Das Aufkommen des Psychopathen (Teil 9)

von Dr. med. Dr. phil. Barbara G. Koopman

Die Über-Ich-Bildung steht in einer engen Beziehung zur Ambivalenz. Es sei daran erinnert, dass jede Frustration eines libidinösen Triebes eine Aufspaltung des Triebes in die gegensätzlichen Komponenten der Ambivalenz bewirkt. Je härter die Umstände der Frustration, desto größer die Ambivalenz, der Hass und die Schuldgefühle und desto strafender das Über-Ich. Zu der Zeit, als Reich die Monographie schrieb (1925), wurde die Über-Ich-Bildung als normaler und notwendiger Teil der psychischen Entwicklung angesehen – und als Bollwerk gegen die ungezügelte Entladung von Triebregungen (die Vorstellung vom Kind als wilder Bestie). Nur ein Über-Ich, das zu strafend ist, wurde als pathologisch angesehen. Obwohl die Über-Ich-Bildung ihre Wurzeln in den frühesten Stadien der Objektbesetzung und der Triebverleugnung hat, beginnt sie tatsächlich etwa im Alter von 4 Jahren und ist im Alter von 9 oder 10 Jahren verinnerlicht. Sie wird hauptsächlich als Abwehr gegen den Inzestwunsch des Ödipuskomplexes hervorgerufen und basiert immer auf sekundären (sadistischen) Trieben. Sie funktioniert weitgehend auf einer unbewussten Ebene (im Gegensatz zum „Gewissen“, welches im Bewusstsein existiert).

Reich fand später heraus, dass die Über-Ich-Bildung funktionell identisch mit der Panzerung war – die elterlichen Einstellungen werden also nicht nur psychisch, sondern auch somatisch inkorporiert. Gewissermaßen „kleiden“ wir uns mit unseren Eltern – insbesondere mit ihren negativen Aspekten. Obwohl man sich im Prozess der Über-Ich-Bildung mit beiden Elternteilen identifiziert, ist die Hauptidentifikation gewöhnlich mit dem Aggressor (d.h. dem strengeren, restriktiveren Elternteil). Die Identifikation mit den positiven Aspekten der Elternfiguren erfolgt natürlich ebenfalls, führt jedoch zu keiner Panzerung.

Beim Triebhaften ist die Über-Ich-Entwicklung deutlich defekt – im Gegensatz zu der des Neurotikers, die gut ausgearbeitet ist. Energetisch gesehen geht dies auf Reichs Beobachtung zurück, dass ein einmal voll entwickelter Trieb nicht mehr vollständig unterdrückt werden kann. Außerdem neigt das unwirksame Über-Ich dazu, die widersprüchlichen, inkonsistenten Aspekte der Erzieher anzunehmen. Reich postulierte, dass die Triebhaften unter dem Druck ihres unwiderstehlichen Drangs nach Triebbefriedigung „das ganze Über-Ich isolieren“ können, das dadurch seine abschreckende Wirkung verliert. Schuldgefühle sind bei diesem Charaktertypus immer vorhanden, wie bei allen ambivalenten Typen, aber sie werden auf unbedeutende Sachverhalte verlagert, anstatt an das entsprechende Objekt gebunden zu sein.

Ein weiteres Kennzeichen des Triebhaften ist die psychosexuelle Verwirrung. Auch der Neurotiker leidet – jedoch in geringerem Maße – darunter, da alle Charaktertypen außer dem Hysteriker und dem genitalen Charakter die stärkere Identifikation mit dem Elternteil des anderen Geschlechts haben. In der Monographie von 1925 vertrat Reich die Ansicht, dass der Triebhafte nicht nach einem libidinösen Fixierungspunkt klassifiziert werden könne, analog etwa zur Fixierung des Zwanghaften in der analen Phase. Vielmehr sah er ihn als eine chaotische Melange aller prägenitalen Impulse, „wie ein Elefant im Porzellanladen der libidinösen Entwicklung“. In einer neueren Studie über Charaktertypen von Dr. Elsworth Baker wird der Psychopath als ein sehr schlecht integrierter Phalliker gesehen. Wie dem auch sei, es besteht kein Zweifel, dass dieser Typus viele prägenitale Züge, eine schlechte Ichfestigkeit und ein hohes Maß an Narzissmus aufweist. Die psychosexuelle Verwirrung ist also eine logische Folge der sehr unreifen Ich-Struktur. Offene Homosexualität ist bei diesem Typus keine Seltenheit.

[Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 1, S. 40-58.
Übersetzt von Robert Hase]

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5 Antworten to “Das Aufkommen des Psychopathen (Teil 9)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    „Die psychosexuelle Verwirrung ist also eine logische Folge der sehr unreifen Ich-Struktur. Offene Homosexualität ist bei diesem Typus keine Seltenheit.“

    Das könnte in heutigen Ohren „homophob“ klingen, aber man darf nicht vergessen, dass Homosexualität an verschiedenen libidinösen Phasen gebunden ist, die unterschiedlich gewichtet sind. So entstehen der passive und aktive Homosexuelle. Die Homosexualität des Triebhaften unterscheidet sich von der des triebgehemmten Neurotikers oder von der desjenigen mit stabilem Über-Ich..

    • Robert (Berlin) Says:

      Prof Kutschera meint, dass in 90-95% aller Fälle die Homosexualität auf vorgeburtliche hormonelle oder auch immunologische Störungen zurückzuführen ist. Orgonomisch könnte das auf Phänomene der plazentalen Panzerung und Anorgonomie hinweisen. (Weil anders müsste es in der Tierwelt, z.B. den Bonobos, ebenso sein).

      Ab 2:50 min

  2. Peter Nasselstein Says:

    https://adifferentkindofpsychiatry.blubrry.net/2021/04/30/identifying-the-health-in-a-patient/

    This episode features the audio from one of our recent webinar presentations. Chris Burritt D.O. discusses his first appointment with a young man named Barry who was struggling with his deepening relationship with his girlfriend and came to therapy because of his anxiety. Dr. Burritt describes how he was able to connect with Barry in that first session by identifying his health and helping Barry to see it too. Following the presentation, Dee Apple Ph.D. and Jackie Bosworth, M.D. join for a discussion with questions from the webinar audience.

  3. Christian Says:

    Die abenteuerlich dysfunktionale Sexualkonomie in Nordkorea – ein Anhang zum zweiten Teil von DIE SEXUELLE REVOLUTOIN:

  4. Peter Nasselstein Says:

    Dieses Land ist ein einziges IRRENHAUS:

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