Arbeitsdemokratie, Emotionelle Pest und Sozialismus (Teil 19)

Um das Verschwörungsdenken zu durchschauen, muß man die Problematik von bio-psychologischer Seite betrachten. Wir sind gezwungen, die Welt als Modell zu erfassen. Bevor der Affe von einem Ast zum anderen springt, muß er erst in einer inneren Bühnenaufführung (ähnlich einem Traum) das ganze durchspielen. So begreifen wir die Welt – als Kasperletheater und nicht als einen funktionellen Zusammenhang. Das wäre nicht so schlimm, wären wir nicht gepanzert und würden uns ob dieser Kontaktlosigkeit nicht ständig paranoiden Unsinn zusammenphantasieren, so als würden wir ständig in der Traumwelt leben, die Freud 1900 analysiert hat. Eine illusionäre Welt, die von unserem Unbewußten (= Panzerung) bestimmt wird – so daß wir, um im obigen Bild zu bleiben, stets den Ast verfehlen. Rationalisiert wird das ganze, weil das Unbewußte tatsächlich den Alltag bestimmt: ständig müssen wir die Motive unserer Mitmenschen (und unsere eigenen!) hinterfragen – ständig wittern wir „Verschwörungen“.

1901 führte Freud das Konzept der „unbewußten Absicht“ in seiner Psychopathologie des Alltagslebens ein, als er etwa anmerkte: „Wenn man die (von ihm dargelegten) Fälle von Verlegen übersieht, wird es wirklich schwer anzunehmen, daß ein Verlegen jemals anders als infolge einer unbewußten Absicht erfolgt.“ Oder er weist auf den Gleichmut hin, mit dem man reagiert, wenn „unabsichtlich“ ein Geschenk zerbricht, das man gar nicht haben wollte, was „wohl als Beweis für das Bestehen einer unbewußten Absicht bei der Ausführung in Anspruch genommen werden (darf)“. Die unbewußte Absicht zeigt sich im nicht zum Malheur passenden Affekt. Das ganze Buch handelt davon, daß „zufällige“ Aktionen letztendlich doch absichtlich erfolgen. Er selbst faßt seine Schrift wie folgt zusammen:

Als das allgemeine Ergebnis der vorstehenden Einzelerörterungen kann man folgende Einsicht hinstellen: Gewisse Unzulänglichkeiten unserer psychischen Leistungen (…) und gewisse absichtslos erscheinende Verrichtungen erweisen sich, wenn man das Verfahren der psychoanalytischen Untersuchung auf sie anwendet, als wohlmotiviert und durch dem Bewußtsein unbekannte Motive determiniert.

Freud schreibt: „Die bisher beschriebenen Handlungen, in denen wir die Ausführung einer unbewußten Absicht erkannten, traten als Störungen anderer beabsichtigter Handlungen auf und deckten sich mit dem Vorwand der Ungeschicklichkeit.“ Das ist bemerkenswert, spricht er doch im Grunde von Panzerung!

Auch Reich spricht von „unbewußter Absicht“ und setzt sie mit einer „charakterlichen Hemmung“ bzw. einer „strukturellen Absicht“ gleich (Äther, Gott und Teufel, S. 80). Auch anderswo kommt bei ihm diese Begrifflichkeit vor: „Die Vermeidung oder zwangsmoralische Beurteilung der Sexualprobleme ist eine absichtliche, wenn auch meist unbewußte Haltung der Erzieherschaft und Ärzteschaft“ (Der Krebs, Fischer TB S. 410).

Das ganze erinnert natürlich an Reichs Darstellung der pestilenten Reaktion. Bei dieser „sind die Motive des Handelns regelmäßig vorgeschoben; das angegebene Motiv deckt sich niemals mit dem wirklichen Motiv, gleichgültig, ob das letzte bewußt oder unbewußt ist“ (Charakteranalyse, KiWi, S. 340f). Der pestilente Charakter agiert unter einem „strukturellen Zwang“ und kommt dabei nie ins Schwanken, was seine Motive betrifft. Ganz anders der neurotische Charakter, der ständig an sich zweifelt, innerlich zerrissen ist und keinen wirklichen Antrieb hat.

Wenn letzterer das obenerwähnte Geschenk in „unbewußter Absicht“ zerbricht, ist das so etwas wie die Kompromißlösung eines Feiglings, der Angst vor klaren Worten und offener Konfrontation hat. Das Geschenk ist „halt kaputtgegangen“. Ganz anders die Reaktion des pestilenten Charakters, der in dem Geschenk vielleicht eine geheime Aggression gegen sich sieht und dich deshalb bestrafen will und auf jeden Fall alles tut, nicht etwa deine Gefühle zu schonen, sondern ganz im Gegenteil dich als Verlierer dastehen zu lassen. Auf der einen Seite haben wir entsprechend die ständig unsicheren und zweifelnden Massen und auf der anderen Seite pestilente Politiker und spinnerte Blogger, die mit Eindeutigkeit und „Weltanschauung“ imponieren.

Im übrigen entsprechen Verschwörungstheorien den Wahngebilden des Animismus und Mystizismus, wobei der Animismus schlicht auf Unwissen beruht, der Mystizismus aif Verzerrung (Panzerung). Entsprechend geht Mystizismus immer mit Faschismus einher.

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

3 Antworten to “Arbeitsdemokratie, Emotionelle Pest und Sozialismus (Teil 19)”

  1. Frank Says:

    Freud’sche Versprecher:
    Bei Freud bin ich, zugegeben nicht sachkundig, sehr vorsichtig (sehr viele „Wissenschaftler“ finden das, was ins Konzept paßt). Ich hatte zufällig vor ein paar Tagen da mal nach geschaut:
    https://www.derstandard.de/story/2000078908733/was-steckt-hinter-einem-freudschen-versprecher
    „Seiner Meinung nach existiert das, was im Volksmund als Freud’scher Versprecher bezeichnet wird, lediglich in den Köpfen von Therapeuten. Aus der linguistischen Perspektive handelt es sich bei einem Versprecher lediglich um das Resultat von „Fehlaktivierungen“ beim Sprachproduktionsprozess.
    Darum glaubt er auch nicht daran, dass die Psychoanalyse Schlüsse aus einem Versprecher auf die Seele oder einen seelischen Zustand schließen kann. „Versprecher sind regelgeleitet und nicht zufällig oder gar unbewusst und damit kein Indikator latenter und individueller psychopathologischer Probleme einzelner Individuen. Sie entstehen nach bestimmten Mustern, die für alle Menschen, in allen Sprachen der Welt – sowohl in der Lautsprache, als auch in der Gebärdensprachen – stets in ähnlicher Weise ablaufen.““
    Als, durch das Älterwerden, selber zunehmend Betroffener, halte ich diese Erklärung für überzeugend. Gibt es die Ausnahmen …?
    „Oder er weist auf den Gleichmut hin, mit dem man reagiert, wenn „unabsichtlich“ ein Geschenk zerbricht, das man gar nicht haben wollte, was „wohl als Beweis für das Bestehen einer unbewußten Absicht bei der Ausführung in Anspruch genommen werden (darf)“.“
    Das könnte man witzig nehmen, wenn es nicht Ernst gemeint wäre – und manche Menschen „daran glauben“ würden – und viele Leute (noch mehr) ins Unglück durch diese „Therapeuten“, für gutes Geld, geführt würden. Warum sollte ich mich aufregen, wenn mich das Geschenk gar nicht interessiert …
    Und das hier ist „Wissenschaftlichkeit pur“ …: „„Wenn man die (von ihm dargelegten) Fälle von Verlegen übersieht, wird es wirklich schwer anzunehmen, daß ein Verlegen jemals anders als infolge einer unbewußten Absicht erfolgt.““
    Aus „ausgewählten Fällen“ allgemeine Schlußfolgerungen ziehen …
    Abgesehen davon, dass das auch für die „dargelegten Fällen“ kaum stimmen wird. Analog oben Freud’sche Versprecher.
    Es dünkt mir schade für Reich, ihn hier mit Freud zusammenzubringen.

    • Peter Nasselstein Says:

      https://www.neuro-depesche.de/nachrichten/freudsche-versprecher-bei-konfliktthemen/

      Im übrigen bin ich kein Freund des Freudschen Determinismus, bin aber überzeugt, daß Freud so gut wie immer in die richtige Richtung gewiesen hat.

      • Frank Says:

        Danke für Antwort und Mühe.
        Die verlinkte Untersuchung geht für meine Einschätzung zum Thema aber mehr oder weniger ins Leere.
        In der Untersuchung geht es nur um „häufiger versprachen … Die Latenz bis zu korrekter Artikulation“ (man müßte die Studie genauer anschauen, was genau gemeint ist = auch die Überschrift erscheint mir (bewußt …) falsch gewählt). Da mit habe ich kein Problem: Klar, dass man bei belasteten Bereichen eher „ins Stottern gerät“. Darum geht es Freund und mir aber gar nicht: Es geht darum, dass man ganz falsche Wörter ausspricht, die auch noch einen Sinn ergeben sollen. Wenn ich es recht sehe.
        Und auch so schon irgendwie klar, dass die Psychologen in der Untersuchung etwas finden, was ihnen Existenzberechtigung gibt, leider. Ich zitiere mich: „sehr viele „Wissenschaftler“ finden das, was ins Konzept paßt“.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.


<span>%d</span> Bloggern gefällt das: