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Zwei Arten von Debitismus (Teil 3)

23. März 2013

Trotz des im zweiten Teil herausgearbeiteten Gegensatzes haben die Theorien von Gunnar Heinsohn und Robert A. Harman eine in vieler Hinsicht identische Struktur: den „Debitismus“, d.h. es dreht sich alles um den Gläubiger-Schuldner-Kontrakt, der den Kern der Ökonomie ausmacht. Der entscheidende Unterschied ist, daß Heinsohn nicht erkennt, daß damit entscheidend die Charakterstruktur der Menschen ins Zentrum der Ökonomie rückt. Zur Problematik der Emotionellen Pest hat die Heinsohnsche Eigentumsökonomie schlichtweg nichts zu sagen.

Da es, behauptet Heinsohn, ohne Schulden kein Geld gäbe, sei auch die Verschuldung von Staaten und Privatpersonen nicht das Problem, solange die Schulden nachhaltig verwendet und nicht etwa in sinnlosen Sozialprogrammen verschleudert werden. Der Staat, auf den ja das Eigentum zurückgeht, soll gegensteuern, wenn das Eigentum, hauptsächlich aufgrund des Zinsmechanismus, zu unebenmäßig verteilt ist und das ganze System zu kippen droht, weil es schlichtweg zu wenig Eigentümer gibt, d.h. „die Zäune zwischen den Parzellen“ hinfällig geworden sind. Letztendlich muß der Staat, wie am Anfang der Eigentumsgesellschaft, das Eigentum erneut verteilen („neue Zäune ziehen“) und das Spiel beginnt von vorne. Spätestens hier wird die ganze seltsam in der Luft schwebende Heinsohnsche Konstruktion, die Recht auf Willkür gründet, fragwürdig, denn bei einem Kollaps der Wirtschaft werden von ganz alleine jene Mechanismen greifen, etwa der Goldstandard oder untereinander konkurrierendes Privatgeld, die die Österreichische Schule beschrieben hat.

Die Österreichische Schule, deren bekannteste Vertreter Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek waren, kommt der arbeitsdemokratischen Anschauung zwar sehr nahe, bezeichnenderweise verzichtet sie auch weitgehend auf Mathematik, jedoch bleibt hier am Ende gegen den Machtmißbrauch nur ein hilfloser Appell an die Moral und die Ethik. Das Problem der Emotionellen Pest ist jedoch kein psychologisches Problem („Weltanschauung“), sondern ein biologisches. Es angehen zu wollen, umfaßt Bereiche, die weit über den der reinen Wirtschaftstheorie und wohlfeiler Verhaltensmaximen a la Kant hinausgehen. Sie auch nur anzuschneiden, läßt einen sofort als „Reichianischen Sektierer“ dastehen, sind doch „Sektierer“ dadurch gekennzeichnet, daß sie „nicht bei der Sache bleiben“.

Zum Abschluß möchte ich nochmals auf das Anfangsproblem zurückkommen: daß die Vorstellung eines „natürlichen Homo oeconomicus“ anthropologisch unhaltbar sei, da sie von den ethnographischen Erhebungen in keinster Weise gedeckt werde. Die von der Österreichischen Schule und letztendlich auch von Robert A. Harman als „naturgegeben“ gefeierte Eigentumsökonomie muß dann entsprechend wie ein Einbruch der „Unnatur“ wirken. Als lebenslanger „Hans Hassianer“ sehe ich das genaue Gegenteil: den erneuten Durchbruch der Naturgesetze. Ich verweise auf meinen Aufsatz Hans Hass und der energetische Funktionalismus:

Aus Sicht der Energontheorie ist die Wirtschaft die unmittelbare Fortführung der Evolution und der „Berufskörper Schuster“ unterliegt imgrunde den gleichen „betriebswirtschaftlichen“ Zwängen wie der „Berufskörper Seeanemone“, Hai, Kellerassel und so fort. Wirtschaftlicher Erfolg beruht aus dieser Sicht auf einem einzigen Faktor: der Aufschlüsselung der Energiequelle. Beim Hai sind das Fische, beim Schuster Kunden. Der Unterschied zwischen einer altertümlichen Besitzgesellschaft und einer modernen Eigentumsgesellschaft ist demnach folgender: in der ersteren verhalten sich die Menschen wie Tiere, die wie alle anderen Tiere auch die natürlichen Ressourcen aufschlüsseln, während in einer kapitalistischen Gesellschaft Kunden aufgeschlüsselt werden. Damit ändert sich alles, „denn Fische werden gefressen und sind dann weg“, während zufriedene Kunden wiederkommen und dazu beitragen, daß immer mehr Kunden kommen. Das und das Geld erklärt den Erfolg des Kapitalismus, denn Geld wirkt als überwertiges Schlüsselsignal, das wirklich alles Erstrebenswerte zusammenfaßt (Sex, Behausung, Nahrung, Prestige, etc.). Dafür reiben sich die Menschen auf.

In Stammesgesellschaften sind die Tiere der Art Homo sapiens, wie alle anderen Herdentiere auch, vor allem damit beschäftigt, die ständig vor dem inneren Zerfall bedrohte Gruppe zusammenzuhalten. Dem dient vor allem der Tausch, d.h. die gegenseitige Verpflichtung und damit Bindung. In der Eigentumsgesellschaft zerfällt diese „gute alte Zeit“ und das Individuum mit „parzellierten Grundstücken“ tritt in Erscheinung. Nominell existiert die Tierart „Menschen“ zwar fort, aber aus evolutionsbiologischer Sicht tritt nun eine vollkommen neue Fauna in Erscheinung: die Welt der Ökonomie, in der es nicht anders zugeht als zwischen den Tierarten, die etwa ein Korallenriff bevölkern. Aus dieser Perspektive wird auch die klassische Ökonomie wieder in ihre alten Rechte gesetzt, da die ethnographischen Erhebungen über Stammesgesellschaften vollständig irrelevant werden.

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Zusammenfassend:

  1. Man betrachte Wölfe, deren Hauptbeschäftigung darin besteht, die Struktur des Rudels zu sichern. Genauso sind auch Stammesgesellschaften fast ausschließlich damit beschäftigt, den Zusammenhalt der überlebensnotwendigen Gemeinschaft durch ritualisierte Tauschakte aufrechtzuerhalten.
  2. Wölfe leben davon, im Rudel Wild zu erlegen. Horden von Homo sapiens leben zusätzlich je nachdem vom Fischen, Sammeln, Ackerbau und Viehzucht. Anders als diese Tiere darf der Homo oeconomicus, d.h. das Glied einer Eigentumsökonomie, nicht mehr auf Raub aus sein, wenn er seine Energiequelle optimal erschließen will.

In der ersten Phase der Evolution (bei Pflanzen und Tieren) geht es darum, die Schwachstellen der Nahrungsquelle möglichst effizient auszunutzen. In der zweiten Phase der Evolution (bei den Berufskörpern) geht es darum, die Schwachstellen der „Nahrungsquelle“ (also des Kunden) zu beseitigen und sie (d.h. dem Kunden) an den Lieferanten der Ware zu binden: auf diese Weise profitieren beide Seiten von einem rationalen Tauschvorgang. Ein Unterschied zur üblichen Wirtschaftstheorie, wie sie auch Heinsohn vertritt, besteht darin, daß, während sich bei ihr primär alles um den Gewinn dreht, sich der Energontheorie zufolge der Berufstätige und das Unternehmen nach dem Bedarf und der bestmöglichen Befriedigung des Kunden richten müssen, um langfristig erfolgreich zu sein. Entsprechend gestaltet sich der Tausch in der Eigentumsgesellschaft („Marktwirtschaft“).

Träumereien von einer Rückkehr zu einer Art Stammesökonomie, haben die innere Dynamik des Geschehens nicht erfaßt. Ebensogut könnte man fordern, daß die Menschen wieder auf allen Vieren rumlaufen!

Das grundsätzliche Problem mit Hass ist, daß er zwar erkannt hat, daß der Energiemetabolismus die Grundlage der Ökonomie ist, er dabei aber offen läßt, um was für eine Art von Energie es sich dabei eigentlich handelt. Harman hat dargelegt, daß sich in der Ökonomie orgonotische Erregung durch Tauschakte ausbreitet und daß dieser Vorgang von jenen gestört wird, die aus charakterstrukturellen Gründen Erregung nicht ertragen können und sie deshalb aus ihrer Umgebung zu verbannen trachten (Emotionelle Pest). Aus dieser Sicht bietet sich uns schließlich folgendes Bild:

In Biologische Entwicklung aus orgonomischer Sicht habe ich dargelegt, wie sich die Naturgeschichte als Versuch darstellt, die ursprüngliche orgastische Potenz der Einzeller auf der Ebene der Mehrzeller wiederherzustellen, was erst in Gestalt des „orgasmischen Menschen“ vollständig geglückt ist. Wie sich das auf der Ebene der „Hyperzeller“ wiederholt, läßt sich aus Harmans Ausführungen erschließen.

Es bleibt die Frage, wie denn gepanzerte Menschen eine imgrunde funktionierende Ökonomie haben herstellen können? Umgekehrt wird ein Schuh draus! Das Wirtschaftssystem ist nicht menschengemacht, genausowenig wie der menschliche Organismus menschengemacht ist. Das einzige Problem sind die Eingriffe durch emotionell pestkranke Menschen, die Emotionelle Pest. Entsprechend sind auch alle Versuche das Wirtschaftssystem zu ändern letztendlich Emotionelle Pest.

Hier ein Beispiel für die unlösbare Verbindung von Arbeitsdemokratie und Marktwirtschaft. Ab Minute 59:30 begleitet der BBC-Reporter Louis Theroux den schlimmsten Rassisten Amerikas, Gründer der White Aryan Resistance bei dessen Tagesgeschäft als Fernsehmonteur und wundert sich, wie gut er mit seinen „nicht-arischen“ Kunden zurechtkommt, sogar mit ihnen befreundet ist. Theroux bezeichnet ihn daraufhin als Heuchler, während der Rassist ihm entgegenhält, er, der BBC-Reporter, sei weltfremd. So sei das halt in der wirklichen Welt. Der lebensnotwendige Tausch zwischen den Menschen führt sie über alle Ideologien hinweg zusammen und verhindert den Bürgerkrieg, der in einer „solidarischen“ Gesellschaft sofort ausbricht.

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Zwei Arten von Debitismus (Teil 1)

19. März 2013

Wenn ich die orgonomische Wirtschaftstheorie, wie sie von Charles Konia und Robert A. Harman auf der Grundlage von Reichs Erkenntnissen dargelegt wurde, richtig verstanden habe, ist das gegenwärtige Wirtschaftssystem bruchlos aus dem Austausch zwischen den ersten Menschengruppen hervorgegangen. Ursprünglich setzte sich die Menschheit aus kleinen Clans zusammen, die sich mehr oder weniger feindlich gesonnen waren. Ganz ähnlich den Zuständen, die wir bei Schimpansenhorden beobachten. Die einzelnen Clans fanden erst durch komplizierte Heiratsregeln und durch quasi „Kreditgeschäfte“ dauerhaft zueinander und konnten einigermaßen friedliche Gesellschaften bilden. Bei den besagten „Kreditgeschäften“ ging es um Geschenke, die den Beschenkten implizit verpflichteten ein wertvolleres Gegengeschenk zu geben. Das war sozusagen der erste „Zinsstreß“, ging es doch um die Gefahr des Gesichtsverlusts und des sozialen Todes (der zwangsläufig den physischen Tod nach sich zog, denn auf sich allein gestellt, konnte niemand überleben).

Durch die Zusammenarbeit der Clans kam es zu wachsender Arbeitsteilung und die „Kreditgeschäfte“ betrafen schließlich auch Güter: Wildbret, Fisch, Töpferwaren, Früchte, etc. Beispielsweise läßt sich der „Handel“ mit Sperrspitzen über ganze Kontinente hinweg nachweisen. Das, was ursprünglich die Clans zusammengeführt und zusammengehalten hatte, organisierte nun die Arbeitsdemokratie: ein unüberschaubares Netz gegenseitiger Verpflichtungen. Schließlich kam durch das Marktgeschehen das Geld auf, um den Austausch zu vereinfachen und zu vereinheitlichen. Gestört wurde das System durch immer neue Einbrüche der Emotionellen Pest. Die Emotionelle Pest bewirkte, daß das freiwillige Geben eine immer geringere Rolle spielte und stattdessen das Nehmen ausuferte.

Der Ausgangspunkt von Harmans Argumentation sind die beiden folgenden Stellen aus Reichs Massenpsychologie des Faschismus:

Die Summe aller natürlichen Arbeitsbeziehungen nennen wir Arbeitsdemokratie, als die Form der natürlichen Organisation der Arbeit. Diese Arbeitsbeziehungen sind ihrem Wesen nach funktionell und nicht mechanisch. Sie können nicht willkürlich organisiert werden, sie ergeben sich spontan aus dem Arbeitsprozeß selbst. Die wechselseitige Abhängigkeit eines Tischlers von einem Schmied, eines Naturforschers vom Glasschleifer, eines Malers von der Produktion des Farbstoffes, eines Elektrikers von der Metallarbeit ist an sich durch die Verwobenheit der Arbeitsfunktionen gegeben. (Fischer TB, S. 312)

Dieses Gewebe wechselseitiger Abhängigkeiten und Verpflichtungen formiert sich spontan und kann nicht künstlich geschaffen bzw. durch Vorgaben, gar Befehle hergestellt werden. Wenn es doch versucht wird, geschieht allenfalls das gleiche wie bei den Primitiven, wenn man diese willkürlich organisieren will: sie gehen, wenn sie denn gezwungen werden, in den inneren Streik. An einem ähnlichen Zwang ist beispielsweise die „DDR“ zugrundgegangen: ihr tut so, als wenn ihr uns bezahlt und wir tun so, als wenn wir für euch arbeiten.

[W]enn weiter die Arbeitsfunktionen an sich und unabhängig vom Menschen rational sind, dann stehen vor uns zwei riesenhafte Betätigungsgebiete des menschlichen Lebens, einander todfeindlich, gegenüber: die lebensnotwendige Arbeit als rationale Lebensfunktion hier; die emotionelle Pest als irrationale Lebensfunktion dort. (ebd., S. 330)

Entsprechend ist heute Wirtschaftswissenschaft das Studium der Wechselwirkung zwischen der Arbeitsdemokratie und der Emotionellen Pest:

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Die orgonomische Wirtschaftstheorie steht heute jedoch vor einer ähnlichen Situation wie Reich Mitte der 1920er Jahre. Damals war Reich angesichts von Freuds Totem und Tabu mit dem Problem konfrontiert, daß seine Orgasmustheorie anthropologisch unhaltbar zu sein schien, waren doch die Primitiven (also jene, die dem „orgastisch potenten Naturzustand“ vermeintlich am nächsten standen) „patriarchal, neurotisch und pervers“. Ihre Leben schien von Männerwillkür, neurotischem Aberglauben und beispielsweise von grausamen Genitalverstümmelungen beherrscht zu sein. Damals wurde der „edle Wilde“ Rousseaus vollständig dekonstruiert. Das Bild des Wilden verdüsterte sich derartig, daß selbst Freuds Todestriebtheorie glaubhaft wirkte.

Es muß für Reich wie eine Erlösung gewesen sein, als er auf die Arbeit von Bronislaw Malinowski über die Trobriander stieß, die seine Orgasmustheorie vollauf bestätigte. In den 1980er Jahren konnte James DeMeo dann die Stichhaltigkeit des Reichschen Ansatzes durch eine kulturvergleichende Studie nachweisen, die sämtliche ethnographisch untersuchten Völkerschaften umfaßte.

Wenn man sich nun daran macht, im Anschluß an die klassischen Wirtschaftstheorien seit Adam Smith eine orgonomische Wirtschaftstheorie zu formulieren, wonach der rationale Austausch zwischen den Menschen (die Arbeitsdemokratie) durch die Emotionelle Pest gestört wird, steht man vor einem ganz ähnlichen Problem, denn die Ethnologie zieht ebenfalls seit Anfang des letzten Jahrhunderts die Vorstellung eines rational handelnden (tauschenden) Wilden in Zweifel. Tauschhandlungen habe es nur im Rahmen der Sitte und Ritualen gegeben und es sei dabei um Dinge wie Ehre, Ehrgeiz, Angst vor Gesichtsverlust, etc. gegangen. Tausch galt also weniger dem materiellen Erhalt der Gemeinschaft, als vielmehr dem sozialen Ausgleich.

Erst mit der Zivilisation sei das Element der rationalen Wirtschaftsführung hinzugetreten, Kosten-Nutzen-Analyse, Bereicherung, Kapitalakkumulation, etc. Die klassische Ökonomie hätte dann mit viel Phantasie einen rationalen „Homo oeconomicus“ an den Anfang der Entwicklung gestellt. Diesem war es zwar ebenfalls um den sozialen Ausgleich zu tun („Geben und Nehmen zum gemeinsamen Vorteil“), doch ging dies vom rational kalkulierenden Subjekt aus. Quasi wurde der zeitgenössische Kaufmann zurück in den Urwald versetzt losgelöst von allen Stammesstrukturen.

Ende der 1920er Jahre postulierte Reich, sich auf Malinowski berufend, einen „Urkommunismus“ bei den Trobriandern, d.h. eine solidarische Gemeinschaft, in der, wenn man so sagen kann, die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ verwirklicht war. Malinowski selbst sollte in seinem 1935 erschienenen Buch Korallengärten und ihre Magie (Bodenbestellung und bäuerliche Riten auf den Trobriand-Inseln), das m.W. Reich nie gelesen hat, dieser Interpretation entschieden entgegentreten. Auch lehnte Malinowski die gegenteilige Interpretation ab, daß es sich bei den Wilden um eine Art rücksichtslosen „Urkapitalisten“ handele. Beispielsweise ist ein aufwendiges hochseetüchtiges Kanu nicht einfach „Allgemeingut“, sondern es gehört einer Person, die jedoch in einem schier unentwirrbaren Gestrüpp von Verpflichtungen gegenüber jenen eingebunden ist, die ihr beim Bau des Kanus geholfen haben. In seiner orgonomischen Wirtschaftstheorie geht Robert Harman im Detail darauf ein. Die Trobriandrische Gesellschaft wird von einem Netz gegenseitiger Verpflichtungen organisiert, durch ein universelles Geben und Nehmen.

Am Ende seines Buches über die Ökonomie der Trobriander schrieb Malinowski etwas, was später noch in einem ganz anderen Zusammenhang Bedeutung gewinnen wird:

Abschließend möchte ich noch hervorheben, daß sich im Licht dieser Analyse zeigt, wie vergeblich die Unterscheidung zwischen kommunistischem und Privateigentum ist. Ich hätte durchweg zeigen können, wie jeder Anspruch, jede Beziehung zwischen Mensch und Boden betontermaßen sowohl individuell wie kollektiv ist. Die Konzeption der ursprünglichen Heraufkunft (der Clans aus dem Inneren der Erde, PN) impliziert eine große Verwandtschaftsgruppe, den Subclan, der uranfänglich von einem Individuum, der Urahne – vielleicht auch ihrem Bruder –, repräsentiert wird, und den heute gleichermaßen ein Individuum repräsentiert, das Oberhaupt. Diese Gruppe ist nach Geschlecht und Alter differenziert und in kleinere Lineages unterteilt. Und innerhalb des Subclans gibt es sogar individuelle Besitztitel auf Land, und das Land selbst ist gleichsam aus Rücksicht auf den Wunsch nach individuellen Unterscheidungen aufgeteilt. Obwohl nämlich der persönliche Parzellenbesitz in gewisser Weise unserer eigenen Vorstellung von letztgültigen Verhältnissen im Bodenrecht am nächsten kommt, ist er doch auf den Trobriand-Inseln nur von allergeringster ökonomischer Relevanz. Dennoch ist dieser Umstand hier äußerst wichtig, da er belegt, wie wenig der sog. Urkommunismus in der Wirtschaftseinstellung der Eingeborenen vorkommt. Geradezu zum Ärger der anthropologischen Theoretiker insistiert der Trobriander darauf, eine eigene Parzelle zu haben, die mit seinem Personennamen assoziiert ist. Bei der alten Entgegensetzung handelt es sich um einen schlechten und unklugen Kurzschluß; durchgehend haben wir gesehen, daß das eigentliche Problem nicht im Entweder-Oder von Individualismus und Kommunismus liegt, sondern in der Wechselbeziehung kollektiver und persönlicher Ansprüche. (Korallengärten und ihre Magie, Frankfurt 1981, S. 413)

The Journal of Orgonomy (Vol. 13, No. 1, May 1979)

31. Dezember 2011

Der selbständige Tischler Curtis Barnes stellt in „Toward a Functional View of Economics“ seine von der Orgonomie inspirierte Wirtschaftstheorie vor. Ich habe mich bereits an anderer Stelle mit diesem zentralen Text der Orgonomie auseinandergesetzt. Hier möchte ich mich deshalb auf die Darstellung der Arbeit des französischen Ökonomen André Orléan, Mitverfasser der Streitschrift Manifest der bestürzten Ökonomen, die in Frankreich für Furore gesorgt hat, beschränken, da sich dessen Anschauungen mit denen von Barnes weitgehend decken, insbesondere was die Wertbildung in der Wirtschaft betrifft.

In der bisherigen Ökonomie gäbe es einen Hang zu Verdinglichung, insbesondere was die Preisbildung betrifft. Sowohl für die klassische als auch für die neoklassische Theorie gäbe es zwar, so Orléan, einen Unterschied von Wert und Preis, jedoch werde diese Differenz verdrängt und der Begriff des Wertes vermieden, obwohl man von der Objektivierbarkeit des letzteren ausgeht. Orléan unterstreicht hingegen den Unterschied von Wert und Preis und geht nicht „objektivistisch“ an die Wertfrage heran, sondern betrachtet sie aus der Perspektive der Sozialwissenschaften. Jede der unterschiedlichen Sozialwissenschaften untersucht jeweils wie Individuen ethische, religiöse, ästhetische, etc. Werte entwickeln. Gemeinsame Werte halten die Gesellschaft zusammen. Orléan:

Die Wirtschaftswissenschaften aber lassen sich nicht in diese Einheit der Sozialwissenschaften einordnen. Sie haben eine radikal andere Vorstellung, wie ein Wert entsteht. Für sie ist er keine von den Mitgliedern einer Gemeinschaft geteilte Überzeugung, keine kollektive Vorstellung wie in den Gesellschaftswissenschaften, sondern eine objektive Größe, die den Dingen quasi als vorgesellschaftliche Substanz eignet.

Diese pseudo-physikalische meßbaren „Substanz“ war bei den Klassikern, insbesondere aber bei Marx, die Arbeit, die man brauchte, um einen Gegenstand herzustellen. (Reich ist dieser Vorstellung uneingeschränkt gefolgt.) In der Neoklassik ist es der Nutzen, den ein Gegenstand für seinen Eigentümer haben kann. Eine „verdinglichte“ Sicht der Welt, frei von menschlichen Emotionen, die bis heute die Wirtschaftswissenschaften beherrscht und sie beispielsweise gegenüber der gegenwärtigen Wirtschaftskrise hilflos macht. Orléans Herangehensweise ist hingegen eine sozialwissenschaftliche, die davon ausgeht, „daß Werte durch ein variables Geflecht gesellschaftlicher Beziehungen entstehen“.

Der Homo oeconomicus der klassischen und neoklassischen Theorie ist das Gegenteil des Kunstliebhabers, der ein ganz bestimmtes Gemälde besitzen will und kein anderes. Tatsächlich verhalten sich die Menschen auf den Märkten jedoch wie Kunstliebhaber, die ihren eigenen Vorstellungen und gesellschaftlichen Moden folgen. Curtis Barnes hat eben das behauptet!

Daraus, daß der wirtschaftliche Wert durch den berechenbaren Preis verkörpert werde, dürfe man, so Orléan, nicht schließen, daß er einer „physikalischen Meßgröße“ entspräche, vielmehr sei auch der ökonomische Wert, wie alle anderen „Werte“ auch, eine gesellschaftliche Konvention. Orléan schlägt eine „mimetische Hypothese“ vor, derzufolge der Wert aus einer wechselseitigen Interaktion von gesellschaftlichen Beziehungen der Individuen entsteht. Wie die Neoklassik geht hierbei auch Orléan davon aus, daß der Wert durch den Nutzen entsteht, den die Gegenstände für ein Individuum haben. Er frägt aber weiter, wie die Marktteilnehmer zu dieser Einschätzung des Nutzens kommen. Diese Einschätzung ist wiederum, so Orléan, direkt abhängig von der Interaktion der Marktteilnehmer. Sie werden durch die Werturteile der anderen Marktteilnehmer und durch das Marktgeschehen beeinflußt. Im Gegensatz zur Neoklassik, für die der Homo oeconomicus, ein souveränes, rational handelndes Einzelwesen ist, das weiß, was es will, betrachtet ihn Orléan als beeinflußbares, ständig zweifelndes, getriebenes gesellschaftliches Wesen, das manchmal vollständig irrational andere in ihrem Verhalten kopiert.

Besonders verheerend wirkt sich das auf den Kapital- und Devisenmärkten aus. Orléan:

Es geht im Wirtschaftsgeschehen vor allem ums Geld. Die Waren sind Mittel zur Akkumulation von Liquidität. Das Erstaunlichste für einen Laien ist sicher, daß in der Mainstream-Wirtschaftswissenschaft dem Geld überhaupt keine Bedeutung zugemessen wird. Man sieht in ihm ein neutrales Instrument, mit dem der Erwerb nützlicher Gegenstände leichter fällt als beim direkten Tauschhandel. Wir alle wissen aber, daß in der Wirklichkeit das Verlangen nach Geld den alles dominierenden gesellschaftlichen Konflikt darstellt. Es ist also ein gravierender Mangel der neoklassischen Werttheorie, daß sie von der Nützlichkeit der Dinge ausgeht und das Streben nach Geld ausschließt, obwohl dieses doch konstitutiv für die Waren produzierende Gesellschaft ist.

Ich möchte in diesem Zusammenhang auf den Biologen und Wirtschaftswissenschaftler Hans Hass verweisen, dessen Theorie des Geldes als „übernormalen Schlüsselreiz“ ich an anderer Stelle behandelt habe http://www.orgonomie.net/hdoekonom.htm .

Betrachten wir nun vor diesem Hintergrund was gegenwärtig auf den Finanzmärkten geschieht. Orléan:

Wie funktioniert die Preisfindung auf den Finanzmärkten? Was für einen Investor zählt, ist der zukünftige Preis. Der wird nicht durch irgendwelche Fundamentaldaten bestimmt, sondern durch die Einschätzung der anderen Markteilnehmer. Das sogenannte „Herding“, der Herdentrieb auf diesen Märkten funktioniert durch Nachahmung. (…) Und es kommt unweigerlich zu sich selbst verstärkenden Übertreibungen in die eine oder andere Richtung, weil der Wert eben Produkt kollektiver Überzeugungen und nicht etwa etwas Substantielles ist.

Das zeigte sich beispielsweise an der Immobilienkrise in der USA („Subprime-Krise“), die eben nicht einfach nur Betrug war, weil die Verkäufer mehr wußten als die Käufer, vielmehr waren beide in Herde der Lemminge gefangen:

Finanzprodukte haben keinen objektiven Wert. Der objektive Wert einer Aktie wäre die Summe zukünftiger Dividenden. Der objektive Wert einer Schuldverschreibung wäre die Summe zukünftiger Zinserträge. Die Zukunft aber ist unbekannt. (…) In Bezug auf die Subprime-Krise beispielsweise geht [man] davon aus, daß die Verkäufer den wahren Wert ihrer Papiere kannten, nur die Käufer nicht. Für mich gibt es keinen „wahren“ Wert. Auch die Verkäufer wußten nicht, was sie da verkauften. (…)

Grundsätzlich hat Orléan folgendes zu den Finanzmärkten zu sagen:

Das mimetische Modell gilt, wie wir gesehen haben auch für die Warenwelt. Dort haben sich kollektive Überzeugungen aber in den Vorstellungen einer bestimmten Nützlichkeit einer Ware gleichsam institutionalisiert. Das erlaubt eine gewisse Stabilität dieser Märkte im Sinne des Ausgleichs von Angebot und Nachfrage. Wenn die Preise für eine Ware steigen, geht die Nachfrage zurück, weil die Käufer versuchen werden, die teure Ware durch eine andere mit vergleichbarem Nutzen zu ersetzen. Das ist das Herzstück der neoklassischen Vorstellung von der stabilisierenden Wirkung der Konkurrenz auf den Märkten. Sie begrenzt den Preisanstieg. Niemand wird eine Waschmaschine kaufen, wenn der Preis doppelt so hoch ist wie der einer vergleichbaren Maschine der Konkurrenz. Die Finanzmärkte funktionieren ganz anders. Wenn der Preis steigt, nimmt die Nachfrage nicht ab. Sie steigt, weil die Konkurrenz auch am Preisanstieg teilhaben will. Wenn der Preis fällt, geht auch die Nachfrage zurück. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage ist außer Kraft gesetzt. Die Instabilität der Finanzmärkte ist also systemisch bedingt. (…)

Die Vorstellung, daß die Konkurrenz auf den Finanzmärkten zur Effizienz führe, daß sie so wie die Konkurrenz auf den Warenmärkten funktioniere, wie die Konkurrenz, die Adam Smith beschreibt, dieses moderne Konzept der effizienten Konkurrenz hat uns in diesen Finanzkapitalismus geführt. Das war die Kernbotschaft der Wirtschaftswissenschaftler in den letzten 20 Jahren, das ist der große Irrtum der wirtschafts- und finanzwissenschaftlichen Theorie.

In Reichschen Begriffen: wir sind Opfer einer biologischen Fehlkalkulation geworden!

Frei nach Charles Konias Darstellung der funktionellen Ökonomie, die weitgehend auf Barnes Vorarbeit fußt, kann man das Wesen der heutigen Finanzkrise mit Hilfe zweier orgonometrischer Gleichungen beschreiben (siehe Konias Buch The Emotional Plague):

Es geht bei der gegenwärtigen weltweiten Finanzkrise letztendlich um eine bioenergetische Krise.