Posts Tagged ‘Hegelsche Dialektik’

DIE SITUATIONISTISCHE INTERNATIONALE: Wilhelm Reich kontra die Situationisten (Teil 6)

5. Oktober 2021

von Jim Martin

SEXUALÖKONOMIE

Reichs frühe Arbeit in den Zwanziger Jahren als Freuds überragender Schüler, drehte sich um das Konzept der Genitalität. Anders als ältere Psychoanalytiker, die ihre Typologie auf pathologische Charaktertypen konzentrierten, versuchte Reich ein Bild gesunden Verhaltens herauszuarbeiten. Obwohl die psychoanalytische Typologie oft buchstäblich genommen wird, beziehen sich diese „Typen“ nur auf idealisierte Übertreibungen. So erreicht Reichs genitaler Charakter das Gesundheitsideal nur näherungsweise. Der genitale Charakter reguliert seine Gesundheit durch die vollständige Entladung im Orgasmus. Die Potenz wird nicht an der Häufigkeit der Höhepunkte, sondern an der Qualität des Erlebens gemessen. Der genitale Orgasmus unterscheidet sich von der Ejakulation beim Mann und vom klitoralen Höhepunkt der Frau durch die vollständige Hingabe an unwillkürliche Zuckungen der gesamten Körpermuskulatur.

Reich brachte die Psychoanalyse auf die Straße, als er freie Sexualberatungskliniken in den Arbeiterbezirken Wiens einrichtete. Aus dieser Arbeit ging das hervor, was zur sexualpolitischen bzw. „Sex-Pol“-Bewegung wurde, als Reich die Überzeugung gewann, daß die individuelle Therapie keinen Sinn machte, wenn sie nicht mit weitreichenden gesellschaftlichen Veränderungen verbunden würde. So waren viele der psychologischen Probleme seiner Patienten aus der Arbeiterklasse direkte Folge ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse, z.B. hatten die beengten Wohnverhältnisse, die die patriarchale Kernfamilie zusammenpreßten, einen starken Einfluß auf das Sexualleben der Heranwachsenden. Es war zu diesem Zeitpunkt, daß Reich enge Beziehungen mit den Sozialistischen und Kommunistischen Gruppierungen seiner Zeit aufnahm, die eine volle Zweidrittelmehrheit des Parlamentssystems in Österreich ausmachten. Für diese Kreuzung von sexueller und ökonomischer Freiheit prägte Reich den Begriff Sexualökonomie. Dies bezog sich nicht nur auf die sexuelle Natur der Ökonomie, sondern auch auf die ökonomische Natur der Sexualität, denn Reich betrachtete sowohl eine gesunde Sexualität als auch eine gesunde Ökonomie primär als einen sich selbst regulierenden Kreislauf.

Die Arbeit im Rahmen der Parteien bot Reich eine Plattform, um seine einzigartigen Ideen unter der sexuell aktiven Jugend aus der Arbeiterklasse zu verbreiten. Die Sex-Pol verteilte kostenlose Verhütungsmittel, bot Sexualberatung an, verschaffte Abtreibungen und brachte Tausende von jungen Leuten in die Parteien. Die traditionelle Linke tolerierte Reichs neuartige Mischung von Psychoanalyse und Dialektischem Materialismus eben wegen dieses enormen Zuflusses von Menschen. Während dieser Periode schrieb Reich Der sexuelle Kampf der Jugend; ein Klassiker, der später 1968 während der Bewegung des 22. Mai in Frankreich verbreitet werden sollte.

Jedoch kostete sein unbeugsames Eintreten für die sexuellen Rechte der Jugend Reich das Vertrauen seiner traditionelleren Genossen, und es dauerte nicht lange, bis sie sich weigerten, seine Schriften zu veröffentlichen. 1933 gab Reich im Eigenverlag sein Buch Die Massenpsychologie des Faschismus heraus, das die Ursprünge des Faschismus in der neurotischen patriarchalen Familienstruktur aufzeigte und so die wahre Natur der Krise aufdeckte, in die der Nazismus die deutsche Arbeiterklasse gebracht hatte. Dem entgegneten die deutschen Sozialisten, daß Hitler bloß einen „vorübergehenden Rückschlag“ darstelle. Und als die Nazis seine Bücher verbrannten, flüchtete Reich aus dem Land.

Wenn Reichs vollständige Hingabe an die Grundsätze der Psychoanalyse, ganz zu schweigen von seinem Engagement für die sexuellen Rechte der Jugendlichen, ihm seine „Heimat“ in den sozialistischen und kommunistischen Parteien gekostet hat, so kostete ihm sein Beharren auf dem Dialektischen Materialismus seine „Heimat“ in der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. Die IPV schloß Reich 1934 aus. Reich, der damals in Norwegen lebte, traf sich kurz mit Leo Trotzki, der ebenfalls in diesem Land im Exil lebte. Von diesem Gespräch ist nichts überliefert, aber man kann annehmen, daß sie jenseits ihres gemeinsamen Mißtrauens gegen den Stalinismus, wenig Übereinstimmung fanden. Ich erwähne dieses Ereignis nur, um auf den Eifer hinzuweisen, mit der Reich nach Alliierten suchte und um eine Beziehung zwischen Trotzki, Reich und den Situationisten herzustellen, die viele Trotzkistische Ideen von der Gruppe Socialisme ou Barbarie übernahmen.

Reichs Handhabe des Dialektischen Materialismus ähnelte stark der Marxschen. Es war einfach eine Methode des funktionellen Denkens. Auf der Grundlage der Hegelschen Dialektik ist der Dialektische Materialismus der Ursprungsgrund aller Versuche und Entdeckungen in der modernen Wissenschaft. Die Dialektik ist das Wechselspiel zwischen der ursprünglichen Idee, vorgefaßten Meinung oder These; wenn man experimentiert oder mit der materiellen Realität wechselwirkt, trifft man auf eine Antithese; und aus dieser neuen Information kann man Schlüsse ziehen bzw. die Synthese, die dann einfach zu lohnenderen Forschungsansätzen führt. Für das Überleben des Menschen ist Theorie unentbehrlich, weil sie uns erlaubt, die bestmöglichen Entscheidungen in einer Lage zu fällen, bei der wir keine ausreichenden Informationen besitzen. Theoretische Fragen sind Fragen auf Leben und Tod, ungeachtet dessen was in den Schulen gelehrt wird.

In Norwegen begann Reich mit einer gründlichen Neubewertung seiner psychoanalytischen Tätigkeit und er fing an, nach einer materiellen Grundlage für Freuds Libidotheorie zu suchen. Diese Theorie postulierte, daß neurotisches Verhalten unmittelbare Folge von aufgestauter Sexualenergie war, die der Kernimpuls des Menschen ist. Reich fühlte, daß, vorausgesetzt diese Theorie sei richtig, der Nachweis möglich sei, daß die Sexualenergie, Libido, eine greifbare, meßbare Energie ist. Er begann seine These von der „Bioelektrizität“ zu überprüfen, indem er winzige Änderungen in der elektrischen Ladung auf der Hautoberfläche bei Versuchspersonen maß, die unterschiedlichen Formen lustvoller und unlustvoller Reize ausgesetzt wurden. Er entdeckte, daß tatsächlich ein Ansteigen der Potentialladung (Expansion) bei einer lustvollen Reizung und ein Abfallen (Kontraktion) bei Unlust auftrat.

Arbeitsdemokratie, Emotionelle Pest und Sozialismus (Teil 5)

29. September 2020

Mit dem Rüstzeug der gängigen Logik kann man die Arbeitswertlehre nicht verstehen. Wie sollte eine bestimmte Arbeitszeit (genauer gesagt eine durchschnittliche gesellschaftliche Arbeitszeit), eine rein quantitative Größe zu einer eng umrissenen spezifischen Qualität „gerinnen“ können, etwa zu einem Notebook?

Wir haben es bei der Arbeit, der Ausdrucksform der „Arbeitsenergie“, also letztendlich der kosmischen Orgonenergie, mit einem Vorgang zu tun, einer prozeßhaften Bewegung, die von der gängigen Logik nicht erfaßt werden kann. Wie bereits gezeigt entspricht die Arbeit, ganz analog zur Sexualität, dem Übergang vom „Roboten“ der Pulsfunktion der orgonotischen Kreiselwelle hin zur Wellenfunktion, dem Arbeitsprodukt („Wertschöpfung“). Wieder analog zur Sexualität entspricht das (sozusagen auf einer anderen „Funktionsachse“) der Überlagerung von „Hirn und Hand“, aus der das Arbeitsprodukt hervorgeht (Marx, Engels, Jacob Meyerowitz).

Derartige prozeßhafte Vorgänge lassen sich ausschließlich mit einem „dritten Faktor“ erklären, der zwei sich ausschließende Dinge funktionell zusammenfaßt. Ein fliegender Pfeil kann entweder hier sein oder nicht hier sein, wenn er sich aber bewegt, ist er zu einem gegebenen Zeitpunkt immer weder hier noch dort, eben weil er sich bewegt (Zenons Paradoxon). Wir müssen also die zugrundeliegende Bewegung „an sich“ erfassen.

Was das bedeutet, sehen wir an den wirklichen Dingen in unserer Umgebung, die alle Prozessen unterliegen. Nehmen wir einen Menschen, der nur einen Arm hat. Ein Mensch hat, sozusagen „per Definition“, jedoch zwei Arme, zwei Beine, zwei Augen, einen Kopf etc. Um diesen Einarmigen als Menschen zu erkennen, müssen wir seine Geschichte sehen, seine prozeßhafte Entwicklung, wie er entstanden ist, seine Vorfahren etc. Und so in ausnahmslos allem. Wir können die Dinge prinzipiell nur in ihrer Bewegung, also funktionell erfassen. Entgegen der „Platonistischen“ Erwartung, ist Bewegung das Reale, nicht etwa die Struktur!

Genauso ist es mit einem Arbeitsprodukt, einer beliebigen Ware, etwa dem Notebook. Das Notebook, oder irgendetwas anderes, was aus Arbeit hervorgegangen ist, wird erst zu diesem Arbeitsprodukt, wenn wir die Arbeit in ihm sehen, genauso wie ein Einarmiger erst zum Menschen wird, wenn wir ihn in den Prozeß des Menschseins einordnen. Unsere abstrakte Logik hantiert mit Chimären, bloßen Abstraktionen, d.h. Dingen, die aus der universellen Prozeßhaftigkeit willkürlich herausgerissen werden. Genauso blicken wir auf Notebooks und treiben mit ihnen Handel und übersehen dabei, daß sie nur eine Momentaufnahme eines umfassenden Geschehens sind.

Letztendlich sind sie geronnene Arbeitsenergie (Orgonenergie) und die wird mit der bei der Arbeit vergehenden Zeit gemessen, genauso wie wir sämtliche Bewegungsvorgänge mit Hilfe von Uhren messen. Je mehr von dieser Zeit in das Arbeitsprodukt eingeht, desto wert-voller (man beachte den Bindestrich!) wird es. Natürlich können wir das Arbeitsprodukt wie einen beliebigen Gegenstand betrachten und es vermarkten, so daß der Preis praktisch beliebige Werte annehmen kann, genauso wie ein Mensch beliebig verändert werden kann, ohne dabei sein Menschsein zu verlieren. Aber genau hier liegt das Zentrum von Marx‘ Kapitalismuskritik: habe ich etwa einen Menschen mit einer extremen Hirnschädigung vor mir, ist das dann noch ein Homo sapiens („verständiger Mensch“)? Tatsächlich kann ich jeden einzelnen Menschen und jedwede Menschengruppe aus dem „Prozeß des Menschseins“ beliebig herausreißen, ihn oder sie wie einen fixen Gegenstand betrachten, entsprechend willkürlich das Menschsein absprechen und im Extremfall der Vernichtung anheimstellen. Genauso geht der Kapitalismus aber mit den Waren um: er löst sie willkürlich vom Arbeitsprozeß ab und verdinglicht alles und jeden. „Alles hat ein Preisschild!“

Aus Marxistischer Sicht ist der Kapitalismus letztendlich „Verdinglichung“! Einer Verdinglichung, der zuletzt der Mensch selbst zum Opfer fällt, denn er ist letztendlich auch nur eine Ware. Mit dem einen alles entscheidenden Unterschied, daß diese „Ware“ Werte produziert. Diesen „Mehrwert“ eignet sich der Kapitalist an und in diesem Sinne ist „das Kapital“ letztendlich nichts anderes als, wenn man so will, „abgesaugte Orgonenergie“. Eine Macht, die sich wie etwas Fremdes dem Arbeiter entgegenstellt und ihn – ausbeutet: das eben ist die berühmte „Entfremdung“. Diese Entfremdung entspricht der erwähnten „Verdinglichung der Welt“, ist in ihrem Kern aber alles andere als eine bloße „kulturmarxistische“ Anschauungsweise (wie es das pseudointellektuelle Gesindel gerne hätte), sondern vielmehr nichts anderes als brutale ökonomische Ausbeutung.

Man sieht sofort, daß sich dieser ganze Vorstellungskreis paranoiden Wahnvorstellungen („blutsaugende Kapitalistenvampire) geradezu andient und daß wieder der rote Faschismus in greifbarer Nähe ist. Es ist kein Zufall, daß Marx, Engels und so viele andere Sozialisten glühende Antisemiten waren und daß der Nationalsozialismus, der im Holocaust gipfelte, ein integraler Bestandteil des Marxistischen Erbes ist. Ich habe an anderer Stelle, beispielsweise hier, ausführlich darüber geschrieben. Man darf nie vergessen, daß Marx‘ allererste ökonomische Analyse das Judentum mit dem Kapitalismus gleichsetzte!

Der rote Faschismus ist, genau wie der schwarze Faschismus (wenn auch der eher im Bereich der Sexualenergie!) in seinem Kern das, was ich als „blauen Faschismus“ bezeichnet habe: die Verzerrung orgonotischer Strömungen bzw. orgonomischer Erkenntnisse (im Bereich der Arbeitsenergie!).

Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 60

27. April 2020

orgonometrieteil12

60. Das Leib-Seele-Problem

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Marx’ ursprüngliche Botschaft (Teil 3)

14. März 2020

Die Arbeitswerttheorie (die „lebendige Arbeitskraft“, die Reich betonte) ging nicht auf Marx zurück, sondern auf Adam Smith. Man kann sie sogar weiter auf Aristoteles zurückführen. Das einzige Originelle, das Marx beigetragen hat (und das ist eigentlich das einzige Originelle am Marxismus, der Rest ist Plagiat, politische Ideologie und mißverstandene Hegelsche Dialektik), war die Reduktion der Arbeitswerttheorie auf eine unsinnige Absurdität, d.h. es gibt nach Marx keine andere Wertquelle als die Arbeitskraft. Es ist ziemlich witzig, daß der deutsche Reichist-Marxist Bernd Senf zugeben muß, daß zumindest der Wert von Gold nicht nur von der Arbeitskraft abhängt. Aber dann ist der gesamte Marxismus null und nichtig!

Solche Neomarxisten wirken dieser unvermeidlichen Schlußfolgerung entgegen, indem sie veraltete rationalistische Theorien des 19. Jahrhunderts über die Anfänge der Wirtschaft in der Menschheitsgeschichte vorbringen. Demnach wurde die ursprüngliche Wirtschaft vom praktischen Wert („Gebrauchswert“) bestimmt, erst später kam der irrationale Tauschwert und brachte alles durcheinander, so daß wir zu einer Wirtschaft zurückkehren sollten, die vom praktischen Wert bestimmt wird. Nun, diese Theorie ist schierer Unsinn! Man lese zum Beispiel Bronislaw Malinowski: So wie die Trobriander keinen Sex hatten, um sich fortzupflanzen, sondern nur zum Vergnügen, aßen sie nicht, um zu überleben, sondern nur zum Vergnügen. Tatsächlich kannten sie den Mechanismus des Verhungerns nicht, sondern schrieben alles der schwarzen Magie zu. Zu sagen, daß ihre Wirtschaft auf praktischem Wert beruht, ist Quatsch. Das Gegenteil ist der Fall! (Es ist ein Rätsel, wie Reich Malinowski lesen, sogar ein enger Freund von ihm sein und in den 1930er Jahren immer noch Marxist bleiben konnte!)

Und ist die gesamte Marxistische Werttheorie nicht ein mechano-mystischer Begriff? Die Leute sagen „Arbeit fließt in Produkte und bestimmt deren Wert“. Wie Malinowski betont, handelt es sich um ein äußerst mechanistisches Konzept, da „Bewertung“ ein subjektiver Prozeß ist („Selbstregulierung“). Und es ist auch ein äußerst mystisches Konzept, da es sich in nichts von der Behauptung der Katholiken unterscheidet, daß Wein und Brot nach der Segnung völlig andere Substanzen sind als zuvor. Übrigens: Werttheorie und Transsubstantiationstheorie haben die gleiche Quelle: Aristoteles! Marxismus ist eine Religion, keine Wissenschaft! Gott wird einfach durch die „Menschheit“ und Christus der Erlöser durch das „Proletariat“ ersetzt.

Dies beweist auch die Erforschung der Anfänge des Marxismus: Er wurde als ethisches, zutiefst anti-sexuelles philosophisch-theologisches Glaubenssystem geschaffen, um der anti-ethischen extrem atheistischen, individualistischen, „nihilistischen“, „solipsistischen“, „individual-anarchistischen“ Zerstörung des Hegelianismus (der selbst Theologie in der Verkleidung der Philosophie war) entgegenzuwirken, kurz: es sollte Max Stirners Einfluß negiert werden.

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Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 49

22. Januar 2020

orgonometrieteil12

49. Hegels Funktionalismus

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel VI.15.

5. Juni 2016

orgonometrieteil12

I. Zusammenfassung

II. Die Hauptgleichung

III. Reichs „Freudo-Marxismus“

IV. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

V. Reichs Biophysik

VI. Äther, Gott und Teufel

1. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

2. Spiritualität und die sensationelle Pest

3. Die Biologie zwischen links und rechts

4. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur

5. Die Illusion vom Paradies und die zwei Arten von „Magie“

6. Die gesellschaftlichen Tabus

7. Animismus, Polytheismus, Monotheismus

8. Dreifaltigkeit

9. „Ätherströme“, Überlagerung und gleichzeitige Wirkung

10. Die Schöpfungsfunktion

11. Die Rechtslastigkeit der Naturwissenschaft

12. Bewegung und Bezugssystem

13. Der Geist in der Maschine

14. Orgonomie ist Wissenschaft, keine Naturphilosophie!

15. Die Identitätsphilosophie

Marx, Freud, Reich (Teil 1)

21. April 2015

Die Hegelsche Methode sollte sich dem 20. Jahrhundert, und damit auch Reich, durch den Marxismus vermitteln, denn

die Bemerkung von Engels entspricht der Wahrheit, daß er und Marx fast die einzigen gewesen seien, die an der von Hegel entdeckten Methode der Wissenschaft festgehalten haben in einer Periode, die sich ganz von Hegel entfernt hatte. (Dieter Henrich: Hegel im Kontext, Frankfurt 1981)

Im Verlauf dieser Übertragung wurde Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt, wobei die Frage ist, ob Hegels dialektische Methode eine solche Umkehrung überhaupt erlaubt und übersteht (ebd., S. 205).

Jedenfalls ist die dialektische Methode im Kommunismus zu einem rein machiavellistischen Rechtfertigungsinstrument entartet. Jedes Verbrechen, jede noch so niederträchtige Gemeinheit, jede Lüge, jedes noch so widersinnige Dogma der Kommunisten wurde „wissenschaftlich“ ins Gegenteil umgedeutet. Noch heute sieht man dies anhand der Hirnakrobatik der Political Correctness. Beispielsweise ist das verkehrstechnisch unausweichliche S21 in Stuttgart des Teufels, während die verkehrstechnisch unsinnige und für den Finanzhaushalt des Stadtstaates verheerende Stadtbahn in Hamburg, die von den Grün-Alternaiven durchgesetzt wurde, „progressiv“ ist.

Im Gegensatz zum Orgonomischen Funktionalismus ist die Dialektik der Verneinung des Lebens primär gegen etwas gerichtet. Hier schneidet sich die Ebene der Emotionellen Pest mit der liberalen Charakterdeformation (Rebellion gegen statt Wettstreit mit dem Vater – vgl. Elsworth F. Bakers Der Mensch in der Falle). So sieht Marx als Kern der menschlichen Entfremdung (bei ihm identisch mit der Arbeitsteilung) den Erwerbstrieb, der bei ihm in mythologischer Wahnform als „Kapital“ die Menschen aussaugt oder entmenschlicht, so wie sich Hegels Ich die Welt aneignet und sie entleert. Damit hat aber Marx, fußend auf tiefen mit dem „jüdischen“ Kapitalismus verbundenen Sexualängsten (ursprünglich nannte Marx das, was er später als „Kapitalismus“ bezeichnete, „Judentum“!), nichts als das initiiert, was aufzuheben er vorgab: die menschliche Entfremdung, indem er eine orgonotische Grundfunktion, die untrennbar mit unserer Sexualität verbunden ist und die von der Werbung entsprechend pestilent ausgebeutet wird, mit dem Bann des metaphysisch Bösen belegte. Darüberhinaus hat er seinen Fluch untrennbar mit der Arbeitsteilung verbunden, der Grundlage der Arbeitsdemokratie.

Aber nicht nur über den Umweg Marx wurde das Denken Gottes in das des Teufels pervertiert. Genau dasselbe kann man auch im „christlichen“ Katholizismus beobachten. Überhaupt gibt es, wie Reich in Christusmord beständig konstatiert, viele Gemeinsamkeiten zwischen Katholizismus und dem Kommunismus der guten alten Zeit: Funktionärswesen; das Verhältnis zwischen „Heiliger Schrift“, „Tradition“, „Orthodoxie“ und „Lehramt“; der Umgang mit Ketzerei; der ganze „amoralische Moralismus“. Und diese Gemeinsamkeiten erstrecken sich eben auch auf Denkstrukturen, z.B. bei den sprichwörtlichen dialektischen Verdrehungskünsten der Jesuiten. „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit!“ – ein solcher Satz, der ein Wort „logisch“ in sein genaues Gegenteil verkehrt, paßt sowohl zum Katholiken wie zum Marxisten.

Wie sehr das katholische Denken dialektisch geprägt ist, sieht man auch an der verdrehten Logik von Begriffen wie „jungfräuliche Mutter“, ganz zu schweigen von der ganzen Problematik der „Dreieinigkeit“ oder gar der Theodizee.

Ich erwähne das auch, weil eines Tages durchaus auch aus dem Orgonomischen Funktionalismus eine solche Kunst des Verdrehens erwachsen könnte. Wie man sich dagegen wehren kann? Ganz einfach: indem man eine Sache konsequent zuendedenkt – indem man sozusagen „ungepanzert“ denkt. Man nehme etwa das folgende Beispiel:

Der Marxismus rechtfertigt sich aus dem schlagenden Argument, die bürgerliche Demokratie wäre ja schön und gut, aber ihre Freiheit bedeute vor allem die Freiheit der Unternehmer die Arbeiter auszubeuten. Noch heute gewinnen die Kommunisten mit dieser Argumentation ihre Anhänger. Tatsächlich ist es eine denkbar diabolische Denkfigur: im Namen der Freiheit (d.h. der Befreiung der Arbeiter) wird die vollkommene Unfreiheit durchgesetzt.

In einer tieferen Schicht des Marxistischen Gedankensystems, d.h. beim frühen Marx, heißt es, der Mensch werde erst er selbst, wenn er seine Individualität aufgibt und ganz im „Gattungswesen“ Mensch aufgeht.

Nach Klaus Hornung führt die konsequente Entfaltung der Marxschen Prämissen, also Aufhebung der Trennung von Gesellschaft und Staat und Aufhebung der Gewaltenteilung (man denke aktuell an den „basisdemokratischen“ Aufstand gegen S21), mit der „Emanzipation als Aufgehen im Gattungsleben“ natürlich nicht zur Aufhebung der Herrschaft, sondern zur Tyrannei der Partei.

Marxens Anthropologie und Gesellschaftstheorie steht jedem Herrschaftswillen offen (…) und der Verdacht ist nicht unbegründet, daß sie letztlich schon Marx [der ernsthaft jeden Augenblick mit der Revolution rechnete] selbst als solche Legitimation dienen sollte. (Der faszinierende Irrtum, Freiburg 1978)

So bedeutet auch das heutige Geschwätz über „Basisdemokratie“ oder gar „Zivilgesellschaft“ (sic!) nichts als die Majorisierung von uns neurotischen Schafen durch ein paar pestilente Wölfe. Deshalb auch ihr Faszinosum „multikulturelle Gesellschaft“: die Nation soll verschwinden und dem „Gattungswesen“ platz machen.

Der Dreitakt

  1. Position: Urgesellschaft –
  2. Negation: Klassengesellschaft –
  3. Negation der Negation: Kommunismus,

läuft auf nichts anderes hinaus, als daß, wie Marx unvorsichtigerweise am Anfang seiner Laufbahn schrieb (er hat es nie veröffentlicht und später fast nichts mehr zum Kommunismus gesagt), zu Beginn der dritten Stufe der Mensch selber negiert wird, der Terror regiert (wie Milovan Djilas und andere sagen: Stalin ist nicht von Marx zu trennen), alles wird Gemeineigentum, aber besonders der Mensch (so ist auch die „Sexuelle Revolution“ am Anfang der SU zu verstehen!), die Ausbeutung ist total – und aus dieser Hölle wächst dann, nach Sankt Karl, irgendwie das herrschafts- und eigentumslose Paradies!

Marx war zu sehr Hegelianer, um nicht zu wissen, daß die totale Herrschaftslosigkeit identisch mit der totalen Unterdrückung ist. Modju fußte vollkommen auf dem Schreibtischtäter, als er seine SU als freiestes Land der Erde bezeichnete.

Marx hat weniger mit den ökonomischen Wissenschaften zu tun, er ist vielmehr ein hervorragendes Beipiel für einen pestilenten Charakter (Emotionelle Pest). Entsprechend ist der Marxismus nicht nur eine Pseudowissenschaft, sondern auch eine organisierte Form der Emotionellen Pest ähnlich dem Hitlerismus. Ich verweise nur auf das Buch Der Mythos Marx und seine Macher von Konrad Löw.

Leider hatte Reich, ein Opfer der Marxistischen Propagandamaschinerie, eine grundsätzlich andere Einschätzung. Reichs Loyalität gegenüber Marx hatte teilweise desaströse Auswirkungen auf die Entwicklung der Orgonomie insbesondere nach Reichs Tod.

Reich wurde von Marxisten immer wieder mißbraucht in ihrem Kampf gegen den Kapitalismus, d.h. gegen die Arbeitsdemokratie. Wie André Glucksmann es ausdrückt:

Wenn die ökonomische Beschreibung der Maschinerie des Kapitals versagt, dann wird sie eben mit Psycho-Sozio-Sexologie verstärkt. (Die Meisterdenker, Reinbek 1979, S. 240)

Reich notierte sich 1951:

Ich muß damit aufhören, meine früheren Bücher zu vertreiben, z.B. Massenpsychologie und Sexuelle Revolution. Nicht weil sie falsch sind, sie stehen so da, wie sie geschrieben wurden, sondern weil sie die entscheidende Frage, d.h. die Orgonenergie, verdecken und von den Leuten mißbraucht werden. (z.n. C.M. Raphael: Wilhelm Reich. Misconstrued-Misesteemed, New York 1970, S. 86)

In diesen Werken finden sich Aussagen, die allem widersprechen, wofür Reichs Konzept der „fachbewußten“ Arbeitsdemokratie steht. Zum Beispiel wollte Reich in den 1930er Jahren ganz nach kommunistischem Muster die Stellung des Industrieproletariats ausnutzen, um als „Gegengewicht gegen die eng zünftlerischen und eng berufsfachlichen Interessen, die der Kapitalismus unter den Arbeitern gezüchtet hat“, zu wirken (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 228). Reichs reife Position hat wirklich rein gar nichts mehr mit irgendwie gearteten Marxismen zu tun – auch wenn sie von Reich in einem vom Marxismus geprägten Zusammenhang präsentiert werden.

In der Wolle gefärbten Marxisten war von Anfang an klar, wie letztendlich „unmöglich“ das Verhältnis von Reich und Marx war. Bereits 1932 war dem psychoanalytischen Marxisten Siegfried Bernfeld unerfindlich „welcher ungeschlichtete Widerspruch oder Zufall aus ihm (Reich) einen marxistischen Kommunisten gemacht hat“. Und 1936 konstatiert Erich Fromm, ebenfalls psychoanalytischer Marxist, Reich habe den Marxismus „in Wirklichkeit nie kapiert“.

In das Zentrum dieser Auseinandersetzung stieß 1969 der neo-Marxistische Historiker Paul Robinson vor. Hinter Reichs Abkehr von Marx Ende der 1930er Jahre habe das gleiche gestanden, wie hinter seiner Abkehr von Freud. Obwohl Reich selbst 1929 in Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse hervogehoben habe, daß sowohl Freud als auch Marx die Realität vom Konflikt (zwischen Trieben, bzw. Klassen) her interpretiert haben, sei, so Robinson, Reichs eigenes Denken imgrunde vollkommen anders geartet gewesen. So habe sich Reich von Freud getrennt, als dieser den unaufhebbaren Dualismus und Konflikt von Eros und Thanatos auf die Spitze trieb.

Auf ähnliche Weise fand Reich schließlich Marx‘ Doktrin vom Klassenkampf mit seinem eigenen Hang unvereinbar, das soziale Leben als imgrunde konfliktfrei zu betrachten. Antagonismen in der Realität; sie waren das künstliche Produkt politischer Ideologien, wobei der Marxismus selbst in dieser Hinsicht zu den schlimmsten Übeltätern gehörte. Unterhalb des sichtbaren Konflikts bestand eine grundlegende Gemeinsamkeit der Interessen, die alle produktiven Individuen verband. Am Ende zog Reich offensichtlich Bentham gegenüber Marx vor. (The Freudian Left, Ithaca, NY 1990, S. 58f)

Der englische Philosoph Jeremias Bentham (1748-1832) begründete den „Utilitarismus“, den Herbert Marcuse die „ausschließlich individualistische Lösung der Frage nach dem Glück“ vorhielt (ebd., S. 187). Vorher im Buch merkt Robinson an, daß Reichs Begriff „Sexualökonomie“ weniger eine Synthese von Freud und Marx sei, „sondern in der Tat mehr einem Gemenge von Freud und Adam Smith ähnelt“ (ebd., S. 16).

Ähnliche Einwände werden noch heute gegen Reichs Adaption des Marxismus angeführt, z.B. von Sebastian Hartmann und Siegfried Zepf in ihrem an Marx‘ Haß auf Max Stirner („Sankt Max“) gemahnenden Aufsatz „Sankt Wilhelm und die wahre Wahrheit eines ‚wahren Sozialisten’“ (Der „Fall“ Wilhelm Reich, Hrsg. von Fallend und Nitzschke, Frankfurt 1997). Auf eine sehr überzeugende Weise wird dort Reichs Konzept der „Arbeitsdemokratie“ mit dem kapitalistischen System gleichgesetzt. Der Leser sei auf diese Bloßstellung des „reaktionären“ Biologismus Reichs verwiesen.