Posts Tagged ‘psychische Struktur’

Wie du Menschen helfen kannst, die dir wichtig sind, auch wenn du kein Therapeut bist

15. März 2019

von David Holbrook, M.D.

 

Menschen (einschließlich der meisten Therapeuten) unterschätzen bei weitem die Macht, die es hat, einfach einem anderen Menschen zuzuhören, was immer es sei, was dieser zum Ausdruck bringen muß, bis er genug hat.

Da es in der Menschheitsgeschichte noch nie eine Kultur gegeben hat, die Emotionen verstanden hat und keine Angst vor ihnen hatte, wird uns allen implizit beigebracht, daß die schmerzhaften oder beängstigenden Emotionen eine Büchse der Pandora sind, deren Deckel niemals geöffnet werden dürfe. Dieses Mißverständnis ist darauf zurückzuführen, daß bis zum Auftreten des österreichischen Psychiaters Wilhelm Reich der Kern der menschlichen Natur nicht erkannt wurde. Alles, was wahrgenommen wurde, war das, was Reich die Mittlere Schicht nannte, die Schicht zwischen der oberflächlichen Fassade der Persönlichkeit und dem tiefen, natürlichen und gesunden Kern. Die Mittlere Schicht enthält all die verzerrten, zerstörerischen und furchterregenden Emotionen, die durch den „Panzer“, die Abwehrfunktionen der Psyche, erzeugt wurden.

Alle bisherigen Denksysteme, einschließlich aller Religionen und politischen Philosophien, haben den Kern nicht ergründet und die mittleren und oberflächlichen Schichten der menschlichen biopsychischen Struktur nicht verstanden. Infolgedessen wurde die Mittlere Schicht fälschlicherweise als die Kernnatur des Menschen wahrgenommen, weil der Kern durch die Mittlere Schicht verdeckt wurde und nicht wahrgenommen werden konnte. Wenn es wahr wäre, daß es keinen gesunden Kern im Menschen gibt und seine innerste Natur nur aus den Inhalten der zerstörerischen Mitteleren Schicht besteht, wäre es absolut richtig, daß die einzige Option sei, die Büchse der Pandora verschlossen zu halten. Und diese Büchse-der-Pandora-Theorie der menschlichen Emotion ist die Grundlage aller vorangegangenen menschlichen Denksysteme, bevor Reich das „funktionelle“ Denken einführte: Denken, das darauf basiert, wie die Natur tatsächlich funktioniert.

Das Verständnis der Natur des Kerns öffnet das Tor, um die Angst zu verlieren, störenden Emotionen zuzuhören und ihnen eine Chance zu geben sich auszudrücken. Aus Angst vor Emotionen besteht die Tendenz einen Leidenden vorzeitig zu beruhigen oder ihm vorzeitig irgendwelche Ratschläge zu erteilen, um ihn von schmerzhaften Emotionen abzulenken, die als zu destruktiv oder beängstigend empfunden werden, um sie zu fühlen oder auszudrücken. Dieses Mißverständnis basiert auf der Annahme, daß es für Menschen schlecht sein muß, mit ihren unangenehmen Emotionen in Kontakt zu treten und diese auszudrücken. Infolgedessen unternehmen wohlmeinende, aber kontaktlose Menschen alle möglichen Manöver, um alle Löcher, die im Panzer von jemandem erscheinen, schnell zu stopfen, bevor all das „schlechte Zeugs“ herauskommt und „das Ruder übernimmt“. Es gibt keine Wahrnehmung des Kerns, also gibt es keinen Glauben an das Gute, keinen Glauben, daß das Gute das Böse besiegen wird. In Wirklichkeit ist es jedoch von großem Nutzen, einfach und ruhig jemandem zuzuhören, der seinen Schmerz, seine Angst oder seinen Zorn zum Ausdruck bringt, und es kann viel Gutes dabei herauskommen.

Eine verwandte Sache hinsichtlich der Emotionen, die nicht verstanden wird, ist, daß die Fähigkeit zur Vernunft auf einem gesunden emotionalen Funktionieren basiert und nicht umgekehrt. Infolgedessen ist es oft fruchtlos und sogar kontraproduktiv, zu versuchen, die Menschen mit Vernunftargumenten aus ihren irrationalen Emotionen herauszuholen. Der Glaube an die Macht des Kerns kann einem Zuhörer jedoch zur Erkenntnis verhelfen, daß das Denken dieser Person spontan immer rationaler wird, wenn du einfach zuhörst und jemandem die Möglichkeit gibst, seine Gefühle seinem Bedürfnis gemäß bis zum Ende emotional auszudrücken.

Wenn du einfach jemandem zuhörst, der dir etwas bedeutet, sendest du das Signal, daß du keine Angst vor dem hast, was derjenige in seinem Inneren hat. Das gibt ihm den Glauben, daß ER SELBST vielleicht auch keine Angst vor dem haben muß, was in ihm ist und daß das, was sich im Inneren befindet, nicht unbedingt „schlecht“ ist. In der Tat ist der Kontakt mit dem Kern die Grundlage allen Glaubens an die Güte, die Liebe und die Freiheit von Furcht und Leiden.

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Das Drama der Zivilisation: Freud, Reich, Laska

11. Dezember 2017

Das Über-Ich, das als theoretische Hilfsvorstellung für die seelische Struktur aufgestellt war, konnten die schlechten [psychoanalytischen] Praktiker „mit Händen fassen“. Sie operierten damit wie mit realen Tatsachen. Das Es war „bösartig“, das „Über-Ich saß da mit langem Bart und war „streng“, und das arme Ich suchte zu „vermitteln“. (Die Funktion des Orgasmus, 1942, Fischer TB, S. 96)

Auf diese Weise wollte sich Reich von den Freudianern abgrenzen, die eine Art Mythologie der Psyche entwickelt hatten, die an das Mystische grenzt. Das Es ist der böse Zwerg Loki, das Über-Ich ist der einäugige Wotan mit seinem langen Bart und das Ego ist der arme Siegfried, zerrissen zwischen Wotan und Loki. Wie in Wagners Musikdrama.

Deshalb hörte Reich auf, seine Theorien in diesen Begriffen zu formulieren. Stattdessen sprach er über Trieb und Triebabwehr. Die Gesamtheit dieser Blockaden ist die Panzerung – die demnach „funktionell identisch“ mit dem Über-Ich ist. Psychologie dort, Biophysik hier.

Bernd A. Laska will nicht in Bezugnahme auf irgendwelche spezifischen wissenschaftlichen oder ideologischen Konzepte sprechen. Aber um mit anderen kommunizieren zu können, muß er sich entscheiden, und da niemand den Begriff „Panzerung“ versteht, wählte Laska den sofort einsichtigen und universell eingeführten Begriff „Über-Ich“ („über dem Ich stehend“), den jeder versteht. Wir übernehmen die Sitten und Regeln der Gesellschaft und werden so zu unseren eigenen Sklaventreibern.

Reich versuchte, den ursprünglichen „unbesessenen“ Zustand aufzudecken – wie vor ihm Stirner und LaMettrie:

nachrichtenbrief91

27. November 2017

Freud, Marx und die Spaltung der Orgonomie

18. April 2013

Reich ist es nicht immer leichtgefallen eindeutig zu sein. Er neigte zu unbefriedigenden Kompromissen. Das fängt schon mit der Edition seiner europäischen Bücher an, die er in Amerika neu herausgab. Einerseits stand er zu seinen psychoanalytischen und Marxistischen Einsichten und wollte seine intellektuelle Entwicklung wirklichkeitsgetreu dokumentiert wissen, andererseits schrieb er seine alten Schriften so um, daß es seinen neusten Erkenntnissen und Haltungen entsprach. Resultat sind merkwürdige Hybride, die man „so oder so“ lesen kann.

Reich läßt sich so interpretieren, daß die psychoanalytische Begrifflichkeit (libidinöse Entwicklungsstufen, psychische Struktur, der Ödipuskomplex, die Rolle der Übertragung, etc.) noch immer aktuelle Bedeutung haben, oder so, daß sie allenfalls von geschichtlichem Interesse sind. Darauf basiert beispielsweise der Streit zwischen den beiden vielleicht wichtigsten medizinischen Orgonomen zu Reichs Zeit: Elsworth F. Baker (Man in the Trap) und Chester M. Raphael (Wilhelm Reich: Misconstrued-Misesteemed).

Ähnlich ist es mit dem Einfluß von Marx auf Reich bestellt: manche ernsthafte Wissenschaftler können es angesichts von Reichs Schriften schlichtweg nicht nachvollziehen, wie die überwiegende Mehrzahl der Orgonomen es fertigbringt, nicht nur Marx links liegen zu lassen, sondern auch jede Marxistische Analyse als „pestilent“ anzugreifen.

Diese teilweise geradezu tragikomischen Diskrepanzen sind damit erklärbar, daß Reich unterschiedlichen Menschen je nach gegebener Situation unterschiedliche Signale vermittelte. (Ich habe mich mit dieser Problematik bereits an anderer Stelle beschäftigt.) Beispielsweise war Baker einer der wenigen Orgonomen, wenn ich es richtig überblicke abgesehen von Ola Raknes sogar der einzige Orgonom, mit einer abgeschlossenen psychoanalytischen Ausbildung. Auch war er von Reich dafür ausersehen, dessen frühe psychoanalytische Beiträge in Amerika neu herauszugeben. Entsprechend wird Reich Baker ein ganz anders gefärbtes Bild der Orgontherapie vermittelt haben als etwa dem nur oberflächlich in Psychoanalyse ausgebildeten Raphael.

Ähnlich ist die Sache mit Marx bestellt: Baker war, neben Michael Silvert, zu Reichs Zeiten der einzige Orgonom, der politisch rechts stand, alle anderen waren linksliberal. Es liegen Briefe von Reich an Baker vor, in denen er besorgt nachfragt, ob angesichts von Veröffentlichungen wie People in Trouble ihr Verhältnis gefährdet sei. Immer wieder bekundete Reich gegenüber Baker, aber auch gegenüber übereifrigen Linken unter seinen Anhängern, daß Marx für die heutige Zeit jede Bedeutung verloren habe. Geradezu gegensätzlich äußerte er sich gegenüber Victor Sobey, dem einzigen Orgonomen, der aus der Arbeiterklasse hervorgegangen war. Noch 1957 sagte er Sobey, daß er, Reich, noch immer ein „Marxist“ sei. Eine Erklärung, die angesichts von People in Trouble glaubwürdig ist, auch wenn die Schüler Bakers sagen, daß Reich sich niemals derartig geäußert haben könne.

Wie mit all dem umgehen? So wie Reich damit umgegangen ist! Es hängt immer von den Zusammenhängen ab! Heute werden Psychologen und Psychiater kaum bis gar nicht mehr in Psychoanalyse ausgebildet. Man begegnet Psychiatern, selbst Diplompsychologen, die selbst an psychoanalytischen Grundbegriffen scheitern! Entsprechend ist der Bezug auf eine psychoanalytische Begrifflichkeit heutzutage geradezu ein revolutionärer Akt. Hinzu kommt, daß die Psychoanalyse die praktische Arbeit ungemein erleichtert: wenn etwa die klassische charakteranalytische und biophysische Vorgehensweise im Sande verläuft, kann man beispielsweise mit dem Gegensatz von Über-Ich und Ichideal arbeiten, wie Reich es bereits 1925 in Der triebhafte Charakter beschrieben hat (siehe dazu die Ausführungen von Robert A. Harman: „Clinical Applications of Reich’s Work with Impulsive Characters: The Ego, Ego-Ideal, Superego and the Id”, Journal of Orgonomy, 46,1, Spring/Summer 2012).

Was hingegen Marx betrifft, hat seine Begrifflichkeit heutzutage eine Hegemoniestellung, die es praktisch unmöglich macht öffentlich bio-soziologisch zu argumentieren, d.h. von der bio-physischen Struktur des Menschen her:

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