Die Geschichte der Orgontherapie (Teil 2)

Reich ist es nicht immer leichtgefallen eindeutig zu sein. Er neigte zu unbefriedigenden Kompromissen. Das fängt schon mit der Edition seiner europäischen Bücher an, die er in Amerika neu herausgab. Einerseits stand er zu seinen psychoanalytischen und Marxistischen Einsichten und wollte seine intellektuelle Entwicklung wirklichkeitsgetreu dokumentiert wissen, andererseits schrieb er seine alten Schriften so um, daß es seinen neusten Erkenntnissen und Haltungen entsprach. Resultat sind merkwürdige Hybride, die man „so oder so“ lesen kann.

Reich läßt sich so interpretieren, daß die psychoanalytische Begrifflichkeit (libidinöse Entwicklungsstufen, psychische Struktur, der Ödipuskomplex, die Rolle der Übertragung, etc.) noch immer aktuelle Bedeutung haben, oder so, daß sie allenfalls von geschichtlichem Interesse sind. Darauf basiert beispielsweise der Streit zwischen den beiden wichtigsten medizinischen Orgonomen zu Reichs Zeit: Elsworth F. Baker (Man in the Trap) und Chester M. Raphael (Wilhelm Reich: Misconstrued-Misesteemed).

Ähnlich ist es mit dem Einfluß von Marx auf Reich bestellt: manche ernsthafte Wissenschaftler können es angesichts von Reichs Schriften schlichtweg nicht nachvollziehen, wie die überwiegende Mehrzahl der Orgonomen es fertigbringt, nicht nur Marx links liegen zu lassen, sondern auch jede Marxistische Analyse als „pestilent“ anzugreifen.

Diese teilweise geradezu tragikomischen Diskrepanzen sind damit erklärbar, daß Reich unterschiedlichen Menschen je nach gegebener Situation unterschiedliche Signale vermittelte. Beispielsweise war Baker einer der wenigen Orgonomen, wenn ich es richtig überblicke abgesehen von Ola Raknes sogar der einzige Orgonom, mit einer abgeschlossenen psychoanalytischen Ausbildung. Auch war er von Reich dafür ausersehen, dessen frühe psychoanalytische Beiträge in Amerika neu herauszugeben. Entsprechend wird Reich Baker ein ganz anders gefärbtes Bild der Orgontherapie vermittelt haben als etwa dem nur oberflächlich in Psychoanalyse ausgebildeten Gynäkologen Raphael.

Ähnlich ist die Sache mit Marx bestellt: Baker war, neben Michael Silvert, zu Reichs Zeiten der einzige Orgonom, der politisch rechts stand, alle anderen waren linksliberal. Es liegen Briefe von Reich an Baker vor, in denen er besorgt nachfragt, ob angesichts von Veröffentlichungen wie People in Trouble ihr Verhältnis gefährdet sei. Immer wieder bekundete Reich gegenüber Baker, aber auch gegenüber übereifrigen Linken unter seinen Anhängern, daß Marx für die heutige Zeit jede Bedeutung verloren habe. Geradezu gegensätzlich äußerte er sich gegenüber Victor Sobey, dem einzigen Orgonomen, der aus der Arbeiterklasse hervorgegangen war. Noch 1957 sagte er Sobey, daß er, Reich, noch immer ein „Marxist“ sei. Eine Erklärung, die angesichts von People in Trouble glaubwürdig ist, auch wenn die Schüler Bakers sagen, daß Reich sich niemals derartig geäußert haben könne.

Wie mit all dem umgehen? So wie Reich damit umgegangen ist! Es hängt immer von den Zusammenhängen ab! Heute werden Psychologen und Psychiater kaum bis gar nicht mehr in Psychoanalyse ausgebildet. Man begegnet Psychiatern, selbst Diplompsychologen, die selbst an psychoanalytischen Grundbegriffen scheitern! Entsprechend ist der Bezug auf eine psychoanalytische Begrifflichkeit heutzutage geradezu ein revolutionärer Akt. Hinzu kommt, daß die Psychoanalyse die praktische Arbeit ungemein erleichtert: wenn etwa die klassische charakteranalytische und biophysische Vorgehensweise im Sande verläuft, kann man beispielsweise mit dem Gegensatz von Über-Ich und Ichideal arbeiten, wie Reich es bereits 1925 in Der triebhafte Charakter beschrieben hat (siehe dazu die Ausführungen von Robert A. Harman: „Clinical Applications of Reich’s Work with Impulsive Characters: The Ego, Ego-Ideal, Superego and the Id”, Journal of Orgonomy, 46,1, Spring/Summer 2012).

Was hingegen Marx betrifft, hat seine Begrifflichkeit heutzutage eine Hegemoniestellung, die es praktisch unmöglich macht öffentlich bio-soziologisch zu argumentieren, d.h. von der bio-physischen Struktur des Menschen her.

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4 Antworten to “Die Geschichte der Orgontherapie (Teil 2)”

  1. Avatar von Peter Nasselstein Peter Nasselstein Says:

    American College of Orgonomy

    Free On-line Webinar

    Chris Burritt, D.O.

    „The Salesman Who Needed to Cry“

    Saturday, October 19, 2024 at 4:00 PM

    August 21, 2024

    The American College of Orgonomy is hosting a free webinar on Saturday, October 19, 2024 from 4:00 to 5:00PM (EDT) as part of its Case Presentation Series. Chris Burritt, D.O., will present “The Salesman Who Needed to Cry” in a discussion with interviewer/host Salvatore Iacobello, M.D. During this presentation, you will have the opportunity to submit questions privately using the Q and A function on Zoom. Questions will be addressed during the Q and A portion of the webinar. Please note that as an attendee, you will not be seen or heard on screen and you can choose to submit a question anonymously.

    Steve was a 40-year-old sales executive who suffered with panic attacks and had no clue that he was having emotional difficulty. During his initial consultation he described life as “great,” unaware of where his panic originated.

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    American College of Orgonomy

    http://www.orgonomy.org

    http://www.adifferentkindofpsychiatry.com

  2. Avatar von O. O. Says:

    Der folgende Satz irritiert beim ersten Lesen zunächst.

    `Reich läßt sich so interpretieren, daß die Charakteranalyse [oder die Massenpsychologie] noch immer die aktuelle Bedeutung habe, oder so, daß sie allenfalls von geschichtlichem Interesse sei´- (ich hab es mal so verändert).

    Und er sagt irgendwie auch beides, oder schließt es wechselseitig aus. Was ist nun gültig? – darf der Leser fragen und bekommt keine Antwort.

    Umd das zieht sich fast durch das ganze Werk. Statt eines definierten Umbruches wird das Alte mitgenommen, sei es richtig oder falsch (?)

    Die Antwort hierauf ist nicht befriedigend. Nehmen wir die Psychoanalyse und auch das Psychologische mit?

    Ich nenne es Reichs da-vinci-Code. Niemand kann so denken wie Reich und nur dieser – wird er einmal wieder geboren – kann etwas mit anfangen. Dies widerspricht zutiefst seiner Sehnsucht verstanden zu werden. Alle anderen stümpern vor sich hin und stochern im Nebel.

    Und wer keine Antwort gibt, wie es zu halten ist, darf einpacken. Und damit habe ich die Frage zwar hinreichend, aber noch nicht ausführlich behandelt.

    Ich erinnere an die Zeit des ersten gemeinsamen (interdisziplinären) Lesens seiner therapeutischen Schriften, dass wir Kapitel für Kapitel uns vornahmen und dann Satz für Satz uns fragten, was meinte er damit; und unsere Ansichten diskutierten, um einen Konsens und Verständnis zu finden.

  3. Avatar von Peter Nasselstein Peter Nasselstein Says:

    Die ARD ist Emotionelle Pest und sonst nichts!

  4. Avatar von Peter Nasselstein Peter Nasselstein Says:

    Was ist eigentlich mit dem Hamburger Medienkonzern „Nachrichtenbrief“?!

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