Posts Tagged ‘Aufklärung’

Orgonbiophysik und LSR (Teil 5)

3. Februar 2023

Ja, was ist denn nun „LSR“? Bernd Laska schrieb mir 2004:

Für mich eine uralte Erfahrung seit wrb[Wilhelm Reich Blätter]-Zeiten 1975: die Leute, die zu Reich stoßen, sind nicht die Richtigen (= sehen Reich völlig anders als ich 😉 ). (…) Eine weitere Erfahrung seit auch schon ca. 20 Jahren: die Leute, die zu Stirner stossen, sind nicht die Richtigen (= sehen Stirner völlig anders als ich 😉 ). Sie „tolerieren“ mich, diskutieren aber nicht meine einschlägigen Bücher und Artikel (obwohl ich in „Der Einzige“ schreiben darf). Im „Gästebuch“ der MS-Ges. [Max Stirner Gesellschaft] tauchte seit Jahren mein Name nicht einmal auf. Dito im Stirner-Forum. (…) Für La Mettrie gibt’s keine Szene, glaube ich. Ab und zu jemand, der enthusiastisch die 4 Bände [von und über LaMettrie] bestellt – dann Funkstille, keine Kritik, keine Nachfrage, kein Schulterklopfen, nix. Das soll kein Gejammer sein. Es ist eine sachliche Feststellung, die „an sich“ nicht verwunderlich, sondern sogar folgerichtig ist: jedenfalls die Ratlosigkeit des Publikums, das entweder Philosophie lernen will oder Philosophiegeschichte. LSR ist keins von beiden. Was dann ???“

Was ist LSR in seiner Essenz? Laska schrieb mir ebenfalls vor nunmehr fast 20 Jahren in einem bestimmten konkreten Zusammenhang:

(der und der und der) sehen sich als heute zeitgemäße Kämpfer für Aufklärung und Rationalität, wie einst die Psychoanalytiker (Freud, Federn…) und Marxisten (KP, Fromm, Bernfeld, Fenichel…). Sie sehen in Reich einen ganz speziellen Feind und bekämpfen ihn (seine von ihnen geahnte Idee, in deren Licht ihr Rationalismus irrational erscheint) fanatischer als sie ihre Alltagsgegner bekämpfen – und vor allem nicht offen.

Das ist es: LSR wird sozusagen „beschwiegen“. LaMettrie wurde als unwürdig aus der Gemeinschaft der Aufklärer ausgestoßen, Marx’ Mammutbuch zu Stirner vergammelte in der Schublade, Nietzsche verschwieg ihn peinlich krampfhaft, Reich wurde schlichtweg aus dem Gedächtnis der Psychoanalyse getilgt. Der endgültige Todesstoß war die Rehabilitierung der drei: LaMettrie als Vordenker DeSades und Rousseaus, Stirner als Prophet des modernen Egoismus und Reich als Antifaschist. Helden des demokratischen und vor allem bunten Westens! (Wüüürggghhh!) Hauptsache es wird nie der Kern berührt oder auch nur durch das bloße Begründen der Sequestration dieser drei Aufklärer angedeutet.

Den besagten Kern hat Reich genannt, als er schrieb, daß „keine andere Stelle meiner Theorie meine Arbeit und Existenz derart gefährdet (hat) wie gerade die Behauptung, daß Selbststeuerung möglich, natürlich vorhanden und allgemein durchführbar ist“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 141). Er „betone die Rationalität der primären Emotionen des Lebendigen” (Äther, Gott und Teufel, S. 54) und behauptet entsprechend: „Alle Ethik ist im Grunde antisexuell” (Menschen im Staat, 1995, S. 143).

Die Menschen rasten darob aus, weil es sie gar nicht gibt! SIE SIND BESESSEN! Will sagen, aus ihnen spricht die verinnerlichte gepanzerte Gesellschaft, die verzweifelt um ihre Existenz ringt. Reich und Laska waren nie Teil dieser Gesellschaft der lebenden Toten. Was ich hier von Reich zitiert habe, ist der gemeinsame Ursprung der Orgonbiophysik und des LSR-Projekts.

Liquidar

Super-Ego

Radicalmente

Orgonbiophysik und LSR (Teil 3)

28. Januar 2023

In seiner „paraphilosophischen“ Forschungsarbeit hat Laska stets seine „serendipity“ geleitet. Ein Wort, das bei ihm immer wieder und wieder auftaucht und das nur annähernd mit „glücklicher Zufall“ übersetzt werden kann. Es war immer das Vertrauen, sozusagen „Urvertrauen“ in den eigenen guten Riecher, der ihn Mitte der 1960er Jahre über das zufällige Hören eines Vortrags des Kirchenkritikers Karlheinz Deschner in Frankfurts Club Voltaire zu Reich brachte, dessen Die sexuelle Revolution 1966 erschien. Ende der 1970er Jahre stolperte er über die marginale Erwähnung Max Stirners im Reichschen Werk (insbesondere in der Literaturliste zum Christusmord, das er zu dieser Zeit übersetzte), die sonst niemand groß beachtet hatte. Auf LaMettrie stieß er schließlich über den nihilistisch, anti-universalistischen Philosophen Panajotis Kondylis. Auf www.lsr-projekt.de heißt es dazu:

(Durch die Auseinandersetzung mit Reich und Stirner) sensibilisiert für die Problematik „Aufklärung“, die mir allenthalben inadäquat behandelt worden zu sein schien, kam mir Kondylis‘ große Studie von 1981 (Die Aufklärung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus) in die Hände. Nachdem ich Kondylis‘ einleitende Bemerkungen über seinen „nihilistischen“ Standpunkt und seine Methode gelesen hatte, fand ich schnell und treffsicher jenes Kapitel heraus, das auf 15 Seiten das gedankliche Zentrum der 725-seitigen Abhandlung und zugleich die Achillesferse der Kondylis’schen Philosophie enthielt: „VII. Formen des Nihilismus in der Aufklärung. 3. Die Konsequenten: La Mettrie und Sade“ (S. 503-517).

Darin fiel mir sofort als krampfhaft und gewaltsam auf, daß Kondylis diese beiden Autoren unbedingt zusammenspannen, d.h. zu gleichgearteten „Nihilisten“, stilisieren will. Daraufhin befaßte ich mich intensiv mit den Originalschriften von La Mettrie und Sade und stellte, konträr zu Kondylis, deren im Kern geradezu gegensätzliche Positionen fest. Zugleich entdeckte ich in einer Art serendipity, daß die Kernidee La Mettries der von Stirner und der von Reich im Grunde gleicht und nur in anderen Begriffen zum Ausdruck gebracht worden ist – und daß es eben diese Kernidee gewesen sein muß, die L/S/R zu jeweils in ihrer Epoche einzigartigen Aufklärern gemacht hat, die insbesondere von den politisch erfolgreichen Aufklärern – also Voltaire, Diderot et al.; Marx, Nietzsche et al.; Freud et al. – geradezu verfemt worden sind.

Dieser grundsätzliche Ansatz, der von einem bestimmten „Lebensgefühl“ ausgeht und diesem vertraut, ist von der Struktur her identisch mit Reichs Vorgehen in der Orgonbiophysik.

Man nehme etwa Reichs bioelektrische Experimente: seit dem Band Jenseits der Psychologie wissen wir, wie Reich mit seinen Mitarbeitern aus dem Kaiser Wilhelm Institut (heute Max Planck Institut) ringen mußte. Für ihn waren die Ergebnisse gut genug, weil sie seine Intuition bestätigten und in den Gesamtrahmen (Kraus, Hartmann, Müller, Vegetotherapie, etc.) paßten. Die Kaiser Wilhelm-Leute wollten (auf Reichs Kosten, der das ganze aus eigener Tasche finanzieren mußte) das ganze weiter „absichern“. Man kann davon ausgehen, daß bei dieser „Absicherung“ das versickert wäre, um was es Reich ging. (Später haben Dew und Braid sowie Hebenstreit Reichs Experimente mit modernen Geräten wiederholt und weitgehend bestätigt.)

Und so in allem. Man kann Forschung auch scheinobjektiv betreiben, nämlich so, daß die zu erforschenden Phänomene buchstäblich im Datensalat versickern. Sei das nun, daß de Sade und LaMettrie beide der gleichen Kategorie zugeordnet werden und dergestalt der letztere sich von der Bedeutung her in nichts auflöst, oder etwa im Falle der beiden Sexualforscher Masters und Johnson bei der elektrophysiologischen Untersuchung der Sexualreaktion der Sadomasochismus und die Genitalität auf die gleiche Ebene gehoben werden, weil man „objektiv“, d.h. „wissenschaftlich“ an die Sache herangeht. „Liebe ist Liebe!“ – und deshalb bedeutungslos… Alles löst sich in bedeutungslose Willkür auf, entsprechend dem folgenlosen „Gelaber“ der Philosophen. Man landet in diese entropische Beliebigkeit, weil man nicht auf seinen guten Riecher vertraut, bzw. weil man sich nicht selbst vertraut, bzw. weil man eine „un-LSR-sche“ psychische Struktur hat und jedes Vertrauen zerstört ist.

Ähnliches läßt sich über die heutige psychiatrische Diagnostik sagen, die wirklich alles und zwar angeblich „ganzheitlich“ absichern will und dermaßen ins Detail geht, daß die zentralen Probleme des Patienten verschwinden. Reich hingegen hat seine Schüler immer gemahnt, bei Fallpräsentationen doch bitte auf diese Scheingenauigkeit zu verzichten und den Fall in vielleicht 10 Sätzen zu umreißen. Er hat in diesem Zusammenhang jedes „mechanische und systematische“ Denken verdammt (wie es heute von den ICD- und DSM-Manualen verkörpert wird) und an seine Stelle ein „funktionelles und strukturelles Denken und Vorstellen gesetzt“ (Charakteranalyse, KiWi TB, S. 426). Sozusagen: Nerven Sie mich nicht mit Details und systematischen Auflistungen, sondern streichen Sie hervor, welche Strukturen eine wichtige Funktion einnehmen!

Und genau hier ist eine Nähe zu LSR! Laskas Gegner würden zu gerne in abseitige Details gehen, vermeintlich „wissenschaftlich“ arbeiten, während Laska stur auf dem beharrt, was funktionell und strukturell wichtig ist. Klar, daß eine solche Arroganz, ein solches Vertrauen in die eigene serendipity, provoziert.

Das Problem mit den Forschungsobjekten Reichs ist doch, daß sie fast durchweg ziemlich „elusiv“ sind. Gut möglich etwa, daß jemand die Wirkung von Orgonenergie-Akkumulatoren (ORACs) auf Krebsmäuse untersucht, nichts findet und dann ausklamüsert, wie wohl Reich auf seine vermeintlich fehlerhaften Ergebnisse gekommen ist. Ohne daß dieser Jemand je auf den Gedanken kommt, daß seine ORACs zu groß sind; daß es bei ORACs nicht um eine mechanische „Bestrahlung“, sondern um den Kontakt zweier Energiefelder geht, wo es zu einer wechselseitigen „Erstrahlung“ kommt. Das mit der „Erstrahlung“ ist für ihn schon „unbewiesene Metaphysik“ und wenn man ihm sagt, daß er das doch selbst unter dem Mikroskop bei Bionen beobachten, auf der Couch eines Medizinischen Orgonomen erfahren und im ORAC spüren soll: „Bin ich hier in eine Sekte reingeraten?!“ Und wenn man ihm dann gar noch erklären muß, daß heutzutage die meisten ORACs energetisch tot sind und daß er sich doch bitte nach Maine oder Oregon begeben muß, um einen wirklich funktionstüchtigen ORAC zu erleben und daß er am besten dort seine Krebsmäuse-Experimente durchführen soll, aber nur wenn der (rein subjektive) DOR-Index unter „5“ ist…

Ja, wenn das so einfach mit der Orgonbiophysik wäre wie etwa mit der Festkörperphysik… Es ist ähnlich wie bei LSR: keine andere Theorie muß mit „Widerstandanalyse“ arbeiten. Foucault & Co. können ihre Ergebnisse auf den Tisch knallen und vor einem aufgeschlossenen Publikum mehr oder weniger klug darüber diskutieren. Laska kann das nicht!

Ich muß auch ständig an eine Anekdote denken, die Reichs Sekretärin Lois Wyvell beschrieben hat: tagsüber versuchte Reich seinen Mitarbeitern die Orgonbiophysik nahezubringen, die aber ständig ihm gegenüber vorschützten, ihnen fehle dafür die wissenschaftliche Vorbildung. Und was taten sie an den langen Abenden? Sie trafen sich in Dr. Howard Lee Wylies Hütte, der dort unter begeistertem Zuspruch Seminare über Elektronik (sic!) abhielt! Reich hantierte mit elusiven Phänomenen, die nicht anerkannt waren. Wylie mit Transistoren und Widerständen. Alles greifbar und anerkannt. Als Reich das rausfand, ist er natürlich ausgerastet.

Ähnlich Laska: LSR ist angeblich zu ungreifbar und verschwommen – aber „die Leute“ haben unendlich viel Zeit und Geduld, um sich mit verwirrenden (aber „(geistes)wissenschaftlich“ anerkannten) Dingen wie Deleuze und Nietzsche abzugeben. Und dann geifern sie Laska an: er wäre der Obskurantist, der sich mit abwegigen Dingen beschäftigt.

Orgonbiophysik und LSR (Teil 2)

26. Januar 2023

Max Stirner geht es nicht um Egoismus, sondern um Einzigkeit, d.h. darum, vor allem die Kinder von jenen inneren Instanzen freizuhalten, die sie von sich selbst entfremden und es ihnen unmöglich machen situationsgerecht und rational zu denken und zu handeln. Das ist Aufklärung in Stirners Sinne, während es etwa Kant darum ging, diese inneren Instanzen, etwa „Pflicht und Gewissen“, vor dem Zugriff der Aufklärung zu schützen. Im Anschluß hat Hegel diese Okkupationsmacht des Inneren weiter ausgebaut. Daran hat Marx‘ materialistische Wende nichts geändert, sondern ganz im Gegenteil den Einzelnen vollends zu einem bloßen „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ gemacht.

Woher wissen „aufgeklärte“ Intellektuelle praktisch instantan worum es bei L & S & R geht bzw. daß das gefährlich ist? Sie regen sich auf, als wenn es um ihre schiere Existenz geht! Es ist keine im eigentlichen Sinne intellektuelle Reaktion, sondern eine energetische. Wer das „Gewissen“, die „inneren Hierarchien“, das Über-Ich angreift – mit einem Wort den eigentlichen Kern der Panzerung (ihren psychologischen Sinn) – der stellt sich gegen das DOR, versucht es zu sequestrieren. Umgekehrt versucht das DOR das OR zu sequestrieren. (siehe dazu auch den morgigen Blogbeitrag!)

LSR ist dermaßen energetisch aufgeladen, daß man bei Annäherung einen elektrischen Schlag verpaßt bekommt. Und das meine ich nicht nur im übertragenen Sinne. Es geht um PHYSIKALISCHE Vorgänge, die mit psychologischen Inhalten verknüpft sind – der terrorartigen Furcht, die Menschen dazu treibt, frei pulsierende, erstrahlende Babys zu domestizieren, d.h. ihnen ein schlechtes Gewissen, ein schlechtes Körper- und Eigengefühl zu verpassen und ihnen „Werte zu vermitteln“. Dem Toten, d.h. dem Gepanzerten (DOR), ist das Lebendige (OR) unerträglich, ruft unerträgliche Sehnsüchte hervor und erinnert an verdeckte unerträgliche Schmerzen eines verpfuschten Lebens. Man nimmt Rache, folgt seinem Ressentiment – das den Gegnern von LSR tief ins Gesicht gegraben ist.

Homo normalis reagiert aus seinem DOR-Sumpft heraus niemals derartig emotional heftig mit übersteuerten Haßreaktionen auf einen Mann wie Hegel und dessen bekanntes Diktum: „Die Pädagogik ist die Kunst, die Menschen sittlich zu machen.“ Kultur ginge vor Natur und man müsse die Eigentümlichkeit des Kindes brechen:

…bestimmt sich das Recht der Eltern über die Willkür der Kinder durch den Zweck, sie in Zucht zu halten und zu erziehen. Der Zweck von Bestrafungen ist nicht die Gerechtigkeit als solche, sondern subjektiver, moralischer Natur, Abschreckung der noch in Natur befangenen Freiheit und Erhebung des Allgemeinen in ihr Bewußtsein und ihren Willen. (Grundlinien der Philosophie des Rechts)

Gegen diese „Erhebung des Allgemeinen“, d.h. gegen die Zerstörung der Eigenheit des Kindes, die Zerschlagung seiner Fähigkeit zur Selbstregulation, die Zerstörung seiner freien Pulsationsfähigkeit, die Kreuzigung seiner Lebendigkeit sind nur drei Männer aufgestanden und haben dafür einen hohen Preis bezahlt: LaMettrie, Stirner und Reich. Ihre Gegner waren Diderot, Marx und Freud, die jeweils im Namen der Aufklärung alles in ihrer Macht taten, damit alle zukünftigen Kinder von Geburt an weiterhin „vergesellschaftet“ werden und das mit immer perfideren und durchschlagenderen Methoden. Ihr letztendliches Ziel war das Ersticken jedweder Lebendigkeit, der Triumph des Todes, DOR.

Leute, beschäftigt Euch mit dem LSR-Projekt!

Der Nihilist, der Zyniker und der Fanatiker

23. Januar 2023

Montesquieu, Voltaire, Buffon, Rousseau, Diderot, Helvétius, Condillac, d’Alembert, Holbach – sie alle widmeten sich der vernünftigen Erhellung natürlicher und moralischer Wirkungsgesetze in der Welt, während einzig er, der unbelehrbare La Mettrie, die dunklen, antiaufklärerischen Seiten einer menschlichen Maschinenmoral mit den denkerischen Fluchtpunkten von Agnostizismus, Atheismus, Nihilismus und Gewissenslosigkeit entwickelte. Kein Wunder, distanziert sich unter diesen Bedingungen das Projekt „Aufklärung“ von einer Figur, die nur als Kritiker, ja Verräter am gemeinsamen Ziel einer fortschrittsoptimistischen „Erleuchtung“ gelten kann. (Ursula Pia Jauch: Jenseits der Maschine, München 1998, S. 31)

Für den Marxisten Max Adler (…) zeigt sich an Stirners Einzigem die kognitive Beschränktheit, moralische Fragwürdigkeit und politisch-soziale Destruktivität bürgerlicher individualistischer Ideologie – ein Deutungsschema, das standardisiert und bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts fortgeschrieben wurde. In der Entgegensetzung von wissenschaftlichem Sozialismus und bürgerlicher Ideologie erscheint Stirner regelmäßig als Vertreter der bürgerlichen Ideologie. Adler sah Stirner hingegen differenzierter: Er ist für ihn auch genauso ein „Vorläufer“ des Marxismus und zwar hinsichtlich seiner psychologischen Einsichten und – marxistische Dialektik – seiner Bekämpfung aller und jeder Ideologie. (Information Philosophie, Heft 2/12, Juni 2012, S. 90).

(…) Reichs Kampfansage an Freuds „Kulturkonservatismus“ und Versuch der „Radikalisierung“ der Psychoanalyse stand im Zeichen einer Befreiung der ‚wahren Natur’ von der kulturellen Sexualmoral. Reich war stets auf der Suche nach dem biologischen Fundament der Triebe, von dem aus er die gesellschaftlich geschaffene Verkümmerung der Menschen kritisieren konnte. Weil sich, so Reich, das „menschliche Tier“ (…) durch den historischen „Einbruch der Sexualmoral“ (…) von seiner Natur und dem in ihr schlummernden harmonisierenden „sexualökonomischen“ Selbstregulationsprinzip entfremdete, herrschten in der Welt seelische und körperliche Störungen, Krieg, Gewalt und Irrationalismus vor. Wieder aufgehoben werden könne diese Entfremdung nur durch die Herstellung der „orgastischen Potenz“ der Menschen (…). An den richtigen Orgasmus ist die ganze Reichsche Norm geknüpft, und das Glücksversprechen einer natürlichen harmonischen Ordnung. Freuds revolutionäre Erkenntnis war es gerade – auch hier zeigt sich wieder die dem Freudschen Denken immanente Tendenz zur Entbiologisierung des vermeintlich Natürlichen –, dass der scheinbar natürlichen genitalen Sexualität eine lebensgeschichtliche Genese zugrunde liegt, dass sie nichts Ursprüngliches ist. Dies brachte ihn dazu, den Begriff der Sexualität auf die Dimension der Lust im Allgemeinen auszuweiten und eine infantile Sexualität zu konstatieren, eine These, mit der er auf breitesten Widerstand stieß. Reich macht diese Freudsche Differenzierung zwischen dem Sexuellen, dem Streben nach Lust, und der Genitalität, der psychosexuellen Zentrierung der Lust im Genitalorgan, wieder rückgängig und fällt so (…) hinter Freud zurück. Genitalität, auch noch reduziert auf ein physiologisch fassbares Konzept, ist ihm ein „Naturgesetz“, das sich selbsttätig entfalten würde, würde sie nicht sexualmoralisch gehemmt, und wird zum Fetisch, dem jede andere Lustform zum Opfer fällt. (Markus Brunner: Eros und Emanzipation. Zur Dialektik der sexualrevolutionären „Radikalisierung“ der Freudschen Psychoanalyse. In: Dehmlow: “… da liegt der riesige Schatten Freud’s jetzt nicht mehr auf meinem Weg”, Marburg 2008, S. 270-287)

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 43)

20. Januar 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Die westliche und östliche „Spiritualität“ (also das, was Reich als Mystizismus bezeichnet hat) strebt danach das eigene vergängliche, ohnmächtige Ich in etwas größerem Aufgehen zu lassen – um dann um so mächtiger aufzuerstehen: „So ihr euch jetzt unterwerft, werdet ihr im Himmel thronen und alles Sterbliche richten!“ Wie in der SS: die Vernichtung des eigenen Ich (deshalb die Totenkopf-Symbolik) – und seine Auferstehung zu einem allmächtigen KZ-Schergen.

Imgrunde ist das alles, ganz im Sinne von Reichs Massenpsychologie des Faschismus, fehlgeleitete Sehnsucht.

Die Aufklärung a la Kant und Freud wollte diesen Mechanismus von vornherein unterbinden, indem sie das souveräne, selbstverantwortliche, verstandesgeleitete Individuum gegen die „Schlammfluten des Okkultismus“ aufrichtete. Groteskerweise ging das nur dadurch, daß das Individuum negiert wurde: „imgrunde sind unsere Aufklärer doch recht fromme Leute“ (Stirner).

Man kommt aus dem was Reich als „Mechano-Mystizismus“ (Einheit von neuer „Aufklärung“ und altem „Mystizismus“) bezeichnet hat einfach nicht heraus – weil man aus der Sexualität nicht heraustreten kann.

Was diese Aussage bedeutet? Nun:

Nur LaMettrie, Stirner und Reich haben den Ausgang aus der mechano-mystischen Falle gewiesen. Um mit Stirner zu reden: die Hierarchie dringt nicht ins Innere, das Individuum ist nicht Gedanke, sondern hat Gedanken, die es jederzeit loslassen kann, um im „schöpferischen Nichts“ zu versinken (Der Einzige und sein Eigentum, Stuttgart 1981, S. 385): die Fähigkeit Wollust zu empfinden, orgastische Potenz.

Problem bei diesen Ausführungen ist, daß immer noch der „Beobachter“, das Ego übrigbleibt, doch egoistische Wollust im ganzen Umfang kann man nur erleben, wenn man die Rolle des Beobachters aufgibt, mit dem Körper eins wird, mit dem Partner eins wird, mit dem Kosmos eins wird – zum buchstäblichen „Einzigen“ wird.

„Spiritualität“ ist nichts anderes als sadomasochistisch entstelltes LSR!

Die Frage, ob LaMettrie, Stirner und Reich orgastisch potent waren bzw. das ausleben konnten, stellt sich nicht, bzw. ist unwichtig. Worauf es ankommt, ist, daß man spürt, wie es sein könnte – daß die Welt, wie sie ist, „ver-rückt“ ist und daß man eine „Utopie“ hat, ein Gefühl dafür, wie sie sein könnte. Diese innere Welt ist entscheidend, während alle „Enthüllungen“ über das mehr oder weniger armselige äußere Leben, bzw. „schwache Punkte“ im Leben von LaMettrie, Stirner und Reich – nicht wichtig sind. – Jene, die feixend über das konkrete Leben von LaMettrie („hemmungsloser Gierlappen“), Stirner („armselige Existenz“) und Reich („paranoider Trottel“) herziehen, zielen in Wirklichkeit auf jenes, das LaMettrie, Stirner und Reich intuitiv gespürt haben: „das Lebendige“ wie es sich z.B. im Kleinkind verkörpert, daß noch nicht „die Hierarchie“ in sich internalisiert hat, das noch nicht gepanzert ist, d.h. kein Über-Ich entwickelt hat. – Nur wer kein Über-Ich hat, kann sich wie ein ungepanzertes Kind restlos in der Wollust und im Gegenüber auflösen.

Brief [über Stirner und Reich] (1989)

15. Januar 2023

Brief [über Stirner und Reich] (1989)

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 17. Der Kult des Christentums

2. Januar 2023

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 16. Der Kult des Christentums

Freiheit und Verantwortung (Schlußbemerkung)

1. Januar 2023

Praktisch alle Menschen in höheren Positionen, seien es Beamte oder Angestellte, leiden unter einer Persönlichkeitsstörung. Sie sind in diese ihre hohe Position nicht etwa durch Leistung gelangt, sondern durch ihr Intrigieren, ihr nach oben Buckeln und nach unten Treten, ihr über Leichen Gehen. Sie sind wie psychopathische Serienmörder, für die ihre Mitmenschen bloße Pappschablonen sind, die man nur beachtet, wenn sie einem nützlich sind, und die man beseitigt, sobald sie einem im Wege stehen. Die wenigen, die geistig normal sind, können ihre hohe Position nur halten, wenn sie ihre Gedanken für sich behalten und ein Doppelleben führen, bei dem ihre gesunden, rationalen Anteile wie eingekapselt sind. Wer auch nur etwas Einblick in den Staatsapparat, die Verwaltung und das Arbeitsleben in Konzernen hat, weiß wovon ich rede!

Noch schlimmer sind vielleicht diejenigen Menschen, die „aufgewacht“ sind, und instinktiv merken, daß diese Gesellschaft zutiefst krank ist, d.h. von der Emotionellen Pest regiert wird. Sie sind von den Psychopathen an den Schalthebeln leicht manipulierbar. Man denke nur an die bis vor kurzem fanatisierten „Masken- und Impfaktivisten“, die „Klimaaktivisten“ oder die „Genderaktivisten“ oder, wenn wir zum irren Rand blicken, die „Q-Anhänger“ oder Flacherdler. Sie, die typischen gutmütigen Opfer, werden von den beschriebenen hochstehenden Psychopathen benutzt, um erstens eine Agenda durchzusetzen (etwa den Great Reset) und um zweitens den Widerstand gegen diese Agenda mit vermeintlich „okkulten Wahrheiten“ zu fluten, die eine rationale Auseinandersetzung unmöglich machen. Wer herrschen will, muß vor allem die Opposition gegen seine Herrschaft beherrschen!

Was tun? Die Emotionelle Pest hat zwei Gegner: die Aufklärung, d.h. das Böse ans Licht Bringen, und die Arbeitsdemokratie, d.h. das Gute, ohne das nichts überlebensfähig wäre. Das bedeutet schlicht, daß man immer und immer wieder die Mechanismen, die Funktionsweise der Pest aufdeckt. Und zweitens gilt es auf unterer und lokaler Ebene die rationalen arbeitsdemokratischen Beziehungen stets von neuem herzustellen, wenn sie durch die Pest in Unordnung gebracht worden sind. Ein Umsturz oder eine Revolution bringen rein gar nichts, da über kurz oder lang doch nur wieder die Psychopathen an die Macht drängen und die faschistischen Obskurantisten jede rationale Regung lahmlegen werden. Nur Liebe, Arbeit und Wissen können uns retten, sonst nichts!

LaMettrie und „Die Hochzeit des Figaro“. Programmheft und dazugehörige kurze Korrespondenz

23. Dezember 2022

LaMettrie und „Die Hochzeit des Figaro“. Programmheft und dazugehörige kurze Korrespondenz

Freiheit und Verantwortung

20. Dezember 2022

Orgonenergie steht für die funktionelle Einheit von spontaner, unvorhersehbarer Freiheit auf der einen Seite und harmonischer Regelhaftigkeit auf der anderen Seite. So funktionieren die Organismen, ja die gesamte Natur, die uns umgibt. Das Leben zerbricht, wenn zwanghafte Uniformität und Chaos die Oberhand gewinnen. Das tritt uns beispielsweise im wuchernden Krebsgewebe oder in der sich ausbreitenden Wüste entgegen. Im gesellschaftlichen Bereich ist es der Gegensatz zwischen lebendigen Demokratien und toten Diktaturen.

Demokratien beruhen auf der möglichst breiten Selbstregulierung der Massen. Ein Maximum an Freiheit unterstützt ein Maximum an Selbstverantwortung und umgekehrt.

Die Freiheitskrämer von Links und von Rechts versprechen demgegenüber „Freiheit von Verantwortung“ etwa durch immer weiter ausufernde Sozialleistungen und durch alle Lebensbereiche in ein Korsett pressende Gesetze, die uns schützen sollen.

Aber was ist, wenn die Menschen von ihrer Charakterstruktur her nicht in der Lage sind, ein eigenverantwortliches Leben zu führen?

Das ist eine weltfremde Frage, denn jeder Erwachsene (selbst, bzw. gerade, wenn er im Gefängnis sitzt) muß sich ohnehin im sozialen und ökonomischen Leben über Wasser halten. Niemand wird unvorbereitet ins Wasser gestoßen! Die Massen so zu behandeln, als wären sie Kinder, die bei der Hand genommen und Stück für Stück auf das Erwachsenenleben vorbereitet werden müssen, entspricht der überheblichen „volkspädagogischen“ Geisteshaltung von Roten Faschisten!

Derartige Diskussionen sind so unerquicklich, weil nicht bedacht wird, daß das Leben selbst die einzige Schule sein kann. Genauer gesagt, die unaufhebbare stets funktionierende Arbeitsdemokratie. Siehe Massenpsychologie des Faschismus.