Individuum und Masse

In traditionellen Gesellschaften, wie etwa dem europäischen Mittelalter, gingen die Menschen ganz in der Gemeinschaft, etwa den Gilden, auf. Ein „Ich“ gab es kaum. Literaturwissenschaftlich läßt sich das „Ich“ im heutigen Sinne erstmals bei Michel de Montaigne (1533-1592) nachweisen. Als „Massenphänomen“ trat das Ich erst im Gefolge der Aufklärung des 18. Jahrhunderts in Erscheinung. Man denke etwa an die klassische Musik, die zunehmend individuelle „Seelenlandschaften“ abbildete, bis sich im Verlauf der Romantik die alten „objektiven“ Kompositionsstrukturen vollständig zugunsten des rein subjektiven „individuellen Ausdrucks“ auflösten. Ähnliches ereignete sich in der Malerei, die ebenfalls zunehmend subjektive „Seelenlandschaften“ darstellte.

Gleichzeitig kam es zur Entwicklung der Massengesellschaft und des Kollektivismus. Ausgerechnet mit der Emanzipation des Ichs in der Aufklärung soll der Kollektivismus seinen Anfang genommen haben? Das Problem taucht schon früher auf, nämlich in der Reformation, die das kritische Bibelstudium, die individuelle Meinungsbildung förderte. Aber mit der Befreiung von der menschlichen Autorität ist eine viel erdrückendere Autorität aufgekommen: die unbedingte Autorität „der Schrift“. Luther hat sozusagen eine „lslamisierung“ des Christentums eingeleitet und das Walten des Heiligen Geistes durch das tote „Wort Gottes“ ersetzt. Thomas von Aquin hatte noch sagen können: „Die Wahrheit ist immer die Wahrheit. Sie kommt vom Heiligen Geist, egal wer sie ausspricht.“ An die Stelle der strukturierten Ständegesellschaft trat eine Massengesellschaft aus „Individuen“.

Luther war ein Unglück für das Christentum, u.a. auch deshalb, weil er die Gegenreformation verursacht hat, die zu einer Erstarrung des Katholizismus geführt hat, aus der er sich erst heute langsam löst. Und genauso war die „Aufklärung ein Unglück für die Aufklärung“ weil das Individuum nur befreit wurde, um erst recht Knecht des „Volkes“, der „Nation“, gar der „Vernunft“ zu werden. Dezentrale Autoritäten wurden „antiautoritär“ durch eine zentrale Autorität ersetzt. Besonders schön sieht man das heute in Afrika, wo die „Ureinwohner“ von ihren feudalen Strukturen „befreit” werden, nur um einem diktatorischen Regime in die Hände zu fallen, das sie restlos knechtet und ihnen doch keine emotionale Heimat liefert.

Der Kollektivismus geht ideologisch davon aus, daß alle Menschen gleich sind (einige sind sogar noch gleicher als andere!). Im Katholizismus ist das anders. Der eine ist zum Priesteramt berufen, der andere nicht, der eine zum Klosterleben, der andere zum Leben in der Welt, der eine zum dienen, der andere zum herrschen, etc. Das ist ungefähr so wie in einer Armee, die man auch nicht gerade kollektivistisch nennen kann.

Vielleicht kann man den Kollektivismus am besten am Problem der Kreativität fassen. Beispielsweise fiel Besuchern von DDR-Kindergärten immer wieder auf, daß den Kindern ein „richtiges“ Zeichnen beigebracht wurde und daß man sie davon abhielt sich selbst kreativ zum Ausdruck zu bringen. Das gleiche ist mir selber auch Anfang der 1970er Jahre passiert, als Lehrer die frisch von den linken Universitäten kamen mir ernsthaft vorwarfen, ich wäre „krankhaft originell“ und würde mich nicht in die Gemeinschaft einpassen. Und das ging über den ganz gewöhnlichen Druck von neurotischen Lehrern in neurotischen Schulen hinaus – das war geradezu ein religiöser bzw. ideologischer Verfolgungswahn. Baker zitiert in seinem Buch Der Mensch in der Falle Nietzsche: die modernen Liberalen seien „allesamt Menschen ohne Einsamkeit, ohne eigene Einsamkeit“ – ohne Originalität (Baker 1967). Das mag mit ihrer Rebellion gegen die Vaterautorität zusammenhängen und mit einer existentiellen Angst: ihre Trennung vom eigenen Wesenskern macht sie wurzellos und das erzeugt eine Todesangst vor dem „existentiellen Schock“ der eigenen „Geworfenheit in die Welt“.

Vielleicht kann man das so ausdrücken: der moderne Liberale ist oberflächlich ein Kollektivist, weil er innerlich ein von allem abgetrennter Existentialist ist (Prototyp Sartre). Der Konservative ist demgegenüber äußerlich ein bis ins Extrem gehender aristokratischer Individualist, weil er innerlich fest verankert ist.

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5 Antworten to “Individuum und Masse”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Zu Luther siehe auch das neue Buch von Mynarek:
    http://www.ahriman.com/buecher/luther.htm

  2. Robert (Berlin) Says:

    „Luther hat sozusagen eine „lslamisierung“ des Christentums eingeleitet und das Walten des Heiligen Geistes durch das tote „Wort Gottes“ ersetzt.“

    Dazu ist zu bemerken, dass E. Fromm Luther zu den Vorläufern des Nationalsozialismus zählt (Die Furcht vor der Freiheit).

  3. claus Says:

    „die unbedingte Autorität ‚der Schrift‘. Luther hat sozusagen eine ‚lslamisierung‘ des Christentums eingeleitet und das Walten des Heiligen Geistes durch das tote ‚Wort Gottes‘ ersetzt“

    Ja. Und das ist es, dessen Überwindung ich am ehesten mit der ach so beweihräucherten ‚Aufklärung‘ verbinde. Normalerweise ist von Toleranz blabla die Rede. Viel wichtiger sind empiristische Ansprüche: Wahrheit ist jeweils an bestimmte ‚wahr machende‘ Erfahrungen gebunden, nicht daran, was irgendwo geschrieben steht.

  4. Sven Says:

    Dazu passt ihr wunderschönes Essay aus „Was ist Kontakt“, welches ich mir schon vor Jahren ausgedruckt und verinnerlicht habe. Damals habe ich „stolz“ auf rechts von der Haustür reagiert, schließlich lebe ich hier und jetzt. Heute weiß ich das ich wahrscheinlich niemals einen Regenschirm dabei hätte.
    Die Realität (Pfefferspray, Messer, Kampfsportkenntnisse…) ist viel zu brutal für Konservative wie mich als das ich es besser hätte wissen sollen (Stand heute: Keine Zigarette->Tod/ Guckst Du ->Tod/pfff->Tod/kuffar->Tod).
    Konsequenz bei Impotenz = Linker (Wir schaffen daff); bei Potenz = Kampf gegen Schwanzgesteurte ISIS22cm, also sich selber also gegen Nazi-Ich, also sich selber und alle anderen auch = ALLE!
    Einsamkeit -> Ende von Reich…PN goes AfD?

  5. Sven Says:

    Luther hat den Katholizismus (Wahrheitsanspruch) zurück zur Wurzel geführt. „Allein..x4“ …

    man kann ihm somit alles in die Schuhe schieben. ALLES!..x4

    (Es ist immerwieder sonderbar, Leute zu beobachten die, ganz Hirn und wenig Geist, das wenige versuchen auszupressen was der Seele seelig ist [damit das Hirn sagt – „Alles meins“])

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