Eine funktionelle Auffassung des modernen liberalen Charakters (Teil 1)*

von Paul Mathews, M.A.**

Der Zweck dieses Papiers ist es, auf die wichtige Rolle aufmerksam zu machen, die der moderne Liberale im soziopolitischen Bereich spielt.

Lassen Sie mich zuerst den Begriff „moderner Liberalismus“ definieren, wie er von Dr. Elsworth F. Baker (1) verwendet wird, um ihn vom echten Liberalismus zu unterscheiden. Der moderne Liberalismus repräsentiert die Kräfte des Kollektivismus im politischen und ökonomischen Bereich und der Zügellosigkeit im Bereich des sozialen Verhaltens. Bioenergetisch ist der moderne Liberale eine Spielart des gepanzerten Menschen, der völlig in seiner oberflächlichen Schicht lebt und die Bewegung der Bioenergie durch seinen Organismus nicht ertragen kann1. Er hält starre und unnachgiebige Abwehrkräfte aufrecht, da jede Regung unerträgliche Angst hervorruft. Charakterologisch ist der moderne Liberalismus eine der vielen Varianten des Faschismus, die tief im Menschen verankert sind; denn, wie Reich sagte, der Faschismus ist kein bloßes politisches System, sondern „die emotionelle Grundhaltung des autoritär unterdrückten Menschen der maschinellen Zivilisation und ihrer mechanistisch-mystischen Lebensauffassung. . . . Die faschistische Mentalität ist die Mentalität des kleinen, unterjochten, autoritätssüchtigen und gleichzeitig rebellischen ‚kleinen Mannes‘“ (3)a. Alle Formen pathologischen Verhaltens stellen im Wesentlichen den Ausdruck dieses Faschismus oder eine Abwehr gegen ihn dar, die sekundäre Schicht2 (3). Es gibt mehr Menschen, die sich gegen den Ausdruck der sekundären Schicht und den Kontakt mit ihr wehren als jene, die sie offen, brutal oder mit Hinterlist ausdrücken. Die organisierte Form der letztgenannten Gruppe (organisierte emotionale Pest) wäre ohne die Hilfe der erstgenannten unwirksam (4). In beiden Gruppen ist der Faschismus am Werk; aber die größere Gefahr für das Überleben liegt bei denen, die wie der moderne Liberale die äußere Abwehr (oberflächliche Schicht) und die Versorgungslinien für Modju3 (der ultimative todbringende Pestcharakter) darstellen.

Der moderne Liberale ist ein umfassender Typ, den man bis auf die frühe Geschichte des zivilisierten Menschen zurückverfolgen kann. Er hebt sich nicht durch die Ideale und Anliegen ab, die er vertritt und die vortrefflich sein können, sondern durch seine Motive und Methoden, die stets darauf abzielen, jede echte Chance auf Fortschritt zunichte zu machen. Es handelt sich hier nicht um eine politische Frage im engeren bzw. parteipolitischen Sinne, sondern um die Anwendung medizinischen Wissens auf das Verständnis gesellschaftspolitischer Phänomene, was gerade in unserer Zeit überlebenswichtig ist. Der moderne Liberale, im Gegensatz zu sowohl dem wahren Liberalen als auch dem umgebungsbedingten Liberalen (der moderne liberale Programme aufgrund von umgebungsbedingter Blindheit und des Drucks der Umgebung anstelle von spezifischer Charakterpanzerung hinnimmt), ist ein ernstes Problem. Als emotionaler Pestcharakter fügt er der Menschheit großes Leid zu, indem er die organisierte und unorganisierte Pest beschwichtigt und verteidigt. Hinzu kommt, daß er sich, um seine Abwehr aufrechtzuerhalten, so verhalten muss, wie er es tut; er muss seine Destruktivität rationalisieren; er muss sich weigern zu sehen, dass er sich irrt, denn ein Zusammenbruch seiner Abwehr würde für ihn eine Katastrophe bedeuten.

Es ist diese emotionale Grundhaltung (Faschismus im Sinne Reichs), die die treibende Kraft hinter den Mechanismen des modernen Liberalen ist. Dinge wie seine „Intellektualität“, sein „Humanismus“, sein oberflächlicher Witz und Charme und seine falsche Fairness sind Deckmäntel für eine zugrunde liegende neurotische Schuld und Angst und den brutalen Hass, der von seiner sekundären Schicht ausgeht, gegen die er sich mit solcher Verzweiflung wehrt. Dabei dient er, oft unbewusst, als Bindeglied in dem Prozess, bei dem der latente Faschismus der Massen allmählich oder auf andere Weise in die Senkgruben und Blutbäder der organisierten Pest gelenkt wird, die von den menschlichen Sehnsüchten und deren gleichzeitiger Unerfüllbarkeit lebt.4

 

* Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 1 (1967), Nr. 1 & 2, S. 138-148.
Übersetzt von Robert (Berlin) mit Unterstützung von Peter Nasselstein.

** Pädagoge, Sprachlehrer und Kliniker. Doktorand der Psychologie, New York University. [Anm. d. Übers.: Paul N. Mathews (1924-1986)]

 

1 H. D. Lasswell (2), Money-Kyrle, Allport und andere haben Studien über politische Charaktertypen durchgeführt, aber keine von ihnen basierte auf energetischen und panzer-strukturierten Konzepten.

2 Reich unterschied drei separate Schichten der biopsychischen Struktur: die oberflächliche Schicht oder soziale Fassade; die zweite mittlere Schicht, bestehend aus grausamen, sadistischen und pornographischen Impulsen; und die dritte Schicht, der biologische Kern, die Quelle primärer (natürlicher) Triebe.

3 Von Reich geprägt als Amalgam von Mocenigo (Verräter von Giordano Bruno an die Inquisition) und Djugashvili (Stalin).

4 Siehe „Der biologische Rechenfehler im menschlichen Freiheitskampf“ (3).

 

a Anm. d. Übers.: Die Massenpsychologie des Faschismus, Kiwi 1986, S.13 und 15

 

(1) Baker, E.F.: Man in the Trap. New York: Macmillan Co., 1967
(2) Lasswell, H.D.: Psychopathology and Politics. New York: Viking Press, 1960
(3) Reich, W.: The Mass Psychology of Fascism. New York: Orgone Institute Press, 1946
(4) Reich, W.: The Murder of Christ. New York: Orgone Institute Press, 1953

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10 Antworten to “Eine funktionelle Auffassung des modernen liberalen Charakters (Teil 1)*”

  1. Peter Nasselstein Says:

    Das mörderische Wirken des modernen bzw. Pseudoliberalen heute, ein halbes Jahrhundert später:

    http://www.pi-news.net/2018/03/pirincci-der-mann-der-vom-himmel-fiel/

  2. O. Says:

    „Doktorand der Psychologie“ – also kein „Dr.“, sowas kann man sich im Text sparen, weil es peinlich ist. Und im Ergebnis wurde es ein Dr. phil.? Nein.

    Für den Psy.D. hat es nicht gereicht (Vorraussetzung wäre ein Psychologiestudium mit anschließender Dissertation).

    P. Mathews ist wie auch oben angezeigt M.A. (M.A. = Master of Arts), was besagt, dass er sein Studium mit einem Master (Zeugnis) abgeschlossen hat. Also im Prinzip nichts besonderes.

    „The basic graduate-level degree granted to grad students in fields in the humanities, social sciences or fine arts.“

    „There are two parts; one can classify the educational level of the degree: „B“ stands for bachelor’s degree; „M“ stands for master’s degree; and „D“ stands for doctoral degree. The second part denotes the discipline of the degree, like „S“ for science, „A“ for arts, or „Ph“ for Philosophy.“

    „Depending on the school you attend and the kind of courses you take, you could earn an arts degree or a science degree. Typically, an „arts“ degree means that you focused on a wide area of learning and discussion, while a „science“ degree implies a deep, technical understanding of your subject.“

    „The highest degree you can earn in most liberal arts disciplines is a PhD, or Doctor of Philosophy. However, clinical and counseling psychologists earn a PsyD, Doctor of Psychology nomenclature; medical students earn M.D. degrees and law students can earn J.D. (Juris Doctor) degrees.“
    Quelle: https://www.worldwidelearn.com/education-advisor/questions/ma-mba-bs-ms-msw-phd-psyd-what-does-it-all-mean.php

    • Peter Nasselstein Says:

      Ich habe lange gezögert darauf einzugehen… Nun gut: das mit dem Hinweis auf „Doktorand“ bezieht sich darauf, daß Mathews Mitglied des ACO war, aber nach dessen Satzung ausschließlich Leute mit Doktortitel Mitglied sein durften, Mathews durfte nur Mitglied werden, weil seine Doktorwürde unmittelbar bevorstand und weil er Professor an der New York University war. https://de.wikipedia.org/wiki/New_York_University

    • Robert (Berlin) Says:

      Es geht also nicht um den Inhalt und die Erkenntnis, sondern nur um den akademischen Titel. Nun, es gibt so viele Doktoren und Professoren, die nur Unsinn, belangloses Zeug oder angepasste Banalitäten schreiben, dass man auf den akademischen Apparat nur pfeifen kann.

  3. O. Says:

    Dieser Artikel erschien 1967, vermutlich kurz nach Baker Buch „man in the trap“. Die 68-er gab es noch nicht richtig! Wäre es heute geschrieben worden, würde ich die Augen verdrehen und denken wieder so ein Konianer. Es wurde also schon nach Bakers soziopolitische Charakterologie schon Konias Entwicklung vorweg genommen. Somit ist dies die Haltung des CO und JO (seit Vol 1, No.1/2).

  4. Robert (Berlin) Says:

    Jemand, den ich den ersten und zweiten Teil vorlas, sagte ganz spontan, das wäre die Angela Merkel. Daran hätte ich selbst nie gedacht. Aber dann wurde mir klar, dass sie so etwas wie Claudia Roth an der Spitze der CDU ist; der Wolf im Schafspelz. Und das würde ihr Verhalten sehr gut erklären.

    • Robert (Berlin) Says:

      „das wäre die Angela Merkel“.
      Gemeint ist natürlich, dass sie eine moderne Liberale ist.

  5. Robert (Berlin) Says:

    „Die organisierte Form der letztgenannten Gruppe (organisierte emotionale Pest) wäre ohne die Hilfe der erstgenannten unwirksam“

    Das kann man auch gut bei der linken Terrorgruppe RAF sehen, die eine mehrtausige Unterstützerszene hatte. Und auch das ganze linksliberale Milieu hatte Sympathien für dieses Mordkommando.

    http://www.hr.de/presse/radio/hr1/2018/bettina-roehl-die-68er-haben-immer-nur-die-zerstoerung-auf-dem-zettel-gehabt,hr1-talk-bettina-roehl-100.html

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