Die Orgonomie: Tod durch Isolation oder durch Verflachung

1928 schrieb Reich in seinem Aufsatz Dialektrischer Materialismus und Psychoanalyse etwas, was ich hier nummerisch aufschlüssele:

    1. So würgt die momentane kapitalistische Daseinsweise der Psychoanalyse [die Neurosenheilung] von außen und von innen ab.
    2. Freud behält Recht: Seine Wissenschaft geht unter – wir fügen aber hinzu: in der bürgerlichen Gesellschaft; wenn sie sich ihr nicht anpaßt, sicher, wenn sie sich ihr aber anpaßt,
    3. dann erleidet sie den gleichen Tod, den der Marxismus bei den reformistischen Sozialisten erleidet, nämlich den Tod durch Verflachung, vor allem durch Vernachlässigung der Libidotheorie.
    4. Die offizielle Wissenschaft wird nach wie vor nichts von ihr wissen wollen, weil sie sie in ihrer klassenmäßigen Gebundenheit nicht akzeptieren darf.
    5. Die hinsichtlich der Ausbreitung der Analyse optimistischen Analytiker irren gewaltig. Diese Ausbreitung gerade ist Zeichen ihres beginnenden Untergangs. Da die Psychoanalyse, unverwässert angewendet, die bürgerlichen Ideologien untergräbt, da ferner die sozialistische Ökonomie die Grundlage der freien Entfaltung des Intellekts und der Sexualität bildet, hat die Psychoanalyse eine Zukunft nur im Sozialismus.

Von den Marxistischen Floskeln befreit, kann man das unmittelbar auf die Gegenwart übertragen:

  1. Die lebensfeindliche mechano-mystische „Daseinsweise“ bedrängt die Orgonomie von außen und unterhöhlt sie von innen.
  2. Dergestalt ist sie sowohl gefährdet, wenn sie sich nicht anpaßt (Abdrängen ins Abseits, vollständige Isolation) – und wenn sie sich anpaßt.
  3. Wenn sie sich anpaßt, erleidet sie „den Tod durch Verflachung“. Dieser erfolgt, wenn sie, um „akzeptabel“ zu werden, die Orgasmustheorie und die Entdeckung des Orgons hintanstellt.
  4. Die offizielle Wissenschaft will von der Orgonomie nichts wissen, da die Wissenschaft an die mechano-mystische Daseinsweise gebunden und von ihr abhängig ist und entsprechend mechano-mystisch denken muß.
  5. Die Ausbreitung der Orgonomie wäre ein sicheres Zeichen ihres Untergangs. Ihre Zukunft liegt im Projekt „Kinder der Zukunft“, d.h. in zukünftigen Generationen, deren Charakterstruktur, nicht zuletzt durch den Einfluß der Orgonomie, sukzessive immer weniger rigide sein wird.

Exemplifizieren wir diese Punkte:

  1. Die Angriffe auf die Orgonomie haben sich in Ton und Inhalt seit den Pressekampagnen gegen Reich zunächst in Skandinavien und dann in Amerika in keinster Weise geändert. Neuerdings gewinnen sie auch ihre alte Intensität zurück. Man denke nur an das Buch Adventures in the Orgasmatron und seine Rezensionen in wirklich jeder bedeutenden Zeitung der englischsprachigen Welt. Wie fremd und bedrohlich die Orgonomie dem mechano-mystischen Denken ist, sieht man auch daran wie schwer es auch den engagiertesten Studenten der Orgonomie fällt korrekte funktionelle Formulierungen vorzubringen.
  2. Die Orgonomie hat sich beispielsweise bei der Darstellung der Orgontherapie den gängigen Mustern angepaßt. Zunächst einmal durch Elsworth F. Bakers Buch Man in the Trap (Der Mensch in der Falle) von 1967, das weitgehende Konzessionen an die damals noch immer dominierende psychoanalytische Ausrichtung der Psychiatrie machte. Entsprechend vermittelt es einen falschen Eindruck, wie eine Orgontherapie wirklich abläuft. Ähnliches gilt für den Dokumentarfilm Way to Happiness, in dem weitgehende Konzessionen an die filmische Darstellbarkeit gemacht werden und die Orgontherapie so wirkt, als wäre sie eine hochdramatische „Körpertherapie“. Doch ohne derartige Konzessionen wäre die Orgontherapie schon längst vergessen, kaum mehr als ein exotischer Geheimtip bzw. eine bizarre Legende.
  3. Was geschieht, wenn die Anpassung sogar die beiden Essentials (Orgasmustheorie und Entdeckung des Orgons) umfaßt, hat auf drastische Weise die sogenannte „Reichianische Bewegung“ gezeigt. Es geht dabei nicht nur um das explizite Leugnen, sondern bereits um das taktische, gar „strategische“ Verschweigen der besagten Kernelemente der Orgonomie. Die angeblichen Freunde der Orgonomie nehmen den Feinden der Orgonomie die Drecksarbeit ab!
  4. Es ist kein Geheimnis, daß die Wissenschaft weitgehend von ihren Geldgebern abhängig ist bzw. ihre Geldgeber von sich abhängig macht, etwa durch das Zeichnen von Krisenszenarios, die immer neue Geldmittel erforderlich machen. Man denke nur an die „Klimaforschung“! Bei den Sozialwissenschaften geht das soweit, daß teilweise nicht einmal mehr der Anschein von Wissenschaftlichkeit gewahrt wird. Etwa wenn „Islamwissenschaftler“ apodiktische Behauptungen über den Islam aufstellen, die sie mit keiner einzigen Lehrmeinung irgendeiner islamischen Autorität belegen können. Derartiges wird immer wieder moniert. Vollkommen unberücksichtigt in der Wissenschaft bleibt jedoch, daß sich die Wissenschaftler instinktiv daran orientieren, daß Mensch und Gesellschaft so bleiben wie sie sind: gepanzert.
  5. Entsprechend wäre die Ausbreitung der Orgonomie ein sicheres Zeichen ihres Untergangs: Sie wäre dann offensichtlich keine Gefahr mehr für die gepanzerte Gesellschaft – und damit keine Orgonomie mehr. Sie kann nur eins tun: So weit es irgend möglich ist, die Denkweise der Zukunft vorrausnehmen und dadurch dazu beitragen die Daseinsweise der Zukunft vorzubereiten. Die gepanzerten Menschen müssen aufgeklärt werden und ungepanzerte Menschen müssen großgezogen werden. Die Orgonomie ist dabei jeweils nur der „bewußte“ Teil einer umfassenden „unbewußten“ Bewegung, die die gesamte Gesellschaft durchzieht. Ab und an wird in diesem Blog auf den einen oder anderen Vertreter dieser „Bewegung“ hingewiesen.

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19 Antworten to “Die Orgonomie: Tod durch Isolation oder durch Verflachung”

  1. O. Says:

    Bakers Versuch die Sprache allgemeiner zu verwenden und die orgonomischen Hintergründe als „energetische“ darzustellen, ist ein taktischer Versuch gewesen, den man durchaus ausprobieren kann. Die Orgontherapie als „psychoanalytisch“ fundiert darzustellen, führt zu Verwirrung in meinen Augen und hätte auch vom ACO näher erklärt werden können, zumindest im JO, das nicht auf ein allgemeines Publikum abzielt. So kann schon mit einer evtl. unbedachten Publikation ein nachhaltiger Schaden entstehen. Zu dem war die Publikation im Vokabular ein ungenaues Werk, da die psychoanalytische Terminologie mit der Reichschen vermischt wird. Begriffe wieder der okulare oder orale Charakter gibt es nicht und wird berechtigt kritisiert auch von Seiten der Psychoanalyse. Baker hätte leicht ein Lehrbuch verfassen können mit etwas mehr Mühe, was ein beindruckendes Werk geworden wäre. Stattdessen wirkt es wie ein orgonomisches Standardwerk, was Jahrzehnte überdauerte und aufgrund seiner Authorität jede weitere mögliche Publikation des ACO verhinderte. Erst Konia traut sich jetzt eigene Bücher auf einem anderen Gebiet zu veröffentlichen. Spätestens Blasband hätte in der Folge als ACO Präsident ein klinisches Buch herausgeben sollen, bevor er seine Irrfahrt in die Geistheilung unternahm.

    Es wäre eine spannende Frage, was die Leute vom ACO abgehalten hat, die klinische Arbeit nicht transparenter zu gestalten und die Psychiatrische Orgontherapie von den neueren Ansätzen abzugrenzen und klar zu definieren. Eine ähnliche Frage stellte sich ja bei den Freudianern auch, warum erst ein junger Reich kommen musste und versuchte die psychoanalytische Technik darzustellen. Insbesondere die Charakteranalyse hätte zu eine Gegendarstellung einladen müssen. Natürlich gibt es wenige Versuche der Systematisierung in der PA, aber keiner geht über ein Praxisbuch hinaus (Falldarstellungen), und kombiniert diese mit theoretischen Texten. Die brauchbaren Ansätze stehen eben (Reich unerwähnt) in seinem Schatten.

    Das hier geschilderte Dilemma betrifft nicht nur die Orgonomie, sondern vermehrt auch die anderen Therapien. Psychotherapie in Deutschland ist ein Auslaufmodell, je mehr es in die Breite geht und damit bekannter wird. Überlegt man sich, dass der deutschsprachige Raum und nicht der amerikanische der Impulsgeber für die Psychotherapie war, wird deutlich, dass (das Wissen über) die Psyche global quasi zu „existieren“ aufhört. Der Mensch wird wieder zur Blackbox, quasi zum Neanderthaler mit einem I-phone in der Hand, statt der Keule.

  2. David Says:

    Verflachung?

    Dagegen kann etwas getant werden!

    Es muss m.E. die Möglichkeit der Therapie für Menschen, die mittellos sind, wieder eingeführt werden. So wie Reich in Wien – oder war das erst später in Berlin? – mittellose Menschen psychoanalytisch behandelte.

    Optimale Bedingungen hierfür wären vorhanden etwa in Buenos Aires, wo es mehr Psychanalytiker als Friseure gibt, und wo infolge der Argentinien-Krise viele Menschen aus dem Krankenversicherungs-Schutz herausgefallen sind.

    Eine der Argentinien-Krise ähnliche wirtschaftlich-soziale Umwälzung steht, wie ich glaube, auch in Euroipa bevor.

    Selbst in den USA, wo das ACO ist, gibt es trotz der von Obama durchgeführten Reform viele Menschen, die ohne Versicherungsschutz sind, es aber auch selber nicht bezahlen können.

    Wenn das ACO – in Reichs Tradition – die Behandlung mitelloser Personen in großem Umfang wieder aufnimmt, kommen die praktizierenden Orgonomen mit zum Teil extremen Fällen in Berührung, wodurch eine Verflachung dann nicht mehr möglich ist. So sehe ich das.

    Zur Isolation kann es dann auch kaum noch kommen, weil dadurch unter dem Volk – zunächst dem amerikanischen – die Bekanntheit des ACO erheblich zunehmen wird.

    Der Arzt bewährt sich – wenn Krieg ist – auf dem Schlachtfeld, wo er die Verletzten wieder zusammen flickt. Auf dem Schlachtfeld des Überlebenskampfes in einer kranken Wirtschaft und Gesellschaft, einem kranken Arbeitsmarkt, kann der Medical Orgonomist gerade bei mittellosen Menschen soziale und seelische Wunden, die durch besagte Bedingungen entstanden sind oder vergrößert wurden, behandeln.

    • Robert (Berlin) Says:

      „Optimale Bedingungen hierfür wären vorhanden etwa in Buenos Aires, wo es mehr Psychanalytiker als Friseure gibt,“

      …was man früher immer über die USA behauptete: es gäbe dort mehr Psychiater wie Postboten. Wobei aber nicht darauf hingewiesen, dass in den USA zur Psychiatrie alle zählen, die Seelenbehandlung anbieten, also Psychoanalytiker, klinische Psychologen, Neurologen, Fachärzte für Psychiatrie.

    • O. Says:

      Das Anbieten einer kostenfreien Behandlung kann ich für den Start auf jeden Fall empfehlen, man lernt sehr schnell unterschiedlichste Menschen (und Körperstrukturen) kennen. Jedoch wäre eine Spendenbasis schon eher zu empfehlen, es können ja auch kreative Angebote zum Tausch angeboten werde, da wird man staunen, was man alles angeboten bekommt.
      Ein kostenfreies Angebot kann auch sehr beleidigend sein, daher würde ich zu einer Spende aufrufen, jeder eben wie er kann oder will.

  3. Robert (Berlin) Says:

    Mit den Orgonomen im ACO im Rentenalter, bei nur einem Jüngeren, ist der Tod schon vorprogrammiert. Die Fake-Orgonomen des IOS mit ihrem Linksdrall kann man ja nicht dazu zählen.

  4. Peter Nasselstein Says:

    Am Ende seines Lebens hat Reich darauf hingewiesen, daß die Orgonomie aus einer unheiligen Allianz aus Stalinisten („Moskau“) und der Pharmaindustrie („Rockefeller“) vernichtet wurde. Diese Allianz besteht bis heute fort:

    Doch den Hinterfrauen des Regimes, dem von der Pharma-Industrie gewünschten politischen Bündnis, reicht die Abwehr durch Spaltung keineswegs. Immer noch gelangen regimekritische Stimmen an die Öffentlichkeit. …

    https://www.rubikon.news/artikel/der-staat-gegen-ken-jebsen

  5. David Mörike Says:

    offenbar lässt sie sich auch unter dem Vorwand von Corona dafür benutzen das Volk zu belügen und dadurch einzuschüchtern.

    Anders als bei uns ist anscheinend da in England jetzt jemand der das zugibt.

  6. David Mörike Says:

    OffTopic:

    „wissenschaftlich“ logisches Denken führt auch dazu, dass man wegen der atmosphärischen Probleme die Atomenergie befürwortet.

    Finde den Fehler!

    Klar, wenn man die Beobachtungen etwa von Jerome Eden und Wilhelm Reich kennt, sieht man den – aber wer kennt das schon?

    • claus Says:

      Es handelt sich eher nicht um einen Denkfehler, sondern um eine Folge von Unkenntnis und Desinteresse.

  7. Frank Says:

    Hallo, was hat das mit den alten Kommentaren vom 2. September 2011 auf sich …?

    • Peter Nasselstein Says:

      Die Frage beantwortet sich sozusagen von selbst: der Blogeintrag ist dermaße alt, vergessen (auch von mir selbst!) oder gar nicht gelesen, daß ich ihn neu gepostet habe. Bei jetzt 2971 Blogeinträgen von mir (inkl. ein paar wenige Gastbeiträge), die in diesem Moment im Netz sind, – muß ich etwas haushalten. Man stelle sich das ganze mal als ein Buch in zig dicken Bänden vor… Wer soll denn das alles lesen?

      • Frank Says:

        Danke. Das hatte ich mir so in der Art gedacht – und etwas mühsam nach dem originalen Eintrag gesucht, ca. 2. September 2011 – aber nicht gefunden. Ist der dann dafür gelöscht – oder habe ich ihn nur nicht gefunden?

        • Peter Nasselstein Says:

          Altes wird gelöscht. Immerhin bleiben die Leserbriefe im Neuen erhalten.

          • Frank Says:

            Danke für die schnelle Antwort. Als treuer Leser (leider nicht immer) und (wohl aus mangelnder Hier- und Jetzt-Lebendig-Präsenz) Archivator frage ich nach: Gelöscht werden nur die Einträge, die neu veröffentlicht werden? Das wäre sonst schade (für mich …), weil ich „irgendwann“ gerne alle Einträge speichern würde. Leider habe ich früher die Mailbenachrichtigungen mit den Texten gelöscht = mache ich nicht mehr = die einfachste Möglichkeit der Archivierung 🙂

      • Frank Says:

        „… der Blogeintrag ist dermaßen alt … oder gar nicht gelesen …“ = das klingt ja gar nicht gut – aber kann ich mir kaum vorstellen …

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