Das Verschwinden der Orgonomie

Wie in Der Dalai Lama im Dschungelcamp dargelegt, beruht unsere gegenwärtige Kultur auf zwei funktionellen Transformationen: die von Emotion in Sensation und die von Erregung in Wahrnehmung. Oder mit anderen Worten Sensationen treten an die Stelle von Emotionen und beginnen entsprechend die kulturelle Atmosphäre zu prägen. Das gleiche gilt für Wahrnehmung und Erregung. Da die Massen unfähig sind funktionell zu denken, wird dieses bioenergetische Geschehen als zunehmende „Spiritualität“ mißinterpretiert. Die „kontemplative Stille“ und die „geistigen Welten“, die sich neu erschließen, gehen auf eine grundlegende Störung der bioenergetischen Struktur zurück: das im Zentralen Nervensystem Struktur gewordene energetische Orgonom dominiert vollständig das im Autonomen Nervensystem Struktur gewordene und im Solar Plexus zentrierte orgonotische System. Entsprechend verlagert sich die Energie vom Bauch auf den Kopf. Das bedingt gleichzeitig, daß diese „neue Spiritualität“ im krassen Gegensatz zur „alten Spiritualität“ (insbesondere die des Christentums) politisch eher links orientiert ist. (Siehe dazu Spiritualität und die sensationelle Pest.)

Problem ist, daß die Orgonomie in einer solchen Kultur nicht überleben kann. In der Orgontherapie geht es nicht um die „Psyche“, sondern um die Emotionen, es geht nicht um „Beurteilung“ (die, im Sinne der alten Psychoanalyse, kaum mehr ist als Verurteilung), sondern um die Befreiung blockierter Erregung. Heute hingegen tendieren die Menschen eher dazu, alles Bioenergetische kurzschlüssig in haltlose Phantasiewelten umzusetzen. Man braucht nur den Fernseher anzumachen, ins Kino zu gehen oder in einem Buchladen stöbern: „Fantasy“ wohin man schaut. Von Computerspielen will ich gar nicht erst anfangen!

Die Orgontherapeutin und Leiterin eines „Wilhelm Reich Instituts“ Dorothea Fuckert hat diesen grundlegenden Wandel seit Reichs Zeiten erfaßt – und setzt sich an die Speerspitze dieser „bioenergetischen Entwicklung“:

Wir haben die meisten Projekte eingestellt, sowohl die physikalische Forschungsarbeit als auch die Herausgabe unserer Zeitschrift [für Orgonomie]. Die Orgontherapie kommt nur noch selten zum Einsatz. (…) Wir bieten weiterhin Seminare an, nicht zu Themen der Orgonomie im engeren Sinne, sondern im weiteren Sinne zu Themen eines funktionellen Gesundheitsverständnisses, energetisch-spiritueller Therapiekonzepte, einer kosmischen Weltsicht und einer gemeinsamen, geistig-energetischen Schöpfungsquelle.

(…) Was die Orgontherapie anbelangt, so ist festzustellen, daß sich die innere Struktur des Menschen heute im Vergleich zu Reichs Zeiten ziemlich verändert hat. Die spezielle bioenergetische, neurotische Dreischichten-Struktur taucht kaum mehr in der Psychotherapiepraxis auf. Vielmehr haben wir es vorwiegend mit dissoziativen Strukturen und vielen Persönlichkeitsanteilen zu tun. Dies erfordert ganz andere Techniken. Hinzu kommt die Tatsache, daß sich viele Menschen in einer tiefgreifenden spirituellen Suche und Entwicklung befinden. Wir selbst haben uns bewußtseinsmäßig verändert. Unsere Behandlungsangebote entwickelten sich mit unserer eigenen Entwicklung. (…)

Einen weiteren Aspekt dieser Entwicklung finden wir beim „Wissensmanager“ Bernhard Harrer:

[Harrer] dachte, wenn Reich Recht hatte und es wirklich eine Lebensenergie gab, die geschädigt und wieder geheilt werden konnte, dann müßte dieses Wissen doch einen Einfluß auf das Denken der Menschen haben. Es galt also, die Experimente von Reich nachzuvollziehen, und so nahm er zu allen Menschen Kontakt auf, die über Reich forschten. (…) Während seinem Meteorologiestudium saß Harrer stundenlang vor dem Lesegerät und vertiefte sich in das Reichsche Werk. Als ordentlicher Reichianer absolvierte er zudem eine körperorientierte Psychotherapie. 1989 (…) konnte Bernhard Harrer eine Projektgruppe zum Thema „Orgonbiophysik – kritische Evaluation der biophysikalischen Arbeiten von Wilhelm Reich“ aufbauen. (…) Je genauer seine Experimentaldaten wurden, je mehr Störgrößen ausgeschaltet werden konnten, desto weniger konnten die Erscheinungen auf solche Vorgänge zurückgeführt werden. Eine physikalische Lebensenergie schien auf diese Weise nicht nachweisbar.

Bernhard Harrer ging nun mit der Hartnäckigkeit eines Naturwissenschaftlers an die Texte Reichs heran und unterzog die gesamte Literatur einer nochmaligen kritischen Analyse. Es wurde immer deutlicher: Reich hatte zum Beispiel Temperaturunterschiede auf seinen experimentellen Anordnungen nur deshalb messen können, weil die Sonne auf unterschiedliche Oberflächen fiel. Selbst Elektrosmog wurde von Reich als Lebensenergie interpretiert. Auch der Besuch im Reichmuseum in den USA brachte nur noch die letzte Bestätigung: Die Versuchsanordnungen Reichs waren zu simpel. Die Geräte waren nicht stabilisiert, und einfache Spannungsschwankungen im Stromnetz erklärten das von Reich als Pulsieren von Lebensenergie bezeichnete Flackern in Vakuumröhren. Reich war es nicht gelungen, Lebensenergie physikalisch nachzuweisen.

In der Folge war es die Beschäftigung mit den Theorien von Burkhard Heim und John Eccles, die Harrer halfen, zu verstehen, daß Lebensenergie nicht physikalisch in Erscheinung tritt. „Damals begann ich zu erahnen, daß Lebensenergie aus anderen Bereichen der Wirklichkeit kommt – Bewußtsein steuert das Leben.“ Anhand der Psychosomatik machte er sich deutlich: Das biologische Funktionieren wird von bewußten oder unbewußten seelischen Entscheidungen beeinflußt. So stand für ihn bald fest, daß sich die Arbeit mit dem Cloudbuster von Wilhelm Reich nicht von der eines traditionellen Schamanen unterscheidet.

Wie mit dieser Entwicklung umgehen? Das ganze ist alles andere als neu für die Orgonomie. Sie ist aus der Erforschung und der Therapie von „triebhaften Charakteren“ hervorgegangen, bzw. wurde so von Reich die Charakteranalyse entwickelt (und entscheidende Impulse für die Formulierung der Orgasmustheorie gewonnen). Kurz gesagt ging es um Menschen, die praktisch in jeder Hinsicht das Gegenteil des damaligen triebgehemmten und angepaßten Homo normalis waren. In der Therapie mußte man sie eingrenzen, d.h. davon abhalten „Blödsinn zu machen“; man mußte Kontakt herstellen, also psychoanalytische Deutungen unterlassen, sondern charakteranalytisch vorgehen: mit dem arbeiten, was die Patienten tatsächlich (und unbewußt) im Hier und Jetzt kommunizieren. Auf diese Weise wurde Ordnung ins Chaos gebracht und die Charakterschichten nach und nach aufgedeckt. Durch dieses geordnete Vorgehen („Funktionalismus“) gelang schließlich der „Einbruch ins biologische Fundament“, die Entdeckung der Orgonenergie und ihre praktische Nutzung.

Die oben kurz angedeuteten „Ansätze“, um mit ähnlichen Phänomenen heute umzugehen, bedeuten das diametrale Gegenteil: das Chaos wird ausgeweitet, der Zugang zur Orgonenergie systematisch verbaut und es geschieht in mancher Hinsicht genau dasselbe wie in der damaligen Psychoanalyse, in der sich zunehmend alles „vergeistigte“ und mit dem „Dritten Ohr“ gehört wurde.

fuhaenterd

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3 Antworten to “Das Verschwinden der Orgonomie”

  1. Sebastian Says:

    [Harrer] dachte, wenn Reich Recht hatte und es wirklich eine Lebensenergie gab, die geschädigt und wieder geheilt werden konnte, dann müßte dieses Wissen doch einen Einfluß auf das Denken der Menschen haben. Es galt also, die Experimente von Reich nachzuvollziehen, und so nahm er zu allen Menschen Kontakt auf, die über Reich forschten.

    Ich verstehe den Zusammenhang zwischen dem ersten und dem zweiten Satz nicht. Wenn ich sehe, dass das Wissen keinen Einfluss hat, lege ich mir doch logischerweise die Frage vor, warum das Wissen keinen Einfluss hat und fange nicht an zu Experimentieren. Man fängt an zu Experimentieren, wenn man zweifelt und das nachvollziehen will oder wenn man davon überzeugt ist und neue Entdeckungen machen will. Alle anderen Motive sind irrational, etwa, um den wissenschaftlichen Autoritäten zu zeigen, dass da was dran ist.

    Reichs Werk enthält außerdem eine ziemlich klare Antwort darauf, warum das Wissen keinen Einfluss hat. Wenn ich angeblich hartnäckig naturwissenschaftlich vorgehen würde, würde ich doch zuallererst diese Antwort überprüfen, bevor ich mit meiner möglicherweise unsäglichen Charakterstruktur drauf los experimentiere.

    Ich verstehe aber auch nicht, inwiefern Harrer ein „weiterer Aspekt dieser Entwicklung“ ist. Meinst Du damit, dass er einer dieser Charaktere ist, die nur Blödsinn machen und das Chaos damit schüren? Und dass seine vergeisterte Version von Lebensenergie die Transformation von Erregung in Wahrnehmung widerspiegelt?

  2. O. Says:

    Die Speerspitze einer bioenergetischen Entwicklung ist ein stumpfes Stück Holz, oder es in anderen Worten ausgedrückt: Papier ist sehr geduldig und läßt sich mit allem beschriften. Postiv für die Orgonomie wäre ein früher Abschied von gewissen Personen gewesen, die ihrem esoterischen Hang ohnehin folgen wollten. Nicht die Orgonomie verschwindet, sondern überflüssige Personen verabscheiden sich hoffentlich auch endgültig.
    Niemand braucht sich Sorgen machen als würde es einen Charaktershift geben, Menschen nicht mehr in den beschriebenen gehemmten Charakterstrukturen vorkommen. Reichianer haben vielmehr die Charakteranalyse nie verstanden, wenn überhaupt gelesen, und wollen daher mit anderen Modellen wie Klopftechniken oder Hypnose arbeiten. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, lasst sie ziehen und sagt bye, bye!
    Reich hatte ihnen keinen Ruhm, kein Geld und keine Erkenntnis gebracht, sie sind enttäuscht. – Selbstreflexion, was ist das? Der Fehler lag (in ihren Augen) immer bei Reich, natürlich.

    Die Patienten hätten die falschen Charakterstrukturen entwickelt, die sie mit der Charakteranalyse nicht mehr behandeln könnte. Die Störvariablen (welche?) würden Einfluss auf die Experimente nehmen und das Phänomen erklären. Energie sei eher ein Bewußtsein. Aber störte nicht das Bewußtsein des Experimentators das Experiment? Nach Reichs Bücher (Zusammenfassungen und Interprationen von Versuche) gelang ihm jedesmal das richtige Experiment auf Anhieb; wollte man diesen einen Versuch nachmachen, müsste es doch auch beim ersten Mal funktionieren. Das tat es aber nicht. Enttäuschung darüber, dass Reichs Versuche nicht sofort zum Ergebnis führten. Es klappte schließlich kein einziger Versuch? Dafür konnte es nur eine Erklärung geben, die Phänomene mussten normale physikalsche Artefakte sein, die einfach zu erklären bzw. wegzuerklären waren. War man nicht auf dem Weg dahin zum Teil der Berliner „Subkultur“ geworden?

    Harrer hatte trotz angeeignetem Wissen über Vakuumröhren ein scheinbar brauchbares Ergebnis erzielen können und die Arbeit wurde hingeschmissen, das Thema war schlicht zu komplex für eine Diplomarbeit. War es dann nicht auch zu komplex für Reich?
    Nun, wenn sich nichts Brauchbares finden lässt, kann man wenigstens sagen, es gab nichts zu finden, alles ist Unsinn und Bewußtseinstrübung.
    Wenigstens konnte man mit einer negativen Interpration über Reich noch behaupten, Reich habe nichts bewiesen.

    Und man gehe als „Wissensmanager“ weiter …
    Bitte warum nicht einfach weitergehen und diese Phase hinter sich lassen, statt sie als Lebenshöhepunkt zu inszenieren? Vielleicht befriedigt die Erleuchtung des Bewußtseins ja gar nicht.

    Noch ein Wort zu Prof. Joachim Hornung, der dieses Projekt bei der Antragstellung unterschrieb: Als Methodologe (was mir heute neu ist) hätte er gewinnbringenden Einfluss auf die Versuche und die Datenauswertung ausübern können. Dies tat er jedoch nicht. Von daher kann man es auch getrost unterlassen, seinen Namen zu erwähnen. Das Projekt hingegen hat eines gezeigt, mit realtiv bescheidenen Mitteln wurde hier viel auf die Beine gestellt und es gab einiges zu beobachten und zu lernen. Und allein daraus kann die Orgonomie etwas lernen, Forschung gibt es nicht zum Nulltarif.

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