Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 18)

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

VII. Arbeitsdemokratie und Selbstregulierung

Der Leser würde die Orgonomie gründlich mißverstehen, hätte er den Eindruck, die Orgonomie sei eine individualistische oder gar biologistische Theorie, die die sozio-ökonomische Bedingtheit der menschlichen Existenz außer acht lasse, und stattdessen die Orgasmusunfähigkeit des einzelnen für gesellschaftliche Mißstände verantwortlich mache. Die Orgonomie ist keineswegs blind für gesellschaftliche Verhältnisse. Sie stellt Gesellschaftstheorie vielmehr auf ein naturwissenschaftlich begründetes Fundament.

Die menschliche Gesellschaft ist von Beginn der Geschichtsschreibung an geprägt durch eine gepanzerte Charakterstruktur des Menschen, die die Geschichte entscheidend mit geformt hat, und die durch den gesellschaftlichen Erziehungsprozeß von Generation zu Generation mitgeschleppt wurde und so auch die verschiedenen sozialen Revolutionen überstand. Die Anschauung, man müsse die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse verändern, um die Charakterstruktur des Menschen zu verändern, wird z.B. widerlegt durch die Erfahrungen der russischen Oktoberrevolution. Eine bloße Veränderung der ökonomischen Grundlagen ist alleine nicht in der Lage, dem Menschen zu einer freiheitlichen Charakterstruktur zu verhelfen.1 Die Frage nach dem Ursprung der menschlichen Panzerung kann von der Orgonomie bislang nicht eindeutig beantwortet werden. Reich glaubte entgegen seiner früher vertretenen Auffassung, daß die wirtschaftliche Situation nicht ursprünglich für die Entstehung der Panzerung verantwortlich ist. „Wir wissen, daß es größtenteils sozio-ökonomische Einflüsse (Familienstruktur, kulturelle Vorstellungen vom Gegensatz zwischen Natur und Kultur, Anforderungen der Zivilisation, mystische Religionsvorstellungen usw.) sind, die die Panzerung in jeder neugeborenen Generation von Kindern reproduzieren. Diese Kinder werden als Erwachsene ihre eigenen Kinder zwingen, sich zu panzern, bis endlich irgendwo eines Tages die Kette unterbrochen wird. Die heutige gesellschaftliche und kulturelle Reproduktion der Panzerung bedeutet nicht, daß es in der weit zurückliegenden Vergangenheit der Menschheitsentwicklung, als die Panzerung zum ersten Male einsetzte, ebenfalls sozio-ökonomische Einflüsse waren, die den Panzerungsprozeß in Gang setzten. Es scheint eher umgekehrt gewesen zu sein: Die Panzerung dürfte zuerst dagewesen sein, und die sozio-ökonomischen Prozesse, die heute und während der ganzen uns schriftlich überlieferten Geschichte immer wieder gepanzerte Menschen hervorgebracht haben, waren nur die erste wichtige Folge der biologischen Verirrung des Menschen.“2 Die Panzerung des Menschen, die Reich als biologische Verirrung bezeichnet, weil sie die natürliche Orgonenergiepulsation im Menschen unterdrückt, reißt den Menschen aus seiner harmonischen Verwurzelung in der Natur. Natur und Kultur werden Gegensätze, ebenso Individuum und Gesellschaft, Triebanspruch und Triebverzicht.

Eine Gesellschaft kann nur dann in Übereinstimmung mit ihren natürlichen Funktionen existieren, wenn die einzelnen Gesellschaftsmitglieder in Harmonie mit ihrer natürlichen Lebensenergie leben. Die patriarchalisch-autoritäre Ära der Menschheitsgeschichte hat die sekundären asozialen Triebe des Menschen, die Resultat des Verlustes der freien Energieströmung und der Charakterpanzerung sind, durch zwangsmoralische Verbote in Schach zu halten versucht. „So kam der fragwürdige Kulturmensch dazu, ein strukturell dreifach geschichtetes Lebewesen zu werden. An der Oberfläche trägt er die künstliche Maske der Selbstbeherrschung, der zwanghaft unechten Höflichkeit und der gemachten Sozialität. Damit verdeckt er die zweite Schicht darunter, das Freudsche ‚Unbewußte‘, in dem Sadismus, Habgier, Lüsternheit, Neid, Perversionen aller Art etc. in Schach gehalten sind, ohne jedoch das Geringste an Kraft einzubüßen. Diese zweite Schicht ist das Kunstprodukt der sexualverneinenden Kultur und wird bewußt meist nur als gähnende innere Leere und Öde empfunden. Hinter ihr, in der Tiefe, leben und wirken die natürliche Sozialität und Sexualität, die spontane Arbeitsfreude, die Liebesfähigkeit. Diese letzte und dritte Schicht, die den biologischen Kern der menschlichen Struktur darstellt, ist unbewußt und gefürchtet. Sie widerspricht jedem Zug autoritärer Herrschaft und Erziehung. Sie ist gleichzeitig die einzige reale Hoffnung, die der Mansch hat, das gesellschaftliche Elend einmal zu bewältigen.“3 Nach orgonomischer Auffassung ist der biologische Kern, gebildet von der im Innern des Menschen pulsierenden Lebensenergie, die funktionell identisch ist mit der kosmischen Orgonenergie, in der Lage, das menschliche soziale Verhalten ohne zwangsmoralische Vorschriften selbstregulierend zu organisieren. Anders formuliert: Eine Gruppe ungepanzerter Menschen verhält sich natürlich und spontan und bildet eine soziale Gemeinschaft, die in Übereinstimmung mit den natürlichen Funktionen harmonisch zusammenlebt.

Die Wiederherstellung der Fähigkeit zur Selbstregulierung beobachtete Reich bei Patienten, die ihre orgastische Potenz wiedererlangten. Sie ist dem heutigen Massenmenschen fremd, da er im Grunde freiheitsunfähig und autoritätssüchtig ist, unfähig, spontan zu reagieren, weil er sich auf sich selbst nicht verlassen kann. In unserer Gesellschaft wird die Selbstregulierung überdeckt und bekämpft von der sogenannten emotionellen Pest. Unter diesem Begriff verstand Reich „die Summe sämtlicher irrationalen Lebensfunktionen“,4 die sich als Konsequenz der Panzerung ergeben. Das irrationale Verhalten, das gegenwärtig in Form von Politik die Lebensverhältnisse der Menschen bestimmt, steht in schroffem Gegensatz zum natürlichen Arbeitsprozeß der Menschen. Reich war der Ansicht, der Arbeitsprozeß des Menschen sei grundsätzlich rational bestimmt. Als Beispiel führt er an, daß zwei oder mehr Menschen rationale Beziehungen zueinander entwickeln, solange sie gemeinsame sachliche Arbeitsprobleme bewältigen, sie zerstreiten sich aber sobald ideologische Anschauungen in die zwischenmenschlichen Beziehungen eingebracht werden. Die rationale Arbeitsfunktion bildet die Grundlage dessen, was Reich „Arbeitsdemokratie“ nannte. Arbeitsdemokratie bezeichnet die vorhandene Realität (nicht Ideologie) der in sich rationalen Arbeitsbeziehungen zwischen den Menschen, die die Grundlage aller gesellschaftlichen Errungenschaften sind. Diese natürlichen Arbeitsbeziehungen werden gegenwärtig durch die weit verbreitete Panzerung und durch politische Ideologien verzerrt.5

 

Fußnoten

  1. Vgl. Reich, W., Die sexuelle Revolution. Frankfurt 19711, S. 140 Anmerkung 2
  2. Reich, W., Ausgewählte Schriften, a.a.O. S. 544f
  3. Reich, W., Die Entdeckung… Die Funktion des Orgasmus, a.a.O. S. 175f
  4. Reich, W., Massenpsychologie des Faschismus, Frankfurt 1974 S. 330
  5. Vgl. ebenda S. 318–347

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Eine Antwort to “Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 18)”

  1. Tzindaro Says:

    If the whole human race were to become healthy civilization would collapse. No healthy person would consent to spend their working lives doing most of the jobs that need doing in an industrial culture. Nobody in touch with their bodies and emotions could work in a coal mine, for example, so there would be no coal mined. Nobody with contact with biological instincts would build nuclear power plants or nuclear weapons, or in fact, any form of polluting industry. No sane person would dam rivers, cut down forests, build roads, work in factories, or engage in any of the other everyday jobs that civilization depends on. Healthy humans would not pay taxes, obey orders from police, follow a plough for hours each day, force their children to sit for most of their childhood in classrooms, believe in silly religions, watch TV, be interested in spectator sports like football, or waste time and effort building huge buildings for ceremonial purposes.

    A healthy culture would be a culture of hunter-gathers, low-tech, probably about the same as in Neolithic times, with a low enough population density that the earth could support it without ecological disaster being inevitable.

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