Orgonomie, LSR, Charakteranalyse und „sexualökonomisches Marketing“

Wer in den letzten Jahren den Inhalt des Journal of Orgonomy verfolgt hat, dem wird aufgefallen sein, daß es zunehmend sozusagen „oberflächlicher“ geworden ist. Keine Artikel mehr über Orgonbiophysik, und selbst die über die medizinische Orgonomie enthalten sich weitgehend eines „orgonomischen Jargons“ und könnten in einer entsprechenden nicht-orgonomischen Zeitschrift erscheinen, ohne groß aufzufallen. Das gleiche gilt für Artikel über die soziale Orgonomie, die immer mehr den Inhalt dominiert. Teilweise kann man ganze Nummern durchlesen, ohne großartig auf spezifisch Orgonomisches zu treffen.

Ganz ähnlich ist es mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt bestellt. Es ist praktisch unmöglich mit Rückgriff auf Laska selbst einem Außenstehenden zu erklären, worum es eigentlich geht; was denn der Kern, die Essenz, dessen sein soll, für das die Namen LaMettrie, Stirner und Reich stehen! Im Laufe der Jahre, also seit der „Reichianer“ Laska Ende der 1970er Jahr Stirner für sich entdeckte, reduzierte sich sein damals langsam Gestalt annehmendes Projekt immer mehr auf Rezeptionsgeschichte bzw. „Repulsionsgeschichte“. Wie in der Charakteranalyse ging es zunehmend nicht mehr um die Deutung des Inhalts, sondern um die Analyse des Widerstands eben dieses Inhalts, bis von dem überhaupt nicht mehr die Rede war. Laska wollte nicht das vollends „zerreden“, was eh abgewehrt wird!

Beim American College of Orgonomy ist es ähnlich: da alles Tiefergehende, d.h. der eigentliche Inhalt der Orgonomie durch die gepanzerte Menschheit von vornherein abgeblockt und „bestenfalls“ (was hier gleichbedeutend mit schlimmstenfalls ist) heillos mystifiziert wird, ist es besser, das Publikum da abzuholen wo es ist, also wie in einer Orgontherapie vorzugehen: mit der Oberfläche anfangen.

So sehr ich diese Herangehensweise zu würdigen weiß, halte ich sie doch für problematisch. Erstens ist es eindeutig Selbstsabotage durch „Selbstzensur“. Auf diese Weise erscheinen jeweils das LSR-Projekt und die Orgonomie als geradezu langweilig. Das Faszinosum geht flöten, das erst mal das Publikum auf einen aufmerksam macht.

Es ist wie bei einer jungen Frau, die durch ihr Outfit und Gehabe auf den ersten Blick weitaus mehr verspricht, nämlich Sex, als sie zumindest anfangs zu geben bereit ist. Was soll der Augenaufschlag, die rotbemalten Lippen, das Dekolleté und die Nuancierung aller sonstigen weiblichen Körpersignale denn anderes bedeuten als eine Aufforderung zum Koitus?! Erst danach fängt das mühsame Geschäft des langsamen Überwindens der Widerstände an, bis es dann endlich wirklich zur Sache kommt. Sie würde als alte Jungfer sterben, wenn sie von Anfang an so deeskalierend auf dem Markt des Flirtens erscheinen würde, nämlich trocken, zugeknöpft und weit entfernt von jedwedem Sexappeal!

Wenn das so weitergeht, wird das LSR-Projekt und die Orgonomie genauso enden…

Verkomplizierend kommt die gottverfluchte lebensfeindliche Pornographie hinzu, die alles vergiftet, Konfusion erzeugt und Signale wertlos macht. Genau das ist ja auch ihre pestilente Funktion! Bei der Orgonomie ist es all das „Orgonit“ und der ganze restliche „energetische“, „spirituelle“, „esoterische“ Firlefanz, so daß man das Wort „Orgon“ kaum noch aussprechen mag. Bei LSR ist es all der pseudoaufklärerische Dreck, der, wie insbesondere von Nietzsche vorexerziert, alles „LSRische“ in einer Kakophonie erstickt, die irgendwo im Niemandsland zwischen LaMettrie und DeSade, Stirner und Marx, Reich und Freud/Marcuse/Foucault wie eine Giftwolke aus Schwefelwasserstoff wabert.

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3 Antworten to “Orgonomie, LSR, Charakteranalyse und „sexualökonomisches Marketing“”

  1. Avatar von Robert (Berlin) Robert (Berlin) Says:

    Bei LSR ist es all der pseudoaufklärerische Dreck, der, (…) alles „LSRische“ in einer Kakophonie erstickt, die irgendwo (…) zwischen LaMettrie und DeSade, Stirner und Marx, Reich und Freud/Marcuse/Foucault wie eine Giftwolke aus Schwefelwasserstoff wabert.

    Es ist interessant, dass mein Lieblings Althistoriker in der letzten Weltwoche einen Artikel zu Foucault schrieb. Vergesst Foucault!
    Zu ihm schrieb er:

    Versagende Diskursanalyse
    Vor allem aber negiert Foucault die Herme
    neutik – die Technik des Sinnverstehens: Hin
    ter dem Gesagten gibt es keinen tieferen Sinn,
    den man methodisch freilegen könnte; viel
    mehr müsse man die schriftlichen Dokumente
    zurückverwandeln in erratische Bruchstücke.
    Texte sind nicht zu lesen als in sich kohärente
    Ganzheiten, sondern als heterogene Komposite.
    Strenges Interpretieren entfällt.

    Freilich unterscheidet
    Foucault nicht zwischen Macht und Herrschaft.
    Machtkämpfe toben überall; die Macht stellt
    sich dar als «immerwährende Schlacht» und
    die Politik als «Fortsetzung des Krieges».
    Dieses Machtkonzept ist bestürzend unstrukturiert, ja begriffslos, weil alles durcheinander geht: Autorität, Zwang, Gewalt, Macht, Einfluss, Herrschaft und Legitimität. Wie Systeme es schaffen, politischen Konsens zu erzeugen,
    vermochte Foucault nicht einmal zu fragen.

    Zur Qualität von Foucaults politischer Urteilskraft ist damit
    genug gesagt. Darum traf es ihn schwer, als nach
    dem Tode Maos blutige Gefechte um die Nachfolge ausbrachen. So erklärte er, mit diesen Gewaltsamkeiten sei das Licht der Welt erloschen:
    «Zum ersten Mal seit einhundertzwanzig Jahren gibt es auf der Erde keinen Punkt mehr, aus dem das Licht der Hoffnung hervorquellen könnte. Es existiert keine Orientierung mehr.»

    Foucault stellt die Wahnsinnigen und die Verbrecher auf eine Stufe mit den Aufständischen – nämlich im Hinblick auf ihren Willen zur Revolte. Da sie alle gegen «die Macht» rebellieren,
    werden sie zu Inkarnationen des unbändigen
    Wunsches, frei zu sein. Indem Foucault diese Rebellen gleichsetzt, tilgt er die Besonderheit der politischen Sphäre; diese wird zu einem Parallelphänomen von Strafanstalten und Psychiatrien. Die Rebellion überhaupt ist somit
    etwas fraglos Gutes, völlig unabhängig von
    den moralischen Motiven des Rebellen.

    Vor allem die anarchistischen Revolutionäre verkörpern die «Idee eines Kynismus des revolutionären Lebens als Skandal einer in akzeptablen Wahrheit». Sie üben eine «Praxis
    des Lebens für eine Wahrheit bis zum Tode». So
    schliesst sich der Kreis, indem Foucault zurück
    findet zu einem radikalen Aussenseiter, der sein
    Aussenseitertum selbst gewählt hat. In ihm bergen sich alle drei rebellischen Figuren, denen Foucault einen Grossteil seiner Werke und seines Denkens gewidmet hat, nämlich der Aufständische, der Delinquent und der Wahnsinnige. Und er macht sein eigenes Leben zur Manifestation eines «anderen Lebens», also zu jener Utopie, die nach dem iranischen Experi
    ment noch geblieben ist. Der letzte Satz von
    Foucaults letzter Vorlesung erklingt in adornitischer Tonart: «Es kann Wahrheit nur geben in der Form der anderen Welt und des anderen Lebens.» Eben darum geht sie uns nichts mehr
    an. Umso berechtigter ist die Empfehlung von
    Jean Baudrillard: «Foucault vergessen!»

  2. Avatar von Robert (Berlin) Robert (Berlin) Says:

    Das Journal kann man teilweise kostenlos auf substack lesen

  3. Avatar von claus claus Says:

    Tatsächlich ist die neue Webseite des ACO irgendwie ‚flacher‘ als die alte: Werbefotos glücklicher Menschen, wie sie auf irgendeiner Sektenseite erscheinen könnten.

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