Reichs phänomenologische Naturwissenschaft (Teil 7)

Reich war kein Philosoph, er war Naturwissenschaftler. Was ihn ausmacht ist 1. die Entdeckung des Orgons und 2. des Mechanismus, mit dem sich die Menschen gegen das Orgon „abpanzern“.

Was bei Max Stirner der „Panzerung“ entspricht, ist, wie bereits zitiert, offensichtlich: die Besessenheit mit dem „leeren, leblosen Begriff“, „wogegen die Eigenen das stämmige lebenvolle Einzelne vom Wust der Allgemeinheiten zu entlasten trachten“ (Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, reclam, S. 254, Hervorhebung von PN).

Reich hat gegen die willkürlichen, faktenfreien Begriffe, aus denen deduktiv zu erschließen ist, beispielsweise wie Kinder zu erziehen sind, das induktiv nachweisbare „lebenvolle“ Orgon gestellt. Diese „objektive Autorität“ des Orgons steht nicht im Gegensatz zur persönlichen „Eigenheit“, von der Stirner sprach, sondern ist sozusagen deren Substanz – die schlichtweg vorhandene Natur des Menschen, sein Kern. Das Orgon ist also keine externe Autorität, kein Über-Ich, sondern dessen Gegenteil: die Bedingung der Eigenheit. In diesem Sinne hat Naturwissenschaft die Funktion uns sozusagen zu erden.

Der Eigene bzw. der Einzige ist der Konkrete, Greifbare schlechthin. Genauso betrachtete Reich das Orgon: als das Konkrete, Greifbare schlechthin, das unmittelbar im freien Atmen, wenn man ganz man selbst ist, erfahren wird. In Reichs Orgontherapie gibt es nur ein „Gebot“: Atme!! Was nichts anderes ist als: laß dich gehen und sei das autonom funktionierende Lebensprinzip selbst.

Daß sich die Menschen dieser Identität von „Ich“ und „Pneuma“ nicht gewahr sind, ist für das mechanistische Weltbild verantwortlich, das Ahnen dieser Identität für das „spirituelle“ Weltbild.

Wie Reich 1941 schrieb, konnte der Mensch, der von jeher das Orgon in sich spürte, sich nur als Objekt und Werkzeug dieser Macht empfinden, – der er sich gerne unterwarf, da sie ihm orgastische Erfüllung verhieß. Dies erkläre, warum sich der Mensch so gerne und widerstandslos irrationalen, d.h. religiösen Gefühlen hingibt. Erst er, Reich, sei weitergegangen und habe diese Energie, die bisher als unerkennbarer Gott mystifiziert wurde, durch Induktion zugänglich und handhabbar gemacht. Erst er, Reich, habe die Angst vor dem Numinosen, dem Tabu, dem Heiligen überwunden (Die Funktion des Orgasmus, 1942). Orgon ist Aufklärung!

Das Orgon entspricht dem, was für Stirner Gott ist: der, der unnennbar und vollkommen autonom ist; der, der alles aus dem „Nichts“ erschaffen hat: der Einzige, den kein Begriff jemals erfassen kann, weil er autonom ist (Der Einzige und sein Eigentum, S. 412). „Gott“ verkörpert genau das, was Stirner für sich selbst, sein Ich in Anspruch nimmt, nämlich der Einzige zu sein. Verwirrenderweise ist aber auch die Panzerung „Gott“: der „Gott“ im Sinne eines Usurpators, Freuds „Über-Ich“, „Gott Vater“; das, was Stirner als „innere Hierarchien“ bezeichnet hat – die verinnerlichten Autoritäten, die den Eigner enteignen. Hier wieder Orgon gegen Panzerung.

Wenn Reich auf einen Philosophen zurückgeht, dann ist es Hegel, den er, so bin ich mir sicher, nie gelesen hat. Marx und Engels (insbesondere aber auch Lenin) hat er jedoch in extenso studiert und so die materialistisch gewendete Hegelsche Dialektik in Gestalt des Dialektischen Materialismus übernommen und zur Grundlage seiner Forschungsarbeit erkoren. Dialektik sieht die Einheit im Gegensatz und den Gegensatz in der Einheit, was nichts anderes bedeutet, als daß sich der Geist bzw. bei Engels die Natur spontan aus sich selbst entfaltet. Das ist jene „schöpferische Spontanität“, die Stirner für seinen Einzigen reklamierte.

Reich war, wie gesagt, kein Philosoph, hat also nicht über Umwege Hegels „absoluten Geist“ in sein Orgon uminterpretiert, vielmehr hat er zweierlei getan:

Erstens hat er im Dialektischen Materialismus bzw. in seinem orgonomischen Funktionalismus so gedacht und geforscht, wie die Natur funktioniert, nämlich nicht starr mechanisch auf Grund äußerer Zwänge, sondern spontan „flüssig“ aus ihrer eigenen Widersprüchlichkeit heraus.

Und zweitens war er weder ideologisch noch körperlich gepanzert, d.h. er war über-ich-frei, indem er weder der etablierten Wissenschaft gefolgt ist, noch verinnerlichte gesellschaftliche Normen auf sich wirken ließ. Beides wirkt sich körperlich und geistig so aus, daß man mit dem Lebendigen nicht mitschwingen kann. Sein Weg begann, ähnlich wie bei LaMettrie, mit einer radikalen Ablehnung jedweder sexuellen oder sagen wir lieber genitalen Hemmung. Ohne Panzerung tritt das zutage, was Reich als „Menschentier“ bezeichnete und Friedrich Kraus als „Tiefenperson“.

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5 Antworten to “Reichs phänomenologische Naturwissenschaft (Teil 7)”

  1. Avatar von claus claus Says:

    Eben deshalb suche ich in Reich keinen Philosophen. Er war philosophisch einfach zu ‚ungebildet‘. Das betrifft aber nicht nur Hegel, sondern – viel wichtiger – das, was an den Wissenschaftstheoretikern seiner Zeit vor allem für die Erforschung des Orgons relevant ist: meines Erachtens eben durchaus auch der Empirismus des Wiener Kreises und die philosophische Semantik in der Folge Russells, Carnaps und Wittgensteins.

  2. Avatar von Fantomas Fantomas Says:

    Ja, Claus, damit legst Du den Finger in die Wunde!

    Interessant ist, dass GERADE Reich ein entschiedener Gegner der damals wie heute in der Politik extrem weit verbreiteten Praxis war, wonach Menschen über Fachgebiete zu entscheiden haben, die sie selber gar nicht von der Pike auf gelernt haben. Reich war also sozusagen ein strenger Verfechter einer „Expertokratie“, falls es dieses Wort überhaupt gibt.

    Laut Reich sollten nämlich nur wirkliche FACHLEUTE in den jeweiligen Gebieten mitreden dürfen. Also z.B. nur jemand Gesundheitsminister sein, der selber beruflich viele Jahre lang im Gesundheitswesen gearbeitet hat. Dass heute Frauen Bundesverteidigungsministerin werden können, die selber noch nicht mal jemals Soldatinnen waren, wäre nach Reichs Logik ein Unding.

    Reich nannte dies „Arbeitsdemokratie“ und vertrat dezidiert die Ansicht, dass nur erfahrene Physiker über physikalische Dinge zu entscheiden haben sollen, nur erfahrene Chemiker über chemische Dinge, nur erfahrene Erzieher über die Bildungspolitik, nur erfahrene Handwerker über handwerkliche Dinge, nur Betriebs- oder Volkswirte über die Wirtschaftspolitik, nur erfahrene Bauern über Landwirtschaftspolitik usw.

    Das Paradoxon dieser mir sehr vernünftig erscheinenden Haltung ist „nur“, dass Reich als Psychiater (!) nicht nur in unglaublich viele andere Fachgebiete eindrang, die er gar nicht „von der Pike auf gelernt“ hatte, sondern in diesen Bereichen sogar maximal anspruchsvolle Theorien formulierte, so als ob er es „besser wisse“ als die gelernten Physiker, Internisten, Krebsforscher, Meteorologen, Erzieher, Soziologen, Philosophen usw. usf. – also eigentlich ein klarer Verstoß gegen die von ihm postulierten „arbeitsdemokratischen“ Prinzipien.

    Selbstverständlich halte ich Reich für ein Genie (sonst wäre ich kein Reichianer…), dessen Forschungen und Theorien weit über den engen Bereich der Psychiatrie hinausgingen, und ich glaube, dass er in Fachdisziplinen, die er gar nicht gelernt hat, wirklich bahnbrechende Entdeckungen gemacht und überaus wichtige Funktionsgesetze aufgezeigt hat.

    Trotzdem bleibt – ähnlich wie bei Dir, Claus („Reich war philosophisch einfach zu ungebildet“), – ein schaler Rest übrig, der zu gewissen Irritationen Anlass gibt.

    So möchte ich nicht wissen, was Einstein gedacht hat, als ein völlig fachfremder Psychoanalytiker (!) bei ihm auftauchte und behauptete, es gebe eine „Lebensenergie“, die von der Physik übersehen worden sei. Man stelle sich nur mal den umgekehrten Fall vor: ein Physiker lässt sich einen Termin bei Freud geben und erklärt diesem, er, der Physiker, habe ganz grundsätzliche psychologische Entdeckungen gemacht, die die ganze Psychoanalyse revolutionieren würden…

    Oder was sollen erfahrene Onkologen davon halten, dass ein Psychiater namens Reich, der in Amerika gar keine Approbation besaß und keine Patienten behandeln durfte, aufgrund seiner subjektiven Beobachtungen an gerade mal einer Handvoll (!) Krebspatienten höchst selbstbewusst äußerst weitreichende Theorien über den Krebs („karzinomatöse Schrumpfungsbiopathie“) publizierte?

    Erschwerend kam noch hinzu, dass das allgemeinmedizinische und internistische Wissen, das Reich in seinem weit zurückliegenden und für Kriegsteilnehmer besonders kurzen Medizinstudium in Wien gelernt hatte (als die Medizin noch in den Kinderschuhen steckte und es nur ganz wenige Medikamente gab), vielleicht 5% von dem betrug, was heutige Ärzte darüber in Studium und Facharztausbildung lernen.

    Selbst in seiner ureigenen Facharztdisziplin Psychiatrie scheint Reich kaum zuhause gewesen zu sein, da er schon als Student nahezu ausschließlich als Psychoanalytiker (also einem in der Psychiatrie umstrittenen Randgebiet) tätig war. Es muss doch auffallen, dass es aus den Jahren seiner kolportierten Facharztausbildung bei Prof. Dr. Wagner-Jauregg m.W. nicht eine einzige PSYCHIATRISCHE Fallgeschichte aus der Klinik gab, die Reich jemals publiziert hätte. Auch in seinen stark autobiographischen Büchern waren ihm die mindestens 5 Jahre seiner psychiatrischen Facharztausbildung kaum einer Erwähnung wert.

    Selbst seine Ausbildung in seiner „Kernkompetenz“ Psychoanalyse war defizitär, da Reich noch nicht mal die als obligatorisch geltende Lehranalyse abgeschlossen hatte.

    Deswegen mutet es – ähnlich wie oben bei den Krebstheorien – für erfahrene Psychiater doch etwas vermessen an, wenn Reich später in den USA aufgrund seiner subjektiven Beobachtungen an gerade mal einer Handvoll schizophrener Patienten (die er gar nicht behandeln DURFTE) weitreichende Theorien über die Entstehung schizophrener Psychosen publizierte.

    Wie muss es auf erfahrene Mikrobiologen wirken, wenn Reich, der als Psychoanalytiker wohl kaum jemals im Labor gearbeitet hatte und unter dem Mikroskop kaum zwei verschiedene Bakterien benennen und voneinander unterscheiden konnte bzw. eosinophile Granulozyten nicht von basophilen Granulozyten (zwei Untergruppen der weißen Blutkörperchen) unterscheiden konnte, nach Lektüre von vielleicht ein, zwei Einführungswerken über biologische Mikroskopie mit den Bionversuchen und dem Reichschen Bluttest Theorien publizierte, die die gesamte Mikrobiologie und Hämatologie auf den Kopf stellen?

    Was geht in Meteorologen vor, wenn sie lesen, dass der Psychoanalytiker Reich die Wettervorgänge nicht nur besser verstanden habe als sie selbst, sondern diese auch noch mit einem Gerät (dem „Cloudbuster“) zielegerichtet „behandelt“ haben will?

    Mangelndes Selbstbewusstsein in der Theoriebildung in auch in von seinem eigentlichen Beruf weit entfernten Fachgebieten kann man Reich jedenfalls nicht vorwerfen 🙂

    Man kann natürlich – wie Peter – behaupten, dass die jeweiligen „orthodoxen“ Fachwissenschaftler einfach „zu gepanzert“ waren und sind, um die Richtigkeit von Reichs bahnbrechenden Theorien zu erkennen.

    Und auch das Argument, dass die jeweiligen Experten aufgrund ihrer „okularen Panzerung“ eben „betriebsblind“ waren und deshalb nur ein fachfremder Außenseiter zu wirklich grundlegend anderen Erkenntnissen gelangen konnte, hat etwas für sich.

    Genau so gut kann man aber auch vermuten, dass ein Teil der Ablehnung Reichs von Seiten der „Schulwissenschaftler“ schlichtweg darauf zurückzuführen ist, dass die auf ihren jeweiligen Gebieten seit Jahrzehnten arbeitenden Experten den „Hans Dampf in allen Gassen“ Reich bestenfalls für einen ebenso überaus ambitionierten wie dilettierenden Amateurforscher hielten, den man gar nicht ernst nehmen kann.

    • Avatar von claus claus Says:

      (Antwort-Funktion funktioniert hier gerade nicht?) Also, zu Reichs Fachfremdheit in so vielen Dingen: Was Medizin betrifft, hatte ich öfter diesen Verdacht. Er ist ja offenbar nur in der Freud-Schule so schnell so aufgestiegen. Was macht ihn dennoch so rational? Was mich betrifft, war es immer eins: Ich hätte mich eigentlich nie und nimmer für Lebensenergiesachen interessiert. Entscheidend war: Die Schritte von Bionen und SAPA über den ORAC sogar über CB, dann sogar zu Ufos, haben eine erstaunliche Plausibilität, Schritt für Schritt. Es kann dabei bei jedem Schritt Sinnestäuschung im Spiel sein. Dem, der damit nichts zu tun haben will, kann man nichts beweisen. Was bleibt also? Selbst irgendwo Erfahrungen zu machen. Ich baue also erst mal solch ein Stahlwoll-Baumwoll-Kissen. Nach Monaten (!) merke ich immer deutlicher eine Art Fülle- oder Ladungsgefühl (wie soll man sowas beschreiben?). Das ist ist irgendwann frappierend und für einen selbst ganz deutlich. Ausgehend davon kann man dann wahrnehmen, was man bei Bionen (die lassen sich schnell herstellen und mikroskopieren) merkt und – leider viel zu einfach und gefährlich – auch bei kleinen Bustern. Wenn man das für sich nachvollzogen hat, kann man eine Plausiblität der Theorie FÜR EINEN SELBST kaum noch ignorieren. Wenn man sich der Öffentlichkeit stellen will, braucht man andere Mittel, die Beobachtbarkeit für mehr oder weniger jeden mit sich bringen. Ich unterscheide da sehr stark zwischen Plausibilität für mich und Argumentieren in der Öffentlichkeit. Letzteres ist schwer, gerade weil das Intereresse voraussetzt; und Interesse hat i.d.R. nur der, der schon gewisse Erfahrungen gemacht hat!

  3. Avatar von Fantomas Fantomas Says:

    Hallo Claus!

    Wie schon Dein letzter, so legt auch dieser Kommentar von Dir den Finger in die Wunde. Ich nehme ihn zum Anlass, um hier ein m.E. GANZ wichtiges Problem zur Diskussion zu stellen, mit dem wir wohl alle früher oder später konfrontiert sind, die regelmäßig Peters Nachrichtenbrief lesen bzw. sich schon länger als Reichianer definieren. Die Klärung dieser Frage kann in ihrer Bedeutung m.E. nicht hoch genug veranschlagt werden.

    In all den Jahrzehnten, in denen ich mich intensiv mit der Orgonomie befasse, bin ich an der von Dir (Claus) aufgeworfenen Grundsatzfrage immer wieder fast schon verzweifelt. Deswegen würde mich auch sehr interessieren, wie es anderen mit diesem Problem ergeht.

    ERSTENS:

    Genau wie Du, Claus, haben mich in erster Linie meine Sinneswahrnehmungen der Orgonenergie meines Körpers sowie der Natur um mich herum von der Richtigkeit der Reichschen Postulate überzeugt. Ich fühle die Energiebewegungen in meinem Organismus und kann an guten Tagen das Energiefeld (die „Aura) anderer Personen sehen und spüren.

    In den vielen Jahren, wo ich regelmäßig den Orgonakkumulator und den Medical DOR-Buster benutzt habe, waren meine Empfindungen genau so, wie Reich es beschrieben hat.

    Auch, als ich etliche Male die Bionversuche und den Reichschen Bluttest nachvollzog, konnte ich unter dem Mikroskop genau das sehen, was Reich in seinen Büchern vorhergesagt hat. Absolut beeindruckend und sozusagen unwiderlegbar waren insbesondere auch die starken Überladungszeichen („ORANUR“) in meinem eigenen Reichschen Bluttest, als ich auf der Höhe der Tschernobyl-Katastrophe von 1986 gecloudbustet hatte und meine Erythrozyten so brutal überladen waren, so dass manche zerbarsten, so dass sich plötzlich zwei halbmondförmige Erythrozyten-Fragmente gegenüber lagen. Leider sind mir die Videos, die dies dokumentiert haben, nicht mehr zugänglich bzw. verschollen.

    Auch bei diversen Cloudbusting-Operationen, an denen ich beteiligt war, war alles genau so, wie es Reich, Eden und DeMeo beschrieben haben.

    Von daher habe ich – genau wie Du, Claus – eine starke empirische Evidenz, dass all diese Phänomene, die Reich der Orgonenergie zuschreibt, tatsächlich existieren. PERSÖNLICH habe ich keinerlei Zweifel daran.

    Auch Reichs Theoriebildung hat mich von Anfang an in ihren Bann geschlagen. Schon, als mich mit 17 Jahren ein ehemaliger Mitarbeiter von Reich in dessen Schriften einführte, erschien mir das meiste (wenngleich nicht alles), was Reich darlegte, absolut plausibel. Gerade auch die Sexualität, die man in dem Alter natürlich sehr stark spürt, schien mir von Reich deutlich besser, authentischer und lebendiger beschrieben zu werden als alles, was man in puncto „sexuelle Aufklärung“ sonst so zu lesen bekam. Die ziemlich pornographische Art und Weise, mit der meine Mitschüler über sexuelle Dinge sprachen – und wie sie in den Medien vermittelt wurde – erschien mir auf einmal ziemlich krank und abstoßend und hatte nichts mit dem zu tun, was Reich als volle HINGABE bezeichnet hatte.

    Als ich mich in den folgenden Jahren systematisch in den „ganzen Reich“ einzulesen begann, empfand ich seine Gedankenführung und die von Reich systematisch entwickelten Begriffe und Konzepte als absolut plausibel: Charakterpanzer und Charakteranalyse (inklusive der soziopolitischen Charaktere), Muskelpanzer, emotionale Pest, ungehinderte Pulsation als DAS Grundprinzip von Leben und Gesundheit, die Orgasmusformel, die Wüstenentstehung und die gestörte Pulsation des atmosphärischen Orgons am Himmel – all das erschien mir absolut richtig, einleuchtend und plausibel. Auch die gesellschaftliche Misere, in der wir stecken, wurde mir durch Reichs Theorien sehr viel verständlicher als alles, was ich in meinem Studium an „trockenen“, mechanistischen Theorien so lernen musste.

    Auch in meiner eigenen jahrelangen Orgontherapie, die ich schon mit 21 Jahren begann (als die Panzerungen noch nicht wirklich chronifiziert waren und sich daher leichter lösen ließen als bei einem 40jährigen), fand ich fast alles bestätigt, was Reich über diese Behandlungsmethode publiziert hatte.

    Schon nach 2-3 Sitzungen löste sich meine Brustpanzerung dermaßen eindrucksvoll, dass ich auf einmal gefühlt doppelt so tief atmete wie zuvor und mich so vital, energetisch und lebendig fühlte wie seit meiner Kindheit nicht mehr. Auch mein sexuelles Empfinden wurde in den Folgejahren immer intensiver und befriedigender.

    DAS alles war und ist also meine ganz persönliche „Evidenz“ für die Richtigkeit und Plausibilität der Reichschen Orgonomie. SUBJEKTIV bin ich davon überzeugt, dass die meisten Orgonenergie-Phänomene, die Reich und die späteren Orgonomen postulierten, tatsächlich existieren. Auch die Reichsche Kritik an unserer gepanzerten Gesellschaft hatte und hat für mich einen deutlich höheren Erklärungswert als alles, was ich von anderen Autoren zu dem Thema gelesen habe.

    ZWEITENS:

    >>> Wenn man sich der Öffentlichkeit stellen will, braucht man andere Mittel, die Beobachtbarkeit für mehr oder weniger jeden mit sich bringen. Ich unterscheide da sehr stark zwischen Plausibilität für mich und Argumentieren in der Öffentlichkeit. Letzteres ist schwer, gerade weil das Intereresse voraussetzt; und Interesse hat i.d.R. nur der, der schon gewisse Erfahrungen gemacht hat!

    Wie oben schon gesagt, Claus: damit legst Du genau den Finger in die Wunde.

    Aufgrund meiner beeindruckenden Erfahrungen und Erkenntnisse, die ich gerade beschrieben habe, hatte ich die naive Hoffnung, dass andere Menschen das alles auch so wahrnehmen und beurteilen würden wie ich. Doch damit begannen schon die Probleme, denn bei den meisten Zeitgenossen, denen ich von meinen Erlebnissen und Einsichten erzählte, stieß ich auf eine Mauer des Schweigens, des Unverständnisses und Befremdens – manche machten sich sogar über mich lustig als „den verrückten Reichianer“, so als ob ich einer obskuren esoterischen Geheimlehre zum Opfer gefallen oder in die Hände einer Sekte geraten sei.

    Auch die Professoren an der Uni, die ich schüchtern mit dem konfrontierte, was ich bei Reich gelesen hatte, lehnten die Orgonomie überheblich, verächtlich oder sogar spöttisch ab. Das irritierte mich natürlich.

    Als ich in puncto Orgonomie immer kompetenter wurde und in den USA sogar noch Zeitzeugen von Reich kennenlernen durfte, bin ich an eine ganze Reihe von hochrangigen Professoren herangetreten, um ihre Meinung über die von Reich beschriebenen Phänomene einzuholen. Das war jedoch außerordentlich frustrierend.

    Zweimal hatte ich sogar Gelegenheit, zu prominenten Lehrstuhlinhabern für Theoretische Physik vorzudringen und sie mit allen publizierten Studien zum To-T-Phänomen von Orgonakkumulatoren zu versorgen.

    Alles, was ich erntete, war jedoch spöttische Herablassung. Die haben mich von oben herab zugetextet mit Fachbegriffen, die ich aufgrund meiner sehr überschaubaren Ausbildung in Physik gar nicht verstand. Und da wurde mir die ganze Problematik der Orgonomie bewusst, die mich bis heute quält.

    Ich selber SPÜRE die Phänomene, die Reich der Orgonenergie zuschreibt, sehr deutlich und als unmittelbar evident. Aber es mangelt mir an physikalischer Ausbildung, um Physik-Professoren zu „beweisen“, dass das Orgon tatsächlich existiert und als primordiale Lebensenergie schlechthin zu verstehen ist.

    Ich meine, VIELE Menschen verspüren „energetische“ Phänomene – besonders natürlich in der Sexualität – aber kaum einer käme zu der Schlussfolgerung, dass wir es hier mit einer grundsätzlich neuen physikalischen Energieform zu tun haben. Die meisten würden sich sicher auch damit zufrieden geben, wenn sie lesen, dass es sich um biochemische Vorgänge im Gehirn und um „Glückshormone“ wie Beta-Endorphine handelt, die der Körper SUBJEKTIV als „energetisch“ wahrnimmt.

    Mir fehlt einfach das nötige naturwissenschaftliche Knowhow, um etablierte Naturwissenschaftler davon überzeugen zu können, dass das Orgon wirklich DIE grundlegende Lebensenergie schlechthin verkörpert, und das ist schon eingermaßen frustrierend.

    Ein einigermaßen skurriles Erlebnis hatte ich, als es mir einmal gelang, einen Termin in der Sprechstunde eines Oberarztes der Dermatologischen Universitätsklinik zu ergattern, um ihn nach seiner Meinung zu Reichs Hautpotentialmessungen in Abhängigkeit von Lust und Angst zu befragen. Dieser Mann, obwohl seit 8 Jahren in einer Universitäts-HAUTklinik tätig und in diesem Fach kurz vor der Habilitation stehend, war über meine Fragen ganz offensichtlich ziemlich verdattert. Erst nach mehreren Nachfragen meinerseits räumte er ein, dass er „natürlich“ von der Existenz eines elektrophysiologischen Hautpotentials wisse, dass diesem aber kein wissenschaftliches Interesse zukomme und ihm deswegen auch keine aktuelleren Forschungen zu diesem Thema bekannt seien. Und das sagt wohlgemerkt ein HAUTarzt!

    Damit bin ich beim Kern Deiner oben zitierten Aussage, Claus. Genau wie Du bin ich mir bei MEINER Wahrnehmung derjenigen Phänomene, die Reich einer so genannten „Orgonenergie“ zuschreibt, absolut sicher. Und durch dieses Wissen im Verein mit der entsprechenden orgonomischen Literatur glaube ich, sowohl die Natur, als auch das Verhalten der Menschen inklusive gesellschaftlicher Vorgänge („Massenpsychologie“) nun VIEL besser zu verstehen, als ich dies OHNE Orgonomie könnte.

    Dies aber ANDEREN zu vermitteln, ist überaus schwer. Denn wie Du schon schreibst, setzt dies beim gegenüber ein grundsätzliches INTERESSE und eine Unvoreingenommenheit voraus, die jedoch meist nicht vorhanden ist, weil die anderen anscheinend nichts DAS empfinden (oder es anders interpretieren…), was ICH spüre.

    Selbst im privaten Umgang hat mich mein ganz enormer Zuwachs an Wissen und Erkenntnissen durch die Orgonomie (sowie, ganz konkret, durch meine eigene jahrelange Orgontherapie in den USA) nicht etwa sozial besser vernetzt, sondern im Gegenteil intellektuell immer EINSAMER gemacht. Wie will man z.B. bei einem Spaziergang mit einer Frau, die auf „Wetterbericht der Tagesschau-Niveau“ Smalltalk über das drückende Wetter heute betreiben (das die Gute womöglich auch noch oberschlau auf die „Klimaerwärmung“ zurückführt, die heute so trendy ist…), wenn man selber unter Extrembedingungen gecloudbustet hat und das Wetter eher nach dem „DOR-Index“ von Courtney Baker beurteilt. Ein, zweimal habe ich versucht, einer solchen Gesprächspartnerin die „DOR-Layer“ zu zeigen, die ich am Himmel sah, oder ihr zu erklären, dass der allmähliche Aufbau und das spätere explosionsartige Abregnen großer Kumulus-Wolken nach der Reichschen Spannungs/Ladungs-Formel „Spannung-Ladung-Entladung-Entspannung“ (also der „Orgasmusformel“) unterliegt.

    Das ernüchternde Resultat war allerdings Kopfschütteln, Zweifel oder der spöttische Kommentar, dass ich ein sexbesessener Spinner sei, der den Orgasmus sogar am Himmel sieht usw. Dass ich da keinen Bock mehr hatte, der jungen Dame auch noch zu erzählen, dass ich zusammen mit anderen Reichianern sogar mithilfe von „Cloudbustern“ aktiv in das Wettergeschehen eingegriffen habe, versteht sich von selbst. Spätestens dann hätte man mich für größenwahnsinnig bzw. für völlig plemplem gehalten…

    So habe ich mich also folglich immer mehr damit zurückgehalten, andere für meine orgonomischen Beobachtungen und Erkenntnisse begeistern zu wollen.

    Wenn ich nun rückblickend auf meine Vita schaue, muss ich konstatieren, dass ich sowohl beruflich als auch privat seit Jahrzehnten sozusagen ein „Doppelleben“ führe bzw. in „zwei Welten“ lebe, wobei die EINE Welt den Vertretern der ANDEREN Welt noch nicht mal mehr kommunikabel ist.

    Sowohl im Freundeskreis als auch unter den Kollegen habe ich mir so lange immer wieder eine blutige Nase geholt, wenn ich ihnen mit der Orgonomie kam, bis ich es irgendwann frustriert aufgegeben habe – zumal es auch meiner Karriere noch mehr geschadet hätte als es ohnehin schon der Fall war.

    Auch in puncto Sexualität und Partnerschaft besteht ja das Problem, dass, je weiter man in seiner eigenen Orgontherapie fortgeschritten ist und je hingabefähiger man geworden ist, es immer schwerer wird, eine Partnerin zu finden, die auf annähernd demselben Funktionsniveau agiert. Die vorwiegend klitoral orientierte Sexualität vieler „moderner“ Frauen und die ganzen prägenitalen Sexspiele und Sextoys sowie die sehr verbreiteten BDSM-Praktiken, auf die viele Frauen stehen, empfand ich als immer uninteressanter und fader.

    Natürlich gibt es EINEN – und NUR einen – Ausweg aus diesem Dilemma: nämlich, sich mit anderen Menschen zu umgeben, die selber in der Orgonomie tätig sind bzw. sich selber in einer Orgontherapie befinden – und die deshalb die einzigen sind, die selber aus eigener Erfahrung wissen, was man meint, wenn man von der Orgonenergie spricht.

    Das habe ich auch jahrzehntelang getan, und zwei meiner langjährigen Partnerinnen waren ebenfalls in Orgontherapie.

    Das Problem ist „nur“, dass solche Menschen a) sehr selten sind, b) oft weit entfernt leben, c) dass die Reichianische „Bewegung“ seit Jahren immer mehr auf dem absteigenden Ast sitzt und es kaum noch Studenten der Orgonomie GIBT, und schließlich d) dass gerade in den letzten Jahren die meisten der engagierten prominenten Orgonomen, mit denen ich eine enge Verbindung hatte, „weggestorben“ sind, so zuletzt James DeMeo und Jim Martin.

    Deswegen hat meine jahrzehntelange intensive aktive Beschäftigung mit der Orgonomie mich letztlich in große intellektuelle Isolation und auch Einsamkeit getrieben, da ich das, was ich orgonomisch empfinde und denke, mit stark „gepanzerten“ und mechanistisch denkenden Zeitgenossen, die noch nie von Reich gehört haben und in ihren beruflichen und ideologischen „Fallen“ (im Sinne von Elsworth Baker´s Lehrbuch „Man in the Trap“) gefangen sind, nicht teilen kann.

    Und WENN man das Glück haben sollte, mal jemanden zu finden, der an der Orgonomie zumindest Interesse zeigt, kommt irgendwann stereotyp die peinliche Gegenfrage: „Ja ja ja ja, Fantomas, das alles klingt ja wirklich spannend und überaus beeindruckend. Aber WENN das wirklich alles stimmt, was Du da sagst, WARUM SIND DANN DIE ETABLIERTEN WISSENSCHAFTEN MIT ALLE IHREN HIGH-TECH-METHODEN NICHT SCHON SELBER LÄNGST AUF DIESE SOGENANNTE ORGONENERGIE GEKOMMEN???“.

    Und da steht man dann wieder da „wie der Ochs vor dem Berg“. Ein GRUNDPROBLEM von uns Reichianern besteht darin, dass man diese Frage sozusagen nur „systemimmanent“ beantworten kann – also mit Begrifflichkeiten, die SELBER aus der Orgonomie stammen, also „Panzerung“, „Augenpanzer“, „Angst vor starken Emotionen bzw. Angst vor dem Lebendigen“ usw.

    Mann KANN die Orgonomie offenbar nicht „kreuz-validieren“, denn sämtliche Forscher, die Experimente zur Orgonomie publiziert haben, stammten von INNERHALB der Orgonomie, befanden sich in der Regel in einer Orgontherapie, waren mit den orgnomischen Phänomen und Begrifflichkeiten vertraut usw.

    M.W. ist bislang KEINES der wichtigsten orgonomischen Experimente von AUSSRORGONOMISCHEN Institutionen nachvollzogen worden! Deswegen gilt man als Reichianer schnell als arrogant oder gar größenwahnsinnig, nach dem Motto: „WAS? DU willst mir hier weismachen, dass es eine universelle Lebensenergie gibt, die alle Naturvorgänge durchdringt, die man sogar in einer Holzkiste akkumulieren und mit der man sogar das Wettergeschehen beeinflussen kann, aber seltsamerweise ist diese angebliche Superenergie noch von keiner Universität und keiner medizinischen Hochschule der Welt entdeckt worden? Für wen hältst Du Dich, Fantomas? Gehörst Du einer Sekte an, die ihr obskures Geheimwissen unters naive Volk streuen will?“.

    Es ist also genau SO, wie Du es beschrieben hast, Claus! Für einen SELBER und bestenfalls noch ein paar wenige Gleichgesinnte (die aber meist nicht in derselben Stadt oder gar demselben Land leben…) kann man Gewissheit und unmittelbare Evidenz der Orgonenergie und ihrer Funktionsgesetzte finden. Aber dies nach außen zu kommunizieren bzw. Ärzte oder Wissenschaftler davon überzeugen zu wollen, ist ganz schwer, wenn nicht gar unmöglich.

    Je weiter man in seiner eigenen Orgontherapie gekommen ist und je weniger gepanzert man ist, desto mehr wird man nicht nur die Schönheit der Natur empfinden, sondern unter den heutigen Bedingungen gepanzerter Gesellschaften eben auch sehr viel mehr und tiefer „an der Kaputtheit der Welt“ und der Zerstörung der Natur leiden.

    Selbst Reich, der Erfinder der Orgonomie, hat diese intellektuelle und emotionale Einsamkeit des tief Empfindenden gegen Ende seines Lebens in überaus schmerzhafter Weise durchmachen müssen: Ohne Frau, ohne Freunde, ohne Kollegen saß nach er nach dem ORANUR-Experiment völlig vereinsamt im entlegenen Orgonon und hinterließ uns das letzte Audio-Dokument seines Lebens, das den bezeichnenden Titel „ALONE trägt: Wilhelm Reich – Alone 10 min. home recording 03.04.1952

    Eine private Bitte noch zum Schluss. Nicht ohne Grund schreibe ich hier ja – wie fast jeder von Euch – unter Pseudonym. Wenn jemand meint, mich zu (er)kennen, möchte ich darum bitten, meine vermeintliche Identität nicht nicht zu outen. Wer mir lieber privat schreiben will, kann mir über Peter eine Email zukommen lassen. Danke!

    Sehr interessieren würde mich aber, wie IHR mit dem von mir geschilderten „Grundkonflikt“ umgeht, in dem sich m.E. quasi jeder von uns Reichianern befindet.

  4. Avatar von Fantomas Fantomas Says:

    P.S.: Ein Punkt noch.

    Wenn man die Tatsache, dass die Schulwissenschaftler die Existenz der Orgonenergie nicht (an)erkennen wollen, mit orgonomischer Begrifflichkeit zu erklären versucht („sie sind halt zu gepanzert“, „ihr Augenpanzer hindert sie daran, das Orgon sehen zu können“, „sie sind einem mechano-mystizistischen Denkfehler verhaftet“ usw.), dann birgt dieser Zirkelschluss natürlich die Gefahr einer Tautologie!

    Und die Orgonomie gerät dann in den Geruch einer esoterischen Geheimlehre für Eingeweihte, die sich untereinander mit einer orgonomischen Geheimsprache verständigen, die nur für Insider gilt. Nach dem Motto: „nur wer das Orgon in sich spürt, kann auch das Orgon in der Natur spüren“. Mag zwar richtig sein, ist aber erkenntnistheoretisch Kokolores. So wird man keinen (neo)positivistischen Wissenschaftler überzeugen.

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