Posts Tagged ‘Abwehr’

Wahrheit und Gegenwahrheit in der klinischen Situation (Teil 1)

12. Juli 2019

von David Holbrook, M.D.

 

„Wahrheit ist voller, unmittelbarer Kontakt zwischen wahrnehmendem und wahrgenommenen Leben. Je besser der Kontakt ist, desto voller ist das wahrheitsgetreue Erleben. Je besser die Funktionen der lebendigen Wahrnehmung koordiniert sind, desto umfassender ist eine jeweilige Wahrheit. Und die lebendige Wahrnehmung ist genau in dem Grade koordiniert, wie die Bewegung des lebendigen Protoplasmas koordiniert ist. SO IST DIE WAHRHEIT EINE NATÜRLICHE FUNKTION …“ (Reich 1953, S. 297) „Wahrheit ist als Manifestation des vollsten Kontakts des Lebens zu sich selbst und seiner Umgebung unauflöslich mit der Energiehaushalt des Lebens verbunden. Daher wühlt Wahrheit, wenn sie voll gelebt wird, die tiefsten Emotionen auf und steigert damit den Drang zur genitalen Umarmung. DA NUN ABER DER KERN DER ENERGIEENTLADUNG DES LEBENDIGEN VON DEN MENSCHEN JAHRTAUSENDELANG AUSGESCHLOSSEN UND GEÄCHTET WAR, MUSSTE MAN AUCH DER WAHRHEIT AUSWEICHEN.“ (Reich 1953, S. 300f, kursiv im Original)

„Es muß eine entscheidende Wahrheit UNTERSCHIEDLICHER Art geben, die die Durchsetzung der eigentlichen Wahrheit verhindert. Wir nennen sie die GEGENWAHRHEIT.“ (Reich 1953, S. 354, kursiv im Original) „…die VOLLE Wahrheit [schließt] immer die GEGENWAHRHEIT mit ein…“ (Reich 1953, S. 258, kursiv im Original) „…die GEGENWAHRHEIT … besagt, daß in einer bestimmten Gruppe oder in einer bestimmten Situation die Anwendung [der] Grundwahrheit verhängnisvoll wäre.“ (Reich 1953, S. 315, kursiv im Original) „…bevor man eine Wahrheit verkündet, [sollte man] die HINDERNISSE kennen, die ihr entgegenstehen.“ (Reich 1953, S. 313f, kursiv im Original). „DER WAHRHEIT WIRD DESHALB AUSGEWICHEN, WEIL SIE FÜR DEN ORGANISMUS, DER SICH IHRER NICHT BEDIENEN KANN, UNERTRÄGLICH UND GEFÄHRLICH IST. … Wenn man versucht, einem Mitmenschen eine Wahrheit aufzuzwingen, die er nicht leben kann, so bedeutet dies, daß man in ihm Emotionen weckt, die er nicht ertragen kann; es bedeutet, daß man seine Existenz gefährdet und sein geordnetes – wenn auch unglückliches – Leben aus dem Gleichgewicht bringt.“ (Reich 1953, S. 302f, kursiv im Original.) „… [der WAHRHEITSKRÄMER] … wird mehr Schaden anrichten, als irgendeine Lüge es je getan hat.“ (Reich 1953, S. 305, kursiv im Original.)

 

In „Die Waffe der Wahrheit“, dem Anhang zu Christusmord, führte Reich sein Konzept der „Gegenwahrheit“ wie oben beschrieben ein. Er beschrieb dieses Phänomen in einem soziologischen Kontext. Vor kurzem hat Dr. Peter Crist den Begriff jedoch im klinischen Kontext verwendet (Crist 2013-2014), was mich dazu inspirierte „Die Waffe der Wahrheit“ erneut zu lesen, um ein besseres Gefühl für die volle Bedeutung dieses Begriffs zu bekommen.

Eines der ersten Dinge, die einem in den Sinn kommen, wenn man das Konzept der Gegenwahrheit studiert, sind einige Ähnlichkeiten mit dem Konzept der psychologischen „Abwehr“. In Charakteranalyse (Reich 1949) skizzierte Reich eine therapeutische Technik, die darauf abzielte, den Patienten mit bestimmten charakterologischen Einstellungen in Kontakt zu bringen, mit denen der Patient sich psychologisch und emotional gegen tiefere, authentischere („wahrere“) Impulse verteidigt.

Reich führt aus, daß diese Arbeit mit dem Patienten von der Oberfläche in die Tiefe erfolgen sollte, wobei der Patient zuerst mit der Tatsache in Kontakt gebracht werden muß, „daß“ er abwehrt, was dann spontan zu einem zunehmenden Kontakt mit dem „Wie“ der Abwehr führt, was ihn schließlich dazu brachte, damit in Kontakt zu kommen, gegen „welchen“ Impuls die Abwehr gerichtet war (Reich 1949, S. 104). Durch die Fokussierung auf die Abwehr („Widerstandsanalyse“) und nicht auf die Analyse des zugrundeliegenden Impulses, wie dies in der klassischen psychoanalytischen Behandlung häufig der Fall ist, paßt die charakteranalytische Technik zu Reichs Aussagen über die primäre Bedeutung zunächst die Gegenwahrheit zu verstehen: „Am Anfang einer neuen Entwicklung ist die Gegenwahrheit oft bedeutender als die Wahrheit. Je besser die Gegenwahrheit erfaßt worden ist, desto fester und solider wird die Wahrheit selbst sein.“ (Reich 1953, S. 358) Diese Aussage von Reich ähnelt bemerkenswert dem, was er darüber sagt, wie wichtig es ist, sich dem Charakterwiderstand zu widmen, bevor man sich mit dem Inhalt der verbalen Ausführungen des Patienten befaßt.

Reich entdeckte schließlich, daß der charakteranalytische Ansatz, bei dem sich der Therapeut auf die Charakterabwehr konzentriert, bevor er versucht, den zugrundeliegenden Impuls aufzudecken und zu analysieren, einen spontanen psycho-bio-energetischen und emotionalen Prozeß in dem Patienten auslöst, der eine ganzkörperlich Reaktion auf die therapeutische Arbeit ermöglicht, einschließlich in einigen Fällen spürbare Aktivierung und Beteiligung des autonomen Nervensystems, im Gegensatz zur klassischen psychoanalytischen Methode, die tendenziell eine flachere, ausschließlich intellektuelle (zentrales Nervensystem, gehirnzentrierte) Erfahrung in der Therapie hervorbrachte. Man kann sagen, daß diese Ganzkörperreaktion auf die charakteranalytische Aufklärung des Patienten über seine Abwehr beweist, daß die Charakteranalyse in gewissem Sinne eine biologische Intervention ist, die SOWOHL die Psyche ALS AUCH das Soma anspricht.

Wie Theodore Wolfe im Vorwort des Übersetzers zur Charakteranalyse hervorhob, führte die charakteranalytische Methode zu einer schnelleren und tiefgreifenderen psychologischen Veränderung als die traditionelle psychoanalytische Methode, bei der „ein Übermaß unbewußten Materials ohne irgendeinen therapeutischen Nutzen erschlossen wurde, weil es der Analyse nicht gelang, die Affekte des Patienten zu mobilisieren. Dies lag wiederum in der Tatsache begründet, daß die Affekte größtenteils im Charakterpanzer gebunden waren.“ (Wolfe 1949, S. xiiif)

Die charakteranalytische Technik löst im Patienten eine emotionale Reaktion aus, die nicht vom intellektuellen Verständnis abhängt („Einsicht“). In der Tat scheint das intellektuelle Verständnis fast als Nebenprodukt der Arbeit aufzutreten, gewissermaßen NACHDEM die durch die Charakteranalyse hervorgerufenen charakterologischen, psychologischen, emotionalen und sogar biophysikalischen Veränderungen eingetreten sind. Wie Konia ausführt: „… das Ausdrücken von Ideen, bevor es zum emotionalen Ausdruck gekommen ist, wirkt als Widerstand und führt in eine therapeutische Sackgasse. Sobald die in der gepanzerten Muskulatur enthaltene Energie emotional ausgedrückt wird, tauchen Ideen auf, die sich spezifisch auf den emotionalen Ausdruck beziehen.“ (Konia 2004, S. 93)

Vielleicht könnte man sagen, daß das Geniale der charakteranalytischen Technik in ihrer intuitiven Wahrnehmung der Gegenwahrheit liegt, wie sie durch die charakterliche Abwehr des Patienten ausgedrückt wird. In einem gewissen Sinne ist der Charakter eine „Lüge“ oder eine Art Gegenwahrheit. Durch das In-Kontakt-Bringen des Patienten mit seiner Gegenwahrheit (die eine Abwehr der Wahrheit ist und durch Kontaktlosigkeit aufrechterhalten wird) wird das Hindernis für einen gesunden, wahrheitsgemäßen Ausdruck (mit anderen Worten: der Panzer, der ebenfalls durch eine Art von Kontaktlosigkeit aufrechterhalten wird und eine solche erzeugt) geschwächt.

 

Literatur

  • Crist P 2013-2014: klinische Seminare des ACO und private Supervision
  • Harman R 2012: Clinical Applications of Reich’s Work with Impulsive Characters: The Ego, Ego-Ideal, Superego and the Id. The Journal of Orgonomy 46(1):20-47
  • Holbrook D 2009: “Word Language”: Character Analysis in the Early Stages of Medical Orgone Therapy. The Journal of Orgonomy 43(1):33-38
  • Holbrook D 2011: A Schizophrenic Approaches the Couch. The Journal of Orgonomy 44(2):7-21
  • Holbrook D 2012: “Not So Fast”: The Treatment of a Paranoid Schizophrenic Character. The Journal of Orgonomy 46(1):53-62
  • Holbrook D 2013: Sex and Love in a Case of Paranoid Schizophrenic Character. unveröffentlichtes Manuskript
  • Konia C 1981: Hazards of Body Therapies: Three Case Studies. The Journal of Orgonomy 15(1):64-73
  • Konia C 2004: Applied Orgonometry Part III: Armored Thought. The Journal of Orgonomy 38(2): 93-100
  • Konia C 2014: 2. März 2014, klinisches Seminar, Amercian College of Orgonomy Training Program
  • Reich W 1949: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989
  • Reich W 1953: Christusmord, Freiburg: Walter-Verlag, 1978
  • Reich W 1955: Die emotionale Wüste. In: Ausgewählte Schriften, Köln: Kiepenheuer & Witsch 1976
  • Wolfe TP 1949. In: Reich W: Character Analysis, Third, enlarged Edition. New York: Orgone Institute Press

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Das sozialistische Patientenkollektiv (Teil 3)

16. April 2019

Man kann das, was in der Praxis der Orgontherapeuten geschieht auf die Gesellschaft übertragen. Zwar hat diese kein Über-Ich, kein Unbewußtes und keine „Komplexe“, doch jenseits von diesen psychologischen Vorstellungen: alle Systeme folgen den, wenn auch auf ihre jeweils spezifische Art und Weise, identischen energetischen Gesetzmäßigkeiten, etwa was die Abwehr („Reaktion“) von bioenergetischen bzw. „bio-sozialen“ Impulsen („Revolution“) betrifft. Aufkleber wie folgender sagen alles, doch nur die Orgonomie versteht wirklich, was sie eigentlich im Grunde aussagen:

Dem werden natürlich Aufkleber wie der folgende entgegengehalten:

Was soll man DAGEGEN einwenden können! Klingt gut, aber „Selbstorganisation statt Lohnarbeit“ kann nur jemand fordern, der wohlbehütet aufgewachsen, danach ohne jedwede Lebenserfahrung an die Uni gegangen ist und die Welt nur durch die rosarote Brille betrachtet. Jemand, der in der Jauchegrube dieser Gesellschaft aufgewachsen ist, die Unterschicht und ihre Kinder auf viszeraler Ebene kennt, weiß, daß ein Gutteil nicht arm ist, weil „der Kapitalismus“ so unerbittlich ist, sondern sie sind arm, weil sie schlichtweg einen „Dachschaden“ haben. Sie leben nicht in der Hölle, die Hölle ist vielmehr in ihnen. (Wann und wie in der Generationenfolge diese Hölle in sie gelangt ist, d.h. wie sich die äußere Hölle im Inneren verankert hat, ist eine ganz andere Frage!) „Befreit“ man sie von der Lohnarbeit, wie es „Hartz IV“ in gewisser Hinsicht getan hat, dann verlieren sie auch noch den letzten Halt. Der Zwang fünf Tage die Woche ganztägig zu malochen, ist ein absoluter Segen für sie – und nicht zuletzt für die Gesellschaft. Was passiert, wenn man diese Massen „befreit“, hat nicht zuletzt die Sowjetunion gezeigt. Schließlich mußten die Leiter der „volkseigenen Betriebe“ zu weitaus härteren Maßnahmen greifen, gar mit Konzentrationslagern und physischer Vernichtung drohen, um sinnlosen Vandalismus, ständige Arbeitsverweigerung und den „Diebstahl an Volkseigentum“ einzudämmen und die Gesellschaft in Gang zu halten. Wegen der gepanzerten Menschen muß jedweder Sozialismus, egal wie human sein Antlitz ist, letztendlich in der Hölle auf Erden münden.

Wenn man den sozialistischen und anarchistischen Wichsern sagt, daß der Kapitalismus mit seiner Mischung aus Zwang und Freiheit wahrscheinlich das ideale Gesellschaftssystem bzw. das Gesellschaftssystem ist, das einen Grad an Gesundheit verkörpert, den der gepanzerte Mensch gerade so noch eben ertragen kann, ticken sie auf die eine oder andere Weise aus. Sozialisten und Anarchisten sind schlichtweg Irre, die in die Psychiatrie gehören. Das sozialistische Patientenkollektiv:

Paul Mathews: Eine funktionelle Auffassung des modernen liberalen Charakters

22. März 2019

 

Paul Mathews:
Eine funktionelle Auffassung des modernen liberalen Charakters

 

David Holbrook, M.D.: ÜBER DIE GEGENWAHRHEIT

25. Februar 2019

von David Holbrook, M.D.

 

Am Ende seines Buches Christusmord schrieb der österreichische Psychiater Wilhelm Reich einen Anhang mit dem Titel „Die Waffe der Wahrheit“. „Die Waffe der Wahrheit“ ist eine der wichtigsten schriftlichen Äußerungen Reichs. Darin prägte er einen neuen Begriff: „Gegenwahrheit“. Er definierte die Gegenwahrheit als Grund dafür, daß sich die Wahrheit nicht durchsetzt, und er sagte, es sei manchmal sogar noch wichtiger, die Gegenwahrheit zu verstehen, als die Wahrheit selbst zu verstehen, weil es nutzlos und möglicherweise sogar gefährlich ist, die Wahrheit zu unterstützen, ohne die Gegenwahrheit zu verstehen.

Das Konzept der Gegenwahrheit ist ein soziologisches Konzept und Reich hat meines Wissens niemals explizit Parallelen zur klinischen Situation gezogen, die Parallelen sind aber offensichtlich.

Man könnte sagen, daß die psychologische Abwehr eine Gegenwahrheit ist. Die psychologische Abwehr ist „kostspielig“. Sie schränkt unsere psychische Gesundheit ein. Warum gibt es sie dann? Die Gegenwahrheit der Abwehr besteht darin, daß sie verhindern soll, daß wir von Emotionen überwältigt werden, mit denen wir vielleicht nicht umgehen können.

Reich wies auf das autonome Nervensystem (ANS) als das physiologische Substrat für das Funktionieren von Emotionen im Körper hin. Das ANS reguliert Dinge wie Herzschlag, Atemfrequenz und die glatte Muskulatur, die die Blutgefäße auskleidet, wodurch der Blutfluß zu den verschiedenen Organen des Körpers einschließlich der verschiedenen Regionen des Gehirns bestimmt wird. Das ANS beeinflußt auch das Funktionieren des endokrinen Systems und des Immunsystems.

Das ANS macht also den physiologischen Mechanismus der Psyche (Emotion) – und der Abwehr gegen die Psyche und Emotion – im Körper aus. Reich behauptete, das ANS sei der Schlüssel zum Verständnis der uralten Frage nach der Natur der Verbindung von Geist und Körper.

Wenn der Geist vor schmerzhaften Gedanken und Gefühlen zurückschreckt, geschieht dies auch physiologisch und die Physiologie wird durch das ANS vermittelt. Was als sympathischer Zweig des ANS bekannt ist – der Zweig „Kampf oder Flucht“ – vermittelt das Phänomen Angst und Wut im Körper. Bei Angst wird die Blutversorgung von bestimmten physiologischen Strukturen weggelenkt. Wenn die Blutversorgung auf diese Weise begrenzt ist, bedeutet dies, daß die Fähigkeit zur Bekämpfung von Krankheiten in diesen Körperbereichen begrenzt ist, da die Blutversorgung die notwendigen Komponenten des endokrinen Systems und des Immunsystems zur Bekämpfung von Krankheiten bereitstellt.

Es gibt also eine Form der Homöostase zwischen Gesundheit und Abwehr, sowohl auf psychologischer als auch auf physiologischer Ebene. In einem gewissen Sinne ist das eine Neuformulierung von Freuds „Todestrieb“. Warum sollte ein Organismus „die Wahl treffen“ zu sterben? Die Antwort ist, daß ein Organismus lieber sterben will, als unter überwältigender Angst und Schmerz zu leiden. Und das ist die Gegenwahrheit von Leben oder Tod in biologischen Organismen. Wir alle führen einen lebenslangen Kampf zwischen Lust oder Angst, Leben oder Tod.

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 2

8. Januar 2019

orgonometrieteil12

2. Modell, Funktionsschema, orgonometrische Gleichung

Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 3)

9. September 2018

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

I. Die Spannungs-Ladungs-Funktion: 2. Die Entdeckung der Orgasmusfunktion

Wiederum war es klinische Beobachtung, die Reich einen Schritt weiterbrachte. Stand das Therapieziel der Herstellung der orgastischen Funktionsfähigkeit inzwischen fest, so blieb doch noch offen, wie dies zu erreichen sei. Die in der Behandlung durch Symptomauflösung freigesetzte seelische Energie, die bislang in den Symptomen gebunden war, reichte offenbar nicht aus, um die volle orgastische Funktion herzustellen. Die Kranken verloren zwar ihre Symptome, doch im Ganzen blieben sie gesperrt. Es drängte sich logischerweise die Frage auf, wo, außer in den neurotischen Symptomen sexuelle Energie gebunden ist. „Aufgrund der psychoanalytischen Neurosenlehre lag es nahe, die fehlende Energie für die Herstellung der vollen Orgasmusfähigkeit in den nichtgenitalen, also in den frühkindlichen prägenitalen Betätigungen und Phantasien zu suchen … Dadurch verschärfte sich die Anschauung, daß die einzelnen sexuellen Triebe nicht gesondert voneinander funktionieren, sondern eine Flüssigkeit in kommunizierenden Röhren, eine Einheit bilden. Es kann nur eine einheitliche Sexualenergie geben, die sich an verschiedenen erogenen Zonen und seelischen Vorstellungen zu befriedigen sucht.“1

Im Laufe der Entwicklung der Charakteranalyse2 fand Reich heraus, daß es der gesamte Charakter eines Patienten ist, der sich gegen die volle sexuelle Hingabe richtet und somit den Mechanismus darstellt, der alle Energie bindet. Bei der Charakteranalyse trat das, was die Patienten sagten, immer mehr in den Hintergrund. Wichtig wurde die Art und Weise, wie der Patient spricht und handelt; der Habitus des Patienten ist weit mehr Ausdruck seines Charakters als der Inhalt seiner Worte. Die einzelnen Charakterzüge sind voneinander abhängig und bilden zusammen ein einheitliches System der Abwehr gegen alle Emotionen, die als gefährlich empfunden werden. Die Gesamtheit und Starre des Abwehrsystems nannte Reich den Charakterpanzer. Dieser hat die Funktion, Unlust zu vermeiden. Bei der Untersuchung der Körperhaltungen, die die emotionalen Ausbrüche der Patienten begleiteten, zeigt sich, daß dem psychischen Panzer ein entsprechender somatischer Muskelpanzer gegenübersteht. Gab ein Patient in seiner seelischen Abwehrhaltung nach, brachen stets auch körperliche Affekte durch. Wurden umgekehrt muskuläre Verspannungen aufgelöst, so kam es zu Ausbrüchen von Wut, Haß, oder Angst oder auch zu sexueller Erregung. Das bedeutet, daß die sexuelle Energie durch dauernde muskuläre Spannungen gebunden werden kann und daß auch Lust und Angst durch muskuläre Spannungen abgebremst werden können. „Die charakterliche Panzerungen erscheinen nun als ‚funktionell identisch‘. Der Begriff ‚funktionell identisch‘ besagt nichts anderes, als das muskuläre und charakterliche Haltungen im seelischen Getriebe dieselbe Funktion haben, einander ersetzen und gegenseitig beeinflußt werden können. Im Grunde sind sie nicht zu trennen, in der Funktion identisch.“3 „Emotional“ bedeutet nicht mehr bloß etwas „Psychisches“, sondern meint die Bewegung von Energiepotentialen im Organismus.

Einen Todestrieb, wie ihn Freud einführte, fand Reich in der klinischen Praxis nicht bestätigt. Vielmehr erwiesen sich alle seelischen Äußerungen, die als Todestrieb gedeutet werden konnten, als Produkte der Neurose. Das Motiv der Destruktion, des Tötens, ist nicht die ursprüngliche Lust an Destruktion, sondern das Interesse des Lebenstriebes, Angst zu ersparen und das Gesamt-Ich zu erhalten. Der Destruktionstrieb will nicht Lust erzielen, sondern das Ich von Unlust befreien, somit tritt die Destruktion in den Dienst des Lebenstriebes. Ein Masochist, der phantasiert, gepeinigt zu werden, um zu zerplatzen, erhofft sich dadurch Entspannung. Man kann also sagen, daß auch der Masochist dem Lustprinzip folgt und nicht einen Leidenstrieb (Todestrieb) agieren läßt.4

Immer noch war die Frage unbeantwortet, welcher Natur die sexuelle Energie sei. Sie kann nicht auf irgendwelche chemischem Stoffe zurückgeführt werden, die in den Eierstöcken und Zwischendrüsen des Hodens produziert werden. Dem widersprach unter anderem die Tatsache, daß Kastration nach der Pubertät die Erregungsfähigkeit des Menschen nicht ausschaltet und er zum Geschlechtsakt fähig bleibt. Auch kann die sexuelle Erregung keinesfalls alleine identisch sein mit Blutbewegung, denn es gibt Blutfüllungen der Genitalorgane ohne eine Spur von Erregungsgefühl. Reich vermutete schließlich, daß es sich bei der gesuchten Energie um Bioelektrizität handele. Er berief sich auf den Berliner Internisten Kraus, der festgestellt hatte, daß der Körper von elektrischen Prozessen gesteuert wird. Auch der Orgasmus mußte ein bioelektrischer Vorgang sein. Bei der sexuellen Reibung wird in den beiden Körpern zunächst Energie aufgeladen, dann im Orgasmus wieder entladen.

„Untersucht man den Vorgang genauer, so entdeckt man einen merkwürdigen Viertakt des Erregungsablaufs: Die Organe füllen sich erst mit Flüssigkeit: Erektion mit mechanischer Spannung. Dies führt eine starke Erregung mit sich …, elektrischer Natur: Elektrische Ladung. Im Orgasmus baut die Muskelzuckung die elektrische Ladung beziehungsweise sexuelle Erregung ab: Elektrische Entladung. Dies geht über in eine Entspannung der Genitalien durch Abfluß der Körperflüssigkeit: Mechanische Entspannung.“5 Es ergibt sich als Spannungs-Ladungs-Funktion, auch Orgasmusformel genannt, der Viertakt:

SPANNUNG – LADUNG – ENTLADUNG – ENTSPANNUNG

Zur Überprüfung der Orgasmusformel untersuchte Reich die elektrischen Oberflächenladungen der menschlichen Haut an den erogenen Zonen im Zustand von Lust und Angst.6 Die Experimente schienen die bioelektrische Erklärung der Sexualenergie zu bestätigen. An den sexuellen Zonen wurden Schwankungen des Oberflächenpotentiale bis zu 50 MV gemessen. „Einzig und allein biologische Lust, die mit dem Empfinden des Strömens und der Wollust einhergeht, ergibt Steigerung der bioelektrischen Ladung. Alle anderen Erregungen, Schmerz, Schreck, Angst, Druck, Ärger, Depressionen gehen mit Erniedrigung der Oberflächenladung des Organums einher.“7

Gegen die Auffassung, bei der Bioelektrizität handele es sich um die bekannte bioelektromagnetische Energie (Elektrizität), wandte Reich mehrere Argumente ein. „Die elektromagnetische Energie bewegt sich mit Lichtgeschwindigkeit … Man beobachte nun die Art der Kurven und Zeitmaße, die die Bewegung der bioelektrischen Energie kennzeichnen, und man wird finden, daß der Charakter der Bewegungen der bioelektrischen Energie sich grundsätzlich von den bekannten Tempo- und Bewegungsarten der elektromagnetischen Energie unterscheidet. Die bioelektrische Energie bewegt sich außerordentlich langsam mit Millimettern in der Sekunde … Die Bewegungsform ist langsamwellig. Der Bewegungscharakter dieser biologischen Energie ähnelt den Bewegungen eines Darms oder einer Schlange … Man könnte zur Auskunft greifen, daß es der große Widerstand der tierischen Gewebe ist, der si Geschwindigkeit der elektrischen Energie im Organismus verlangsamt. Diese Auskunft ist unbefriedigend. Die Zuführung eines elektrischen Reizes am Körper wird augenblicklich empfunden und beantwortet.“8

Reich wies ferner darauf hin, daß Menschen feine Voltmeter durch Berühren beeinflussen. Aber die Quantitäten dieser Reaktion sind nach Reichs Auffassung im Verhältnis zu den Energieleistungen des menschlichen Organismus viel zu gering, als daß sie alleine dafür verantwortlich gemacht werden könnten. Also mußte nach eine andere, bislang unbekannte Energie die Grundlage der Bioelektrizität bilden.

Mit der Entdeckung der Orgasmusformel war aber der grundlegende Schritt zur Entdeckung dieser noch unerforschten Energie getan. Es zeigte sich, daß der Spannungs-Ladungsvorgang ebenfalls die Herzfunktion dirigiert. Ebenso folgen Darm, Harnblase und Lunge in ihrer Funktionsweise diesem Viertakt. Die Spannungs-Ladungsfunktion gilt für sämtliche Funktionen des autonomen Lebensapparates. Auch die Zellteilung unterliegt dieser Funktion. Die Teilung einer Zelle mit gespannter Oberfläche in zwei kleinere Zellen, bei denen der gleiche Volumeninhalt von einer weit größeren und daher weniger gespannten Oberflächenmembran umgeben ist, entspricht einer Spannungslösung.9 Ebenso folgen die Bewegungen von Würmern und Schlangen und Einzellern dem Rhythmus der Spannungs-Ladungsfunktion. „Ein Grundgesetz scheint also den Organismus als Ganzen ebenso wie seine autonomen Organe zu beherrschen. Die Gesamtorganismus zuckt im Orgasmus wie das Herz bei jedem Pulsschlag, Wir fassen mit unserer biologischen Grundformel den Kern des lebenden Funktionierens.“10 Die Orgasmusformel entpuppt sich somit als Lebensformel schlechthin. Der menschliche Organismus ist also am Höhepunkt der sexuellen Befriedigung im Grunde genommen nichts anderes als ein zuckender Plasmahaufen.

 

Fußnoten

  1. Reich, W. Die Entdeckung des Orgons – Die Funktion des Orgasmus, a.a.O. S. 101
  2. Eine ausführliche Darstellung der Charakteranalyse findet sich in: Reich, W. Charakteranalyse, Frankfurt 1973, S. 23 – 252
  3. Reich, W. Die Entdeckung des Orgons – Die Funktion des Orgasmus, a.a.O. S. 203
  4. Vgl. ebenda S. 189 – 193; u. Reich, W. Charakteranalyse, a.a.O., S, 213 – 253
  5. Reich, W. Die Entdeckung des Orgons – Die Funktion des Orgasmus a.a.O. S. 206
  6. Vgl. ebenda S. 278 – 286
  7. ebenda S. 284
  8. ebenda S. 288
  9. Vgl. ebenda S. 204 – 214
  10. Reich, W. Die Entdeckung des Orgons – Der Krebs, Frankfurt 1976, S. 29

Eine funktionelle Auffassung des modernen liberalen Charakters (Teil 1)

24. März 2018

 

Paul Mathews: Eine funktionelle Auffassung des modernen liberalen Charakters

Die Massenpsychologie des Faschismus: 1933 und 2013

26. November 2013

1933 konstatiert Reich in Die Massenpsychologie des Faschismus, daß die Soziologie durch Einbeziehung psychoanalytischer Erkenntnisse auf ein „höheres Niveau“ gelangt, „weil endlich der Mensch in seiner Struktur erfaßt wird“ (Fischer TB, S. 47).

Was die Psychoanalyse nicht erfaßte, sind die folgenden Punkte:

  1. Die „Analyse“ der geschichtsmächtigen Persönlichkeiten ist vollkommen gleichgültig, denn sie waren nur deshalb „geschichtsmächtig“, weil ihre Charakterstruktur mit der durchschnittlichen Charakterstruktur des Massenindividuums übereinstimmt.
  2. Gepanzerte Menschen können sich nicht selbst regulieren und sind deshalb von „Führern“ abhängig. Diese pestilenten Charaktere fokussieren und manipulieren die Emotionelle Pest, die in den Massen schlummert.
  3. Geschichte ist die Abfolge von Auseinandersetzungen zwischen Menschengruppen mit unterschiedlichen Charakterstrukturen.
  4. Die Charakterstruktur der Menschen reproduziert sich in der Familie. (Wie das heute geschieht wird in Reichs singuläre Stellung und Konias singuläre Stellung beschrieben.) Deshalb ist der Hauptansatzpunkt gesellschaftlicher Veränderungen die Kindererziehung. Hier verzahnt sich das Psychische und das Soziologische, das beides aus dem Biologischen hervorgeht.
  5. Die Entwicklung der orgonomischen Soziologie ist identisch mit der Entdeckung dieser Tatsache: psymarxsozorg
  6. Soziologische Prozesse werden nicht von psychologischen, sondern biologischen Prozessen bestimmt. Da dies nicht erkannt wird, setzt man sich nur mit den Symptomen auseinander, nicht mit der zugrundeliegenden Erkrankung (den Charakterstrukturen).
  7. In der Soziologie machen die üblichen psychoanalytischen Einteilungen in Bewußtes und Unbewußtes, in Über-Ich, Ich und Es, etc. nur bedingt Sinn. Wie Reich in seinem 1942 verfaßten Vorwort der revidierten Neuausgabe von Die Massenpsychologie des Faschismus ausführte, kann man die gesellschaftlichen Ideologien charakter-strukturell nur mit dem Dreischichten-Modell erklären: Fassade, mittlere (sekundäre) Schicht und Kern.
  8. Die Psychoanalyse hat nicht die Rolle der intellektuellen Abwehr (okulare Panzerung) erfaßt, vielmehr verstärkt sie diese, indem Unbewußtes bewußtgemacht und „verurteilt“ werden soll. Tatsächlich hat das Einbringen psychoanalytischer Ansätze in die Soziologie dazu beigetragen, diese weiter von der sozialen Wirklichkeit zu entfremden. Das war Reichs Kritik an der „bürgerlichen“ Psychoanalyse seiner Zeit, heute entspricht dies eher „linken“ Versuchen, die Psychoanalyse für die Soziologie fruchtbar zu machen.
  9. Die Psychoanalyse kann nicht zwischen primären und sekundären Trieben unterscheiden und hat deshalb keinen Maßstab dafür, welche gesellschaftlichen Kräfte zu unterstützen, welche zu bekämpfen sind: sie hat kein Sensorium für die Emotionelle Pest.
  10. Die Psychoanalyse hat, trotz allen Geredes über „das Unbehagen in der Kultur“ und den „Todestrieb“, die ganze Brisanz des Unbewußten, des Verdrängten und des Über-Ich nicht erfaßt: die mittlere (sekundäre) Schicht ist Ausdruck der Emotionellen Pest, d.h. der Niederschlag der Emotionellen Pest im Einzelnen. Die Emotionelle Pest strebt danach, die Quelle der Erregung auszuschalten, d.h. letztendlich das Leben selbst auszuschalten.
  11. Die Psychoanalyse macht keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Prägenitalität und Genitalität und kann von daher nicht einschätzen, mit welchen Energien sie es zu tun hat, wenn beispielsweise von „sexueller Befreiung“ die Rede ist. Man kann die Genitalität nur ganz oder gar nicht freisetzen.
  12. Zum bioenergetischen Kern und damit zur Arbeitsdemokratie hat die Psychoanalyse keinen Zugang.
  13. Aus dem gleichen Grund hat sie keinen Zugang zu den „ozeanischen Gefühlen“ und kann deshalb den Hang zum Mystizismus in den Massen nicht richtig einschätzen.
  14. Veränderungen müssen nach bioenergetischen Gesetzmäßigkeiten erfolgen, ansonsten wird jede „Reform“ schlimmere und ausweglosere Zustände hervorrufen als zuvor. Das ist ähnlich wie in der individuellen Therapie.
  15. Die Psychoanalyse sieht nicht, daß Therapie nicht der Bewältigung neurotischer Konflikte, nicht einmal „Heilung“ zum Ziel haben kann, sondern nur die Mobilisierung der Selbststeuerung. Auf den gesellschaftlichen Bereich übertragen, kann das nur bedeuten, die Menschen mit mehr Verantwortung für ihr eigenes Überleben zu belasten nicht mit weniger – und das dann noch als „sozialen Fortschritt“ zu bezeichnen.

Reich führt aus, daß man nie damit aufhören dürfe, die Verantwortung des „Kleinen Mannes“ hervorzuheben. Er müsse Eigenverantwortung für sein persönliches und soziales Leben entwickeln. Es läge ganz im Interesse der Großindustrie, diese Eigenverantwortung zu fördern und die Mitarbeit der Arbeiter zu gewinnen.

Die Produktion kann nur steigen und die gegenwärtigen Schwierigkeiten werden in dem Maße abnehmen, in dem die Arbeiter in der Industrie und Landwirtschaft lernen, ihren Teil der Verantwortung für Produktion und Distribution zu übernehmen. Sie werden dann aus Erfahrung lernen, daß es leichter ist die Firmenleitung zu kritisieren, als behilflich zu sein, die große Verantwortung zu tragen. Dies sind wichtige Faktoren in der andauernden gesellschaftlichen Revolution und kein Manager, der selbst arbeitet, wird dagegen sein. Ganz im Gegenteil weiß er, daß er weniger Verantwortung tragen muß, wenn die Arbeiter ihren Teil übernehmen. Die paar Menschen, die habgierig und machtbesessen sind, werden bald schweigen, ohne daß es notwendig wird, irgend etwas Einschneidendes gegen sie zu unternehmen. („The Biological Revolution from Homo Normalis to the Child of the Future“, Orgonomic Functionalism, Vol. 1, Spring 1990, S. 70)

Alle ökonomischen Probleme Gründen in der Hilflosigkeit der Massen und werden verschlimmert durch die kontaktlosen „Problemlösungen“ der Linksliberalen – die dann die von ihnen hervorgerufene Katastrophe als Argument vorbringen, um weitere linke Programme ins Leben zu rufen. Die Linksliberalen werden nie begreifen, daß „die soziale Existenz des Lebewesen Mensch (…) bioenergetisch betrachtet an sich nur ein kleiner Gipfel auf dem gigantischen Berg seines biologischen Daseins (ist)“ (Ausgewählte Schriften, Köln 1976, S. 24). „Es gibt in dieser unserer sozialen Welt nichts, und es kann gar nichts geben, das nicht grundsätzlich vom Charakter und dem Verhalten der Menschen bestimmt wird. Von dieser Regel gibt es keine Ausnahme, ganz egal, was wir betrachten“ (Christusmord, Freiburg 1978, S. 126). Und deshalb werden die Linksliberalen niemals die Probleme begreifen und meistern können, die mit dem Kapitalismus verbunden sind.

Reich führt als Beispiel aus:

Der amerikanische Kapitalismus entstand in einer Gesellschaft aus kleinen Handwerkern und Ladeninhabern und ist nicht aus der Arbeitsteilung hervorgegangen. Der Massencharakter des Händlers hat ihn hervorgebracht und aufgrund der Geschäftigkeit und Blauäugigkeit der Arbeiter wurde er toleriert und ihm erlaubt zu wachsen – bis Morgan erschien. Auf diese Weise entwickelte sich der Kapitalismus aus einer Charakterstruktur heraus. Ich mußte erst meinen Weg durch all die Fehler der Freudianischen Psychologismen bahnen und die Lücke bei Marx entdecken, bevor ich die menschliche Charakterstruktur als Ursprung einer ökonomischen Entwicklung erkennen konnte. Charakter ist strukturelle Geschichte, aktive Reproduktion von Geschichte. In den USA reproduziert der Kleine Mann den Kapitalismus. (American Odyssey, S. 324f)

„Man komme mir“, schreibt Reich, „nicht mit der ‘sozialen Not’, denn diese soziale Not ist selbst letzten Endes Ergebnis einer Welt erstarrter Menschentiere, die überreichlich Mittel für Kriege, aber niemals genügend Mittel, minimale Bruchteile der Kriegskosten eines Tages für die Sicherung des Lebendigen aufbringen. Und dies ist so, weil diese verunglückten, versteiften Menschentiere kein Verständnis für das Lebendige und nur Angst davor haben. Überdies reicht keine andere Art sozialer Misere an die Misere der Kleinkinder biopathischer Eltern heran“ (Der Krebs, Fischer TB, S. 393). „Nicht die ‘materielle Not’ im Sinne der Marxschen Ökonomie macht die Neurosen, sondern die Neurosen dieser Menschen ruinieren ihre Fähigkeit, in dieser Not etwas Vernünftiges anzufangen, sich besser durchzusetzen, die Konkurrenz am Arbeitsmarkt auszuhalten, sich mit anderen ähnlicher sozialer Lage zu verständigen, den Kopf fürs Denken überhaupt frei zu haben“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 65).

Der fassadäre Mensch

28. Juli 2012

Die soziale Fassade dient der Abwehr „ungehöriger“ Impulse aus der sekundären Schicht, aber auch aus dem bioenergetischen Kern. Man denke etwa an den Arbeitsalltag, wo man seinen Frust, seine Vorurteile, seine Langeweile angesichts einer abgrundtief öden Tätigkeit, seine „inneren Dämonen“, etc. ständig hinter einer Maske aus „professioneller Freundlichkeit und Interessiertheit“ verbergen muß – damit die Arbeitsdemokratie funktioniert. Das gleiche gilt auch für vollkommen rationale freundschaftliche und sexuelle Gefühle.

Heute, wo die Menschen ganz in der sozialen Fassade aufgehen und diese zunehmend hypertrophiert, erfüllt sie derlei Aufgaben nicht etwa besser, sondern kann sozusagen wegen „Arbeitsüberlastung“, ihre normale Funktion nicht mehr übernehmen. Beispielsweise wird die beschriebene „Maske“ in der Arbeitswelt zunehmend zu einer grinsenden Karikatur, die stört und abstößt, und die dazu benutzt wird, nicht etwa um die sekundäre Schicht und nicht zur Situation passende egoistische Gefühle abzuwehren, sondern ganz im Gegenteil ihnen den Ausdruck zu ermöglichen. Man denke an den „fiesen, schmierigen Vertreter“, nach dessen Besuch man sich erst mal die Hände waschen, wenn nicht sogar unter die Dusche gehen muß. Widerlich!

Tiefes Denken ist offensichtlich keine Funktion der Fassade. Aber allgemein hat Denken schon eine gewisse Affinität zu ihr. Man ist nicht spontan, sondern „überlegt erst“, „reflektiert“. Das sind immer noch rationale Funktionen. Doch sehr schnell kann Denken zum puren Intellektualismus entarten, der schließlich dazu dient, die Destruktivität der sekundären Schicht zu rechtfertigen. Ich erinnere nur an das pseudointellektuelle und letztendlich massenmörderische Gequatsche eines Rudi Dutschke.

Wenn das Denken im Namen der „Political Correctness“ gleichgeschaltet wird, d.h. sich alles „fassadär“ nach der sozialen Erwünschtheit ausrichtet, kann es kein Denken mehr geben, sondern nur noch – Gequatsche.

Was wir erleben, ist die Reduzierung des Menschen auf seine soziale Fassade und das sowohl in den höchsten als auch den niedrigsten Funktionen des Menschen.

Früher, in der autoritären Gesellschaft, sprach man von „Etikette“, die vor allem einem diente: der Regulierung des Kontakts zwischen den Geschlechtern. Signale hatten eine feste Bedeutung und Tabubrüche wurden als solche erkannt. Heute tritt an das aufregende Spiel der gegenseitigen Erregung der stumpfe „Sex“. Eine oberflächliche Konsumware wie jede andere auch.

Wenn alle sozial angepaßt sind, d.h. sich die sozialen Fassaden der Individuen einander anpassen, kann es kein vernünftiges Sozialleben, das von Unterschieden abhängig ist, mehr geben.

Und „Persönlichkeit“? Man täusche sich nicht! All die Aufrufe in der Werbung, man solle „man selbst sein“, seinen „eigenen Style“ kreieren, etc. hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Unsere Gesellschaft wird von einer monotonen Uniformität geprägt, die einfach nur erschreckend ist. Selbst Freaks sind austauschbar: sie sind nur jeweils Teil einer bestimmten Szene, in der alle gleich aussehen und der Gruppendruck zur Uniformität teilweise mörderisch ist. Sie sind austauschbarer als jeder Kleinbürger. John Lydon kriegt Zustände, wenn er einen Punk sieht. Man kann sich keinen größeren Verrat an seinen Idealen vorstellen. Anstelle von aggressiver Individualität ist eine pseudo-revolutionäre Uniformität getreten, die an Spießigkeit einfach nicht zu überbieten ist.

Die Auflösung des Individuums zu einem hohlen Klischee sieht man auch in der Politik. Ältere Semester werden sich an echte Charaktere wie Herbert Wehner oder Franz-Josef Strauß erinnern. Heute sehen die Politiker alle erschreckend gleich aus, fast schon wie Klone. Menschen ohne Ecken und Kanten, auch ohne eigene Meinung. Man denke nur an den Bundespräsidentenwitz Christian Wulff. Sprechende Schaufensterpuppen!

Das Erschreckendste sind jedoch ganz gewöhnliche Jugendliche, also unsere unmittelbare Zukunft. Ihr ganzes Leben dreht sich nur um eines: die soziale Erwünschbarkeit in der Peer Group. Man nimmt beispielsweise Drogen nicht etwa aus tiefenpsychologisch (oder bioenergetisch) ergründbaren Motiven, sondern weil es alle tun. Die Effekte sind schon fast gleichgültig. Allenfalls geht es darum, genauso „drauf zu sein“ wie die anderen oder man nimmt Speed, weil es in bestimmten Gruppen dazu gehört als Junge keinen Hintern in der Hose und Beine dünn wie Streichhölzer zu haben.

Eigene Gedanken sucht man vergebens. Symptomatisch ist der anorektische 17jährige mit modischer Pudelmütze bei 35 Grad im Schatten, der auf die Frage nach Interessen antwortet: „Mode und Musik“. Mit anderen Worten: sein einziges Interesse im Leben ist Image, Fassade. Jede freie Minute, in der das eigene Ich zu Wort kommen könnte, wird mit Krach („Musik“) über Ohrstöpsel und mit DVDs vollgemüllt. „Gespräche“ erschöpfen sich in der Kunst nichts, aber auch rein gar nichts auszusagen. Das Grunzen von Schimpansen ist inhaltsreicher!

Das schlimmste ist aber, daß die soziale Fassade ihre eingangs erwähnte Zentralfunktion nicht mehr erfüllen kann: die sekundären Triebe in Schach zu halten. Durch die Verkopfung und „Veroberflächlichung“ bedarf der Mensch immer stärkerer und „extremerer“ Reize. Beispielsweise werden Filme immer rasanter (insbesondere im Schnitt), immer brutaler, immer vulgärer und „extremer“. Selbst die hochsubventionierten Schmierentheater („Hochkultur“!) kommen nicht mehr ohne Schockeffekte aus! Umgekehrt dient heute klassische Musik, insbesondere Mozart, um die jugendlichen Zombies etwa vom Hamburger Hauptbahnhof fernzuhalten. Das in der Musik klanggewordene Lebendige verscheucht das Ungeziefer!

Am Ende steht eine soziale Fassade, die die sekundäre Schicht und ihren Ausdruck fördert, während der bioenergetische Kern gehaßt und bekämpft wird. Unsere ganze Kultur steuert schnurrstraks Richtung Hölle. In ihr wird zunehmend die sekundäre Schicht heroisiert. Oder wie ein amerikanischer Kommentator anläßlich des „Badman-Massakers“ in Colorado schrieb:

Batman. The Dark Knight könnte man leicht so interpretieren, daß das Gute als eine Schwäche dargestellt wird, die vom Bösen, d.h. dem Joker, benutzt und wiederholt ausgenutzt wird. Das Gute in den Menschen zu korrumpieren ist eines seiner Hauptziele – es ist sogar der einzige Sinn und Zweck, der bei den ansonsten vollkommen chaotischen Taten des Jokers auszumachen ist.
Neben diesem mächtigen und überzeugenden Portrait des Antichrist steht jedoch keine Darstellung einer genauso reinen Christus-Gestalt. Ein heroischer und mächtiger Mann der Öffentlichkeit, einer der Hauptcharaktere im Film, wird schließlich durch die Machenschaften des Jokers korrumpiert und die beiden einzigen Guten, die übrigbleiben, Commissioner Gordon und Batman selbst, werden selbst korrumpiert, indem sie eine Lüge in die Welt setzen, um die Illusion aufrechtzuerhalten, daß der, der dem Bösen vollständig erlegen ist, tatsächlich der Held des Tages war.
Batman, der doch der Held des Films sein soll, zeigt in seinem Vorgehen weitaus weniger moralische Beständigkeit als der Joker. Als Milliardär Bruce Wayne wird er als eifersüchtiger, gehässiger Exliebhaber dargestellt, der seinen Rivalen beschimpft und andere Frauen (sogar drei gleichzeitig) benutzt, um seine Ex eifersüchtig zu machen. Verglichen mit dem des Jokers ist das Portrait, das von Batman gezeichnet wird, schwach und in sich widersprüchlich. Die Gestalt des Jokers beherrscht die Leinwand und Ledgers schauspielerische Brillanz in dieser Rolle unterstreicht noch einmal diesen Unterschied.

Kein Wunder, daß sich Menschen mit dem Joker und seiner antiautoritären Botschaft identifizieren!

Es ist der Alptraum der antiautoritären Gesellschaft. Es beginnt mit den Simpsons, wo der destruktive „Bart“ glorifiziert wird und der Vater „Homer“ als verachtenswerter Depp gezeichnet wird, und endet mit dem brillanten Bart-artigen Bösewicht Joker und einem Homer-artigen „Helden“, der einfach nur ein Langweiler ist. Autorität wird der Lächerlichkeit preisgegeben und als langweilig und verlogen hingestellt.

Erst vorgestern habe ich das Ende der Simpsons-Episode mit Mary Poppins gesehen. Zum Schluß fliegt sie mit ihrem Regenschirm davon, die asozialen Simpsons lächeln, alles wird gut – und man sieht wie im Hintergrund die betuliche Mary Poppins in das Triebwerk eines Jumbo-Jets gerät und geschreddert wird. Ein schier unfaßbarer Zynismus in einer Kindersendung (auch wenn dieser dekadente Scheißdreck wohl eher für „Erwachsene“ gedacht ist), der im übrigen nochmals den abgrundtiefen Haß für jede Autoritätsperson offenbart.

Es ist in der antiautoritären Gesellschaft soweit gekommen, daß der bioenergetische Kern selbst, d.h. jedes Gefühl für Anstand und Mitmenschlichkeit systematisch zerstört wird. Das sieht man etwa darin, wie heutzutage mit dem Kindchenschema umgegangen wird, dem zentralen Gefühlsreflex jedes Säugetiers. Dazu am Ende ein typisches Video aus MTV. In diese Gefühlswelt wachsen unsere Kinder hinein:

[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=xCFCNwGJT2U%5D