Wo bleibt Marx?

In der neusten Ausgabe der Annals of the Insitute for Orgonomic Science stellt der australische Orgonforscher Dean Davidson eine berechtigte Frage: In den Veröffentlichungen des American College of Orgonomy sei, so Davidson in seinem Aufsatz „Foundations for a Functional Analysis of Economics“, ständig von einer „funktionellen Ökonomie“ die Rede, aber Marx wird von den Schülern Elsworth F. Bakers nie erwähnt. Wenn doch, dann allenfalls als Vertreter der mechano-mystischen Weltanschauung und als pestilenter Charakter. Wie kann das sein, wenn Reich in seinen Schriften bis zuletzt Marx‘ Werttheorie als die Grundlage jeder orgonomischen Überlegung zur Ökonomie hervorgehoben hat?!

Davidson führt aus, daß die besagten neueren Überlegungen zur Ökonomie, etwa über den „freien Austausch“ zwischen den Wirtschaftsteilnehmern, gut und richtig sein mögen, doch falle vollkommen unter den Tisch, daß dies nur unter vor-kapitalistischen (bzw. vor-patriarchalischen) Bedingungen im vollen Umfang gelten könne. Heute würden, so Davidson, die Wirtschaftsbeziehungen von jenen von den Menschen vollkommen unabhängigen Gesetzen bestimmt, die Marx entdeckt und auf die sich Reich immer wieder berufen habe: die Arbeitswertlehre und die Mehrwertlehre, der Unterschied zwischen Tauschwert und Gebrauchswert.

Klingt gut! Das Problem ist nur, daß eine oberflächliche Funktion (die von Marx angeblich entdeckten angeblichen Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus) wichtiger sein soll als eine tiefere Funktion: der Charakter. Und selbst diese Formulierung ist fragwürdig, denn sie suggeriert, daß Marx in irgendeiner Weise praxisnäher („oberflächlicher“) sei. Doch aus dem charakterologischen Ansatz folgt unmittelbar eine gangbare Praxis, wie Reich in seiner Analyse des Scheiterns des Marxismus („Vulgärmarxismus“) in Die Massenpsychologie des Faschismus aufgezeigt hat, während aus der „polit-ökonomischen“ Analyse wirklich nur eins folgt: das gegenwärtige Wirtschaftssystem müsse zerstört werden. Die Marxsche Theorie ist jenseits der „Mobilisierung zur Revolution“ für die Praxis vollkommen folgenlos, denn kein Arbeiter benötigt irgendwelche wirren („dialektischen“) Theorien über den „Mehrwert“, um zu wissen, daß er ausgebeutet wird. Der Marxismus „beweist“ ihm nur eins, daß, egal welchen Lohn er in einer florierenden Wirtschaft auch immer bekommt, der Kapitalismus prinzipiell illegitim ist! Der Marxismus ist eine Lehre der Zerstörung und sonst nichts.

Und was soll diese ominöse Praxis des charakterologischen Ansatzes sein? Welch eine Frage! Es geht schlicht darum, die Arbeitsdemokratie zu verwirklichen, indem man sich beispielsweise dem allgegenwärtigen Drang zur Verantwortungslosigkeit entzieht. Wer behauptet, dieser angestrebte „freie Austausch“ müsse in einer kapitalistischen Gesellschaft Illusion bleiben, da diese von objektiven Gesetzmäßigkeiten bestimmt werde, die die Selbstverwirklichung der Individuen unmöglich mache, da alles dem unerbittlichen Diktat der Profitmaximierung unterworfen sei, sollte „den Laden dichtmachen“ und sich der KPD/ML oder so anschließen! Außerdem sollte er niemals eine Orgontherapie beginnen, denn in einer derartig kranken Welt, kann sich die Gesundheit eh nicht entfalten. Das gleiche gilt dann natürlich auch für Reichs Projekt „Kinder der Zukunft“.

Indem Marx die beiden Gegebenheiten „Wert“ und „Ausbeutung“ miteinander verbunden hat, hat er die Grundlagen der Arbeitsdemokratie zerstört, denn Wert ist mit unserer bioenergetischen Arbeitsfunktion verbunden, während es bei der Ausbeutung schlichtweg um eine Machtfrage geht („wieviel kriegt jeder vom Kuchen ab“). Werden diese beiden Sphären vermengt, kommt Moral dort ins Spiel, wo sie nicht hingehört: „Ich habe nicht nur für den Teil des Kuchens gearbeitet, den ich erhalte, sondern auch für den, den du ungerechterweise erhältst.“

In einer Welt, in der die beiden Gegebenheiten „Wert“ und „Ausbeutung“ getrennt werden, ist Raum für das Lebendige. Eine Welt, in der „Wert“ unlösbar mit „Ausbeutung“ verbunden ist, kann man nur noch zu zerstören trachten, um das Lebendige zu befreien. Das erklärt den ganzen religiösen Wahnwitz der Kommunisten, die 100 000 000 Menschen ermordet haben, um das Paradies auf Erden zu errichten. Es ist bezeichnend, daß sie dabei eine Welt geschaffen haben, in der nicht nur Menschenleben, sondern überhaupt nichts mehr einen „Wert“ hat.

Warum Reich nicht sehen konnte, daß zwischen Werttheorie und Rotem Faschismus ein Gleichheitszeichen gehört, ist biographisch zu erklären. Daß „Reichianer“ es nicht sehen können, ist nur charakterologisch erklärbar.

Und Marx selbst war nichts weiter als ein Haufen Scheiße:

[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=-T_UbaYU7Es%5D

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19 Antworten to “Wo bleibt Marx?”

  1. Sebastian Says:

    Ausbeutung ist bei Marx keine moralische Kategorie. Wer sie moralisch interpretiert, wäre allerdings Vulgärmarxist. 🙂 Das ist ein ganz typischer Irrtum, der sich eigentlich nur ergibt, wenn man lediglich Sekundärliteratur über Marx gelesen hat oder eben mit Vorurteilen an die Sache rangeht.

    Davidson hat recht, wenn er sagt, dass sich Reich nie von den ökonomischen Teilen der Marxschen Theorie abgewandt hat. Er richtete sich gegen die, die Marx falsch interpretierten und seine Begriffe umwerteten sowie gegen einige der sozialen Teile der Marxschen Theorie (Klassengegensatz, historische Gesetzmäßigkeiten). Reich wusste, im Gegensatz zu Konia und Harman, was er mit Sexualökonomie erklären konnte und was nicht. Was mir bei dieser Sache nicht in den Kopf gehen will, ist, wie man als Orgonom annehmen kann, dass der gepanzerte Mensch sich eine ungepanzerte Institution schafft, die sogenannte sich selbst regulierende, freie Marktwirtschaft. Das wäre ein einzigartiges Kuriosum, das so paradox ist, dass man eine Erklärung erwarten würde. Pustekuchen.

    Ich wage mal zu behaupten, dass sich die Orgonomen hier irren. Was ja nicht schlimm ist, denn Irrtümer kann man korrigieren. Marx hat zumindest in einem Punkt recht: Wir leben in einer Warenwirtschaft und nicht in einer Güterwirtschaft.

    • Peter Nasselstein Says:

      Tut mir leid, da halte ich mich lieber an Karl Liebknechts STUDIEN ÜBER DEE BEWEGUNGSGESETZE DER GESELLSCHAFTLICHEN ENTWICKLUNG, der durchschaut hat, daß Marx‘ Konstruktionen durchweg pseudomaterialistisch sind:

      Die materialistische Geschichtsauffassung (…) ist nicht „materialistisch“, hat keinen materialistischen Faden an sich, wenigstens nicht im eigentlichen, im philosophischen Sinn; höchstens einen Anklang an den Materialismus in vulgär-moralisierendem Sinn. Nicht einmal das. Denn auch die Ideologien aller Sphären und die Überschußsphäre haben ihre „wirtschaftlichen Verhältnisse“, „ökonomische Basis“, „soziale Struktur“, „Feudum“. Auch die „materialistische Geschichtsauffassung“ ist in der Hauptsache eine psychisch-intellektuelle; d. h. die Faktoren, die sie als wesentlich betrachtet, sind in der Hauptsache psychisch-intellektuelle. Sie ist nicht „ökonomisch“.

      http://archive.org/stream/studienberdiebe00liebgoog/studienberdiebe00liebgoog_djvu.txt

    • Peter Nasselstein Says:

      Unabhängig von Liebknecht, Paul C. Martin:

      Im ersten Band des »Kapitals«, das sei kurz in Erinnerung gerufen, hat Marx umständlich zu beweisen ver-sucht, dass die Kapitalisten die Arbeiter »ausbeuten«, weil sie ihnen weniger Geld als Lohn zahlen, als ihnen »eigentlich« zusteht. Die Differenz zwischen dem, was die Arbeiter »in Wirklichkeit« an »Wert« schaffen und dem, was sie dann auf der Hand behalten dürfen, nennt Marx den »Mehrwert«. Den behält und verwendet der Kapitalist für sich.
      Die Marxsche Mehrwert-Theorie ist schon im Ansatz falsch, weil ein Apfel mit einer Birne verglichen wird, ein »Wert« mit einem »Preis«. Auch der »Lohn« ist ein Preis, eben der für eine ganz bestimmte Arbeitskraft zu einer ganz bestimmten Arbeitszeit. Die Behauptung, etwas sei schließlich »mehr wert« als es »gekostet« habe, wird nicht dadurch richtig, dass man sie mit anklagend erhobenem Zeigefinger ausspricht.

      Klicke, um auf Martin,%20Paul%20C.,%20Der%20Kapitalismus%20-%20Teil%201.pdf zuzugreifen

      Das ganze ach so „materialistische“ System von Marx funktioniert wirklich nur mit dem moralischen Zeigefinger. Der „Materialismus“ ist nur Show.

      • Sebastian Says:

        Ich habe riesengroßen Respekt vor Martin. Er hat ein unfassbar großes, historisches Wissen und eine Gabe sich einfach, kurz und überzeugend auszudrücken. Außerdem hat er das ökonomische System verstanden. Ich bin mir sicher, dass er auch Marx verstanden hat und die obige Formulierung nur ein rethorischer Kniff ist. Wenn nicht, irrt er sich. 🙂 Die Kritik an der Vermischung von Wert und Preis ist allerdings korrekt.

        Ganz unabhängig davon, ob der Begriff „Ausbeutung“ sachlich korrekt ist, so ist er trotzdem keine moralische Kategorie. Er bedeutet schlicht, dass der Arbeiter für seine Arbeitskraft weniger an „Wert“ erhält, als er durch seine Arbeit produziert. Punkt.

        Weder soll auf besonders niedrige Löhne, noch auf besonders schlechte Arbeitsverhältnisse hingewiesen werden. Marx betrachtet den Kapitalisten nicht als böse, der den guten Arbeiter ausbeutet. Es geht nicht darum, dass den Arbeitern etwas weggenommen wird, was ihnen „eigentlich“ gehört. Ganz im Gegenteil: Marx betont, dass – entsprechend den Notwendigkeiten des Warentausches – der Verkäufer der Ware Arbeitskraft genau den Wert seiner Ware erhält!!

        Dass der Käufer aus dem Gebrauchswert dieser Ware dann einen besonderen Vorteil schlägt, geht den Verkäufer nichts mehr an.

        Sein Werk heißt „Das Kapital“ und nicht „Der böse Kapitalist“. Der Kapitalist kann ein arbeitssamer, ehrlicher, verständnisvoller Unternehmer sein, der hohe Löhne und super Arbeitsverhältnisse garantiert. Trotzdem muss er bei Marx aufgrund strukturell-ökonomischer Notwendigkeiten immer Ausbeuter bleiben, wenn er im Wettbewerb nicht untergehen will.

        Glaube meiner Klugscheißerei oder lies es selbst nach. 🙂 Nochmal in aller Deutlichkeit: Dass diese gedankliche Grütze sachlich korrekt ist, habe ich nicht behauptet. Nur, dass Ausbeutung keine moralische Kategorie ist!

    • Peter Nasselstein Says:

      Auf den ersten Blick mag es keinen Zusammenhang geben – doch er ist eindeutig… Oder drücken wir es so aus: es ist kein Zufall, daß, als der Marxismus sozusagen „entökonomisiert“ und zu einer Kulturtheorie wurde, er sich als moralischer Terror und sonst nichts erwies: Political Correctness. Sein moralistischer Kern wurde sichtbar, der in der Verkleidung der „Mehrwerttheorie“ so gut wie unerkennbar ist.

  2. Peter Nasselstein Says:

    In Menschen im Staat (siehe die Vorbemerkung zum Kapitel über die Mraxsche Arbeits- und Mehrwerttheorie) argumentiert Reich, daß sich der Marxismus zum Roten Faschismus wandelte, als die Parteibonzen den neutralen Begriff „Mehrwert“ mit irrationalen Gefühlen aufluden. Das Problem ist nur, daß trotz allem Leugnen dieser Moralismus in der ganzen Konstruktion von vornherein angelegt ist.

    • Sebastian Says:

      Da gehe ich mit. Marx hätte ein unmissverständlicheres Wort wählen können, obwohl solche Begriffe auch immer je nach Zeit eine andere Konnotation haben. Tatsache ist, dass er eine Masse von Menschen dazu gebracht hat neurotisch gegen „die bösen Kapitalisten“ zu rebellieren.

      • Peter Nasselstein Says:

        Nein, es geht tiefer als bloße Formulierungskünste. Es geht um das ganze Marxsche System. Charakteristischerweise sahen sich Leute wie Erich Fromm berufen mit Verweis auf den frühen „humanistischen Marx“, den Marxschen Ansatz zu rehabilitieren. (Warum eigentlich, wenn das MANIFEST und DAS KAPITAL doch angeblich so unverfänglich sind?) Aber der Blick auf den frühen Marx, insbesondere aber auf DIE DEUTSCHE IDEOLOGIE (sozusagen der „ANTI-STIRNER“) zeigt ganz im Gegenteil, daß Marx‘ gesamter Impetus zutiefst lebensfeindlich war.

      • Sebastian Says:

        Marxte recht haben. Kann ich nicht beurteilen, weil ich mich immer nur mit der ökonomischen Theorie von Marx näher beschäftigt habe. Jedenfalls ist nicht alles, was Marx schreibt, falsch. Das ist einfach zu absolut. Jeder hat irgendwo recht. Marx hat den Unterschied von einer Güter- und einer Warenwirtschaft erkannt. Es kommt darauf an den rationalen Kern herauszuschälen und nicht alles blind abzulehnen. Reich kam zu seinen Erkenntnissen, indem er versucht hat das Rationale im Irrationalen zu verstehen, nicht durch absolute Ablehnung und Verachtung. So. Genug Marx für heute. Gute Nacht!

        • Peter Nasselstein Says:

          Ja, Marx hat definitiv nicht in allem Unrecht. Man sollte nur im Auge behalten, daß Marx imgrunde nur drei Schriften veröffentlicht hat (der Rest ist Polemik, Vorarbeit, Journalismus), die durchweg extrem fragwürdig sind:

          Das MANIFEST: wenn man es „böse liest“ findet sich schon der ganze Stalinismus.

          Der erste Band des KAPITAL: nur beeindruckend, weil eine Theorie, die man bequem auf 40 Seiten ausbreiten könnte, auf 800 Seiten ausgewalzt wird.

          Die RANDGLOSSEN, die nur auf eins hinauslaufen: Gebrauchswerte werden nicht verkauft, sondern „direkt“ verteilt. Ziel ist eine Gesellschaft ohne Geld und Markt.

          Reich hat das alles beiseite gewischt und sich auf die „lebendige Produktivkraft“ konzentriert, die alles erschafft. Schwer vorstellbar, wie Reich dazu ohne Marx gekommen wäre:

          https://nachrichtenbrief.wordpress.com/2012/09/20/die-sexuelle-revolution-und-die-antiautoritare-gesellschaft/

          Im übrigen halte ich den Einfluß von Lenin auf Reich für weitaus stärker. Das wird vollkommen durch die Marx/Reich-Debatte verdeckt. Aber das alles auseinander zu klabüstern…

        • Peter Nasselstein Says:

          Noch eine kleine Notiz, um zu zeigen, wie vorsichtig man mit Marx‘ umgehen muß: Das MANIFEST haben Marx/Engels im Dezember 1847 verfaßt. Es sollte den alten „unwissenschaftlichen“ Arbeiterkommunismus eines Wilhelm Weitling ablösen. Merkwürdigerweise ist hier schon der gesamte Marxismus fertig ausgearbeitet. Diese „Wissenschaft“ ist förmlich vom Himmel gefallen! (Sie wurde 1845-47 in DIE DEUTSCHE IDEOLOGIE in Auseinandersetzung mit Max Stirner entworfen.) Aber erst sage und schreibe 20 Jahre später (1867) veröffentlichte dann Marx endlich die ausgearbeitete wissenschaftliche Grundlage des Manifestes: DAS KAPITAL. Das alles nur, um dann 1875 in seinen RANDGLOSSEN zu Rezepten zurückzukehren, die bereits Weitling vertreten hat.

          Bei Reich (der einfach dem von Leuten wie Engels und Mehring Marx-Mythos folgte) sieht das dann so aus, als hätte da einer nach und nach organisch eine Theorie erarbeitet. Tatsächlich ist von einer Entwicklung nichts zu sehen! Anders als bei seinem Verhältnis zu Freud kann bei Reich hinsichtlich Marx von einer kritischen Aufarbeitung nicht die Rede sein.

  3. Sebastian Says:

    Reich hat das alles beiseite gewischt und sich auf die “lebendige Produktivkraft” konzentriert, die alles erschafft.

    Vollkommen falsch. Reich hat nicht „alles beiseite gewischt“. Das taten die ACO-Orgonomen und fielen in realitätsferne Spekulationen über eine freie Marktwirtschaft zurück. Reich hat „die Lücke in der Marxschen Sozialökonomie nachgewiesen und sie mit dem Begriff >charakterliche Struktur< gefüllt" (S. 82, Menschen im Staat). Nach Reich erforschte Marx den objektiven Faktor (sozialökonomische Verhältnisse und Prozesse), während er selber den subjektiven Faktor beisteuerte.

    Alles, was ich gesagt habe, steht auch im 3. Kapitel von Menschen im Staat – speziell, dass Ausbeutung kein moralischer Begriff ist (S. 70 f.). Dieses Kapitel enthält, Werttheorie hin oder her, mehr Wahrheit und mehr Erklärung für aktuelles ökonomisches Geschehen, als jede ökonomische Aussage von Konia und Harman:

    Die kapitalistische Wirtschaft ist eine Profitwirtschaft. Man erzeugt ursprünglich nicht Gebrauchsartikel, sondern Waren. Die Wirtschaft dient nicht der Befriedigung von Bedürfnissen, sondern die Bedürfnisse werden nach den Gesetzen der Profitwirtschaft erzeugt, unterdrückt, verschoben. (S. 76)

    Produktion von Schrott, globalökonomische Zusammenhänge, Konkurrenz, Krisen, Arbeitslosigkeit, das alles erklärt Reich aus den „Gesetzen der Warenwirtschaft“ (S. 76 f.), die Arbeitsfunktion dagegen aus den „Gesetzen der biologischen Energie“ (S. 82). Bei den ACO-Orgonomen keine Erwähnung der objektiven Faktoren. Nach ihnen leben wir in einer Gebrauchswirtschaft.

    Aus dem 3. Kapitel geht ohne wenn und aber, eindeutig hervor, dass die Arbeitsdemokratie Gebrauchswirtschaft und keine Warenwirtschaft ist (S. 63 f.).

    Nicht der einzelne Kapitalist oder der Staat, sondern die Funktion der Warenwirtschaft ist verantwortlich. Erst wenn man diesen Standpunkt klar und eindeutig bezieht, kann man die sozialen Wirkungen der Warenwirtschaft auf das Leben der Menschen beurteilen und sich weiter fragen, ob und wie die jahrtausendealte Warengesellschaft aufgehoben und durch eine Gebrauchswirtschaft ersetzt werden könnte. (S. 73)

    Das einzige, was Reich nicht klar war, weil das Wissen dazu noch fehlte, war, dass Warenproduktion erst losgeht, wenn sie vorfinanziert ist.

    Das einzige, was ich mich noch frage, ist, warum das ignoriert, warum kein Wort seitens Konia und Harman darüber verloren wird.

    • Sebastian Says:

      Zudem: Die Befürchtungen, dass alles verantwortliche Handeln Illusion bleiben müsste, weil es objektive Faktoren gibt, die das Sein bestimmen, ist zum einen unrichtig und zum anderen könnte das der Grund für das Denkverbot sein.

      Es ist unrichtig, weil die objektiven Faktoren einen nicht davon abhalten seine Grundbedürfnisse zu befriedigen und sozial zu wirken. Reichs Projekt „Kinder der Zukunft“ ist auch in einer Warenwirtschaft möglich. Auch wenn man Geld verdient und die Früchte seiner Arbeit genießt, kann man für die Wiederherstellung der Arbeitsdemokratie praktisch tätig sein.

      Es darf außerdem nicht sein, weil man dann schon wieder außerhalb der Gesellschaft stehen würde, wobei man es sich doch gerade ein wenig gemütlich gemacht hat. Man hat sich etabliert, man nennt sich American College of Orgonomy, nicht etwa International Institute of Sex-Economy and Orgone-Research oder schlicht Orgone Institute. Man gibt sich patriotisch und verurteilt jeden, der sich auch mit den objektiven Faktoren beschäftigt, mit dem Etikett Roter Faschischmus.

      • Robert (Berlin) Says:

        Das mit dem American kann sich ja auf das Lokale beziehen, ohne gleich in den Chauvinismus zu versumpfen. Das aber Konia und andere Reich-Renegaten fanatische System-Anhänger sind und die westlichen Verbrechen entweder ignorieren oder gutheißen, läßt sie in meinen Augen unglaubwürdig werden. Solches Wegsehen ist wiederum nur mit einer Charakterdeformation erklärbar. Es sind eben keine genitalen Charaktere (aber auch dieser kann sich irren, wenn ihm Informationen fehlen oder er fehlinformiert wird). Auch der neurotische Charakter kann politisch richtig liegen, wenn er offen bleibt für Einflüsse und neue Fakten.

    • Peter Nasselstein Says:

      Gebrauchswerte werden hergestellt, weil sie Nutzen bringen. Tauschwerte werden hergestellt, weil sie Profit bringen. – Darauf reduziert sich das ganze.

      Klingt gut, sogar sehr gut. Will sagen, alle werden jetzt für eine „Gebrauchswertwirtschaft“ plädieren.

      Das Problem ist nur, daß mit der Gebrauchswertwirtschaft der Mechanismus entfällt, der Dienste und Güter auf eine ökonomische Art und Weise zur Verfügung stellt bzw. produziert und verteilt. Dieser Mechanismus ist das Profitstreben und der Markt. Die „Tauschwertwirtschaft“ sorgt alles in allem hervorragend für das reibungslose Ablaufen der Gesellschaft, wenn man etwa die DDR mit der BRD vergleicht oder das maoistische China mit dem heutigen. Das ist so, weil die „Tauschwertwirtschaft“ inhärent dezentral und demokratisch ist.

      Reich hat am Anfang seiner Überlegungen zur Arbeitsdemokratie tatsächlich versucht, eine Gebrauchswertwirtschaft zu entwerfen. Eine quasi rätekommunistische Vision von Organisationen, die die Produktion und Konsumption (sic!) steuern. Später, d.h. in den entsprechenden Ausführungen in der MASSENPSYCHOLOGIE (1946) ist davon nichts übriggeblieben, d.h. die Arbeitsdemokratie hat sich sozusagen „ent-organisiert“. Es stehen hier zwei Wege offen: zurück zu den Räten oder vorwärts zur Österreichischen Schule. – So sehe ich das jedenfalls 😉

      • Peter Nasselstein Says:

        Bei all dem muß ich auch hervorheben, wie weitgehend sinnfrei ich die Unterscheidung zwischen Gebrauchswert und Tauschwert (die sowieso heutzutage als überholt gilt!) erachte. Es ist vollkommen absurd die Trobriandische Ökonomie, so wie Malinowski sie beschrieben hat, als „Gebrauchswertwirtschaft“ zu bezeichnen. Der „Gebrauchswert“ ist so gut wie das letzte, an den die Trobriander denken, selbst wenn es um ihr Grundnahrungsmittel geht. Es geht es Prestige und Ästhetik („Ich habe ein volles Yams-Silo!“), soziale Verpflichtungen, Magie, Delikatessen und Verschwendungssucht. (Ein Großteil der Ernte verfault!) Einen „Plan“ und nüchternes Nutzenkalkül sucht man vergebens. Auch sind die Besitzverhältnisse sehr kompliziert. Natürlich wäre es absurd hier von „Markt und Profit“ zu sprechen, aber die Unterschiede zum Kapitalismus lassen sich nicht mit dem Gebrauchswert/Tauschwert-Gegensatz erfassen.

      • Sebastian Says:

        Ja, dass die Werttheorie Müll ist, darüber besteht überhaupt keine Meinungsverschiedenheit! Meine Güte…

        Die Diskussion ist jetzt hoffnungslos verwirrt. Während ich von Gebrauchswirtschaft und Warenwirtschaft spreche, sprichst Du von Gebrauchswertwirtschaft und Tauschwertwirtschaft. Bitte wenigstens das 3. Kapitel von Reich lesen!

        Die DDR ist eine zentrale Warenwirtschaft (Staatskapitalismus).

        Die Trobriandische Ökonomie ist eine Gebrauchswirtschaft.
        Bei Prestige, Ästhetik, Delikatessen, Verschwendung, Magie und sozialen Verpflichtungen geht es um das individuelle und soziale Leben selbst und nicht um Vorfinanzierung, Kauf und Verkauf von Waren. Es gibt keine Konjunkturzyklen, Wirtschaftskrisen oder Arbeitslosigkeit. Konkurrenz gibt es genauso wie Kooperation. Sie ist nicht das alleinige, aus objektiven Gründen erzwungene Handlungsmotiv.

      • Peter Nasselstein Says:

        Die Trobriandische Ökonomie ist von gegenseitigen persönlichen Verpflichtungen bestimmt. Hauptfunktion ist, die Gesellschaft zusammenzuhalten, die ansonsten sehr schnell zerfallen würde. In der westlichen Marktwirtschaft sind diese Verpflichtungen vollständig entpersönlicht, der gesellschaftliche Zusammenhalt spielt keine Rolle.

        Der „Kapitalist“ wäre auf den Trobriand-Inseln vollkommen fehl am Platze, weil er gar nicht in das Gesellschaftsgefüge hineinpaßt. Umgekehrt wäre ein Trobriander im Westen vollkommen schockiert, weil buchstäblich das persönliche Gegenüber fehlt.

  4. Klaus Says:

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