Posts Tagged ‘Über-Ich’

Orgonomie und Metaphysik (Teil 63)

21. Mai 2022

Wie die Metaphysik (Mystik) ist auch die Politik grundsätzlich von Irrationalität bestimmt, während die Arbeit in sich funktionell und rational ist. Genau wie der Mystik fehlt der Politik eine rationale Grundlage, sie ist unwissenschaftlich, entsprechend sind Politiker genau wie „heilige Männer“ keinerlei Legitimation für ihr Handeln unterworfen. Ein Wissenschaftler hingegen, ja jeder, der arbeitet, muß jede seiner Behauptungen in der Praxis als richtig erweisen. Arbeiter müssen eine bestimmte Ausbildung machen, um ihren Beruf ausüben zu können, Kompetenzen nachweisen; ihr Handeln ist rational bestimmt, während Mystiker und Politiker nur zu fabulieren brauchen.

Der Arbeit liegt eine rationale, organische Entwicklung zugrunde, die man nicht ersetzen oder umgehen kann, während es der mystischen und politischen Irrationalität jedweder organischer Entwicklung ermangelt und die Idee bereits fix und fertig dasteht, bevor überhaupt Beobachtungstatsachen vorliegen und etwas Tragfähiges erarbeitet wurde.

Es liegt hier ein antagonistischer Gegensatz vor. „Jeder rationale Arbeitsprozeß ist spontan aus seinem Wesen heraus gegen irrationale Lebensfunktionen gerichtet“ (Die Massenpsychologie des Faschismus). Umgekehrt sind die gesellschaftlichen Grundfunktionen des Lebens, nämlich Liebe, Arbeit und Wissen, in der gepanzerten Gesellschaft nicht vertreten und werden nicht geschützt, auch nicht in der parlamentarischen Demokratie. In jedweder gepanzerten Gesellschaft herrscht eine Minderheit, eine Art „Olymp“, die katholischen Heiligen oder der hinduistische Götterhimmel, welcher die Irrationalität der Mehrheit verkörpert und diese perpetuiert, wenn natürlich auch in unterschiedlich starker Ausprägung von der „Demokratie“ bis hin zur absolutistischen Diktatur. Auf der anderen Seite kann es nur die eine sozusagen „atheistische“ Arbeitsdemokratie geben, in der die gesellschaftliche Ideologie den lebensfördernden Interessen aller entspricht.

Arbeitsdemokratie beruht auf Arbeit und nicht auf Politik, entsprechend reguliert sie sich selbst, genauso wie es ein ungepanzerter, d.h. genitaler Organismus tut, der keine gesellschaftlichen Hierarchien verinnerlicht hat, d.h. frei vom „Über-Ich“ ist. „Arbeitsdemokratie ist kein politisches Programm, sie ist eine neuentdeckte biosoziologische, natürliche und grundlegende Funktion der Gesellschaft“ (ebd.). Arbeitsdemokratie ist keine Utopie, sondern untergründig stets vorhanden. Alles, was zu tun ist, ist der Politik und der Mystik entgegenzutreten, auf daß sich das Lebendige gesellschaftlich entfalten kann. Politik und Mystik zusammen ergeben den Faschismus, weshalb die Orgonomie in ihrem Kern antifaschistisch ist. Imgrunde ist die Orgonomie der einzige antifaschistische Faktor auf diesem Planeten.

Orgonomie und Metaphysik (Teil 60)

11. Mai 2022

Das große Mißverständnis, Reich wäre ein „naiver Rousseauianer“ gewesen, kommt perfekt in folgenden geradezu archetypischen Sätzen der Kritik an Reich zum Ausdruck, die seinen psychoanalytischen Ausgangspunkt in den 1920er Jahren und dessen spätere Folgen umreißen sollen:

Die Natur des Menschen, seine innerste Natur, ist ursprünglich rein und unverdorben. Diese reine innere Natur und angeborene Mitmenschlichkeit wird durch Eingriffe von außen verdorben. Die Zwangsmoral und die autoritäre Erziehung sind es, die bewirken, daß die ursprüngliche Natur deformiert wird, was in sekundären, asozialen und unnatürlichen Triebentfaltungen zum Ausdruck kommt. Die von außen eingreifende Macht kann man sich als die Einrichtungen der autoritären bürgerlichen Gesellschaft vorstellen. Die emanzipatorische Arbeit besteht darin, die ursprüngliche gesunde innere Natur von den äußeren deformierenden Kräften zu befreien. Wie man sieht, ist diese Argumentation keineswegs von großer Dialektik geprägt. Sie enthält den Keim zu einem nahezu religiösen Glauben an eine von der Sozialität gereinigte innere Natur, die sich relativ leicht in die spekulative Naturmystik des  späten Reich überführen lassen wird. (Per Kristensen und Elo Nielsen: „Wilhelm Reich (1897-1957) Psychoanalytiker. In: Willy Dähnhardt/Birgit S. Nielsen (Hrsg.): Exil in Dänemark, Heide: Verlag Boyens & Co., 1993, S. 52)

In die gleiche Kerbe hiebt Hal Cohen in seinem Essay „A Secret History of the Sexual Revolution“ (Linguafranca. The Review of Academic Life, March 1999, S. 24-33):

Im Zentrum von Reichs peripatetischer Karriere steht eine ehrwürdige, wenn auch unzeitgemäße Überzeugung: Unter dem Mantel gesellschaftlicher Konventionen verbirgt sich ein natürliches, instinktives Selbst, und die Befreiung der Energien dieses Selbst von der Unterdrückung durch die Gesellschaft ist der einzige Weg zu psychischer Gesundheit, politischer Gerechtigkeit und geistigem Wohlbefinden. Dieser Gedanke findet heute nur wenige ernsthafte Anhänger. Innerhalb der Akademie verhöhnen die Nachfahren des französischen Poststrukturalismus die Idee eines natürlichen Selbst, während außerhalb der Akademie die konventionelle Weisheit die Tugenden der Unterdrückung wiederentdeckt hat.

Und weiter:

Doch während Freud den Kampf zwischen Verdrängung und Trieb mit großer Ambivalenz betrachtete, stellte sich Reich ohne zu zögern auf die Seite des Triebes. (…) Reich arbeitete seine erste und vielleicht einflußreichste psychoanalytische Idee aus: die Charakterpanzerung. Er glaubte, daß alle Menschen (…) abwehrende Charakterzüge aufweisen; und er empfahl dem Analytiker, diese Panzerung zu identifizieren und zu demontieren, um so (im Gegensatz zu Freud) die Richtung der Therapie zu kontrollieren und den Patienten zu zwingen, seine tiefsten Impulse zum Ausdruck zu bringen, auch mit Gewalt. (…) Die Kultur, so glaubte er, entfremde die Menschen von ihrem wahren Selbst, was bedeute, daß jedes zivilisierte Individuum per Definition neurotisch sei.

Dieser Reich muß ja ein ziemlicher Naivling gewesen sein! Nun, Reich konnte dieses Kompliment nur zurückgeben. Es ist naiv anzunehmen, man könne willkürlich in „natürliche“, was schlicht und ergreifend heißt bewehrte Prozesse eingreifen, ohne Unheil anzurichten. Seit Jahrtausenden ja imgrunde seit Jahrmillionen wußten Frauen, wie man „im nächsten Busch“ Kinder gebärt, bis die Mediziner eingriffen und daraus eine „Operation“ machten. Von jeher wußten die Frauen wie man Babys betreut und Kinder großzieht, bis irgendwelche religiösen Autoritäten eingriffen und neurotische Wracks erzeugten, die alles andere als pflegeleicht sind. Das Leben wurde unglaublich kompliziert und anstrengend: ein einziger Krampf. Das gleiche in dem, was Reich „Arbeitsdemokratie“ genannt hat: jeder Arbeitsprozeß hat „natürlicherweise“ seine eigenen Gesetzmäßigkeiten, bis irgendwelche Ideologen und Politiker eingreifen, ein heilloses Durcheinander anrichten und dann noch die Chuzpe haben von „Dialektik“ zu quatschen!

Genauso ist es mit Reichs angeblicher „Naturmystik“ bestellt. Das Problem der Naturwissenschaft ist schlichtweg, daß sie gar keine ist, da die vermeintlichen „Wissenschaftler“ die Natur nicht reden lassen! Das fing mit Reichs „bio-elektrischen Versuchen“ an, als die Experten vom Kaiser-Wilhelm-Institut, mit denen Reich zusammenarbeitete, derartig darauf bedacht waren, alle Parameter zu kontrollieren, daß jede mögliche Registrierung sehr sensibler emotionaler und sexueller Erregungszustände von vornherein erstickt wurde. Ähnlich bei den Bionversuchen („Brownsche Bewegung“, Luftkeime, der und der bekannte Mikroorganismus) oder etwa bei seinen Auseinandersetzungen mit Einstein. Jedes, wenn man so will, „Signal des Lebendigen“ wurde von vornherein erstickt. SIE sind die Metaphysiker (Platonisten), die jedem Tisch, der nicht ihrer „Idee von Tisch“ entspricht, das Tischsein absprechen, und über die herablassend lächeln, die mit ihren Stühlen an einem undefinierbaren Etwas sitzen und speisen. Das seien „naive Naturmystiker“, die keine Ahnung von wahrer Eßkultur haben!

Der Kern der Sache ist natürlich das, was Bernd A. Laska in seinem LSR-Projekt analysiert hat: die Zerstörung der kindlichen Autonomie („Ich = Es“) durch Heteronomie (Über-Ich). Wir erinnern uns des schwachsinnigen Angriffs auf Reich: „… Sie enthält den Keim zu einem nahezu religiösen Glauben an eine von der Sozialität gereinigte innere Natur, die sich relativ leicht in die spekulative Naturmystik des späten Reich überführen lassen wird.“ Reich-Kritiker sind durchweg – Schwachmaten, die nicht mal ansatzweise begriffen haben, worum es überhaupt geht!

Orgonomie und Metaphysik (Teil 46)

13. März 2022

Auf Spiegel-TV gab es mal ein Feature über die Multiple Persönlichkeitsstörung (MPS), bei dem ich ständig an Nikolai Levashov und Richard Blasband denken mußte. Zum Beispiel ist folgender Fall dokumentiert:

Eine MPS-Patientin hatte Diabetes und brauchte regelmäßig Insulin, um nicht ins Koma zu fallen und abzukratzen. Wenn sie sich aber in eine andere Person verwandelte, litt sie plötzlich nicht mehr unter Diabetes und brauchte kein Insulin mehr. Dies beweist, daß der mind allmächtig ist. (Der Levashovsche bzw. Blasbandsche mind wird von deutschen Esoterikern als „Intelligenz“ eingedeutscht.) Im Fernsehen war eine Episode zu sehen, wo eine Frau ohne Brille nicht sehen konnte, als sie aber ihre Persönlichkeit änderte, mußte sie die Brille abnehmen, um etwas sehen zu können. Auch hat jede einzelne Persönlichkeit im MPS-Patienten ihre eigene unverwechselbare Handschrift, spezielle Befähigungen, etc. Ich würde mich nicht wundern, wenn querschnittsgelähmte MPS-Patienten aus ihrem Rollstuhl aufstehen würden!

Die MPS läßt sich ursächlich auf grausamste Kindesmißhandlung zurückführen. Die Kinder verlassen ihren Körper, damit eine andere, von ihnen schizophren abgespaltene, Person die Folter auf sich nimmt und sie selbst „gesund“ bleiben können. Diese Leute sind oberflächlich betrachtet, solange sie nicht akut in eine andere Persönlichkeit überwechseln, tatsächlich „gesund“, aber sie bezahlen dies dadurch, daß sie von allen Gefühlen abgeschnitten sind und nur vegetieren.

Für die Orgontherapie wird dies natürlich die Frage auf, ob nicht alle gepanzerten Menschen milde MPs-Fälle sind, denn die Panzerung hat einen traumatischen Ursprung und ist funktionell identisch mit der Identifizierung mit dem Peiniger; sie ist das Über-Ich, sie ist nicht das Ich, und wird entsprechend in der Orgontherapie als fremd abgestoßen.

Die Panzerung schützt uns vor Impulsen von innen und außen. Wird sie brüchig, dringen „höhere Mächte“ bzw. „Wesenheiten“ aus dem „Jenseits“ (dem „Jenseits der Panzerung“) in uns ein: Götter, Engel, Dämonen, etc. Mit ihnen beschäftigen sich Religion, Mystik und Esoterik – sie beschäftigen sich mit durch die Panzerung zersplitterten und fremd gewordenen orgonotischen Impulsen.

Orgonomie und Metaphysik (Teil 4)

4. November 2021

Mystik ist der verzerrte Kontakt zum bioenergetischen Kern und damit zum kosmischen Orgonenergie-Ozean. Von besonderem Interesse sind die buddhistische, islamische und christliche Mystik, da sie auf einen Zusammenhang verweisen, auf den ich in Max Stirner und die Kinder der Zukunft verwiesen habe:

In der buddhistischen Mystik dreht sich alles um die Aussage „Das bist nicht du!“ Wir verstricken uns ins Unglück, wenn wir uns mit allem möglichen identifizieren, letztendlich sogar mit unserem vermeintlichen „Ich“. Lassen wir das alles fahren, werden wir Glückseligkeit, das Nirwana erlangen. Das ist nichts anderes als die metaphysische Überhöhung und Verabsolutierung dessen, von dem Wilhelm Reich und Max Stirner gesprochen haben: löse dich von deinen „inneren Hierarchien“ (dem Über-Ich, der Panzerung), die du durch Identifikation mit unterdrückerischen Personen (insbesondere den Eltern) verinnerlicht hast, indem du dich mit ihnen identifizierst hast.

Die islamische Mystik ist ähnlich aufgebaut: Ordne Gott nichts anderes bei, denn das ist Götzendienst, der dich versklavt. Genauso die „negative Theologie“ der christlichen Mystik: alles, was man Gott zuschreiben kann, trifft ihn nicht. Um ihn zu erfahren, muß man alles von sich fallenlassen. Was uns wieder zum Buddhismus führt, wenn Meister Eckhart sagt: „Nimm dich selber wahr und wo du dich findest, da laß von dir ab. Das ist das allerbeste.“ Das ist geradezu eine Beschreibung der Orgontherapie!

Mystiker nehmen auf verzerrte (und deshalb letztlich destruktive) Weise das wahr, worum es in der Orgonomie geht! Gewisserweise sind es Wahrheitskrämer, die sich mit Dingen beschäftigen, von denen sie nicht wirklich Ahnung haben, sondern nur eine vage „Ahnung“… Ziel der Orgonomie ist es, Mystik ein für allemal auszumerzen, da sie genau das erzeugt, was sie implizit vorgibt zu bekämpfen: Panzerung!

Das Aufkommen des Psychopathen (Teil 9)

3. Mai 2021

von Dr. med. Dr. phil. Barbara G. Koopman

Die Über-Ich-Bildung steht in einer engen Beziehung zur Ambivalenz. Es sei daran erinnert, dass jede Frustration eines libidinösen Triebes eine Aufspaltung des Triebes in die gegensätzlichen Komponenten der Ambivalenz bewirkt. Je härter die Umstände der Frustration, desto größer die Ambivalenz, der Hass und die Schuldgefühle und desto strafender das Über-Ich. Zu der Zeit, als Reich die Monographie schrieb (1925), wurde die Über-Ich-Bildung als normaler und notwendiger Teil der psychischen Entwicklung angesehen – und als Bollwerk gegen die ungezügelte Entladung von Triebregungen (die Vorstellung vom Kind als wilder Bestie). Nur ein Über-Ich, das zu strafend ist, wurde als pathologisch angesehen. Obwohl die Über-Ich-Bildung ihre Wurzeln in den frühesten Stadien der Objektbesetzung und der Triebverleugnung hat, beginnt sie tatsächlich etwa im Alter von 4 Jahren und ist im Alter von 9 oder 10 Jahren verinnerlicht. Sie wird hauptsächlich als Abwehr gegen den Inzestwunsch des Ödipuskomplexes hervorgerufen und basiert immer auf sekundären (sadistischen) Trieben. Sie funktioniert weitgehend auf einer unbewussten Ebene (im Gegensatz zum „Gewissen“, welches im Bewusstsein existiert).

Reich fand später heraus, dass die Über-Ich-Bildung funktionell identisch mit der Panzerung war – die elterlichen Einstellungen werden also nicht nur psychisch, sondern auch somatisch inkorporiert. Gewissermaßen „kleiden“ wir uns mit unseren Eltern – insbesondere mit ihren negativen Aspekten. Obwohl man sich im Prozess der Über-Ich-Bildung mit beiden Elternteilen identifiziert, ist die Hauptidentifikation gewöhnlich mit dem Aggressor (d.h. dem strengeren, restriktiveren Elternteil). Die Identifikation mit den positiven Aspekten der Elternfiguren erfolgt natürlich ebenfalls, führt jedoch zu keiner Panzerung.

Beim Triebhaften ist die Über-Ich-Entwicklung deutlich defekt – im Gegensatz zu der des Neurotikers, die gut ausgearbeitet ist. Energetisch gesehen geht dies auf Reichs Beobachtung zurück, dass ein einmal voll entwickelter Trieb nicht mehr vollständig unterdrückt werden kann. Außerdem neigt das unwirksame Über-Ich dazu, die widersprüchlichen, inkonsistenten Aspekte der Erzieher anzunehmen. Reich postulierte, dass die Triebhaften unter dem Druck ihres unwiderstehlichen Drangs nach Triebbefriedigung „das ganze Über-Ich isolieren“ können, das dadurch seine abschreckende Wirkung verliert. Schuldgefühle sind bei diesem Charaktertypus immer vorhanden, wie bei allen ambivalenten Typen, aber sie werden auf unbedeutende Sachverhalte verlagert, anstatt an das entsprechende Objekt gebunden zu sein.

Ein weiteres Kennzeichen des Triebhaften ist die psychosexuelle Verwirrung. Auch der Neurotiker leidet – jedoch in geringerem Maße – darunter, da alle Charaktertypen außer dem Hysteriker und dem genitalen Charakter die stärkere Identifikation mit dem Elternteil des anderen Geschlechts haben. In der Monographie von 1925 vertrat Reich die Ansicht, dass der Triebhafte nicht nach einem libidinösen Fixierungspunkt klassifiziert werden könne, analog etwa zur Fixierung des Zwanghaften in der analen Phase. Vielmehr sah er ihn als eine chaotische Melange aller prägenitalen Impulse, „wie ein Elefant im Porzellanladen der libidinösen Entwicklung“. In einer neueren Studie über Charaktertypen von Dr. Elsworth Baker wird der Psychopath als ein sehr schlecht integrierter Phalliker gesehen. Wie dem auch sei, es besteht kein Zweifel, dass dieser Typus viele prägenitale Züge, eine schlechte Ichfestigkeit und ein hohes Maß an Narzissmus aufweist. Die psychosexuelle Verwirrung ist also eine logische Folge der sehr unreifen Ich-Struktur. Offene Homosexualität ist bei diesem Typus keine Seltenheit.

[Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 1, S. 40-58.
Übersetzt von Robert Hase]

Das Aufkommen des Psychopathen (Teil 8)

30. April 2021

von Dr. med. Dr. phil. Barbara G. Koopman

Energetisch gesehen kann eine solche Triebhaftigkeit, wenn ihr freier Lauf gewährt wurde, nicht mehr vollständig eingedämmt werden. Schwere Defekte in der Ich-Entwicklung sind die Folge. Und wir wissen aus Reichs späteren Arbeiten, dass die ungezügelte Entladung sekundärer Triebe ökonomisch gesehen mehr Spannung erzeugt als sie löst. Daher das unerträgliche innere Bombardement und das unaufhörliche Ausagieren. Wie Reich später feststellte, stellt die amorphe Charakterstruktur des Triebhaften das genaue Gegenteil von Panzerung dar. Die Triebe, insbesondere die sadistischen, werden nicht durch Reaktionsbildung gehalten, sondern als Abwehr gegen die Triebe selbst und die imaginäre Gefahr, die von den Trieben ausgeht, verwendet.

Der Triebhafte ist durch Extreme und Exzesse gekennzeichnet. Die Symptome sind grotesk, wobei im Verhalten unverhüllte, primitive Triebe zum Ausdruck kommen. Ein solches Verhalten wird von dem Patienten nicht als Krankheit angesehen, außer in seltenen Momenten der Einsicht. Er ist oft sehr lebhaft und bizarr in seiner Art, sich mit der Außenwelt auseinander zu setzen. Unverhohlene Perversionen, insbesondere sadomasochistische, sind häufig. Der Inzestwunsch ist meist bewusst.

Ein hoher Grad an Ambivalenz ist nach Reich der Regelfall und weist folgende Merkmale auf: stetiger Hass auf und Angst vor den Bezugspersonen; uneingeschränkte Triebhaftigkeit, gelegentlich verstärkt durch Unnachgiebigkeit; ungestillte Sehnsucht nach Liebe, dem Hass in gleicher Intensität entgegensteht; eine ausgeprägte Liebesunfähigkeit. Im Gegensatz zu Zwangshaften verlagern diese Patienten ihre Ambivalenz nicht auf Ersatzobjekte, sondern behalten das ursprüngliche Objekt im vollen Bewusstsein.

Um den Triebhaften besser begreifen zu können, hat Reich das Über-Ich eingehend studiert. Im analytischen Sinne ist das Über-Ich die Inkorporation der moralischen Vorschriften (normalerweise der Verbote) der Eltern. Seine Hauptfunktionen haben mit der Billigung oder Missbilligung von Handlungen auf der Grundlage der eigenen Vorstellung von richtig oder falsch, mit Selbstkritik, Selbstbestrafung, Sühne und Reue sowie Selbstbestätigung für gutes Verhalten zu tun (3). (Die populäre Vorstellung von der Stimme des Gewissens ist eine stark vereinfachte Version davon.) Sie entwickelt sich durch einen Prozess der Identifikation, der seine Vorläufer in der frühesten Phase der Bildung von Objektbeziehungen hat. In diesem Stadium wird der Prozess als Inkorporation bezeichnet und das Modell ist eines der oralen Aufnahme. Dies muss sich im Rahmen einer guten Bemutterung entfalten, wenn sich das Individuum auf gesunde Weise entwickeln soll. Reich war der Meinung, dass diese frühesten Identifikationen von wesentlicher Bedeutung dafür sind, wie das Kind den Ödipuskonflikt und spätere Wechselfälle des Lebens verarbeitet.

Literatur

3. Brenner, C.: An Elementary Text-book of Psychoanalysis. Garden City, N.Y.: Doubleday Anchor, 1957

[Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 1, S. 40-58.
Übersetzt von Robert Hase]

Arbeitsdemokratie, Emotionelle Pest und Sozialismus (Teil 14)

12. Dezember 2020

In Teil 13 brachte ich die Konservativen, der doch primär „aus dem Bauch heraus“ lebt, mit der „Stimme der Vernunft“ in Zusammenhang. Hier möchte ich die bioenergetischen Hintergründe erläutern:

Der Konservative (gekennzeichnet durch das Vorherrschen der orgonotischen Pulsation, die im Vegetativen bzw. Autonomen Nervensystem [ANS] organisiert ist) und der Liberale (energetisches Orgonom, Zentrales Nervensystem [ZNS]) haben zwei völlig verschiedene Arten von Gewissen (Über-Ich). Das Gewissen des Konservativen ist sein „liberaler“ Verstand, seine Vernunft. Das Gewissen des Liberalen ist sein „konservatives“ Herz, seine Gefühle. Aus diesem Grund insistieren die bauchgesteuerten Konservativen wider Erwarten immer auf die Vernunft („sei vernünftig“), während gerade die „Kinder des Zeitalters der Vernunft“ IMMER das Gefühl auf die unangemessenste Weise beschwören. Plötzlich ist ein schwarzer Kleinkrimineller im Gegensatz zu jedweder Vernunft ein Heiliger, während ausgerechnet Konservative auf ihren Kopf deuten und rufen: „Gebrauche deinen Verstand!“ Die Konservativen verbeugen sich vor dem, was ihnen am meisten mangelt: die „liberale“ vom energetischen Orgonom geprägte „ZNS-Vernunft“. Liberale verneigen sich dementsprechend vor dem komplementären Gott: dem „konservativen“ Herz, Pulsation, ANS. (Nicht von ungefähr hieß die linksradikale Zeitschrift des deutschen „Reichianismus“ emotion!)

Beide Seiten folgen der Stimme ihres „höheren Selbst“. Für den Konservativen (der einseitig auf Pulsieren beruht) muß dieses höhere Selbst natürlicherweise sein fehlender Anteil sein – das energetische Orgonom, das im ZNS organisiert ist: VERNUNFT. Während für den Liberalen (der nur energetisches Orgonom ist) der göttliche, höhere Anteil in ihm die Pulsation sein muß, die im ANS organisiert ist: EMOTION. Beide wollen wieder vollständig, wieder ganz werden und zerstören bei diesem ihrem Selbstheilungsversuch ihr soziales Umfeld. Die Konservativen haben mit ihrer anti-emotionalen Haltung vor allem Kinder terrorisiert: „Sei vernünftig und benimm dich, du primitiver Wilder!“ Die Liberalen hingegen terrorisieren uns mit ihren ach so kostbaren „Gefühlen“. Beide kreuzigen dabei das lebendige Leben.

Zur Illustration denke man bei diesem Streben nach der Einheit von Pulsation und energetischem Orgonom an Platons Gedanken, daß der Mensch ursprünglich eine männlich/weibliche Einheit war, die sich spaltete und seitdem versucht, sich wieder zu vereinen, woraus, nach Plato, die Anziehung der Geschlechter entstand. Ebenso spaltete sich der Mensch in ANS/Pulsation (konservativ) und ZNS/Orgonom (liberal) auf und versucht nun wieder ganz zu werden. Daher kann man Politik als eine Art „Eros“ betrachten: der Konservative BRAUCHT die Auseinandersetzung mit dem Liberalen und umgekehrt. Diese vermeintlich „politische“ Aktivität ist in gewisser Weise „platonischer Sex“.

Ich fasse zusammen: Genitalität ist die harmonische Einheit von Pulsations- und Orgonom-Aktivität. Die Panzerung spaltet die Menschen in eine Person, die entweder von Pulsation (konservativ) oder dem energetischen Orgonom (liberal) dominiert wird. Beide versuchen wieder ganz (genital) zu werden, indem sie entgegen ihrer einseitigen Natur auf „vernünftige Verantwortung“ (wie es der Konservative tut) bzw. „emotionale Freiheit“ (wie es der Liberale tut) insistieren. Der „Gott“ des Konservativen ist die Vernunft, der „Gott“ des Liberalen ist das Gefühl. Politische Aktivitäten, also das Ausleben der Spaltung in Konservative und Liberale, sind ein neurotischer Versuch, diese Spaltung zu heilen und die Arbeitsdemokratie wiederherzustellen. Die Konservativen waren entsetzt, als Obama immer die Emotionen ansprach, die Liberalen sind entsetzt, wenn Trump, „dieses unsensible Schwein“, versucht, die vor allem wirtschaftliche Vernunft anzusprechen. Beide Seiten arbeiteten einst in der autoritären Gesellschaft perfekt zusammen beispielsweise in Amerika, als z.B. beide die gleichen Emotionen in Bezug auf die Nationalhymne, die Gründerväter, Old Glory usw. hatten und beide noch vernünftig waren, beispielsweise in Bezug auf das Funktionieren des Kapitalismus.

Zum Schluß möchte ich zwei Antikommunisten zitieren:

William Schlamm: „Der Marxismus, der sich selbst gerne als exakte Wissenschaft sieht, triumphierte als Gefühl.“

Bertram Wolfe: „Als ein Ismus ist der Marxismus in all seinen vielen Spielarten zutiefst gefühlsbetont und wird von formulierten Argumenten gespeist, die aber Emotionen entspringen. Daher kann er nicht durch bloße rationale oder faktische Zurückweisung von noch so vielen konkreten Vorschlägen erschüttert werden, selbst wenn es sich um wesentliche Bestandteile seines logischen Gebäudes handelt.“

nachrichtenbrief161

12. Juli 2020

Marx’ ursprüngliche Botschaft (Teil 2)

12. März 2020

Im Zentrum von Hegels Philosophie steht die Frage, wie Bewegung überhaupt möglich ist. Man kennt das Paradoxon von Zenon: Ein Pfeil kann sich vom „philosophischen“ Standpunkt aus nicht bewegen, weil der Pfeil in jedem Moment, in dem wir den Pfeil mit unserem „philosophischen Auge“ betrachten, stillsteht. Wie die Bilder eines Filmes. Nach Hegel ist die Bewegung nur möglich, weil zwei sich gegenseitig ausschließende Tatsachen (der Pfeil ist entweder hier oder er ist dort) koexistieren können (Bewegung des Pfeils). Diese Einheit von „hier“ und „da“ ist die synthetische Funktion des Geistes, und somit ist alles um uns herum eigentlich nichts als Geist oder vielmehr die Entfremdung des „reinen Geistes“ der Logik und seiner Bewegungsgesetze in Zeit und Raum hinein: These, Antithese, Synthese. Dieser „Geist“ ist autonom, d.h. weder mein Geist („hier“) noch dein Geist („dort“), sondern der universelle Geist.

Der zunächst reine und dann entfremdete Geist wird zum „absoluten Geist“, wenn er sich in Kunst und Musik, Religion und Philosophie manifestiert, wo er sich schließlich seiner selbst bewußt wird. Dieser „absolute Geist“ ist die höhere Synthese des „subjektiven Geistes“ des Individuums und des „objektiven Geistes“ der Ethik: Familie, Gesellschaft, Staat. Der „objektive Geist“ manifestiert sich in der Geschichte der Welt, und die Geschichte der Welt ist nichts anderes als die Geschichte von Staaten, Reichen und Dynastien. Das Endziel dieser Entwicklung ist eben der „absolute Geist“. Daher muß das egoistische Individuum, das die Entwicklung des „objektiven Geistes“ behindert, um jeden Preis unterworfen werden, d.h. muß vollständig der Ethik unterworfen werden. Der Staat ist alles, denn der Staat ist die Manifestation Gottes, oder vielmehr der Staat führt zur endgültigen Manifestation Gottes als „absoluter Geist“.

So waren „Staaten mit philosophischem Ziel“ wie Nazideutschland und die (durch und durch „deutsche“) Sowjetunion die höchsten Manifestationen des Hegelschen Denkens. Das ist keine „Verschwörungstheorie“, sondern das Fortwirken einer besonderen Weltanschauung, die ansteckend ist. Man kann sie auf Hegel zurückführen, auf Martin Luther, auf die Gründer der römischen Kirche, auf Platon und weiter zurück auf die alten saharasischen Götterreiche, die James DeMeo beschrieben hat.

Marx war die Fortsetzung von Hegel: die völlige Unterwerfung des egoistischen Individuums unter die Idee der Menschheit, d.h. der preußischen Schule. Max Stirner war das Gegenteil von Hegel: „egoistische“ Selbstregulierung, d.h. Neills Summerhill. Stirner war ein Todfeind der Ethik an sich. Er war gegen das „Über-Ich“ und für „die Kinder der Zukunft“.

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Die Antifa aus metaphysischer Sicht (Teil 2)

26. Mai 2019

Eine schöne Komposition von Antifa-Aufklebern, die ich in einer Norderstedter U-Bahn-Station aufgenommen habe. Das ganze war mir wegen den deutschnationalen Farben Schwarz-Weiß-Rot aufgefallen. Der biosoziale Bedeutungsgehalt dieses Kunstwerks ist kaum auslotbar! Es wird einem geradezu schwindelig.

Erstmal die peinlichen Anglizismen: „rebel“ statt Rebell, „fascist“ statt faschistisch, „action“ statt Aktion, „cops“ statt Bullen (ACAB = „all cops are bastards“ = alle Bullen sind Schweine), etc. Man schämt sich seines eigenen Wesens, des eigenen Volkes – und dies, obwohl beim gegenwärtigen Bildungsstand des Durchschnittsdeutschen kaum jemand weiß, was „Sale“ bedeutet oder gar „Come in and find out“. Von schwachsinnigen Begriffen wie „Handy“ oder „service point“ will ich erst gar nicht anfangen. Das ist so bemerkenswert, weil diese Rebellen sich damit, wenn man so will (und weil mir kein besserer Begriff einfallen will) „metaphysisch“, auf die Seite des Fremden stellen. Das Über-Ich, die Panzerung, also das eigentliche Substrat jedweden Faschismus, ist das verinnerlichte Fremde. Das Kind identifiziert sich mit den strafenden Eltern und damit letztendlich mit der Gesellschaft, die ihm so fremd ist wie der Spruch „Come in and find out“, weil es Angst vor Vernichtung hat. So reproduziert sich die gepanzerte Gesellschaft. Wenn dann „Antifaschisten“ sich in Anglizismen ergehen… Mind-boggling!

Es gemahnt an Freud, wenn der Aufstand gegen das „Bullenschwein“ (ACAB) neben der ultimativen Jünglingshorde steht, den Fußballfans (hier von Sankt Pauli). Die Söhne, die sich gemeinsam gegen den Urvater erheben. Ödipus in Potenz. Und dann noch die Faust, die das Hakenkreuz zerschlägt, nach Reich das unbewußte Symbol des Geschlechtsverkehrs (hier von Mama und Papa). Rebellen gegen „Rechts“, das Recht, das Althergebrachte (verkörpert durch die altdeutsch Schrift). Papas strenges Gesicht.

Wie gesagt unausschöpflich, aber der wichtigste Aspekt ist, daß im linken Charaktersyndrom gegen den Vater („das Establishment“) rebelliert wird, während der konservative Charakter mit dem Vater in Wettbewerb tritt. Von daher die Subversion und Umverteilungsmanie des Linken (Sozialismus) und der Agon des Konservativen (Kapitalismus). Das erklärt alles, was man über die Antifa wissen muß.

Es bleibt allenfalls die Frage, wogegen die Jugend in einer antiautoritären Gesellschaft auf diese Weise überhaupt noch rebelliert. Es geht hier um Tiefenpsychologie. Von daher wird nicht notwendigerweise gegen den eigenen Vater rebelliert, sondern gegen das umfassende Vaterimago. Entsprechend kann der Antifant durchaus zusammen mit dem eigenen Vater, wenn nicht sogar durch diesen ermuntert und angestachelt, gegen DEN Vater rebellieren. Ein Gutteil der Antifanten sind Kinder von Funktionären der SPD, SED, Grünen und ähnlicher rotfaschistischer Organisationen. Das Gesindel kalbt.