus liegt, sondern in der Wechselbeziehung kollektiver und persönlicher Ansprüche. (Korallengärten und ihre Magie, Frankfurt 1981, S. 413)

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9 Antworten to “Zwei Arten von Debitismus (Teil 1)”

  1. Sebastian Says:

    Die orgonomische Wirtschaftstheorie ist keine Wirtschaftstheorie, sondern eine Theorie der Arbeit. Sie kann die universelle materielle Reproduktion erklären, aber nicht das Wirtschaften in einer Eigentumsökonomie. Man hätte tatsächlich ein wenig genauer Malinowski studieren können, der aufgrund seiner psychoanalytischen Ausbildung die am Schreibtisch ausgedachten psychologischen Annahmen von Adam Smith und der Neoklassik nicht unhinterfragt übernahm:

    „Tatsächlich zeigt uns das Kula, daß man im Lichte dieser Institution die gesamte Vorstellung vom primitiven Wert, die höchst fragwürdige Gewohnheit, alle Wertgegenstände als oder zu bezeichnen, und die gängigen Vorstellungen vom primitiven Handel und vom primitiven Besitz revidieren muß.“ Argonauten, S. 556.

    Der homo oeconomicus ist eine Fantasievorstellung aus einem Märchenland. Er ist nur am Nutzen der zu tauschenden Sachen interessiert. Sobald er an der Person und damit an der Beziehung zu ihr interessiert ist, kommt es zu Marktversagen. Damit ein Tausch, wie ihn Ökonomen verstehen, klappt, müssen die Tauschenden also im Kontakt mit sich selbst, aber kontaktlos gegenüber ihrer Umwelt sein. Das englische Wort „barter“ ebenso wie ihre Entsprechungen im Französischen, Spanischen, Deutschen, Niederländischen und Portugiesischen bedeutet „beschwindeln, hereinlegen, übers Ohr hauen, täuschen“. Dementsprechend haben Stammesangehörige kein Buchhaltungssystem und verweigern im vollen Bewusstsein das Aufrechnen und Quantifizieren, wer wem was gegeben hat. Warum sonst gehört es sich nicht, den Preis am Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk dranzulassen?

    Außerdem weiß der homo oeconomicus im Vorneherein genau, welchen Nutzen das Tauschgut ihm spenden wird. Er stellt also Verbrauchspläne auf – Spontanität hat in diesem Menschenbild keinen Platz. Bei fehlenden Informationen über Güter, dh, wenn man den Nutzen nicht im Vorneherein erkennen kann, was natürlich eine weit realistischere Annahme ist, herrscht sofort Marktversagen. Das Geben und Nehmen in Stammesgesellschaften hat nichts mit der Fantasievorstellung eines ökonomischen Tausches zu tun. Hier werden Beziehungen eingegangen, erhalten und umgestaltet. Es herrscht permanentes Marktversagen.

    Der Rationalitätsbegriff des homo oeconomicus ist ein ganz anderer als der der Orgonomie. Die beiden Menschenbilder sind inkompatibel.

    Marcel Mauss glaubt im Geschenketausch den zinsbelasteten Kredit in seiner Urform entdeckt zu haben. Nun schlagen aber Potlatsch-Beteiligte Geschenke glatt aus, um nicht zum größeren Gegengeschenk genötigt zu werden. Das heißt, es wird sich teilweise geweigert Zins anzunehmen. In einer Eigentumsökonomie wird stattdessen der säumige Schuldner verfolgt. Außerdem wird hier der Kredit nicht aufgedrängt, sondern bei mangelnden Sicherheiten auf Seiten des potentiellen Schuldners verweigert. Im Potlatch hingegen besteht die Stunde des Sieges gerade darin, einen bereits an seine Grenzen gelangten Gast noch einmal so hoch zu beschenken, dass er mit Gewissheit nicht ein weiteres mal parieren bzw. „zurückzahlen“ kann.

    Aus Schenkökonomien kann sich gerade kein Geld entwickeln, weil es eine Rangfolge unterschiedlicher Typen von Dingen gibt. Nur bestimmte Dinge werden gegen bestimmte andere Dinge getauscht (Kleidung gegen Speere zum Beispiel, aber nicht Korallenhalsbänder gegen Yamswurzeln).

    Das alles hat nichts mit Dekonstruktion zu tun, was eine ganz andere Methode ist (Werkinterpretation). Es ist schlicht die empirische Widerlegung der fantastischen Annahme eines Moralphilosophen, der sein ganzes Leben bei seiner Mutter lebte. Er hätte sich Lewis Henry Morgans Beschreibungen der Irokesen anschauen können, bei denen niemand jemals Pfeilspitzen gegen Fleischstücke tauschte, aber er ignorierte diese Informationen schlichtweg. Genau wie seine Nachfolger (Jevons, Walras, Menger).

    • Sebastian Says:

      Natürlich sind die unrealistischen Annahmen bekannt und es gibt jede Menge Versuche den homo oeconomicus zu retten. In der Spieltheorie wird der Nutzenmaximierer, der seinen Mitmenschen neutral bzw. desinteressiert begegnet, zum Erwartungsnutzenmaximierer, um die Tauschvorgänge unter Unsicherheit zu erklären. In der Spieltheorie des Nobelpreisträgers und Schizophrenen John Nash wird der homo oeconomicus zu einer „selbstsüchtigen, fast roboterhaften Kreatur“. Er hat dabei einen einsamen, feindlichen und ewig kalkulierenden Pokerspieler im Kopf.

  2. Sebastian Says:

    Im Zitat von Malinowski wurde etwas durch die Formatierung verschluckt:

    „Tatsächlich zeigt uns das Kula, daß man im Lichte dieser Institution die gesamte Vorstellung vom primitiven Wert, die höchst fragwürdige Gewohnheit, alle Wertgegenstände als ‚Geld‘ oder ‚Zahlungsmittel‘ zu bezeichnen, und die gängigen Vorstellungen vom primitiven Handel und vom primitiven Besitz revidieren muß.“

  3. Peter Nasselstein Says:

    Kritik am Homo oeconomicus ohne Rückgriff auf die Ethnographie:

    http://dasgehirn.info/entdecken/gehirn-und-geld/abschied-vom-homo-oeconomicus

    Die Verbindung zur Irrationalität durch Panzerung ist offensichtlich.

    • Peter Nasselstein Says:

      Trotzdem funktioniert der Markt, denn:

      Märkte sind per se unvollkommen. Sie korrigieren sich jedoch permanent selbst, wenn man die Menschen lässt. Märkte befinden sich nie in einem Gleichgewicht. Menschen verändern permanent ihre Wünsche und die Wege, sie zu befriedigen. Ein Markt existiert, sobald Menschen frei sind, zu tauschen. Auf Märkten handelnde Menschen erbringen auf einzigartig Weise effiziente Ergebnisse. Die ökonomische Rationalität scheint ein soziales Phänomen und nicht ein individuelles Konstrukt zu sein. Mit anderen Worten haben wir es nicht mit einem homo oeconomicus, sondern vielmehr mit einer societas oeconomica, einer ökonomisch rationalen Gesellschaft zu tun. Für eine freie Marktwirtschaft gilt, dass die Summe der Tauschhandlungen rationaler ist als jede einzelne. Mit andern Worten: Märkte sind klüger als Experten.

      http://ef-magazin.de/2009/03/09/1010-oekonomie-und-moral-marktversagen-gibt-es-nicht

      Ich erinnere daran, daß Reich zufolge die Arbeitsdemokratie in ihrer Rationalität weiterexistiert egal wie irrational die Individuen auch immer sein mögen. Platt ausgedrückt: es ist vollkommen gleichgültig, welche verquere Ideologie mein Schuster vertritt.

  4. David Says:

    Ende der 1920er Jahre postulierte Reich, sich auf Malinowski berufend, einen „Urkommunismus“ bei den Trobriandern, d.h. eine solidarische Gemeinschaft, in der, wenn man so sagen kann, die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ verwirklicht war.

    „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“: vielleicht eher bei den Indios vom Stamm der Pirahã in Amazonien.

    Daniel Everett, der Forscher, der mehrmals lange Zeit bei diesem Volk lebte, ist vor allem durch die Erforschung ihrer sehr eigenartigen Sprache bekannt.

    Betreffend Orgonomie, Saharasia-Theorie etc. ist vor allem interessant:

    die Gesellschaft ist sehr selbstregulierend, Everett konnte keine Religion, nicht einmal Schamanismus im engeren Sinne feststellen. Jeder sieht gelegentlich Geister und redet mit ihnen, sonst jedoch sind diese Menschen extrem diesseits-orientiert.

    Gewohnt wird mal matrilokal, mal patrilokal. In dem Dorf wo Everett meistens war, ziehen Paare meist zusammen, sind weder bei der Familie des Mannes noch der Frau.

    Der Hausbau ist bei weitem nicht so aufwendig und teuer wie etwa am Bodensee oder in München, wo ein vergleichsweise einfaches Einfamilienhaus, falls das Grundstück halbwegs groß ist, schon mal eine halbe Million Euro kostent kann.

    Kinder erfahren, was man bei uns meist als falsch bezeichnet, mit etwa drei Jahren – gleichzeitig mit der Entwöhnung von der Mutterbrust – einen scharfen Entzug der elterlichen Zuwendung und müssen fortan arbeiten.

    Unter „Arbeiten“ versteht man jedoch nicht das, was wir damit assoziieren: arbeiten gehen, ganz egal ob man will oder nicht, Lohn-Sklaverei, ständige Konkurrenzkämpfe im Betrieb, motiviert-werden durch Angst vor Jobverlust und dergleichen.

    Bei den Pirahã heißt Arbeiten: Maniok anbauen, Sammeln, Fischen und Jagen.

    Einen großen Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen, eine Vorstellung einer Kindheit, die irgendwie behütet sein müsse, gibt es nicht. Ein Kind, das ungeschickt ist, sich irgendwo weht tut, zum Beispiel am Feuer, wird von der Mutter zwar in den Arm genommen, gleichzeitig jedoch auch verspottet.

    Man behandle Kinder und Erwachsene grundsätzlich gleich, respektiere lediglich bei den Kindern die etwas geringere Reife und Körperkraft.

  5. David Says:

    Kinder erfahren, was man bei uns meist als falsch bezeichnet, mit etwa drei Jahren …

    Der Autor dieses Kommentars vermutet, weil durch das lange Stillen eine empfängnisverhütende Wirkung eintritt, dass daher das o.a. Trauma – Geburt eines jüngeren Geschwisters – sehr selten im Alter von unter drei Jahren eintritt, und dass daher die von der Psychoanalyse so genannten „frühen Störungen“ praktisch nicht vorkommen.

    Alkoholabhängigkeit: der Cachaça (Zuckerrohrschnaps) kommt nur gelegentlich ins Dorf; Besäufnisse kommen daher gelegentlich vor, jedoch berichtet Everett nichts von Leuten die irgendwie abhängig sind.

  6. David Says:

    Es gibt auch keine Rituale, oder etwa Veranstaltungen, wie die Ringkämpfe der – ebenfalls in Amazoninen lebenden – Kalapalo-Indios.

  7. Peter Nasselstein Says:

    Handel bereits in der Steinzeit:

    http://www.wissenschaft.de/kultur-gesellschaft/archaeologie/-/journal_content/56/12054/5890704

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