Posts Tagged ‘Max Stirner’

Bernd A. Laskas LSR-Projekt und Wilhelm Reichs Charakteranalyse

29. Juli 2026

In den 1970er Jahren hat Laska die Wilhelm Reich Blätter herausgegeben. Auffällig war, wieviel Raum er Reich-Kritikern gab bzw. diese nicht als mediokre Ignoranten und „pestilente Charaktere“ vom Tisch fegte. Sie hatten uns offenbar etwas zu sagen! Vielleicht mehr als all die Reich-Fans…

Es ist ja nicht nur das Ausweichen vor dem Wesentlichen, sondern etwas, worauf Laska, angefangen mit der Analyse der diversen Kritiken an Reich, insbesondere abgehoben hat: daß dieses Ausweichen eine absolut geniale unbewußte Intelligenz zeigt. Mit traumwandlerischer Sicherheit verweist die Abwehr auf den Knackpunkt des Abgewehrten. Darauf beruht das LSR-Projekt: der Feind erledigt meine Arbeit. Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt. Der Feind offenbart uns unsere Wahrheit, unsere Identität, führt uns zu unserem Triumph über den Feind. Er will von uns aus der Lüge erlöst, ähnlich wie der Masochist aus seiner prekären Lage befreit werden. Charakteranalyse!

Bei so kurzen Blogeinträgen verlohnt etwas Kunst im digitalen Raum: Bild 20

Wilhelm Reich, Bernd A. Laska und das Erahnenmachen des Kasus Knaxus

19. Juli 2026

Ich fand es immer schreiend komisch, daß sich die „letzten Wahrheiten“ der unterschiedlichen Religionen untereinander kraß widersprechen. „Wahrheiten“, für die sich Menschen selbst opfern und andere töten. Keine Gottesvorstellung und keine Seelenvorstellung stimmt mit der anderen überein. Man spürt und kann intellektuell nachvollziehen, daß sie sämtlich einer der zahllosen durch die Panzerung verzerrten Wahrnehmungen der kosmischen und organismischen Orgonenergie entsprechen, also durchaus einen Wahrheitskern haben, aber es ist halt genau das: ein Panoptikum absurdester sexueller Perversionen. Die Welt der Religionen ist eine bunte divers-perverse Regenbogenwelt! Von ihr etwas über die Orgonenergie erfahren zu wollen, ist etwa so sinnvoll wie in einem BDSM-Klub die Genitalität erforschen zu wollen! Aber, und dieses „aber“ ist entscheidend: die mystischen Religiösen haben wenigstens eine vage Ahnung von der Orgonenergie, während die mechanistischen Atheisten lebende Leichname sind. Seelenlos und innerlich tot, abgetrennt von der inneren und äußeren Natur. Wie in dem besagten Klub: es ist zwar eine widerliche Karikatur, aber immerhin annäherungsweise „Sex“ und ansatzweise sogar „Liebe“!

Das Ahnen der Orgonenergie bedeutet auch, daß das Instrument, das uns die Religion zur Verfügung stellt, nämlich die „Mythologisierung“, ein Potential hat, das der mechanistische Wissenschaft vollständig verschlossen bleibt. Man nehme Reichs Bücher Äther, Gott und Teufel über Gottvater, Die kosmische Überlagerung über den Heiligen Geist und Christusmord über den Sohn. Manche Dinge kann man gar nicht in „rein wissenschaftlicher“ Sprache ausdrücken. Die quasi religiöse Sprache muß auf den unvorbereiteten Leser befremdend, wenn nicht vollkommen bizarr wirken, aber es ist nun mal Fakt, daß es eine „Seele“ und „Gott“ wirklich gibt – nur vollkommen anders, als man es sich bisher vorstellte.

Das letztere ist auch einer der Gründe, warum ich so brutal abwehrend reagiere, wenn Leute mir mit Prana, Chi, Jakob Böhme, Anthroposophie und ähnlichem Dreck, gar einer „orgonomischen Spiritualität“ kommen. Sie haben nichts, aber auch rein gar nichts verstanden!

Man könnte natürlich einwenden, warum denn nicht schlicht Klartext gesprochen wird. Genau DAS ist ja aber das Problem: daß für manche Dinge die Sprache an ihre Grenze stößt. Von manchen Dingen kann man nur „raunen“, weil das Gegenüber sie selbst erfassen muß. Das fing schon mit Reichs Sexualökonomie an: „Ach Willi, Du meinst also das Ficken?!“ „Nein….“ „Also romantische reine Liebe?!“ „Äh, nein…“

Zuletzt hat Bernd A. Laska in seinem LSR-Projekt damit gerungen, wie er den Kasus Knaxus von „LSR“ eigentlich vermitteln soll. Und hat sich schließlich ganz auf die „Re(pulsions- und De)zeptionsgeschichte“ der Werke von LaMettrie, Stirner und Reich zurückgezogen, die den Kasus Knaxus erahnen lassen soll. Die ganze Problematik läßt sich vielleicht anhand des Wirkens von Hitlers Krohnjurist Carl Schmitt, der ein Krypto-Stirnerianer war, ja, erahnen. Ich verweise auf Laskas Schrift „Katechon“ und „Anarch“.

Als Schmitt im Zuchthaus der alliierten Kriegsverbrecher saß, also den absoluten Tiefpunkt seiner Existenz erreicht hatte, fand er Trost und Kraft bei „Max“. Seine gesamte Privatmythologie zielte auf diesen letzten Ausläufer des Späthegelianismus: Max Stirner. Mit ihm rang er privatmythologisch ein Leben lang: „Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt.“

05In der Jugend von Nicolaus Sombart, Sohn des berühmten Soziologen und Wirtschaftswissenschaftlers Werner Sombart, war Schmitt einer von Nikolaus väterlichen Freunden in der Reichshauptstadt Berlin. Er erinnert sich an etwas, was man nur vor dem Hintergrund von Laskas LSR-Projekts wirklich würdigen kann. Das letzte Geheimnis, das keiner anspricht… Nicolaus Sombart:

Carl Schmitt testete an mir seine Formulierungen. Er brauchte solche Testpersonen, um ihre Wirkung zu erproben. Aber so machte Geschichte Spaß. (…) Offenbar gab es, soviel hatte ich schon begriffen, zwei Arten von Wissen und zwei Arten der Erkenntnis. Beide hatten sie ihre Regeln, ihre Methode, ihre Evidenz. Die eine kannte ich durch meinen Vater; die andere, von der mein Vater nichts hielt, war mir durch meine Freunde Robakidse und Bruno Goetz, aber auch durch meinen Mentor Celibidache vertraut. Es handelte sich offensichtlich um zwei völlig verschiedene Mentalitäten, zwei ganz unterschiedliche Denkstrukturen. Die eine operierte mit Begriffen und Fakten, die andere mit Symbolen und Bildern.

Der entscheidende Unterschied lag wohl in ihrem Begriff von Wahrheit. Für meinen Vater ging der Weg der Erkenntnis über ein Wissen, das allen allgemein und jederzeit zugänglich war. Jeder Mensch guten Willens konnte es sich aneignen und damit den Weg zur Wahrheit betreten. Die Wahrheit war die Summe dessen, was man wissen konnte, natürlich immer nur ein Annäherungswert gegenüber einem absoluten Wissen, aber soweit allgemein verständlich, verifizierbar, übertragbar. Jedem zugänglich, der das Wissensniveau seiner Zeit erreicht hatte, immer einsehbar und aussprechbar. Für den anderen Denktypus lag nun alles genau umgekehrt.

Die Wahrheit ist das, was man nie aussprechen kann und darf. Sie ist ihrer Natur nach „geheim“. Das Wissen, das mit ihr verbunden ist, kann nicht ohne weiteres vermittelt werden. Was öffentlich ausgesprochen und gewußt werden kann, ist nicht wert, gewußt zu werden. Man erschließt sich die Wahrheit nicht durch logisch-diskursives Denken, sondern „erschaut“ sie, wenn man den nötigen Reifegrad erreicht hat. Darüber in der Öffentlichkeit zu sprechen ist ein Sakrileg. Sie ist das streng gehütete Geheimnis-Monopol einer kleinen Zahl von „Eingeweihten“, der Zugang zu ihr „Initiation“, die nicht jedem gewährt wird. Man muß dazu berufen. „auserwählt“ sein. Das Medium der Verständigung darüber (der Vermittlung des Unaussprechbaren) ist das mythische Bild.

So weit, so gut. Das hatte ich ungefähr kapiert. Hie ein System positiven Wissens, die Grundlage dessen, was wir „Wissenschaft“ nennen – dort ein okkulter Traditionszusammenhang mystischer Gewißheiten und Sinndeutungen, der offenbar so lange zurückgeht, wie man menschliches Denken zurückverfolgen kann. Der Name dafür ist Gnosis.

In Carl Schmitt war mir nun eine sonderbare Mischform dieser beiden so konträren, wie man denken sollte, völlig inkompatiblen Denktypen begegnet. Er war ein Mann der Wissenschaft, des begrifflichen Denkens – ein Professor wie mein Vater, dem rationalen, diskursiven Denken verpflichtet, ein Meister des Syllogismus, der logischen Deduktion. Gleichzeitig aber war er auch der schauende Myste, der Epopt, der seine Einsichten nicht in Begriffen faßt und vermittelt, sondern in Symbolen und Bildern. Er beherrschte beide Register.

Er machte perfekte Wissenschaft – Staatstheorie, Verfassungslehre, Völkerrecht, immer mit einem leichten Vorbehalt, was die Positivität betrifft, aber mit einer emphatischen Betonung der „Wissenschaftlichkeit“. Dahinter stand seine Privat-Mythologie. Er maskierte seine Mythologeme mit einem Anschein von Theoriebildung. Seine Begriffe sind immer bildhaft, suggerieren Symbolisches, evozieren Archetypen. Er spielt mit dem Doppelsinn der Worte, die er als Zeichen benutzt, mit denen er aber Emotionen mobilisiert, die aus der Tiefe aufsteigen. Seine berühmten Formulierungen sind nie einfache „Sätze“, sondern Beschwörungsformeln. Wenn er auch nicht gerade von „Dämonen“ und „Wesenheiten“ sprach, so war doch so etwas im Spiel, wenn er die Mächte beschwor, die die Geschichte bewegen. Mit der griechischen und asiatischen Mythologie hatte er nichts im Sinn. Er bevorzugte die Gedankenfiguren der christlichen Theologie und Gnosis bis hin zu ihren hegelianischen Spätformen. Mit ihrer Hilfe mythologisierte er das ganze 19. Jahrhundert. (Nicolaus Sombart: Jugend in Berlin 1933-1943. Ein Bericht. München: Carl Hanser Verlag, 1984, S. 257-259)

Schmitt rang mit Stirner, weil dieser einerseits faszinierender „Versucher“ war, gleichzeitig aber auch die zu bekämpfende Negation der Kultur, also Satan höchstpersönlich. Er konnte ihn deshalb nicht „akademisch sachlich“ verarbeiten, sondern allenfalls im Rahmen einer Privatmythologie. Eine offene Auseinandersetzung hätte nur Werbung für „das Böse“ gemacht und Schmitts Anliegen gleichzeitig profanisiert und mit einer „demokratischen Zivilisation“ kompatibel gemacht, die er zutiefst verachtete. Tatsächlich hat er Stirner natürlich wie alle anderen intellektuell umgangen und emotional verdrängt. Laska seinerseits will den Kern von Stirners Anliegen durch das Kenntlichmachen dieses Umgehens und Verdrängens in den alleinigen Fokus rücken – und so unser eigenes Umgehen und Verdrängen unterlaufen.

Email (Hartmann) 2008

11. Juli 2026

Email (Hartmann) 2008

Das LSR des Kleinen Mannes

28. April 2026

LaMettrie wird mit de Sade in einen Topf geworfen, Stirner mit Nietzsche und Reich mit Freud, d.h. Genitalität mit Sadomasochismus gleichgesetzt.

Von LaMettrie bleibt das Stichwort „Maschinenmensch“, d.h. ein fremdgesteuerter Roboter, während LaMettries gesamte Intention darin bestand, den Menschen von Fremdbestimmung durch das „Geistige“ und die „Seele“ zu befreien, die einfach nur für das irrationale Schuldgefühl, das Über-Ich standen, d.h. den Menschen zu einem – Roboter machten.

Stirners Egoismus und Eigenheit dienen der Stabilisierung des Egos, d.h. der Panzerung und der Rechtfertigung sekundärer Triebe. Opfer sind typischerweise Kinder: „Mami will sich selbstverwirklichen!“ Das ist das diametrale Gegenteil von Stirners im Kern „pädagogischer“ Intention: die Eigenheit der Kinder soll nicht gebrochen werden.

Reich wird als Körpertherapeut und Antifaschist rehabilitiert. Jener Mann, der gegen Freud die Psychoanalyse (Gesprächstherapie!) auf Ärzte beschränken wollte und später dann das vegetative Nervensystem und das Protoplasma in den Mittelpunkt stellte („Vegetotherapie“) wird zum Heroen von Politologen und anderen Schwätzern, die als „Körpertherapeuten“ delektieren! Vom heutigen „Antifaschismus“, der nichts anderes ist als die aktuelle Ausprägung des FASCHISMUS („die offene terroristische Diktatur des Über-Ich“), will ich erst gar nicht anfangen!

Brief [die deutsche Reich-Szene Mitte der 90er Jahre] 1994

22. April 2026

Brief [die deutsche Reich-Szene Mitte der 90er Jahre] 1994

Brief [Aufklärung heute] 1993

29. März 2026

Brief [Aufklärung heute] 1993

Brief [über Reich und die Philosophie] 1992

6. März 2026

Brief [über Reich und die Philosophie] 1992

Email (Das Wesentliche bei Reich) 2003

26. Februar 2026

Email (Das Wesentliche bei Reich) 2003

Reichs phänomenologische Naturwissenschaft (Teil 6)

20. Februar 2026

Reich hat Max Stirner nur in einem nicht veröffentlichten Aufsatz, seinem ersten überhaupt (über Ibsens Peer Gynt), und zweimal in seinen Tagebüchern erwähnt, jeweils im weiteren Zusammenhang mit Nietzsche bzw. Marx. Wirklich entscheidend ist eine späte Erwähnung in seinem Werk Christusmord von 1953, wo Stirners Name scheinbar deplaziert in der Bibliographie fällt.

Bei genauerer Lektüre des Neuen Testaments und von Stirners Einzigem fällt die tiefgründige Übereinstimmung ins Auge. Es geht um das Phänomen der „Besessenheit“. Die Evangelien handeln, abgesehen von der Kreuzigung, nur um ein einziges Thema: Jesu Zweifrontenkrieg gegen „Dämonen“, also dem, was Reich „sekundäre Triebe“ nannte und Stirner als Besessenheit mit einseitigen Trieben bezeichnete, denen alle anderen geopfert werden (Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, reclam, S. 18) – und zweitens gegen das „Gesetz“, das diese Triebhaftigkeit einschränken soll, sie aber tatsächlich erst erzeugt. Es dreht sich bei Jesus alles um das, was Bernd A. Laska und im Anschluß an ihn Christian Fernandes als „Jahrtausendentdeckung“ bezeichnet haben.

Nach katholischer Lehre sind Dämonen gefallene Engel – Gott Vater, das „Über-Ich“ schränkt die Triebe ein und erzeugt so die dämonische Triebhaftigkeit. Engel und Dämonen sind körperlose Wesen, sozusagen bloße Begriffe. Und das menschliche Dilemma entstammt, so Stirner, der „Sehnsucht der Idee nach ihrer Leiblichkeit“ (ebd., S. 410). Die Menschen sind von einseitigen, tyrannisch gewordenen Teiltrieben und von toten Begriffen besessen. Aufklärung bedeutet es, diesen Prozeß zu entzaubern, bewußt zu machen und ihn dergestalt seiner Grundlagen zu berauben.

Ursprünglich war Satan nur der Ankläger am Hofe Gottes, der strenger und „gottesfürchtiger“ war als Gott selbst. Satan ist das ultimative „Über-Ich“ und damit der Erzfeind des Menschen, denn in seinen Augen sind wir alle wertlos und abscheulich. Später wurde er zum Feind Gottes, vor allem dort, wo er den Gottmenschen Jesus Christus in Versuchung führt und zu beweisen versucht, daß sogar Christus selbst ein verderbtes Stück Scheiße ist wie jeder andere Mensch auch. Über-Ich und Panzerung sind funktionell identisch, d.h. Satan IST Panzerung. Und Satan war einst oder besser gesagt, ursprünglich der höchste Ausdruck der Gerechtigkeit Gottes… Siehe Mephisto in Goethes Faust: er, d.h. Satan selbst ist der moralischste aller Figuren in diesem Drama: weil alles und jedes nicht seinen hohen Ansprüchen genügt, will er das ganze Universum zerstören. Er ist der Geist der Rache und des Ressentiments.

Was meinen wir, wenn wir von „Christus“ und „Dämonen“ sprechen? Christus ist die Personifizierung des freien, ungehinderten Lebensimpulses. Er ist gekennzeichnet durch grundlegende Güte und Anstand, die immer dann zum Vorschein kommen, wenn der harte Überlebenskampf einem ungehemmten und entspannten Funktionieren weicht. Zum Beispiel jagen und töten Wölfe und Löwen, wenn sie hungrig sind, alles auf die brutalste und gnadenloseste Weise. Wenn sie sich aber in menschlicher Obhut befinden und gut gefüttert werden, sind sie die liebevollsten Gefährten und kuscheln mit Schafen. Es gibt eine Grundtendenz im Lebendigen, nett und sanft und fürsorglich zu sein. Christus ist nicht nur ein Symbol für diesen Funktionsbereich, sondern seine eigentliche Verkörperung.

Dämonen sind nicht einfach Symbole für sekundäre Triebe. Nach dem christlichen Glauben sind sie gefallene Engel und damit von Natur aus Geister. Sie wollen etwas, was sie aufgrund ihrer Natur niemals erreichen können: wirklich lebendig sein, d.h. einen Körper aus Fleisch und Blut besitzen. Deshalb sagen sie uns aus ihrer Verbitterung und Eifersucht heraus, daß wir Menschen nur „Behälter“ sind und daß unser „Geist“ unser wahres Selbst sei. Das ist in der Tat die grundlegende „satanische“ Doktrin! Aus ihrer Eifersucht heraus bringen sie dich also dazu, deine Haare mit Signalfarben zu färben, deinen Körper zu verstümmeln, den Tempel deiner Seele zu tätowieren (zu verunstalten) und zu verstümmeln, dein Geschlecht zu ändern, sogar deine Genitalien abzuschneiden, Drogen zu nehmen und Selbstmord zu begehen. Sie ergreifen Besitz von dir und übernehmen die Kontrolle, weil sie unbedingt einen Körper ihr eigen nennen wollen. Aber alles, was sie damit tun können, ist, ihn zu mißbrauchen und Christus zu verunglimpfen, zu verhöhnen und zu töten, d.h. Gott, der Fleisch und Blut wurde, – etwas, daß sie nicht vermögen.

Reichs phänomenologische Naturwissenschaft (Teil 5)

19. Februar 2026

Der Staat beruht darauf, daß jeder seinen eigenen Polizisten in sich trägt, sein Über-Ich. Doch führen Max Stirners Beispiele für den über-ich-freien „Verein“, wie Spielgemeinschaften von Kindern und auch Bernd A. Laskas Beispiel Liebesbeziehungen von Erwachsenen (Laska: Der sexuelle „Verein“ Prototyp des Stirner’schen „Vereins“, 2002), kaum weiter. Interessanter ist da Stirners Vorschlag der praktisch identisch ist mit Reichs anfänglichen Entwürfen einer „natürlichen Arbeitsdemokratie“, die geradezu „rätekommunistische“ Züge trugen. Stirners Alternative zu den überkommenen Gilden und den damals neuen kapitalistischen Unternehmungen ist, daß sich die Betroffenen beispielsweise über das Brotbacken verständigen und eine öffentliche Bäckerei einrichten. Das Backen sei dann „Sache der Vereinten“ (Der Einzige und sein Eigentum, reclam, S. 306). Dieses Beispiel führt deshalb weiter, weil das Brotbacken „naturgegebene“ Regeln aufzwingt, für die der Besessene taub ist.

Stirner hat sich ja selbst praktisch in die „Milchwirtschaft“ eingebracht, eine an sich hervorragende Idee, die sicherlich auch schließlich mit Erfolg gekrönt worden wäre, hätte er gebührend berücksichtigt, daß damals Frischmilch eine extrem verderbliche Ware war, die keinerlei Anlaufschwierigkeiten einer solchen Unternehmung toleriert. Seine Unternehmung war eine Kopfgeburt und deshalb nicht wirklich arbeitsdemokratisch, d.h. „natürlich gewachsen“.

Bei der „Charakteranalyse“ haben wir gesehen, daß die Wahrheit bzw. die „richtige Deutung“ den Menschen nicht aufgedrängt werden darf. Reich nannte das Aufdrängen von zu tiefen Wahrheiten bei Menschen, die strukturell dazu nicht bereit sind, „Wahrheitskrämerei“. Sie führt nicht zur Wahrheit, sondern endet im Chaos und führt zur Lüge. Genauso gibt es, Reich zufolge, auch eine „Freiheitskrämerei“. Es war praktisch zwangläufig, daß die Marxsche „freie Assoziation der Produzenten“ im Gulag mündete. Menschen, die dazu strukturell nicht bereit sind, geraten in einen Freiheitstaumel und das Ergebnis ist wieder Chaos und letztendlich Unfreiheit, um dieses Chaos zu bändigen. Willkürliche, „unnatürliche“ Befreiung führt zwangsläufig in die Unfreiheit.

Stirner kommt diesem Gedanken nahe, wenn er schreibt, daß an die Stelle der Revolution die Empörung treten müsse. Für ihn haben die Unterdrückten keinerlei Recht auf Freiheit – „weil sie die Freiheit nicht haben, haben sie eben das Recht dazu nicht“. Sie wüßten die Freiheit nicht zu nutzen, wenn man sie ihnen geben würde – und deshalb sind sie nicht schon längst frei (ebd., S. 207).

Dies ist exakt der gleiche Gedanke, der auch hinter Reichs Kampf gegen die verantwortungslose „Freiheitskrämerei“ steht. Beide Männer hatten die gleiche Lösung für das menschliche Dilemma: die Kinder von Anfang an so zu erziehen, daß sie ihre natürliche Freiheitsfähigkeit beibehalten.

Die alles entscheidende Lücke bei Stirner ist jedoch der Mangel an Körperlichkeit allgemein und am Sexuellen im allgemeinen. Ein Stirnerianer könnte „Pride“ sein, ein LaMettrieaner oder Reichianer nie und nimmer.

Natürliche Wollust, das was Reich als „orgastische Potenz“ bezeichnete, führt zur Tugend und umgekehrt führt die wohlverstandene Tugend zur Wollust.