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Die soziopolitische Diathese (Teil 7)

13. November 2018

von Paul Mathews, M.A., M.A.C.O.

An dieser Stelle könnte die Frage gestellt werden: „Gibt es überhaupt etwas Gutes am Liberalismus?“ Die Antwort kann in Bezug auf seine allgemeinen Ideale Ja sein; leider korrumpiert und zerstört der gepanzerte Liberale im Handeln direkt oder indirekt das Gute.10 Reich hat es so ausgedrückt:

Der sich prostituierende Politiker, der wortgewandte Freiheitsscharlatan, der mystische Erlöser, sie alle tragen nicht die Schuld an dem gewaltigen Elend. Ihre Schuld besteht darin, dass sie den Zugang zur Verwirklichung ihrer eigenen Ideale und zur Abschaffung des von ihnen verursachten Elends versperren. Man kann ihnen keinen Vorwurf daraus machen, dass sie für „Freiheit“, „Brot“, „Demokratie“, „Frieden“ und „Volkswillen“ und was nicht alles die Werbetrommeln rühren. Vorwerfen muss man ihnen aber, dass sie jeden verfolgen, der deutlich macht, was Freiheit ist und welche Hindernisse der Selbstverwaltung und dem Frieden entgegenstehen (7, S. 190)l.

Diese Verfolgungen und Behinderungen manifestieren sich auf verschiedene Weise: die abfälligen, höhnischen Verleumdungen von Reich und der Orgonomie, die Angriffe auf Reichs „letzte Periode“, auf seinen eindeutigen Standpunkt gegen freiheitshausierende Liberale und rotfaschistische Modjus, auf seine Zurechnungsfähigkeit und die Bezeichnung der gegenwärtigen orgonomischen Arbeiter als „ultrarechte Konservative“. Viele dieser Angriffe finden sich in Artikeln, Büchern und sogar Biografien, die vorgeben, Reichs Werk ganz besonders positiv gegenüberzustehen – weitere Beispiele von „Fairness, um unfairer zu sein“.

Es ist eine beängstigende Sache, den Umfang an Hass hinter diesen Kritiken zu sehen und einzuräumen, der natürlich in der schrecklichen Angst vor der Wahrheit und dem Leben wurzelt. Die verführerische Propaganda gegenwärtiger liberaler Gesellschaften macht es nicht leichter, diesen Hass zu erkennen, sondern fördert Zweifel und verstärkt die Neurose, vor allem in Charakterstrukturen, die so fundamental schuldbeladen und zweifelnd sind wie die des Liberalen. Müsste der Liberale zugeben, dass an den Wurzeln seiner sozialen Philanthropie echter Hass steht, würde das eine Katastrophe für ihn bedeuten. Auch der Konservative ist von Hass erfüllt, aber er verschlimmert nicht sein Dilemma, indem er auf den Schaden Überbauungen von intellektuellen Rationalisierungen häuft; so ist er letztlich leichter zugänglich.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass gemäß funktioneller Wahrnehmung der moderne Liberale als das Erzsymbol der menschlichen Malaise dasteht, aber das spricht den Konservativen keineswegs frei. Auf jeden Fall sollten wir nie vergessen, dass die extreme Linke die Liberalen benutzt, um die menschliche Freiheit zu zerstören, indem sie soziale Gerechtigkeit deklamiert, während sie Mord und Totschlag begeht. Die Konservativen durchschauen das; die liberalen Betrüger denken, sie arbeiten für das Vorankommen der Menschheit. Orgonomen versuchen eine ausgewogene Perspektive zu wahren, was den Einfluss der politischen Charakterstruktur auf unser Überleben in der heutigen Welt betrifft. Die obigen Überlegungen werden hoffentlich eher die funktionelle als die politische Grundlage unserer Schlussfolgerungen verdeutlichen.

 

Fußnoten

10 Es ist wahr, dass der Liberale in der Vergangenheit einiges getan hat, um notwendige soziale Reformen einzuleiten. Die Motive für diese Aktionen sind jedoch nicht identisch mit der humanen Natur der Reformen. Folglich erwuchsen viele destruktive sekundäre Erscheinungen aus den Reformen, die oft schlimmer waren als die Übel, aus der sie stammten.

 

Anmerkungen des Übersetzers

l Christusmord, Zweitausendeins, S. 381.

 

Literatur

7. Reich, W.: The Murder of Christ. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1972

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 8 (1974), Nr. 2, S. 204-215.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Die soziopolitische Diathese (Teil 6)

11. November 2018

von Paul Mathews, M.A., M.A.C.O.

Wie bereits angeschnitten, ist nicht jeder, der sich als Konservativer ausgibt, einer im funktionellen Sinne. Ein so genannter konservativer Politiker, der einen verstärkten Handel fordert, der die Welt der Roten Faschisten stützt, hat eklatanten Mangel an sogar einem verzerrten Kontakt. Der Konservative kann aufgrund eines geringeren Grades der Kopfblockierung viel realistischer argumentieren. Er kann diese sekundären Triebe in den Roten Faschisten spüren, weil er sie in sich selbst spüren kann. Dasselbe gilt für das gegenwärtig populäre Prinzip der Entspannung. Ein echter Konservativer würde sich bei diesen Dingen sehr unwohl fühlen, selbst wenn wir ihn durch Druck und eine euphorische Atmosphäre im Repräsentantenhaus dazu verleiten würden, für sie zu stimmen.

Das Gegenteil ist natürlich auch der Fall. Vor kurzem waren einige Filmkritiker „schockiert“, dass eine große Anzahl von angeblich liberalen New Yorkern die Kinos mit einem Film namens „Death Wish“i füllten. Der Film handelt von einem ehemals liberalen New Yorker, dessen Frau von einem Räuber umgebracht und dessen Tochter vergewaltigt und in den Wahnsinn getrieben wird. Der Mann wird zu einem Ein-Mann-Selbstjustiz- und Exekutionskommando für Straßenräuber, ohne Gnade, und reduziert auf diese Weise die Kriminalitätsrate erheblich. Die Kritiker waren vor allem durch die emotional vehemente Begeisterung des Publikums für die Gerechtigkeit, die der Bürgerwehrmann ausübte, verstört:

Die Kinobesucher, die für „Death Wish“ 4 Dollar bezahlen, sitzen nicht nur ruhig auf ihren Plätzen und futtern Popcorn. Sie applaudieren und jubeln wild, wenn Charles Bronson, der einen holzgesichtigen, einst liberal gesinnten Architekten spielt . . . einen Straßenräuber mit seiner treuen .32-Pistole erledigt . . . ein schwarzer Mann, der allein vor mir sitzt, führt den Jubel in meiner Abteilung an. „Krieg die Wichser“, sagte er oft ohne Rücksicht auf die Rasse der Straßenräuber . . . Die Kritiker, die den Film nicht mögen, haben sich beschwert, dass er die Angst unverantwortlich ausnutzt; dass er ein übertriebenes Bild der Kriminalität in New York vermittelt; dass er Selbstjustiz verherrlicht; dass er Gewalt als Lösung für Gewalt befürwortet und dass er von Auswärtigen mit einer verzerrten Vision von New York gemacht wurde (11).

Obgleich der Selbstjustizler die Straßenräuber unabhängig von ihrer Rasse tötet, sind die Mehrheit der Straßenräuber im Film Schwarze und Puerto-Ricaner; dennoch haben viele Schwarze offenbar die Bürgerwehr-Aktion gebilligt. Es fragt sich wieder einmal nach dem Grad des Liberalismus in der allgemeinen Bevölkerung – sogar in New York City – und wie viel davon aufgrund der Durchdringung der New Yorker durch politisch liberale Kopfmaschinen, die die Medien kontrollieren, bedingt ist.

Die Begründung der Kritiker, die den Film kritisieren, ist charakteristisch für den Liberalismus (nicht, dass es keine Gefahren durch Selbstjustiz in einer gepanzerten Gesellschaft gibt); sie sind unqualifizierte liberale Polemiken, mit nicht einmal einem Lippenbekenntnis der Gegenwahrheit, dass der Straßenräuber eine sehr reale Bedrohung für das Leben in unserer heutigen urbanen Gesellschaft darstellt. Könnte es sein, dass diese Kritiker verstört waren, weil diese vom Liberalismus durchtränkten New Yorker nicht ihren Erwartungen entsprachen? Dass die so genannten Massen mehr mit der Gesetzlosigkeit, dem Verbrechen und anderen Folgen der liberalen Ideologie in Berührung kommen als ihre Mentoren? Warum werden dieselben Liberalen zu Bürgerwehren, „Lynchrichtern“ von Standgerichten und zu unbarmherzigen Staatsanwälten, wenn es um Nixon und Watergate geht, sind aber blind gegenüber den Mätzchen der Kunstlersj, Ellsbergsk und der Gesetzlosigkeit in New York?9 (Und das ist keine Verteidigung von Nixon!)

 

Fußnoten

9 Beachten Sie auch, dass diese Liberalen eine bedingungslose Amnestie für Deserteure fordern, während sie Präsident Fords Amnestie für Nixon verurteilen.

 

Anmerkungen des Übersetzers

i Deutscher Titel „Ein Mann sieht rot“.

j William Moses Kunstler (1919-1995) war in den 1960er und 1970er Jahren der bekannteste Bürgerrechtsanwalt in den USA. Benutzte Methoden des Guerilla-Theaters (Akt spontaner, überraschender Aufführungen in ungewöhnlichen öffentlichen Räumen für ein ahnungsloses Publikum) in seiner Verteidigung.

k Daniel Ellsberg (geb. 1931), ehemaliger US-Militäranalytiker, löste 1971 eine nationale politische Kontroverse aus, als er die Pentagon-Papiere veröffentlichte, eine streng geheime Pentagon-Studie zum Vietnamkrieg.

 

Literatur

11. Klemesrud, J.: „What Do They See in ‚Death Wish‘?“, New York Times, Section 2, 1. September 1974

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 8 (1974), Nr. 2, S. 204-215.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Die soziopolitische Diathese (Teil 1)

29. Oktober 2018

von Paul Mathews, M.A., M.A.C.O.*a

[Diathese: Disposition für bestimmte Erkrankungen. Anm. Übers.]

Seit der Veröffentlichung von Man in the Trap (1) von Elsworth Baker und meinen eigenen Artikeln im Journal of Orgonomy (2, 3, 4) gab es einige Kontroversen über die Position der Orgonomie hinsichtlich Liberalismus und Konservatismus. Da sind diejenigen, die meinen, es sei zu viel Gewicht auf die Analyse und die Defizite des Liberalismus und nicht genug auf die des Konservatismus gelegt worden. Andere haben uns sogar beschuldigt, zugunsten der Konservativen zu „politisieren“ und sagten, dass wir eine Art rechtsextreme, ultra-konservative Fraktion der Orgonomie vertreten. Sie behaupten zum Beispiel, dass wir den Konservativen, sowohl diagnostisch als auch prognostisch, ein höheres Maß an Gesundheit zuschreiben; dass wir die politischen Konservativen bevorzugen. Von solchen Kritikern wird immer wieder übersehen, dass die Erkenntnisse, Theorien und Schlussfolgerungen, zu denen wir gelangt sind, das Ergebnis strengster Anwendung funktionellen, wissenschaftlichen Denkens sind und mit Reichs eigenen Schlussfolgerungen übereinstimmen, die sich aus seinem wissenschaftlichen Genie und dem Reichtum seiner Erfahrungen in der soziopolitischen Arena ableiten. Ich möchte hinzufügen, dass viele von uns ursprünglich aus einer Umgebung kamen, die einer diametral entgegengesetzten Position weitaus förderlicher war, als der wir beschuldigt werden.

Tatsächlich haben wir in Publikationen, Vorträgen und Seminaren deutlich gemacht, dass wir beide Seiten des politischen Spektrums erfassen vom Neurotischen bis hin zur faschistischen emotionalen Pest. Das allzu häufige Problem des Kritikers ist, dass er immer an politische Faktoren in einer politischen Weise dachte; er kann also nicht zwischen einer mechanistischen, politischen Analyse und einer funktionellen, wissenschaftlichen unterscheiden. Durch Projektion wird die funktionelle Perspektive, die seiner charakterologischen Präferenz entgegensteht, als politisch engstirnig interpretiert.

Das einzige, was wir hier tun können, ist, die Objektivität unserer Ergebnisse und Ziele zu bekräftigen; zu versuchen, die wesentlichen Bestandteile, die das liberale1 vom konservativen Syndrom unterscheidet, mittels theoretischer Rekapitulation genauer zu präzisieren und gegenwärtige Beispiele zu präsentieren.

Noch eine Bemerkung zur stärkeren „Betonung“, die wir auf Liberale als auf Konservative legen. Das ist auf zwei Hauptfaktoren zurückzuführen: die größere Komplexität des liberalen Syndroms (die später geklärt werden soll) und die gegenwärtige Vorherrschaft und entscheidende Rolle des Liberalen bei der Beeinflussung des zukünftigen Kurses der Menschheit. Es wäre irrational in einer vom Roten Faschismus verwüsteten Welt mit seinen enormen Bevölkerungen und seiner Zerstörungskraft, ihm die gleiche oder eine geringere Aufmerksamkeit zu schenken wie dem Schwarzen Faschismus. Tatsächlich ist es ein fester Bestandteil der Krankheit und Selbstzerstörung unserer Zivilisation, dass die Bedrohung durch den Roten Faschismus vergleichsweise wenig Beachtung findet. Man muss nur die Filme, Theaterstücke, Bücher usw. vergleichen, die sich mit der Bedrohung von der rechten Seite befassen im Vergleich zu den wenigen, die das mit der unmittelbaren und tödlichen Bedrohung von links tun. In der Orgonomie beschäftigen wir uns mit beiden Seiten des politischen Spektrums funktionell; wir erkennen an, dass keine unser Ziel der genitalen Gesundheit vertritt und haben nicht die Illusion, dass die politische Dominanz der einen über der anderen Seite ein Allheilmittel wäre. Um jedoch so realistisch wie möglich zu sein, ist es notwendig, dass wir quantitativ und qualitativ die Art, den Zweck und das Funktionspotenzial der heute vorherrschenden Kräfte bewerten, damit wir bestimmen können, wie und mit wem wir unsere Ziele am besten erreichen können. Auch müssen wir dies tun, unabhängig davon, ob es unpopulär ist. Unser Hauptanliegen ist nicht, „akzeptiert“ oder „demokratisch“ oder „fortschrittlich“ oder „avantgardistisch“ oder „wissend“ im mechanistischen und ideologischen Sinne zu sein. Wir sind daran interessiert, so viel wie möglich über den lebenden menschlichen Organismus, den lebendigen Energie-Ozean, aus dem er stammt und von dem er ein Teil ist, und die Natur der sozialen Kräfte, die er geschaffen hat und die ihn jetzt gegenseitig beeinflussen, zu erfahren. Auf diese Weise hoffen wir, dass wir uns selbst und der Menschheit helfen können, in eine gesündere, rationalere und erfülltere Zukunft zu gelangen, indem wir unseren Erkenntnissen folgen, wohin sie auch führen mögen.

 

Fußnoten

* Außerordentlicher Assistenzprofessor, New York University. Pädagoge, orgonomischer Berater und Sozialwissenschaftler, Sprachlehrer- und Kliniker. Mitglied des American College of Orgonomy. [Anm. d. Übers.: Paul N. Mathews (1924-1986)]

1 Die Verwendung des Begriffs „liberal“ in diesem Papier bezieht sich hauptsächlich auf den modernen Liberalen, obwohl oftmals das gesamte liberale Spektrum impliziert wird.

 

Anmerkungen des Übersetzers

a Member of the American College of Orgonomy.

 

Literatur

1. Baker, E.F.: Man in the Trap. New York: Macmillan Company, 1967
2. Mathews, P.: „A Functional Understanding of the Modern Liberal Character“, Journal of Orgonomy, 1:138-48, 1967
3. Mathews, P.: „The Biological Miscalculation and Contemporary Problems of Man“, Journal of Orgonomy, 4:111-25, 1970
4. Mathews, P.: „On Armor, War and Peace“, Journal of Orgonomy, 5:165-74, 1971

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 8 (1974), Nr. 2, S. 204-215.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Wie ticken „Reichianer“ soziopolitisch?

5. Oktober 2018

Wenn man die Linksreichianer verstehen will, sollte man folgendes (orgonometrisch schlichtweg falsches!) Diagramm betrachten, daß ihre Haltung (nicht etwa ihre Charakterstruktur!) perfekt beschreibt. Ihren irrationalen Linksliberalismus, den Reich insbesondere in Christusmord so hart gegeißelt hat, betrachten sie in ihrer kontaktlosen Verwirrtheit als Ausdruck höchster Rationalität. Mit denjenigen, die Reich, ob als Kommunist oder als Eisenhower-Anhänger, zeitlebens gehaßt und verachtet hat, die teddybär-werfenden Liberalen, identifiziert sich der „Reichianer“.

Die Ableitung und Diskussion dieses und ähnlicher Diagramme in David Boadellas Aufsatz „Social structure and character structure“ (Energy and Character, Vol. 2, No. 2, May 1971, S. 34-45) zeigt, daß Boadella nicht funktionell und bioenergetisch, sondern formalistisch und politisch denkt. Entsprechend geht es zunächst gar nicht auf die entsprechende funktionelle und bioenergetische Ableitung politischen Verhaltens des Liberalen (= verlogene oberflächliche Charakterschicht) und des Faschisten (= sadistische mittlere Charakterschicht), wie sie Reich 1942 im Vorwort zur Massenpsychologie des Faschismus präsentiert hat, ein, sondern handelt sie am Ende des Aufsatzes als eine Art Anhang kurz ab. Abschließende Sätze in Boadellas Text, in denen das Wort „liberal“ gar nicht vorkommt, – denn wenn es erwähnt worden wäre, wäre dieser ganze aufgeblasene, aber nichtsdestotrotz hohle Artikel zerplatzt.

Das obige Diagramm ist direkter Ausdruck der Charakterstruktur Boadellas und weniger einer wissenschaftlichen Aussage. Als primäre Impulse sehen wir „libertäre und arbeitsdemokratische Tendenzen“. Sie seien in der gepanzerten Gesellschaft genauso Angriffen ausgesetzt wie liberale Tendenzen auch, nur intensiver. Mit anderen Worten will Boadella tatsächlich nur eins: seine eigenen rebellischen („anarchistischen“) neurotischen Strebungen als ultimative Gesundheit darstellen im Gegensatz zu den bürokratischen Sozialisten der Labour Party und den Kommunisten auf der einen und den genauso kranken konservativen Tories und imaginären „Nazis“ auf der anderen Seite. Beide Seiten würden gleicherweise die Liberalen angreifen, die das an Rationalität vertreten, was in einer gepanzerten Gesellschaft möglich ist. Der schwarze Balken im Diagramm symbolisiere, wie die „natürlichen kooperativen Tendenzen“ der Menschen blockiert werden und entsprechend aus Arbeitsdemokraten bloße Liberale werden – die dergestalt der Gesundheit noch am nächsten stehen würden. Hier haben wird die Rechtfertigung für Boadellas windelweichen Liberalismus, wie er in Energy and Character zum Ausdruck kommt.

Die Linke, die Rechte und die Mitte (1962) (Teil 2)

12. August 2018

von Jerome Eden

Wenn die These richtig ist, daß die politischen Parteien (wie sie von den Extremen „links“ und „rechts“ deutlich gekennzeichnet werden) nichts weiter als gesellschaftliche Projektion biophysikalischer Energien sind, die vom gepanzerten Menschen zum Ausdruck gebracht werden, dann sollten wir in der Lage sein zu zeigen, daß das sich gegenseitig ausschließende, offenbar sich widersprechende Verhalten des Konservativismus contra des Liberalismus seine Wurzeln in einem gleichzeitigen, identischen gemeinsamen Funktionsprinzip hat. Lassen Sie uns dies im Sinne behalten, wenn wir einige allgemeine Kategorien untersuchen.

Genitalität: Da die Blockierung der natürlichen genitalen Äußerung und die Befriedigung bei Kindern und Heranwachsenden die Hauptursache der Panzerung ist, können wir erwarten, daß alle gesellschaftlichen Organisationen des gepanzerten Menschen im Grunde sexualverneinend sind. Beide, „die Linke“ und „die Rechte“, zeigen stets die heftigsten Reaktionen gegen jedwede natürliche Sexualreform. Alle politischen Organisationen widersetzen sich aktiv derartigen Reformen und vereinigen bei diesem Widerstand ihre Kräfte mit dem „politischen Gegner“. Gleichzeitig bedroht die Verteidigung und Bejahung eines natürlichen selbstregulierten genitalen Liebeslebens das eigentliche Fundament des politischen Irrationalismus, da es die Tür für die Entwicklung der rationalen Arbeitsdemokratie öffnet. Entsprechend ist heute das rotfaschistische Rußland in seiner Haltung zur natürlichen Sexualität weit reaktionärer als seine „reaktionären“ Gegner.

Meinungswechsel: Tagtäglich lesen wir vom Übertritt von der extremen „Linken“ zur extremen „Rechten“ und umgekehrt. Dies ist eine direkte Projektion der periodischen biophysikalischen Schwankungen von gepanzerten Äußerungen. Der Zorn des Liberalen zieht sich in die Schuld (Angst) des Konservativen zurück. Der individuelle und der gesellschaftliche Organismus kann jeweils nur ein gewisses Maß an Bewegung in jede Richtung ertragen.

Absolutismus: Beide politischen Extreme gründen ihre Ideologie auf statischen Absolutheiten. Die konservative Ideologie leitet sich vom Glauben an eine allmächtige Gottheit her, welche „unerkennbar“ ist und wissenschaftlich nicht objektiv nachgewiesen werden kann, die aber nichtsdestoweniger bestimmte Dogmen kundtut, welche von einer ausgewählten Gruppe empfangen und interpretiert werden können. Diese auserwählte Gruppe belehrt ihre Untertanen in ihrer autoritären, sexualverneinenden Ideologie, die den Massen das Gefühl von Machtlosigkeit erneut einprägt und so die Verewigung des Status quo sichert.

Im Wesentlichen leitet die liberale Ideologie ihre Autorität aus der gleichen Quelle her, obwohl sie die Existenz jeden Gottes kategorisch bestreitet, aber sie verteidigt fest ihre Position auf der Grundlage einer absoluten historischen Notwendigkeit (d.h. einem Naturgesetz, somit also Gott!). Die Propaganda über die absolute, unfehlbare Natur des „Staates“ (immer im gegenwärtigen Führer personifiziert) wird den sexualverneinenden, unterwürfigen Massen vorgesetzt, deren ruinierte Charakterstrukturen den Aufstand gegen die Tyrannei verhindern, die sie nur im Stillen erdulden können.

Überdies reagiert der statische, absolute Charakter sowohl der „Linken“ als auch der „Rechten“ mit gewalttätigem Haß auf jede Idee oder soziale Bewegung, die die „Ordnung des statischen Absolutismus“ gefährdet. Man darf z.B. reden, schreiben, forschen, Bücher herausgeben oder praktisch aktiv werden, vorausgesetzt, daß diese Tätigkeit die absolute statische Struktur des Staates akzeptiert. Ein Erzieher darf öffentlich das Erziehungssystem kritisieren, was seine Untauglichkeit, die Minderwertigkeit seiner Lehrer, die Unzulänglichkeit seiner Schüler, etc. betrifft. Aber laß ihn öffentlich die patriarchalisch-autoritäre, sexualablehnende Grundlage des Erziehungssystems verurteilen und er kann froh sein, wenn er mit heiler Haut davonkommt. Somit ist ein Maß für die praktische Freiheit, die es in jeder beliebigen Gesellschaft gibt, der Grad bis zu welchem radikale (an die Wurzel gehende) Kritik erlaubt ist und ermutigt wird.

Motive, Mittel und Ziele: Das Handlungsmotiv bestimmt die Wahl der Mittel, mit denen das Motiv zum Ausdruck gebracht wird, was wiederum das Endergebnis bestimmt. Das Motiv (oder die Anregungsenergie) der „Linken“ und „Rechten“ ist ein Ausdruck gepanzerter Organismen. Was zum Beispiel die Sexualmoral betrifft, sind konservative Sitten Kristallisationen von vorwiegend ängstlichen Gefühlen, die im Diktum „Nicht berühren!“ zusammengefaßt sind. Das bedingt die Entwicklung der ängstlichen konservativen Tabus hinsichtlich der natürlichen Sexualität. Da die konservative Motivation nicht auf der primären, natürlichen Energie beruht, folgt daraus, daß die daran anschließenden Mittel und Ziele bei Kindern und Jugendlichen zu einer Reproduktion der gepanzerten Gefühle des Konservativismus führen.

Bei der liberalen „Linken“ ist die Anregungsenergie ebenfalls eine gepanzerte Abweichung, aber in Richtung Zorn. Der Liberale setzt Mittel ein, die Ausdruck der Verachtung für die natürliche, selbstgesteuerte Genitalität sind, was sich in „Freie Liebe für alle!“ zusammenfassen läßt. Die dünn maskierte sexualablehnende Einstellung der „Linken“ wird immer dann offensichtlich, sobald der Liberalismus an die Macht kommt. Hat die Linke erst einmal die Macht erlangt, zeigt sie eine tiefsitzende Unfähigkeit, die Massen zum genitalen Glück zu führen, nach der sie suchen. Dabei offenbart sich die Linke als ein sogar noch strengerer sexueller Tyrann als ihr konservativer Gegenspieler.

Wiederum ist das CFP beider Ideologien die Angst vor der Bewegung der Lebensenergie. Deshalb ist es nicht überraschend, daß wer immer auch diese Bewegung – tiefe, energetische Bewegung – dazu bringt, in den beiden politischen Körpern zu fließen, gewärtigen muß, (von Roten Faschisten) als „Schwarzer Faschist“ oder (von Schwarzen Faschisten) als „Roter Faschist“ bezeichnet zu werden. Nichts legt so deutlich die gemeinsame gepanzerte Wurzel beider Ideologien frei wie die Tatsache, daß beide „sich bekämpfenden“ Gruppen sich stets zu gemeinsamer zerstörerischer Tat zusammengeschlossen haben, um das Wissen vom – und die Bewegung zum – Naturgesetz der Lebensenergie im Menschen zu zertrümmern.

Grundlegende Naturforschung: Da die grundlegende Naturforschung sich mit den Wurzeln der Dinge befaßt, wie sie im Naturgesetz (Gott) zum Ausdruck kommen und demonstriert werden, müssen wir darauf gefaßt sein, dieses lebenswichtige Feld menschlicher Bestrebungen übersät zu finden von Büchern, die verboten wurden, und den hingemordeten Körpern der größten Denker, Entdecker und Forscher der Menschheit – alle in der einen oder anderen Weise gekreuzigt, weil ihre Arbeit den absoluten, statischen Charakter des gepanzerten Menschen und seiner sozialen Projektionen gefährdete. Unglücklicherweise war und ist dies der Fall von Sokrates bis Wilhelm Reich.

Soweit es den gepanzerten Menschen betrifft, haben sich seine Gefühle, Gedanken und Taten in 2000 Jahren nicht um ein Jota geändert. Nur das Bühnenbild wurde umgeändert mit neuen Hintergründen, Stilformen, Kostümen und Bezeichnungen. Doch, egal in welchem Jahrzehnt oder Jahrhundert, bestimmt die Verschiebung der biologischen Energie im gepanzerten Menschen die Schwankungen von irrationaler Angst zu irrationalem Zorn, von „rechts“ nach „links“, vom Schwarzen Faschismus zum Roten Faschismus. Und diese Abweichungen werden solange andauern, bis der Mensch lernt damit aufzuhören, bei seinen Kindern in den natürlichen Fluß der Lebensenergie einzugreifen und dieser Lebensenergie erlaubt, weder nach „rechts“ noch nach „links“, sondern unbehindert den mittleren Weg des genitalen Glücks hinabzuströmen, dem einzigen Weg zu einer friedlichen, schöpferischen menschlichen Gemeinschaft.

Original veröffentlicht in der Zeitschrift Creative Process, Vol. 2, April 1962

Die Linke, die Rechte und die Mitte (1962) (Teil 1)

10. August 2018

von Jerome Eden

Die in der Kindheit und Jugend beginnende Behinderung des natürlichen genitalen Ausdrucks im Menschentier ist ein Hauptfaktor bei der Bildung der chronischen Muskelpanzerung unserer Spezies. Der Muskelpanzer dient der Bindung und Drosselung des gefühlsbetonten Ausdrucks von Angst, Zorn und insbesondere von Liebe. Jedoch sind diese emotionalen Ausdrucksformen im Individuum niemals vollständig gebunden und gedrosselt, sie stellen deshalb die Energie für das Sozialverhalten und die gesellschaftlich Organisation des Menschen zur Verfügung.

Neben der Abtrennung des Menschen vom Kontakt mit seinen einheitlichen Wurzeln in der Natur führt die Panzerung dazu, die Äußerungen des Menschen in, auf den ersten Blick polar entgegengesetzten, unvereinbaren Zweiheiten aufzuspalten. Zum Beispiel ist der gepanzerte Mensch gleichzeitig pornographisch und zwanghaft moralisch. Er organisiert Gesellschaften zur Verhinderung von Grausamkeiten an Tieren, kerkert jedoch „jugendliche Straffällige“ dafür ein, daß sie es gewagt haben ihre naturgegebene genitale Liebe zum Ausdruck zu bringen. Er gesellt sich Suchtrupps bei, um eine verlorengegangene Welpe zu suchen, metzelt dann aber Tausende von Rehen zum „Sport“ nieder. Für „die Entwicklungshilfe“ gibt er Millionen von Dollar aus, um sie dann zu atomarer Asche zu pulverisieren. Er schickt Millionen von Nahrungspaketen nach Übersee, pflügt jedoch hektarweise Weizen unter und bestraft Farmer, wenn sie ihre „Quote“ überschritten haben. Sehnsüchtig schreibt er von „Unabhängigkeit“, „Freiheit“ und „Gleichheit“, zerschlägt aber jeden praktischen Schritt hin zur Verwirklichung dessen, wovon er nur träumen kann. Kurz gesagt, ist der gepanzerte Mensch ein Widerspruch aus verzerrten Lebensäußerungen, irrational, willkürlich und ohne Sinn und Verstand. Wir verdanken der Arbeit von Dr. Wilhelm Reich, daß wir die logische Notwendigkeit dieses Irrsinns verstehen können. Es ist Dr. Reichs funktionelle Denktechnik, eine Denktechnik, deren leitendes Prinzip „die Identität der Variationen in ihrem gemeinsamen Funktionsprinzip (common functioning principle, CFP)“ ist, die es uns ermöglicht, in dieser Unordnung einen Sinn auszumachen.

Schauen wir, ob wir diese Denktechnik auf die gegenwärtigen politischen Aktivitäten anwenden können. Im Bereich der Politik (die Machtorganisation des gepanzerten Menschen) finden wir zwei antagonistische, sich offenbar gegenseitig ausschließende politische Philosophien – Liberalismus und Konservatismus. In der Theorie tritt der Liberale für soziale Reformen ein und arbeitet aktiv darauf hin, derartige Reformen entweder jetzt gleich oder in der nahen Zukunft zu verwirklichen. Auf der anderen Seite befürwortet der Konservative in allen Dingen eine Verewigung des Status quo und der konservative Einfluß macht sich mehr als ein passiver, zurückhaltender Bremsmechanismus gegen jede Bewegung hin zur sozialen Veränderung geltend.

Während Perioden relativer gesellschaftlicher Stabilität hält die eine Gruppe eine Haltung freundlicher Toleranz gegen die andere aufrecht. Ökonomischer und sozialer Druck mobilisiert jedoch diese Gruppen zu immer heftigeren Gefühlsäußerungen von Feindseligkeit. Und Perioden gesellschaftlicher Krisen zwingen die Gruppen, die jeweils andere für nationale und internationale Probleme verantwortlich zu machen.

Immer wenn gesellschaftliche Spannungen zunehmen, zeigen sich die spezifischen Eigenschaften der jeweiligen Gruppe deutlich in ihren Extremen. So finden wir, daß der extreme Liberale („links“) den Roten Faschismus und der extreme Konservative („rechts“) den Schwarzen Faschismus befürwortet. Um die Dynamik dieser Situation zu verstehen, müssen wir zu unserem Wissen über die Panzerung im Menschentier zurückkehren, der Wurzel und Quelle allen irrationalen politischen Lebens.

Die Funktion des Muskelpanzers liegt darin, ein Niveau des Energiemetabolismus aufrechtzuerhalten, den das Individuum von seiner Struktur her aushalten kann. Jedes ungewohnte Ansteigen oder jede ungewohnte Bewegung der biologischen Lebensenergie wird vom gepanzerten Menschen als Angriff gegen seine Struktur empfunden, da diese Bewegung entsprechende Verschiebungen in starren Organismen erfordert, um das autonome Bewegungsvermögen zu blockieren. Selten wird ungebundene Energie als lustvoll empfunden und der gepanzerte Mensch bringt diese bewegliche Energie entweder als Angst oder als Zorn zum Ausdruck. Daraus folgt, daß alle politischen Organisationen, die von gepanzerten Menschen aufgebaut werden, nichts weiter als vergesellschaftete Projektionen biophysikalischer Zustände sind. Derartige gesellschaftliche Strukturen sind notwendig, um sozial akzeptable Ventile für sekundäre ungebundene Energie zur Verfügung zu stellen. Daher ist das konservative („rechte“) Lager die soziale „Heimat“ für die Angst des gepanzerten Menschen, während sein Zorn sich im „linken“ Lager der Liberalen zu verankern sucht.

An diesem Punkt wäre es von Vorteil, wenn wir uns daran erinnern, daß wir es mit den dynamischen Funktionen der Panzerung und damit mit ihren gesellschaftlichen Projektionen zu tun haben. Daher kann jedes Konzept, das derartige bewegliche, sich dauernd ändernde Zustände beschreiben soll, dies bestenfalls näherungsweise leisten. Der gepanzerte Mensch ist nie ein Lebewesen, das entweder vollständig von Zorn oder vollständig von Angst bestimmt wird. In jedem gegebenen Moment bestehen beide sich einander ausschließenden Äußerungen im gepanzerten Lebewesen und beide finden ihr gemeinsames Funktionsprinzip (CFP) in den tiefsten, ursprünglichen Äußerungen des Liebeslebens des Organismus. Diese Faktoren gelten auch bei den Organisationen, welche ihre Existenz aus den gepanzerten Strukturen herleiten.

[Nachbemerkung des Übersetzers: Edens Ausführungen können gewisserweise als Einführung in den Artikel von Paul Mathews gelten, der hier demnächst veröffentlicht werden wird und dessen Illustration umgekehrt erst Edens Ausführungen verständlich machen wird.]

Der biologische Rechenfehler und die gegenwärtigen Probleme des Menschen (Teil1)

14. Juni 2018

von Paul Mathews, M.A.*

In einem früheren Artikel für diese Zeitschrift (1) habe ich die orgonomische Anklage gegen den modernen Liberalismus dargelegt. Ich werde nun versuchen, die diesem Artikel zugrundeliegende These, dass der Mensch bei all seinen Versuchen einer Problemlösung die überragende Bedeutung der bioenergetischen Faktoren nicht erfasst, weiter zu vertiefen. Auf dieser Weise werde ich einige allgemeine, aber lebenswichtige Probleme ansprechen, die die Menschheit bedrängen und sie unter funktionellen Gesichtspunkten diskutieren. In zukünftigen Artikeln werde ich jedes der hier skizzierten Probleme eingehender untersuchen.

Mehr als 25 Jahre sind vergangen, seit Wilhelm Reich den „biologischen Rechenfehler im menschlichen Freiheitskampf“ (2) erläuterte: es gibt noch keine überzeugenden Beweise dafür, dass die entscheidende Erkenntnis verstanden wurde.

Im Wesentlichen entdeckte Reich, dass die Wurzel der soziopolitischen (wie auch der intrapsychischen) Pathologie des Menschen seine biologische Panzerung ist, die durch die Unterdrückung der Genitalität im Säuglings- und Kindesalter hervorgerufen wird.

Orgastische Impotenz, verankert in Muskelspasmen, manifestiert sich in mystischen und mechanistischen Verzerrungen des Denkens und Verhaltens sowie in autoritären oder zügellosen soziopolitischen Systemen. Diese gegensätzlichen Ausdrucksweisen menschlichen Verhaltens, Mystizismus und Mechanismus, Autoritarismus und Zügellosigkeit, teilen dementsprechend ein gemeinsames Funktionsprinzip, die orgastische Impotenz. Vom funktionellen Standpunkt ist es sowohl irrational, absolute, uneingeschränkte Freiheit und sofortige Befriedigung zu fordern, als auch alle Freiheiten und das Streben nach möglichen Veränderungen in der Gesellschaftsordnung zu unterdrücken. Der Faschismus des „kleinen Mannes“ manifestiert sich in beiden Extremen. Der Grad der zulässigen Freiheit und die Geschwindigkeit der Veränderung sollten mit der biologischen Fähigkeit des Menschen zur verantwortungsvollen Selbstregulierung in Einklang stehen. Funktionelles Denken, das auf dem Naturgesetz und wissenschaftlicher Erkundung beruht, kann nützliche Maßstäbe bieten.

Das Studium der Geschichte zeigt, dass die Menschheit periodisch von autoritärer Unterdrückung (Mittelalter, Inquisition, Hitlerismus, roter Faschismus usw.) zu Zeitabschnitten sogenannter Aufklärung, Vernunft und Freiheit pendelt, die früher oder später zu Zügellosigkeit degenerierten.

Gegenwärtig erleben wir angeblich einen großen Schwung in Richtung „Freiheit“. Angeblich sind die Zeichen dieses Schwungs die sexuelle „Revolution“, die Anti-Kriegs- und Anti-Establishment-Bewegungen, die Anti-Armuts-Kampagne, das Streben nach rassischer Gleichheit und Gerechtigkeit und die Campus-Rebellionen.

Kann die seit Jahrtausenden gepanzerte Menschheit plötzlich wie der Phönix aus der Asche der heutigen Zivilisation auftauchen und eine „schöne neue Welt“ erschaffen – oder stehen wir wieder einmal vor der Fata Morgana und der Scharade der Freiheitskämpfe, die nichts anderes sind als die Entfesselung sekundärer Triebe? Ich werde versuchen, diese Fragen im Lichte der folgenden vorrangigen zeitgenössischen Probleme zu klären: Krieg und Frieden, Rassismus, Jugend und die emotionale Pest.

 

Fußnoten

* Pädagoge, Sprachlehrer und Kliniker. Doktorand der Psychologie, New York University. Mitglied des American College of Orgonomy. [Anm. d. Übers.: Paul N. Mathews (1924-1986)]

 

Literatur

1. Mathews, P.: „A Functional Understanding of the Modern Liberal Character“, Journal of Orgonomy, 1:138-148, 1967
2. Reich, W.: The Mass Psychology of Fascism. New York: Orgone Institute Press, 1946

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 4 (1970), Nr. 1, S. 111-125.
Übersetzt von Robert (Berlin) mit Unterstützung von Peter Nasselstein

Peter das Haßhäschen

26. April 2018

Was ist Haß? Aufgestaute Aggression, d.h. der Affekt des „Jetzt reicht‘s!“ Aggression ist eine Expansion, die in die Muskulatur geht. Dem Linken ist der Haß fremd, nicht nachvollziehbar und überhaupt das Schrecklichste und Beängstigendste, was er sich vorstellen kann. Das ist so, weil seine neurotische Abwehr gegen die Orgonenergie-Ströme in seinem Organismus nicht wie beim Konservativen muskulär ist, sondern intellektuell. Er kennt richtige Haßgefühle gar nicht. Er kennt nur Ressentiment und Verachtung, d.h. die Verlagerung der Energie weg vom Genital in den Kopf hinein.

Man braucht nur das Radio oder den Fernseher anmachen bzw. eine Zeitung aufschlagen… Etwa beim Thema „Trump“: Aus jedem Satz über ihn spricht eine schneidende Verachtung. Daneben scheint es nur noch ein weiteres Thema zu geben: die Gesellschaft vor „Häjt Spietsch“ zu schützen.

Verachtung ist in jedem Fall irrational, pestilent und verdammenswert. Verachtung ist eine zusätzliche Qualität, die dem Lebendigen fremd ist. Hingegen kann das Lebendige selbstverständlich hassen. Der einzige Unterschied ist hier die Quantität. Die orgastische Potenz sorgt dafür, daß sich nichts über die Maßen aufstauen kann (siehe oben die erste Zeile!). Beim faschistischen „Hasser“ hingegen brodelt es inwendig ständig und da politischer Extremismus nicht nur mit extremer orgastischer Impotenz, sondern immer auch mit einer starken Augenpanzerung einhergeht, werden mit diesem vollkommen überdrehten Haß auch noch die falschen Objekte bedacht. So wird beispielsweise der Kampf gegen „Kommunismus und Liberalismus“ unversehens ein Vernichtungsfeldzug gegen „die Juden“. Dabei fühlt sich der Faschist hundertprozentig im Recht, denn er „wehrt sich ja nur“.

Arbeitsdemokratie (Teil 2)

21. April 2018

Übersetzung eines Auszugs aus einem Kommentar des medizinischen Orgonomen David Holbrook, M.D. auf Dr. Konias Blog. Hier abgedruckt mit freundlicher Genehmigung des Autors

Reich zufolge war, statt Fragen der Wirtschaft oder der Klasse, die verkrüppelte Charakterstruktur der Massen und ihre Unfähigkeit, Verantwortung für ihre eigene Freiheit zu übernehmen, das, was die Menschheit daran gehindert hat, eine rationalere Gesellschaftsstruktur zu entwickeln:

Die soziale Gewissensfrage lautet heute nicht mehr in erster Linie: „Bist du reich oder bist du arm?“, sondern: „Bist du und kämpfst du für Sicherung und größtmögliche Freiheit des menschlichen Lebens?“ (Reich, W. 1949/1966 (ursprünglich 1929 verfaßt). Die sexuelle Revolution: Zur charakterlichen Selbststeuerung des Menschen, vierte Auflage. Frankfurt: Fischer TB, S. 13)

Gemeint ist die echte Freiheit der persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklung, die Freiheit von Lebensangst, von ökonomischer Unterdrückung welcher Form immer, die Freiheit von reaktionären Hemmungen der Entwicklung, kurz, die freiheitliche Selbstverwaltung des Lebens. Befreien wir uns von allen Illusionen. In der Menschenmasse selbst wirkt eine reaktionäre, mörderische, entwicklungshemmende Macht, die alle Anstrengungen der Freiheitskämpfer immer wieder zuschanden macht. Diese reaktionäre Macht in den Menschenmassen erscheint als allgemeine Angst vor Verantwortung und als Angst vor Freiheit. Dies sind keine moralischen Werturteile. Diese Angst wurzelt tief in der biologischen Konstitution des heutigen Menschen. (Reich, W. (1946). Die Massenpsychologie des Faschismus. Dritte korrigierte und erweiterte Auflage. Frankfurt: Fischer TB, S. 294, Hervorhebungen im Original)

Reich beschrieb sich grundsätzlich als Liberaler, aber er meinte mehr eine Art Psychobiologie als eine politische Ideologie:

(…) es scheint so, daß Entwicklung, Freiheit, Unendlichkeit und Indeterminismus sich zu einer Gruppe von Variationen zusammenschließen, die mit der anderen Reihung, Struktur, Gesetz, Endlichkeit und Determinismus gepaart sind. Noch mal, diese Gruppierung hat überhaupt nichts mit Ideologien zu tun. Ich persönlich würde geneigt sein, der ersten Reihung von Variationen der zweiten vorzuziehen. Der ideologisch konservative Geist hingegen würde den zweiten Satz bevorzugen. (Reich, W. Oktober 1950. Finity and infinity; determinism and freedom, Orgone Energy Bulletin Vol. 2, No. 4, S. 175)

Obwohl er sich vom Konservativen abgrenzte, erkannte er die tragischen Grenzen der liberalen Ideologie:

In den ethischen und sozialen Idealen des Liberalismus erkennen wir die Vertretung der Züge der oberflächlichen, auf Selbstbeherrschung und Toleranz bedachten Charakterschichte. Dieser Liberalismus betont seine Ethik zum Zwecke der Niederhaltung des „Untiers im Menschen“, unserer zweiten Schichte der „sekundären Triebe“, des Freudschen „Unbewußten“. Die natürliche Sozialität der tiefsten, dritten Schicht, der Kernschichte, ist dem Liberalen fremd. Er bedauert und bekämpft die menschliche Charakterperversion mittels ethischer Normen, aber die sozialen Katastrophen des XX. Jahrhunderts lehrten, daß er damit nicht weit kam. (Reich, W. (1946). Die Massenpsychologie des Faschismus, S. 12)

Der Freiheitskrämer [d.h. der Pseudo-Liberale] macht aus der Wahrheit einen Köder, um die Menschen in eine Falle zu locken. Wahrheit ist für ihn ein „Ideal“ und nicht die Art und Weise, in der alle Angelegenheiten erledigt werden. Ist er rechthaberisch, so glaubt er, daß er die Wahrheit verteidigt. Der Konservative, der aus der instinktiven Kenntnis der großen Schwierigkeiten, die mit dem Streben nach Wahrheit verbunden sind, den STATUS QUO im gesellschaftlichen Leben verteidigt, ist weit ehrlicher. Er hat wenigstens eine Chance, anständig zu bleiben. DER FREIHEITSKRÄMER DAGEGEN MUSS SEINE SEELE DEM TEUFEL VERKAUFEN, WENN ER VORANKOMMEN WILL. (Reich 1953, Christusmord, Freiburg: Walter-Verlag, S. 307; Hervorhebungen und der eingeklammerte Text von Dr. Holbrook)

Die Wahrheit ist, daß Reich keine politische Lösung für die sozialen Probleme der Menschheit angestrebt hat:

Die politikante Form der Regierung über Völker muß durch die naturwissenschaftliche Lenkung sozialer Prozesse abgelöst werden. (Die sexuelle Revolution, S. 16)

Reichs Ansicht war, daß die Menschen nicht in der Lage sein werden, eine gesunde Gesellschaft zu bilden oder eine gesunde Form gesellschaftspolitischen Funktionierens zu bilden, bis nicht die Menschenmassen ausreichend frei von Panzerung sind, um zur genitalen Liebe fähig zu sein: Genitalität.

Der Kern der praktisch-politischen Psychologie ist die Sexualpolitik; denn der Kern des seelischen Funktionierens ist die sexuelle Funktion. (ebd., S. 19)

(…) die seelische Struktur (ist) in ihrem Kern Sexualstruktur und der Kulturprozeß (ist) im wesentlichen sexueller Bedürfnisprozeß (…) (ebd., S. 20)

Ich denke, diese Passagen machen ziemlich deutlich, was Reich hinsichtlich der Lösung des menschlichen Elends nicht glaubte. Die Frage bleibt: Wie würde eine echte „Arbeitsdemokratie“ aussehen? Wie würden sich die „Arbeitsbeziehungen“ in einer solchen Gesellschaft in Bezug auf die Wirtschaftsstruktur praktisch gestalten? Sicherlich müßte die Gesellschaft eine Wirtschaftsstruktur haben, auch wenn es sich um eine genitale Gesellschaft handelt.

Es scheint mir, daß Reichs Sprache und Denken eine Art von Wirtschaftssystem nahelegen, das den einzelnen Bürger dazu verpflichten und befähigen würde, Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen und gleichzeitig für Freiheit der Bewegung und die Funktionsfähigkeit zu sorgen. Es scheint mir, daß eine klassische liberale (nicht moderne, pseudo-liberale) Form des demokratischen Kapitalismus den Menschen die größten Möglichkeiten bietet, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen und die Freiheit zu haben, ihre biologische Energie auf gesunde Weise auszudrücken.

Eine funktionelle Auffassung des modernen liberalen Charakters (Teil 7)*

10. April 2018

von Paul Mathews

Die moderne liberale Pest wurde für eine eingehendere Untersuchung nicht etwa deshalb ausgewählt, weil ich die Macht und das Vordringen anderer Formen der Pest, ob organisiert oder nicht, außer Acht lasse. Es geschah, weil der moderne Liberalismus der gegenwärtige Ausdruck des umfassenden, vorherrschenden Zustands ist, der für den Erfolg aller Pestreaktionen sorgt. Wo immer eine lebenszerstörende Kraft – sei es der rote oder der schwarze Faschismus, ein mörderischer Verbrecher oder ein randalierender Mob, ein psychopathischer Hausierer utopischer Drogenwelten oder sexueller Pornographie und Zügellosigkeit – im Namen von „Frieden“, „Gerechtigkeit“ und „Freiheit“ verteidigt werden soll, steht der moderne Liberale mit seiner Unterstützung bereit, bietet seine ritualisierten Parolen an und signalisiert Tugendhaftigkeit.

Sozio-politische Probleme erscheinen komplex, weil sie im Grunde genommen ein Überbau sind, der aus frühesten Blockaden (Panzerung) erwächst. Der rote Faden der Einfachheit, der von den Liberalen so gescheut wird, wird wegen der Blindheit und Unkenntnis des Menschen gegenüber den bioenergetischen Faktoren, die dem Charakter des Menschen innewohnen, übersehen. Es gibt eine bestechende und, wie ich glaube, unbestreitbare Analogie zwischen Reichs Schema der menschlichen Struktur der Panzerung und der Struktur des sozio-politischen Dilemmas der gepanzerten Menschheit (7):

Kurz gesagt, wir haben das Bild einer komplizierten Struktur der Panzerung, in der das Verdrängte und das Verdrängende keineswegs getrennt sind, sondern in einer komplexen und scheinbar ungeordneten Weise miteinander verflochten sind. Es ist nur die charakteranalytische Arbeit, die Ordnung ins Bild bringt, eine Ordnung, die der Geschichte der Struktur entspricht . . . es ist offensichtlich, dass der Prozess nicht durch irgendein mechanistisches oder systematisches Denken verstanden werden kann, sondern nur durch funktionelles und strukturelles Denken.

Der Liberale versteht weder dies noch die enorme Kluft zwischen der Sehnsucht des Menschen und seiner Fähigkeit zur Erfüllung. Er wählt deshalb unterschiedliche mechanistische Programme zur Besserstellung des Menschen, die sich eher an Illusionen als an der Realität orientieren. Er verbündet sich mit den schlimmsten Feinden einer wirklichen Besserung oder provoziert Unruhen, Mord, Anarchie und Chaos – Produkte der Frustration, die er mit seinen illusorischen Hoffnungen und Versprechungen erzeugt. Um jeden Preis muss er eine monolithische Welt aufbauen, in der Bewegung und gesunde Aggression zum Stillstand kommen: das ist der „Frieden“, der für seinen gepanzerten Organismus am angenehmsten ist.

Zusammenfassend teilt der moderne Liberale die folgenden Merkmale in unterschiedlichem Maße mit dem voll entfalteten emotionalen Pestcharakter, im Detail beschrieben von Reich (7s) und Baker (1):

  1. Er funktioniert hauptsächlich in der oberflächlichen Schicht (Fassade) der psychischen Struktur.
  2. Seine Panzerung ist so beschaffen, dass er natürliche bioenergetische Bewegungen oder Strömungen in seinem eigenen Organismus nicht tolerieren kann (lebensnegative Einstellung).
  3. Ebenso kann er es nicht ertragen, sie in irgendeinem anderen Organismus zu sehen oder zu spüren, da dies unerträgliche Angst und Hass hervorruft.
  4. Er bürdet seiner Umwelt deshalb rigide Anforderungen auf, die darauf gerichtet sind, gesunde Bewegung und Aggression außer Kraft zu setzten. Er tut dies auf dem Altar des Gemeinwohls, und er glaubt wirklich an die Ehrenhaftigkeit seiner Sache.
  5. Sexuell ist er ein überzeugter Freund des Pornographischen und Ungesunden (seine großzügige Toleranz) und der Erzfeind der natürlichen Genitalität in all ihren Erscheinungsformen.
  6. Er inthronisiert Vernunft und Intellekt und zieht die Energie vom Becken zum Kopf hinauf. Er ist daher kontaktlos und durch seine besondere Art der Panzerung von seinem natürlichen Kern und seinen genitalen Gefühlen abgeschnitten.

Wenn man das berücksichtigt, rückt das Paradoxon des modernen Liberalen – zugleich lebensnegativ und „Weltverbesserer“ zu sein – deutlich in den Brennpunkt.

[Ende des Artikels]

 

* Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 1 (1967), Nr. 1 & 2, S. 138-148.
Übersetzt von Robert (Berlin) mit Unterstützung von Peter Nasselstein.

 

Anmerkungen des Übersetzers

s Charakteranalyse, Kapitel 6, „Die emotionale Pest“.

 

1. Baker, E.F.: Man in the Trap. New York: Macmillan Co., 1967
7. Reich, W.: Character Analysis. 3. erw. Aufl. New York: Orgone Institue Press, 1949