Posts Tagged ‘sexuelle Revolution’

Buchbesprechung: REICH – FOR BEGINNERS von David Zane Mairowitz (Teil 3)

16. September 2020

von Paul N. Mathews

 

Der Rest des Buches ist einer von Abneigung geprägten Sicht auf die Vereinigten Staaten in den 1950er Jahren gewidmet, mit ihrer Verurteilung von Alger Hissb als Meineidigem auf Seiten der Roten und der Hinrichtung der „sogenannten ‚Atom-Spione‘ Ethel und Julius Rosenberg“ („auf dem elektrischen Stuhl geröstet“). Er spricht verächtlich von Eisenhower, als „einen Kriegsgeneral, der kaum das Wort ’nuklear‘ aussprechen kann und der Präsident werden soll“. Aus diesem Grund, meint Mairowitz, „kann ein bösartiger Kommunismus-Renegat wie Reich jetzt gar nicht anders, als kräftig in die Schmähungen gegen ‚Rote Faschisten‘, ‚Heckenschützen‘ der Kommunistischen Partei und ‚Chinesische Rote Teufel‘ einzustimmen“. Mairowitz glaubt den letzteren Beschreibungen offensichtlich nicht. Für ihn ist man „bösartig“, wenn man antikommunistisch ist. Interessanterweise habe ich den Begriff „bösartig“ zur Beschreibung eines Nazigegners noch nie verwendet gesehen. Reich wird der Mystifizierung der Kinder beschuldigt, das Konzept der emotionellen Pest leite sich aus seiner „theologischen Vision“ ab, die eine „Quelle des Bösen“ erfordert – und anderen solchen Unsinn. Auf alle Fälle zeugt dieser letzte Teil des Buches von der offensichtlichen linken Orientierung des Autors, auch wenn er in bestimmten Passagen kritisch gegenüber der Linken sein kann – aber als freundlicher Kritiker. Etwas, was er jedoch niemals im Fall der Rechten ist.

Das Buch endet mit dem schließlichen Tod Reichs nach der Verfolgung und dem Prozess durch die FDA. Es gereicht dem Autor zur Ehre, daß er die Nachwirkungen von Reichs Tod in einem „Epilog“c erzählt, in dem er den Missbrauch von Reichs Sexualtheorien durch die Neue Linke, die reaktionären sexuellen Vorstellungen des pädiatrischen Helden der Linken, Dr. Benjamin Spock, und den Wahnsinn derjenigen beschreibt, die Reich als „Irren“ bezeichneten – all dies sollte deutlich machen, was ich mit den „Unklarheiten und Zweideutigkeiten“ des Autors meine.

Dies wird noch durch seine „Schlussbemerkung“ unterstrichen, in der er seine europäische, wiewohl britische, Überlegenheit gegenüber Reichs „derzeitigen Treuhändern, Herausgebern, Übersetzern usw. zeigt, [die] vor allem Amerikaner sind, die ihn erst gegen Ende seines Lebens [d.h. seiner Orgonphase] kannten und die im Allgemeinen seine ‚antipolitische‘ Voreingenommenheit teilen“. Er informiert und warnt seine Leser, dass die gegenwärtige Arbeit der „Reichianer“ sich „nur aus einem schmalen Bereich Reichs entwickelt. Sie spiegeln die eher ‚private‘ Phase von WR wider. Sie sind nicht die Erbsöhne des Mannes, der illegale Abtreibungen (usw.) arrangierte, oder gar des ‚Verrückten‘, der sagte: ‚Wir werden lernen, den mörderischen Formen der Atomenergie die lebensfördernde Funktion der Orgonenergie entgegenzusetzen, um sie damit unschädlich zu machen.’“

Er wirft also die „Neo-Reichianer“ und die „Post-Reichianer“ in einen Topf mit den Orgonomen und versucht, die Ziele der Orgonomie zu ändern, von der Arbeit für den Wandel durch die Erziehung gesünderer Kinder und die Wiederherstellung der Genitalität bei nicht gesunden Menschen hin zu einem politischen Aktivismus der einen oder anderen Art – genau das Gegenteil von Reichs letztendlichen Erkenntnissen und Schlussfolgerungen.

Ich persönlich empfand das Comic-Format geschmacklos, als ablenkend und unangemessen für die Ernsthaftigkeit und Tiefe des Materials, das es zu bieten vorgibt.

 

Anmerkungen des Übersetzers

b Alger Hiss (1904-1996) war ein amerikanischer Rechtsanwalt und Regierungsbeamter, dem Spionage für die Sowjetunion vorgeworfen wurde und den 1950 ein Bundesgericht wegen Meineid zu fünf Jahren Gefängnis verurteilte. Bis zu seinem Lebensende bestritt Hiss die Vorwürfe. Seit der Auswertung sowjetischer Archivmaterialien herrscht unter amerikanischen Historikern die Auffassung vor, dass er Informant der sowjetischen Geheimdienste war. Auch die in Moskau erscheinende Tageszeitung Prawda nannte Hiss einen sowjetischen Spion. (Wiki)

c Zitat aus http://www.lsr-projekt.de/miscwr.html : „Leider fehlen in der deutschen Ausgabe die sieben Seiten des ´Epilogs`, in dem Mairowitz einige Schlaglichter auf die Folgen der fehlgegangenen bzw. ausgebliebenen Rezeption Reichs wirft und auf einige nicht weithin bekannte, aber durchaus wichtige Eigentümlichkeiten der Editionspraxis Reichs und seiner Nachlassverwalter hinweist.“

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 20 (1986), Nr. 2, S. 293-296.
Übersetzt von Robert (Berlin)

David Holbrook, M.D.: DIE DREI SCHICHTEN DER BIOPSYCHISCHEN STRUKTUR / FREIHEIT UND GESUNDHEIT / AUTORITARISMUS, ANTIAUTORITARISMUS UND KONTAKT / DIE IRONIE DES SOZIALISMUS

26. August 2020

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Die drei Schichten der biopsychischen Struktur

 

Freiheit: Ihr Zusammenhang mit psychischer, soziopolitischer und wirtschaftlicher Gesundheit

 

Autoritarismus, Antiautoritarismus und Kontakt

 

Die Ironie des Sozialismus

 

Buchrezension: THE INVASION OF COMPULSORY SEX-MORALITY von Wilhelm Reich (Teil 3)

4. August 2020

von Paul Mathews, Brooklyn, N.Y.

 

Ein großer Teil des Wertes dieses Buches liegt auch in den Erkenntnissen, die man über natürliche, genitale Verhaltensmuster bei Liebe und Sex gewinnt, sowohl wie Malinowski sie präsentiert als auch in der Interpretation durch Reich. Als Antwort auf die Ängste derer, die sich um die „Kultur“ in einer sexuell gesunden Welt sorgen, vergleicht Reich zum Beispiel das, was er das „Bordell“-Leben unserer eigenen Jugend nennt, mit Malinowskis Beschreibungen von Trobriand-Jugendlichen (S. 73)f: „. . . nie werden die Partner ausgetauscht, und ‚wildern‘ oder ‚gefälligsein‘ kommt nicht vor. Im Gegenteil, innerhalb des bukumatula [Junggesellenhaus für Jugendliche] wird ein besonderer Ehrenkodex beobachtet, der jedem Bewohner auferlegt, geschlechtliche Rechte innerhalb des Hauses viel sorgsamer zu achten als außerhalb.“ Aus dieser Studie lässt sich viel über die möglichen Trugschlüsse der gegenwärtigen sexuellen Ansichten in unserem Zeitalter der „sexuellen Revolution“ lernen.

Die ökonomische Interpretation des Einbruchs der sexuellen Zwangsmoral zeigt Reichs frühe Beschäftigung mit dem sexuellen Elend. Er gab den ökonomischen Ansatz schnell auf und wandte sich vom Marxismus ab zugunsten einer tieferen Suche nach dem biologischen Kern des Menschen. Die ganze Frage nach dem Ursprung der menschlichen Panzerung geht viel tiefer als die Ökonomie und Reich verstand dies natürlich mehr und mehr, als er mit seinen Entdeckungen der kosmischen Orgonenergie voranschritt. Dies machte er durch seinen Hinweis in Die kosmische Überlagerung (S. 112)g auf die ursprüngliche Entwicklung der Selbstwahrnehmungsprozesse des Menschen deutlich:

Daß der Panzerungsprozeß heute über die Gesellschaft und die Kultur reproduziert wird, heißt jedoch nicht unbedingt, daß er bei seiner Entstehung in den frühen Tagen der Menschheitsgeschichte ebenfalls durch sozioökonomische Einflüsse in Gang gebracht wurde. Es scheint eher umgekehrt gewesen zu sein. Der Panzerungsprozeß fand höchstwahrscheinlich zuerst statt, und die sozioökonomischen Bedingungen, die heute und seit Anbeginn der überlieferten Geschichte den gepanzerten Menschen reproduzieren, waren nur die ersten Folgen seiner biologischen Verirrung.

Reich spekuliert dann (S. 17, 18)h:

Indem er über das eigene Sein und Funktionieren nachdachte, wandte sich der Mensch unwillkürlich gegen sich selbst . . . erschrak [irgendwie] und zum ersten Mal in der Geschichte seiner Spezies begann [der Mensch], sich gegen seine innere Angst und Verblüffung zu panzern . . . es [ist] gut möglich, daß die erste emotionelle Sperre im Menschen entstand, als sich sein Denken auf das eigene Ich richtete . . . Als er versuchte, sich selbst und das Strömen seiner Energie zu begreifen, STÖRTE DER MENSCH DIESES STRÖMEN UND BEGANN, INDEM ER DIES TAT, SICH ZU PANZERN UND DAMIT VON DER NATUR ABZUWEICHEN.

Jeder, der eine rein sozioökonomische Verantwortung für den Ursprung des menschlichen Elends konstatieren möchte, möge gut über die volle Bedeutung dieser späteren Gedanken von Reich nachdenken. Die Schwierigkeit des menschlichen Dilemmas sowie die Schritte zu seiner endgültigen Lösung werden im Lichte des oben Gesagten etwas deutlicher.

 

Anmerkungen des Übersetzers

f Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Kiepenheuer & Witsch, 1995, S. 39. Einschub in eckige Klammern von Mathews.

g Die kosmische Überlagerung, Zweitausendeins, 1997, S. 136f. Kursiv in deutscher Übersetzung fehlend.
Seitenzahl ist von der Ausgabe der Orgone Institute Press, 1951.

h Die kosmische Überlagerung, Zweitausendeins, 1997, S. 142f. Die Auszeichnungen der deutschen Ausgabe sind inkorrekt und wurden hier der Originalausgabe (1951) entsprechend angeglichen.
Mathews Seitenzahlen stimmen nicht. Korrekt sind die Seitenzahlen 116-118.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 6 (1972), Nr. 1, S. 120-123.
Übersetzt von Robert (Berlin).

Buchrezension: THE INVASION OF COMPULSORY SEX-MORALITY von Wilhelm Reich (Teil 1)

31. Juli 2020

The Invasion of Compulsory Sex-Morality von Wilhelm Reich (Beruhend auf einer vorläufigen Übersetzung von Werner und Doreen Grossman von Der Einbruch der Sexualmoral.) New York: Farrar, Straus and Giroux, 1971, 215 S., 10,00 USD; Noonday paperback $3.45. [Deutsche Ausgabe: Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral. Kiepenheuer & Witsch, 1972.]

von Paul Mathews, Brooklyn, N.Y.

 

Dieses 1931 geschriebene Buch ist für alle Leser von Reich von historischem Interesse, aber es ist ein nachdrückliches Wort der Warnung angebracht. Da es während Reichs marxistischer Periode geschrieben wurde, bietet es eine grundsätzlich ökonomische Interpretation von Ursprung und Durchsetzung des sexuellen Moralismus. Später distanzierte sich Reich, zusammen mit seinen marxistischen Tendenzen, scharf und unmissverständlich von dieser Sichtweise. So schrieb Reich im Vorwort der Ausgabe von 1951 (erste englische Fassung des Werkes) (S. vii)a:“. . . die starke politische Tendenz des Buches geht auf die Erfahrungen dieser Zeit zurück. Nichts von dem, was unsere soziale Existenz in jener Zeit (1930-45) erschütterte, hat im politischen Sinn überlebt. Die Fakten jedoch über die Geschichte der menschlichen Charakterentwicklung haben . . . überlebt . . . [und] an Konsequenz und sozialem Einfluß zugenommen, und das ist, auf lange Sicht, die wahre soziale Macht.“

In ähnlicher Weise lehnt Reich den Marxismus im Vorwort der Ausgabe von 1944 von Die sexuelle Revolution ab. Hier trennt er die sexuelle Revolutionb ausdrücklich vom Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat: In Bezug auf die Charakterstruktur gibt es keine Klassengrenzen. Die soziale Ideologie spiegelt nicht die wirtschaftlichen Bedingungen wider, sondern sowohl die Ideologie als auch die Wirtschaft sind in der psycho-sexuellen Struktur der Massen verankert. Reich verurteilt nachdrücklich die Kommunisten, die er als mit den Nazis verwandt ansieht (S. viii)c: „. . . heute . . . , wenn ein anders gefärbter, aber grundsätzlich ähnlicher politischer Lärm [vergleichbar mit dem der Schwarzen Faschisten] unsere friedlichen Bestrebungen stört, zu lernen und den Weg . . . den die Menschheit genommen hat, . . . immer besser zu bestimmen.“ Er prangert auch ihre Bettgenossen, die modernen Liberalen und zeitgenössischen Radikalen, rundheraus an (S. viii, ix)d: „. . . die mit der ‚Freiheit hausieren‘ . . . denen es gelungen ist, jede Spur eines klaren, ehrlichen Denkens . . . zu zerstören. Für sie ist jeder Begriff ein Mittel politischen Betrugs geworden. . . . die Führer [missbrauchen] die sexuellen und mystischen Glücksbedürfnisse des hilflosen Massenindividuums. . . . Der Bereich der menschlichen und sozialen Probleme ist weit tiefer und umfassender als der, mit dem sich die Marxsche Ökonomie befaßt.“

Nichtsdestoweniger bin ich geneigt, Professor L. Ferrero Raditsa zuzustimmen, der in einer Besprechung dieses Buches in der Zeitschrift New Leadere vom 15. Dezember 1971 erklärte: „In diesen ‚befreiten Zeiten‘ fürchte ich, dass dieses Buch fälschlicherweise als Befürwortung von Hedonismus und sozialen Umwälzungen gelesen wird.“ Es ist leider wahr, dass man Reichs Erkenntnisse allzu oft falsch interpretiert und verzerrt und seine Überarbeitungen früherer Werke selektiv ignoriert, besonders jetzt, wo viele Neue Linke und so genannte Freudo-Marxisten (diejenigen, die behaupten, die ursprüngliche Absicht von Reichs marxistischer Periode der Dreißiger Jahre wiederbelebt zu haben, während sie gleichzeitig seine orgonomischen Erkenntnisse ablehnen) versucht haben, jene Aspekte von Reichs Werk zweckzuentfremden, die für ihre neurotischen und politischen Zwecke nützlich sind. Letztere haben in neuerer Zeit sogar einen sexuellen Aspekt – verzerrt und prägenital – zu ihrer revolutionären Leidenschaft hinzugefügt.

 

Anmerkungen des Übersetzers

a Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Kiepenheuer & Witsch, 1995, S. 9.

b „Die Ideologie einer sozialen Schicht ist keine unmittelbare Spiegelung ihrer wirtschaftlichen Lage. (…) Es gibt keine charakterlich-strukturellen Klassengrenzen, wie es wirtschaftliche Grenzen des Einkommens und der sozialen Rangstellung gibt. Es werden nicht ‚Klassenkämpfe‘ zwischen Proletariern und Bürgern geführt . . .“ (Die sexuelle Revolution, Fischer Taschenbuch, 1971, S. 12).

c Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Kiepenheuer & Witsch, 1995, S. 9. Einschub in eckige Klammern von Mathews.

d ebenda, S. 9f.

e L. Ferrero Raditsa: “Reich’s Search for Freedom”, The New Leader, Vol. 054, Issue 024 (December 13, 1971).

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 6 (1972), Nr. 1, S. 120-123.
Übersetzt von Robert (Berlin).

Sonntags in der Stadt: damals und heute

1. Juli 2020


Der krebsige Zerfall einer ganzen Gesellschaft.

Sonntags in der Stadt: damals und heute

Der rechte Blick auf DIE MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS (abschließende Ergänzung zu Paul Goodman). Paul Mathews: Reich und die politischen Radikalen

30. April 2020

 

15. September 1969

The Letters Editor
The New York Times Magazine
229 West 4 Street
New York, N.Y. 10036

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte mich einem Aspekt des Artikels von Paul Goodman „Die neue Reformation“ (9/14) zuwenden, nämlich der Beziehung zwischen Wilhelm Reichs Sexualtheorien und denen von Marcuse und ihm selbst. Es ist in Mode gekommen, Reich als eine Art Sexualideologen zu erwähnen, als einen Vorläufer der angeblichen sexuellen Revolution von heute und daher als einen der „Helden“ der zeitgenössischen „Revolutionäre“ und „Radikalen“. Paul Goodman weist selbst auf diesen Punkt hin in seiner Einleitung zu Ilse Ollendorff Reichs jüngster Biographie ihres verstorbenen ehemaligen Ehemannes…

Reich selbst leugnete jede Beziehung zwischen seinem Werk und Denken und dem, was von zeitgenössischen Nonkonformisten vertreten wurde. Er bezeichnete sie häufig als „Freiheitskrämer“. Paul Goodman beschreibt in einem Nachruf auf Reich in Liberation vom Januar 1958 Reichs Wut auf ihn, weil er „seinen Namen mit Anarchisten und Libertären in Verbindung brachte“. Reich war der Ansicht, daß die Menschheit in ihrem gepanzerten Zustand (ein Begriff, der charakterologische und muskuläre, d.h. biologische Rigidität bezeichnet) nicht in der Lage sei, verantwortungsbewußte Freiheit und Selbstregulierung zu praktizieren. Er war der Ansicht, daß Veränderungen langsam erfolgen sollten, wobei die Betonung auf der verantwortungsvollen Erziehung von Kindern liegen sollte („Freiheit, aber nicht Zügellosigkeit“). Die heutige Generation ist ein Produkt des Mißverständnisses und des Mißbrauchs dieses Konzepts, was zu einem Durchbruch dessen führte, was Reich als „sekundäre (zerstörerische) Triebe“ bezeichnete – häufig mit einer humanen oder sozialbewußten Rationalisierung –, die ihrer Natur nach die vorgeblichen Ziele nicht erreichen können. Stattdessen lösen sie entweder Illusionen oder eine ernsthafte Gegenreaktion aus.

Es ist daher in Fairness gegenüber Reich wichtig ihn von Marcuse und der Neuen Linken, den meisten zeitgenössischen „Radikalen“ und Nonkonformisten, und von Paul Goodman selbst abzuheben.

Respektvoll unterbreitet,
Paul Mathews
School of Continuing Education, N.Y.U.

 

Journal of Orgonomy, Jahrgang 3 (1969), Nr. 2, S. 268.

Die antiautoritäre Transformation aus bio-psychiatrischer Sicht

18. Oktober 2019


Die Homer-Simspon-isierung:

Die antiautoritäre Transformation aus bio-psychiatrischer Sicht

David Holbrook, M.D.: FRAGE UND ANTWORT: SEX UND LIEBE

7. September 2019

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Frage und Antwort: Sex und Liebe

 

Der Elefant im Raum

4. August 2019

Dr. Charles Konia über die sexuelle Revolution und ihre verheerenden Folgen:

Der Elefant im Raum

Buchbesprechung: SEX-POL-Essays, 1929-1934 (Teil 4)

6. Juli 2019

von Paul Mathews, M.A.

 

„Das Elend ist älter als der Kapitalismus“ – das ist der Kern. Es war Reichs Arbeit mit der Orgasmus-Theorie, mit den Bionen und der Orgonenergie und seine funktionellen sozialen Wahrnehmungen, die sein frühes Denken veränderten – nicht nur eine Ernüchterung hinsichtlich der Mechanismen zur Umsetzung des Sozialismus. Der Sozialismus konnte den Test der Entdeckungen Reichs über das Leben und die Charakterstruktur nicht bestehen. So war die Ablehnung der sozialistischen und marxistischen Bewegungen und all dessen, was sie an Mechanistischem mit sich brachten, ein natürlicher Auswuchs von Reichs Entdeckungen im biologischen und kosmischen Bereich. Kleinliche politische Köpfe, die im Morast des ökonomischen Determinismus versunken sind (jetzt mit einem Schuss von Reichs Sexualtheorien gewürzt), können Reich und seine Arbeit nur als ein weiteres Werkzeug für ihre bornierten Bestrebungen wahrnehmen.

So betrachten sie Reich lediglich als ein „Hinzufügen einer psychologischen Dimension zu Marx‘ Ideologiebegriff“ (S. xviii), oder sie verbinden ihn im schlechtesten Sinne mit einem „revolutionären Potential“ der Bewegung des 22. Märzo in Frankreich und solchen Gefolgsleuten wie Danny Cohn-Bendit – besser bekannt als „Danny der Rote“ (S. xxvi).p

Dieser Band mit seinen „unrevidierten Übersetzungen“, darunter mehrere über Techniken zur Politisierung der Massen, ist also nichts anderes als ein weiterer Entwurf für die Art von Revolution, die Reich nicht nur voll Abscheu von sich wies, sondern auch durch die Entdeckung von deren zugrunde liegenden Mechanismen bekämpft hat.

Schließlich ist es bezeichnend, dass in einer persönlichen und öffentlichen Konfrontation, die ich mit einem der Übersetzerq dieses Bandes hatte, dieser feststellte, dass Reich sich erheblich irrte als er die Arbeit an Säuglingen und Kindern als den ultimativen Weg in eine bessere Welt betonte. Er zeigte damit, dass er die Essenz von Reichs funktionellen, wissenschaftlichen Erkenntnissen verfehlt hat.

 

Anmerkungen des Übersetzers

o Die Pariser Demonstrationen 1968 gingen von der Universität Paris-Nanterre aus. Nach einer Aktion gegen den Krieg in Vietnam gründete eine Gruppe von linken Studenten verschiedenster politischer Herkunft an der philosophischen Fakultät die radikale „Bewegung 22. März“. Zunächst wurde das Verwaltungsgebäude besetzt, um hochschulpolitische Ziele, aber auch die Aufhebung der Geschlechtertrennung in den Studentenheimen durchzusetzen. Führende Sprecher dieser Gruppe war u.a. Daniel Cohn-Bendit, der in den folgenden Monaten und Ereignissen auch als „Dany le Rouge“ in der Presse häufig als Redner zitiert wurde. Sein erster öffentlich bekannt gewordener Auftritt fand bei einer Schwimmbadeinweihung in Nanterre am 8. Januar 1968 statt, als er den anwesenden Sport- und Jugendminister öffentlich u.a. dafür kritisierte, sich nicht für die sexuellen Schwierigkeiten der Jugend zu interessieren. (Wiki)

p „Im Februar 1967 sprach der französische Trotzkist Boris Fraenkel vor mehreren hundert Studenten der Nanterre-Abteilung der Universität Paris über Reich und die soziale Funktion der sexuellen Unterdrückung. Ich kann persönlich die begeisterte Reaktion des Publikums bezeugen, denn ich war dort. In der Woche nach dem Vortrag wurde Reichs Broschüre Der sexuelle Kampf der Jugend in allen Wohnheimen von Tür zu Tür verkauft. Dies führte zu einer weit verbreiteten Sexualaufklärungskampagne, die – wie Danny Cohn-Bendit uns erzählt – auf den revolutionären Ideen von Reich beruhte und zur Besetzung von Frauen- und Studentenheimen durch Frauen und Männer führte, um gegen ihre restriktiven Regeln zu protestieren.“ (S. xxvi, Einleitung von B. Ollman). Zu Ollmans Positionen siehe auch: https://thecharnelhouse.org/2016/06/10/the-marxism-of-wilhelm-reich/

q Übersetzer waren Anna Bostock, Tom DuBose und Lee Baxandall. Es ist wahrscheinlich, dass er Baxandall meint.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 1, S. 120-124.
Übersetzt von Robert (Berlin)