Reichs phänomenologische Naturwissenschaft (Teil 7)

Reich war kein Philosoph, er war Naturwissenschaftler. Was ihn ausmacht ist 1. die Entdeckung des Orgons und 2. des Mechanismus, mit dem sich die Menschen gegen das Orgon „abpanzern“.

Was bei Max Stirner der „Panzerung“ entspricht, ist, wie bereits zitiert, offensichtlich: die Besessenheit mit dem „leeren, leblosen Begriff“, „wogegen die Eigenen das stämmige lebenvolle Einzelne vom Wust der Allgemeinheiten zu entlasten trachten“ (Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, reclam, S. 254, Hervorhebung von PN).

Reich hat gegen die willkürlichen, faktenfreien Begriffe, aus denen deduktiv zu erschließen ist, beispielsweise wie Kinder zu erziehen sind, das induktiv nachweisbare „lebenvolle“ Orgon gestellt. Diese „objektive Autorität“ des Orgons steht nicht im Gegensatz zur persönlichen „Eigenheit“, von der Stirner sprach, sondern ist sozusagen deren Substanz – die schlichtweg vorhandene Natur des Menschen, sein Kern. Das Orgon ist also keine externe Autorität, kein Über-Ich, sondern dessen Gegenteil: die Bedingung der Eigenheit. In diesem Sinne hat Naturwissenschaft die Funktion uns sozusagen zu erden.

Der Eigene bzw. der Einzige ist der Konkrete, Greifbare schlechthin. Genauso betrachtete Reich das Orgon: als das Konkrete, Greifbare schlechthin, das unmittelbar im freien Atmen, wenn man ganz man selbst ist, erfahren wird. In Reichs Orgontherapie gibt es nur ein „Gebot“: Atme!! Was nichts anderes ist als: laß dich gehen und sei das autonom funktionierende Lebensprinzip selbst.

Daß sich die Menschen dieser Identität von „Ich“ und „Pneuma“ nicht gewahr sind, ist für das mechanistische Weltbild verantwortlich, das Ahnen dieser Identität für das „spirituelle“ Weltbild.

Wie Reich 1941 schrieb, konnte der Mensch, der von jeher das Orgon in sich spürte, sich nur als Objekt und Werkzeug dieser Macht empfinden, – der er sich gerne unterwarf, da sie ihm orgastische Erfüllung verhieß. Dies erkläre, warum sich der Mensch so gerne und widerstandslos irrationalen, d.h. religiösen Gefühlen hingibt. Erst er, Reich, sei weitergegangen und habe diese Energie, die bisher als unerkennbarer Gott mystifiziert wurde, durch Induktion zugänglich und handhabbar gemacht. Erst er, Reich, habe die Angst vor dem Numinosen, dem Tabu, dem Heiligen überwunden (Die Funktion des Orgasmus, 1942). Orgon ist Aufklärung!

Das Orgon entspricht dem, was für Stirner Gott ist: der, der unnennbar und vollkommen autonom ist; der, der alles aus dem „Nichts“ erschaffen hat: der Einzige, den kein Begriff jemals erfassen kann, weil er autonom ist (Der Einzige und sein Eigentum, S. 412). „Gott“ verkörpert genau das, was Stirner für sich selbst, sein Ich in Anspruch nimmt, nämlich der Einzige zu sein. Verwirrenderweise ist aber auch die Panzerung „Gott“: der „Gott“ im Sinne eines Usurpators, Freuds „Über-Ich“, „Gott Vater“; das, was Stirner als „innere Hierarchien“ bezeichnet hat – die verinnerlichten Autoritäten, die den Eigner enteignen. Hier wieder Orgon gegen Panzerung.

Wenn Reich auf einen Philosophen zurückgeht, dann ist es Hegel, den er, so bin ich mir sicher, nie gelesen hat. Marx und Engels (insbesondere aber auch Lenin) hat er jedoch in extenso studiert und so die materialistisch gewendete Hegelsche Dialektik in Gestalt des Dialektischen Materialismus übernommen und zur Grundlage seiner Forschungsarbeit erkoren. Dialektik sieht die Einheit im Gegensatz und den Gegensatz in der Einheit, was nichts anderes bedeutet, als daß sich der Geist bzw. bei Engels die Natur spontan aus sich selbst entfaltet. Das ist jene „schöpferische Spontanität“, die Stirner für seinen Einzigen reklamierte.

Reich war, wie gesagt, kein Philosoph, hat also nicht über Umwege Hegels „absoluten Geist“ in sein Orgon uminterpretiert, vielmehr hat er zweierlei getan:

Erstens hat er im Dialektischen Materialismus bzw. in seinem orgonomischen Funktionalismus so gedacht und geforscht, wie die Natur funktioniert, nämlich nicht starr mechanisch auf Grund äußerer Zwänge, sondern spontan „flüssig“ aus ihrer eigenen Widersprüchlichkeit heraus.

Und zweitens war er weder ideologisch noch körperlich gepanzert, d.h. er war über-ich-frei, indem er weder der etablierten Wissenschaft gefolgt ist, noch verinnerlichte gesellschaftliche Normen auf sich wirken ließ. Beides wirkt sich körperlich und geistig so aus, daß man mit dem Lebendigen nicht mitschwingen kann. Sein Weg begann, ähnlich wie bei LaMettrie, mit einer radikalen Ablehnung jedweder sexuellen oder sagen wir lieber genitalen Hemmung. Ohne Panzerung tritt das zutage, was Reich als „Menschentier“ bezeichnete und Friedrich Kraus als „Tiefenperson“.

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3 Antworten to “Reichs phänomenologische Naturwissenschaft (Teil 7)”

  1. Avatar von claus claus Says:

    Eben deshalb suche ich in Reich keinen Philosophen. Er war philosophisch einfach zu ‚ungebildet‘. Das betrifft aber nicht nur Hegel, sondern – viel wichtiger – das, was an den Wissenschaftstheoretikern seiner Zeit vor allem für die Erforschung des Orgons relevant ist: meines Erachtens eben durchaus auch der Empirismus des Wiener Kreises und die philosophische Semantik in der Folge Russells, Carnaps und Wittgensteins.

  2. Avatar von Fantomas Fantomas Says:

    Ja, Claus, damit legst Du den Finger in die Wunde!

    Interessant ist, dass GERADE Reich ein entschiedener Gegner der damals wie heute in der Politik extrem weit verbreiteten Praxis war, wonach Menschen über Fachgebiete zu entscheiden haben, die sie selber gar nicht von der Pike auf gelernt haben. Reich war also sozusagen ein strenger Verfechter einer „Expertokratie“, falls es dieses Wort überhaupt gibt.

    Laut Reich sollten nämlich nur wirkliche FACHLEUTE in den jeweiligen Gebieten mitreden dürfen. Also z.B. nur jemand Gesundheitsminister sein, der selber beruflich viele Jahre lang im Gesundheitswesen gearbeitet hat. Dass heute Frauen Bundesverteidigungsministerin werden können, die selber noch nicht mal jemals Soldatinnen waren, wäre nach Reichs Logik ein Unding.

    Reich nannte dies „Arbeitsdemokratie“ und vertrat dezidiert die Ansicht, dass nur erfahrene Physiker über physikalische Dinge zu entscheiden haben sollen, nur erfahrene Chemiker über chemische Dinge, nur erfahrene Erzieher über die Bildungspolitik, nur erfahrene Handwerker über handwerkliche Dinge, nur Betriebs- oder Volkswirte über die Wirtschaftspolitik, nur erfahrene Bauern über Landwirtschaftspolitik usw.

    Das Paradoxon dieser mir sehr vernünftig erscheinenden Haltung ist „nur“, dass Reich als Psychiater (!) nicht nur in unglaublich viele andere Fachgebiete eindrang, die er gar nicht „von der Pike auf gelernt“ hatte, sondern in diesen Bereichen sogar maximal anspruchsvolle Theorien formulierte, so als ob er es „besser wisse“ als die gelernten Physiker, Internisten, Krebsforscher, Meteorologen, Erzieher, Soziologen, Philosophen usw. usf. – also eigentlich ein klarer Verstoß gegen die von ihm postulierten „arbeitsdemokratischen“ Prinzipien.

    Selbstverständlich halte ich Reich für ein Genie (sonst wäre ich kein Reichianer…), dessen Forschungen und Theorien weit über den engen Bereich der Psychiatrie hinausgingen, und ich glaube, dass er in Fachdisziplinen, die er gar nicht gelernt hat, wirklich bahnbrechende Entdeckungen gemacht und überaus wichtige Funktionsgesetze aufgezeigt hat.

    Trotzdem bleibt – ähnlich wie bei Dir, Claus („Reich war philosophisch einfach zu ungebildet“), – ein schaler Rest übrig, der zu gewissen Irritationen Anlass gibt.

    So möchte ich nicht wissen, was Einstein gedacht hat, als ein völlig fachfremder Psychoanalytiker (!) bei ihm auftauchte und behauptete, es gebe eine „Lebensenergie“, die von der Physik übersehen worden sei. Man stelle sich nur mal den umgekehrten Fall vor: ein Physiker lässt sich einen Termin bei Freud geben und erklärt diesem, er, der Physiker, habe ganz grundsätzliche psychologische Entdeckungen gemacht, die die ganze Psychoanalyse revolutionieren würden…

    Oder was sollen erfahrene Onkologen davon halten, dass ein Psychiater namens Reich, der in Amerika gar keine Approbation besaß und keine Patienten behandeln durfte, aufgrund seiner subjektiven Beobachtungen an gerade mal einer Handvoll (!) Krebspatienten höchst selbstbewusst äußerst weitreichende Theorien über den Krebs („karzinomatöse Schrumpfungsbiopathie“) publizierte?

    Erschwerend kam noch hinzu, dass das allgemeinmedizinische und internistische Wissen, das Reich in seinem weit zurückliegenden und für Kriegsteilnehmer besonders kurzen Medizinstudium in Wien gelernt hatte (als die Medizin noch in den Kinderschuhen steckte und es nur ganz wenige Medikamente gab), vielleicht 5% von dem betrug, was heutige Ärzte darüber in Studium und Facharztausbildung lernen.

    Selbst in seiner ureigenen Facharztdisziplin Psychiatrie scheint Reich kaum zuhause gewesen zu sein, da er schon als Student nahezu ausschließlich als Psychoanalytiker (also einem in der Psychiatrie umstrittenen Randgebiet) tätig war. Es muss doch auffallen, dass es aus den Jahren seiner kolportierten Facharztausbildung bei Prof. Dr. Wagner-Jauregg m.W. nicht eine einzige PSYCHIATRISCHE Fallgeschichte aus der Klinik gab, die Reich jemals publiziert hätte. Auch in seinen stark autobiographischen Büchern waren ihm die mindestens 5 Jahre seiner psychiatrischen Facharztausbildung kaum einer Erwähnung wert.

    Selbst seine Ausbildung in seiner „Kernkompetenz“ Psychoanalyse war defizitär, da Reich noch nicht mal die als obligatorisch geltende Lehranalyse abgeschlossen hatte.

    Deswegen mutet es – ähnlich wie oben bei den Krebstheorien – für erfahrene Psychiater doch etwas vermessen an, wenn Reich später in den USA aufgrund seiner subjektiven Beobachtungen an gerade mal einer Handvoll schizophrener Patienten (die er gar nicht behandeln DURFTE) weitreichende Theorien über die Entstehung schizophrener Psychosen publizierte.

    Wie muss es auf erfahrene Mikrobiologen wirken, wenn Reich, der als Psychoanalytiker wohl kaum jemals im Labor gearbeitet hatte und unter dem Mikroskop kaum zwei verschiedene Bakterien benennen und voneinander unterscheiden konnte bzw. eosinophile Granulozyten nicht von basophilen Granulozyten (zwei Untergruppen der weißen Blutkörperchen) unterscheiden konnte, nach Lektüre von vielleicht ein, zwei Einführungswerken über biologische Mikroskopie mit den Bionversuchen und dem Reichschen Bluttest Theorien publizierte, die die gesamte Mikrobiologie und Hämatologie auf den Kopf stellen?

    Was geht in Meteorologen vor, wenn sie lesen, dass der Psychoanalytiker Reich die Wettervorgänge nicht nur besser verstanden habe als sie selbst, sondern diese auch noch mit einem Gerät (dem „Cloudbuster“) zielegerichtet „behandelt“ haben will?

    Mangelndes Selbstbewusstsein in der Theoriebildung in auch in von seinem eigentlichen Beruf weit entfernten Fachgebieten kann man Reich jedenfalls nicht vorwerfen 🙂

    Man kann natürlich – wie Peter – behaupten, dass die jeweiligen „orthodoxen“ Fachwissenschaftler einfach „zu gepanzert“ waren und sind, um die Richtigkeit von Reichs bahnbrechenden Theorien zu erkennen.

    Und auch das Argument, dass die jeweiligen Experten aufgrund ihrer „okularen Panzerung“ eben „betriebsblind“ waren und deshalb nur ein fachfremder Außenseiter zu wirklich grundlegend anderen Erkenntnissen gelangen konnte, hat etwas für sich.

    Genau so gut kann man aber auch vermuten, dass ein Teil der Ablehnung Reichs von Seiten der „Schulwissenschaftler“ schlichtweg darauf zurückzuführen ist, dass die auf ihren jeweiligen Gebieten seit Jahrzehnten arbeitenden Experten den „Hans Dampf in allen Gassen“ Reich bestenfalls für einen ebenso überaus ambitionierten wie dilettierenden Amateurforscher hielten, den man gar nicht ernst nehmen kann.

    • Avatar von claus claus Says:

      (Antwort-Funktion funktioniert hier gerade nicht?) Also, zu Reichs Fachfremdheit in so vielen Dingen: Was Medizin betrifft, hatte ich öfter diesen Verdacht. Er ist ja offenbar nur in der Freud-Schule so schnell so aufgestiegen. Was macht ihn dennoch so rational? Was mich betrifft, war es immer eins: Ich hätte mich eigentlich nie und nimmer für Lebensenergiesachen interessiert. Entscheidend war: Die Schritte von Bionen und SAPA über den ORAC sogar über CB, dann sogar zu Ufos, haben eine erstaunliche Plausibilität, Schritt für Schritt. Es kann dabei bei jedem Schritt Sinnestäuschung im Spiel sein. Dem, der damit nichts zu tun haben will, kann man nichts beweisen. Was bleibt also? Selbst irgendwo Erfahrungen zu machen. Ich baue also erst mal solch ein Stahlwoll-Baumwoll-Kissen. Nach Monaten (!) merke ich immer deutlicher eine Art Fülle- oder Ladungsgefühl (wie soll man sowas beschreiben?). Das ist ist irgendwann frappierend und für einen selbst ganz deutlich. Ausgehend davon kann man dann wahrnehmen, was man bei Bionen (die lassen sich schnell herstellen und mikroskopieren) merkt und – leider viel zu einfach und gefährlich – auch bei kleinen Bustern. Wenn man das für sich nachvollzogen hat, kann man eine Plausiblität der Theorie FÜR EINEN SELBST kaum noch ignorieren. Wenn man sich der Öffentlichkeit stellen will, braucht man andere Mittel, die Beobachtbarkeit für mehr oder weniger jeden mit sich bringen. Ich unterscheide da sehr stark zwischen Plausibilität für mich und Argumentieren in der Öffentlichkeit. Letzteres ist schwer, gerade weil das Intereresse voraussetzt; und Interesse hat i.d.R. nur der, der schon gewisse Erfahrungen gemacht hat!

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