Wie Wilhelm Reich von der Nachwelt betrogen wurde

Reichs Hoffnung für die Zukunft war, daß die Panzerung der Menschen, d.h. das einzige Problem, das die Menschheit hat (andere, wirkliche Probleme ließen sich ohne dieses Scheinproblem leicht lösen), durch drei Mechanismen sich nach und nach aufweiche und schließlich weitgehend auflöse. Der Grad der Bedeutung, den er den Mechanismen jeweils zuschrieb, änderte sich im Laufe der Zeit. Es sind:

  1. Die „sexuelle Revolution“, d.h. eine grundlegende Änderung der gesellschaftlichen Atmosphäre. Das sexuelle Lebensglück, insbesondere von Kindern und Jugendlichen, würde nicht mehr im Namen der „Moral“ bekämpft oder im Namen der „Vernunft“ geduldet, sondern aktiv geschützt und gefördert werden. Dieser grundlegende Wandel hätte Auswirkungen auf die Charakterstruktur der einzelnen Gesellschaftsglieder und es käme in einem sich selbstverstärkenden und selbsterhaltenden Regelkreis zu einer wahrhaftigen „biologischen Revolution“, d.h. an die Stelle des gepanzerten Menschen träte schließlich ein vollkommen neues Wesen, der ungepanzerte Mensch.
  2. Im Projekt „Kinder der Zukunft“ ist das Augenmerk weniger auf die Sexualökonomie, d.h. die „erste Pubertät“ („Ödipuskomplex“) und die „zweite Pubertät“ (Geschlechtsreife) gerichtet, sondern auf Schwangerschaft, Geburt und Säuglingsalter. Man würde, praktisch vom Zeitpunkt der Empfängnis an, alles dafür tun, daß der Mensch keine Panzerung ausbildet. Da dies mit jeder Generation besser gelinge (die „Kinder der Zukunft“ haben selber Kinder), wäre die Menschheit nach wenigen Generationen befreit.
  3. Die Erforschung des Orgons verlange vom Menschen anders zu fühlen und zu denken: ungepanzert zu fühlen und zu denken (Orgonometrie). Dieser objektive Druck würde im Laufe der Zeit die Subjekte entsprechend weicher und „durchlässiger“ machen, d.h. eben die Panzerung verschwinden lassen. Eine Gesellschaft, die von der Orgonenergie so bestimmt wäre, wie die heutige von der Elektrizität, würde sich automatisch selbst entpanzern.

Abgesehen von hoffnungsvollen Einzelerscheinungen hat sich auf breiter gesellschaftlicher Ebene keine dieser drei Hoffnungen bewahrheitet. In vieler Hinsicht ist es sogar schlimmer geworden!

  1. Die „sexuelle Revolution“ war eine einzige Katastrophe aus (zu einem Gutteil drogeninduzierter) Kontaktlosigkeit und Oberflächlichkeit. Statt sich dem bioenergetischen Kern zu nähern, flüchteten die Menschen immer mehr in die oberflächliche soziale Fassade. Sexualität wird zunehmend reduziert auf „Performance“ und vor allem auf die Frage, was das soziale Umfeld „dazu sagt“. Bei Jugendlichen geht es immer weniger um Gefühle als vielmehr um das „Image“ und narzißtische Befriedigung. Die über das Internet überall und jederzeit abrufbare Pornographie und nicht zuletzt eine immer mechanistischer und „verkopfter“ werdende Sexologie tun ein Übriges. Darüberhinaus sind Reichs sexualökonomische Anschauungen aus Sicht der Political Correctness moralisch verwerflich. In dieser Hinsicht ist die antisexuelle Moral vielleicht stärker als jemals zuvor.
  2. Die aktuelle Diskussion um die Säuglingsbetreuung zeigt, daß wir den Kampf auf ganzer Linie verloren haben. Es fängt mit der künstlichen Befruchtung an, wo gegebenenfalls vorher eingefrorene Spermien und Eizellen in orgonotisch toten Reagenzgläsern miteinander vermischt werden, um dann in einer Gebärmutter heranzureifen, die vielleicht nicht ohne Grund zuvor „steril“ war. Künstliche Gebärmütter sind mittlerweile mehr als bloße Science Fiction. Immer mehr Kinder kommen per Kaiserschnitt zur Welt und auch sonst wird das gesamte perinatale und Säuglingsleben nach allen möglichen Interessen, außer den biologischen Bedürfnissen des Kindes ausgerichtet.
  3. Der eigentliche Verrat ereignete sich aber an Reichs größter Hoffnung: er habe „Gott“ mit der Entdeckung des Orgons greifbar gemacht und damit sowohl dem Mystizismus, als auch selbstredend dem Mechanismus den Todesstoß versetzt. Stattdessen haben zwei an sich gegnerische Fraktionen, die Spökenkicker und die Skeptiker, Reichs Entdeckung in die Zange genommen und so gut wie vernichtet. Das Orgon wurde zunehmend zu nichts anderem als eine neue Art von „Prana“ oder „Qi“, d.h. zu einem Vehikel, um extrem lebensfeindliche mystische Ideologien „wissenschaftlich“ zu untermauern. Die Proponenten sprechen dabei jeweils von einer „Weiterentwicklung“ des Reichschen Paradigmas und beklagen sich heftigst über „orthodoxe Reichianer“. Unvermittelt muß sich unsereiner mit C.G. Jung, Swami Durcheinanda und gechannelten Botschaften von Erzengel Achwasel herumplagen. Ein gefundenes Fressen für die mechanistischen Sektierer. Der Heidelberger Soziologe Edgar Wunder hat die bizarre Welt des „Skeptizismus“ ausführlich analysiert: Das Skeptiker-Syndrom: Zur Mentalität der GWUP.

Um das ganze übersichtlich zu halten, habe ich bisher einen vierten Punkt ausgelassen: Reich hoffte, durch eine „Entpanzerung der Erdatmosphäre“ langfristig auch die Menschen entpanzern zu können. Wenn der „DOR-Panzer“, der den Globus umschließt, mit Cloudbustern aufgebrochen und die übererregte ORANUR-Atmosphäre abgemildert werden könnte, würden auch die Erdbewohner „weicher“ werden.

Derartige Vorstellungen waren der ultimative Beweis, daß Reich in seinen letzten Jahren verrückt geworden ist. Entsprechend wurden seine apokalyptischen Warnungen nicht etwa nur überhört, sondern erst gar nicht wahrgenommen. Im letzten halben Jahrhundert haben wir entsprechend wirklich alles getan, um diesen Planeten in eine DOR- und ORANUR-Hölle zu verwandeln. Der letzte Streich waren die bioenergetisch hochtoxischen „Energiesparlampen“. Zu allem Überfluß kam es in den letzten Jahren zu einer atemberaubenden Explosion des Gebrauchs von „Croft-Cloudbustern“, mit denen „Chemtrails“ bekämpft werden sollen. Tatsächlich wird flächendeckend das Orgonenergie-Feld der Erde in einen künstlichen Expansionszustand versetzt („blauer Himmel“), der sie langfristig abtötet. Es ist ungefähr so wie die Zwangsgabe von Speed oder Kokain: das Opfer wird energetischer, leistungsfähiger, in jeder Beziehung mehr „high“ – und gleichzeitig mechanischer, kontaktloser und schon bald kommt das böse erwachen. Siehe dazu meine Ausführungen über den Kult der Expansion.

Wie zum Hohn werde ich dann auch noch allen Ernstes gefragt, warum ich so verbittert, aggressiv und voller Haß bin!

Was tun? Dazu muß erst einmal die Frage beantwortet sein, was eigentlich geschehen ist. Warum haben sich Reichs Hoffnungen nicht materialisieren können? Seit 1960 hat sich die Gesellschaft grundlegend geändert: aus einer autoritären, „kontraktiven“ wurde eine antiautoritäre, bioenergetisch überexpansive Gesellschaft. Das bedeutet, daß sich die Menschen weiter von ihrem biologischen Kern entfernt haben. Aus der mystifizierten Traum von „der großen Liebe“ wurde ein stupider mechanischer Akt, der Mensch wurde zu einer von der DNA gesteuerten bionischen Maschine und das, was an bioenergetischem Kontakt übrigblieb (denn schließlich sind wir keine bionischen Maschinen), wurde zu einem Mystizismus neuer Prägung. Diese neue Art von „Spiritualität“ ist verkopft, kompliziert und vor allem wirr (im Gegensatz zu genuiner, „bauchgesteuerter“ Mystik).

Wir haben es also mit einem imgrunde soziologischen Problem zu tun. Ein Ansatz, den Charles Konia verfolgt, auf dessen Blog ich nur immer wieder hinweisen kann. Hier sein neuster Beitrag: Communism/Socialism Is A Cancer Of The Social Body.

Tatsächlich vertritt Konia den fünften Ansatz Reichs zur Herstellung einer besseren Zukunft für die Menschheit: die Sozialpsychiatrie. Ich bin darauf an anderer Stelle eingegangen. Dieser Ansatz wurde vielleicht am gründlichsten und vor allem systematisch zerstört durch all den freudo-marxistischen Mumpitz, der seit „1968“ von „Reichianern“ verzapft wurde. Ihre hochintellektuellen Elaborate füllen mittlerweile ganze Bibliotheken! Sie haben den Kampf gegen die „autoritäre Gesellschaft“ immer weiter verschärft.

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6 Antworten to “Wie Wilhelm Reich von der Nachwelt betrogen wurde”

  1. Klaus Says:

    Es sieht also so aus, dass die dauerbekifften Rastafarifreaks u. dgl. jetzt die Verbindung ganz sichtbar hergestellt haben: Linke kindische Paradiesträume (Dauerexpansion) + Eso (Herstellung der Dauerexpansion in der Atmosphäre). Daher war die Eso-Kritik hier so treffend. Ich bin in der elenden Reich-Szene dauernd Esos begegnet, und wenn ich – ich tue es nach Möglichkeit nicht mehr – Reich irgendwo erwähnte, sprangen Esos darauf an mit „Der war seiner Zeit offenbar weit voraus“, was so viel heißt wie: einer wie Jesus, Yogi XY, Tesla und … Und wer die Dauerextase, sei es auch nur durch Äußerung von Gedanken, stört, begibt sich in Gefahr. Man kann die Dauerextatiker eben auch nicht durch Installation irgendwelcher Geräte an ihrem Atmosphärewerk hindern so, wie sie ihre Geräte an verschiedenen Orten installieren. Denn um Dauerexpansion wie Dauerkontraktion zu vermeiden, bedarf es offenbar eines Gefühls für den richtigen Ort zur richtigen Zeit …

  2. O. Says:

    zu 1) „Sexuelle Revolution“ (gleichnamiger Titel seines Buches)

    Dies entsprang aus seinen klinischen Beobachtungen und theoretischen Schlüssen, es war kein Programm, sondern vielmehr eine Idee, deren Umsetzung weder Reich noch die antiauthoritäre Bewegung leisten konnte. Voraussetzung wäre ein anderer Typus von Mensch gewesen, im Idealfall der „genitale Charakter“, der durch entsprechende Therapie noch zu schaffen gewesen wäre. Gepanzerte „Revolutionäre“ denken nur an die Quantität von Sex, nicht aber an die Erlebnisfähigkeit, die die Vorbedingung dargestellt hätte. Ein Buch kann man nicht zum Programm machen.

    zu 2) „Kinder der Zukunft“ (gleichnamiger Titel seines Buches, das Reich nciht herausgegeben hat, sondern nur als Artikel erscheinen sollte/ erschein.)

    Dies war eine praktisches Forschungsprojekt, um seine Thesen zu überprüfen.
    „Kontakloser Weise“ – so muss ich dies wohl beurteilen – weil hier wieder der Hinweise Reichs auf eigene Orgontherapie missachtet wurde, haben sich Trainees irgendeiner Fortbildung hiermit beschäftigt und daraus ein Programm gemacht: Die „Emotionelle Erste Hilfe“ zu verkünden und zu propagieren, und in „Fortbildungen“ das Programm zu verbreiten.
    Die Forschungsergebnisse, die von Reich nicht vorlagen, auch seine Nachfolger nicht lieferten, aber über seine Tochter in eigener Weise gezeigt wurden, wurden hier kopiert – kritikunfähig – und Zum Programm erklärt. Seit dem doktort man ohne selbst erarbeitete Erkenntnisse – oder nur mit welchen, die von gepanzerter Struktur gelebt bzw. erfahren werden können – an Säuglingen herum, die keine Rückmeldung geben können und ihre neurotisch gestörten Mütter hoffen auf den Erlöser im Säuglingtherapeuten.

    zu 3) Das Orgon (Die Entdeckung des Orgons Bd. 1 und Bd. 2)

    Auch hier werden von Reich Theorie, Experimente und Interpretationen geliefert, die noch kein abschließendes Bild geben können. Die Forderung für die Orgonforschung war wieder (und wie oben aufgeführt missachtet von den „Nachfolgern“) eine eigene Sensibilität und Orgontherapie (oder zumiindestens Vergleichbares).
    Ohne die Vorbedingungen zu erfüllen wird das Orgon verkündet als existent oder auch nicht existent, dies scheint eher ganz beleibig zu sein. Es wird vermischt mit Prana udn allem anderen, so auch seine „Orgonomie“ mit allem Esoterischen vermischt wird, weil der eigene Kontakt zum Orgon (bei entsprechender Panzerung) schlichtweg fehlt.
    Das hat auch Auswirkungen auf das sog. Cloudbusting, wo keiner gelernt hat wie es funktioniert und mechanistische Anwendungen nach Glaubenssätzen und Rezepten erfolgen. Auch für solche Anwendungen von „Irren“ kann Reich selbst nichts.
    Reich liefert auch hier nur sein Wissen nach seinem Erkenntnisstand und erklärt deutlich, dass dies keiner verstanden habe zu seiner Zeit.
    Auch heute versteht es fast keiner. Skeptiker sagen ehrlich, dass sie es nicht glauben und begreifen. Befürworter meinen, man müsse es begriefen, auch wenn sie es nicht begriffen haben, was sie lieber hinter Lügen zu verbergen suchen.

    Schlussfolgerung: Der normalneurotische Mensch kann nichts mit Reich anfangen. Seine Träume und Hoffnungen werden jedoch geweckt. Die meisten bedienen ihren eigenen Narzissmus mit Reich.
    Um es klar zu sagen, aber nicht obszön: Reich dient der Selbstbefriedigung für die neuen Nachfolger und Skeptiker. FDA, AEC und CIA haben hingegen das Potential erkannt, wie die Emotionelle Pest ihre „Feinde“ immer gleich erkennt, sie bekämpfen aktiv noch heute Wilhelm Reich, obwohl er tot ist. Diese „Reichianer“ helfen ihnen.

    Baker hat ein granioses Buch der Selbstbeschreibung geschrieben „Man in the Trap“. Ob der ACO ihm folgt, ist jedem seine Entscheidung. Chester M. Raphael et al. haben auf Baker geantwortet. Den Inhalt zu ignorieren und nur auf der Beziehungsebene die Kritik zu blockieren, ist reichlich unklug.

    Baker hat Reichs Worte genutzt, um Zusammenhänge teilweise völlig verdreht darzustellen, zu entschärfen und populärer darzustellen. Seine Worte in neue Kontexte zu stellen und damit auf sozial.politische Probleme anzuwenden, ist hochproblematisch.

    Was macht hier Konia anders? „Communism/Socialism Is A Cancer Of The Social Body.“ Nach Reich hatte der Krebs nichts mit Parteien oder politischen Richtungen zu tun. Es ist auch nicht „funktionelles Denken“ von die Funktionenen von Bionen auf amerikanische Politik zu übertragen. Begriffe verkommen hier zu beliebigen Metaphern, warum nicht belegen, dass „Kapitalism – Is A Cancer Of The Social Body.“
    Dieser Unsinn hat erst beginnen können, als Baker die Charakteranalyse, die nach Reich (Vorwort der 3. Aufl.) längst sekundär geworden ist, zur Sozialpolitischen Analyse interpretierte.

    Bakers zweites Buch „Man out of the Trap“, das erst 50 Jahre nach erscheinen des Ersten veröffentlicht werden darf und sicher im Safe einer Bank ruht, beschreibt den triebhaft-genitalen, zwanghaft-genitalen, masochistisch-genitalen, phallisch-narzitisch-genitalen und hysterisch-genitalen Charakter im Detail. Hier wird es dann die Anleitung zur Überwindung seiner Charakterpanzerung geben auf der Grundlage der neuen „energetictherapy“. Die sozialpolitischen Ansichten hat er wohl revidiert, da sie keine Erwähnung mehr finden.

  3. Peter Nasselstein Says:

    Solange es Leute wie Elliot Hulse gibt, ist noch nicht alles verloren:

    http://www.hulsestrength.com/real-definition-sexy/

  4. Peter Nasselstein Says:

    Charles Konia zum Thema:

    http://charleskonia.com/2012/05/28/from-the-history-of-the-emotional-plague-the-solution-of-liberalism/

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