Die Funktion des Orgasmus (Teil 3)

Jürgen Hoyer und seine Kollegen von der TU Dresden konnten bei 451 Patienten, die sich einer kognitiven Verhaltenstherapie wegen Angststörungen oder Depressionen unterzogen, die folgenden aus sexualökonomischer Sicht bedeutsamen Elemente isolieren:

  • 63,2% berichteten vor Behandlungsbeginn von sexuellen Problemen (sexuelles Desinteresse, Erektionsprobleme, Anorgasmie)
  • diese Probleme besserten sich, wenn die Verhaltenstherapie erfolgreich war
  • aber auch bei jenen, die durch die Verhaltenstherapie geheilt wurden, berichteten noch 45% von sexuellen Problemen

Für Hoyer et al., und allgemein für die Psychologie und Psychiatrie, sind sexuelle Dysfunktionen bloße Begleiterscheinungen psychischer Erkrankungen. Für Reich waren sie der Kern jeder psychischen Erkrankung. Das bedeutet jedoch nicht, wie oft fälschlich Reich in den Mund gelegt wird, daß ein sozusagen „erfolgreicher Orgasmus“ die psychisch Erkrankten heilen würde. Es ist ja gerade die orgastische Impotenz, die sie krank macht, diese geht aber auf die Panzerung zurück. Mit dem Abbau der Panzerung bessert sich deshalb auch die Orgasmusfähigkeit und damit wird den neurotischen Symptomen ihre Energiequelle abgedreht. Darauf beruht jede funktionierende Therapie. Die Erhebungen von Hoyer et al. bestätigen dies erneut:

  • psychische Erkrankungen sind überdurchschnittlich oft mit groben sexuellen Problemen verbunden – ganz abgesehen vom Mangel andauernder sexueller Erfüllung („orgastische Potenz“)
  • ist die Therapie erfolgreich, d.h. wird die Panzerung zumindest teilweise abgebaut, nehmen auch die sexuellen Probleme ab – was wiederum den langfristigen Erfolg der Therapie absichert
  • da der Abbau der Panzerung und damit die verbesserte orgasmische Abfuhr nicht Ziel, sondern nur ein mehr oder weniger zufälliges Nebenprodukt der Verhaltenstherapie ist, halten sich die Erfolge in Grenzen

Siehe auch meinen Aufsatz über Biologische Entwicklung aus orgonomischer Sicht, in dem ich in einem anderen Zusammenhang auf die Beziehung von Verhaltenstherapie und Orgasmustheorie eingehe.

Reich zufolge erfüllt die Sexualität eine grundlegende bioenergetische Funktion und würde sich deshalb in den Geschlechtern gleich äußern, gäbe es nicht die Unterdrückung der weiblichen Sexualität. (Siehe dazu auch Lucky Luke und Barbie.)

Die Vorstellung, daß die sexuelle Erregung bei beiden Geschlechtern gleich abläuft, widerspricht sowohl der modernen, mechanistischen Sexualforschung (d.h. die Erforschung der pathologischen, liebe-losen Sexualität von Homo normalis), als auch der persönlichen Erfahrung der meisten Menschen.

Tom Tiegs und Paul Perrin von der University of Florida haben gezeigt, daß junge Männer zwar tatsächlich „sexueller“ sind als junge Frauen, sich die Geschlechter in dieser Hinsicht jedoch annähern, wenn es zu einer festen Beziehung kommt. Im Schutz der Partnerschaft verliert der gesellschaftliche Druck, der auf Frauen lastet, seine Kraft.

Donatella Marazziti und ihr Forscherteam von der Universität Pisa haben herausgefunden, daß bei Liebespartnern die Testosteronwerte sich einander nähern, d.h. sie sinken beim verliebten Mann und steigen bei der verliebten Frau. Die Geschlechter gleichen also ihren Sexualhormonhaushalt an, wenn sie ineinander verliebt sind.

Das hat nichts mit sexueller Aktivität an sich zu tun, da die Mitglieder der Kontrollgruppe genauso viel Sex hatten wie die Gruppe der Verliebten. Dieser Befund beweist zwar nicht Reichs Orgasmustheorie, legt aber die Antwort für das oben erläuterte Problem nahe: Sex ist nicht gleich „Sex“.

Mittels Infrarotkameras konnten Psychologen (Irv Binik et al.) an der McGill University, Montreal etwas dingfest machen, was infolge der psychologischen Zumutungen bei anderen, durchweg invasiven Meßmethoden bisher verborgen geblieben ist: Frauen werden genauso schnell sexuell erregt wie Männer. Den Versuchspersonen wurden Ausschnitte aus Pornos, Reiseberichten und Horrorfilmen vorgespielt, während Wärmebildkameras auf ihre Genitalien gerichtet waren. Beide Geschlechter fingen innerhalb von 20 Sekunden an, erregt zu werden und erreichten innerhalb von 11 oder 12 Minuten die maximale „Genitaltemperatur“. Wie in Reichs Experimenten stimmte die physiologische Erregungskurve genau mit der subjektiven Empfindung überein.

In seinen „bio-elektrischen Experimenten“ hat Reich mit dem Problem gerungen, daß die Meßinstrumente direkt mit der Haut verbunden sein mußten und dergestalt genau das hintertrieben, was gemessen werden sollte: die lustvolle Expansion des „bio-elektrischen“ Potentials. Siehe dazu Die Funktion des Orgasmus.

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9 Antworten to “Die Funktion des Orgasmus (Teil 3)”

  1. David Says:

    Vermutlich ist der Sexualtrieb bei der Frau nicht schwächer, aber doch leichter unterdrückbar als beim Mann.

    Während bekanntermaßen in der islamischen Kultur ein Doppelstandard bzw. eine Doppelmoral vorherrscht, wesentlich extremer als bei uns im 19. Jh., wollte die westliche Kultur den Trieb generell, also solange er nicht verheiratet ist beim Mann auch, unterdrücken, um auf Basis der Triebunterdrückung, hohe Arbeits- und Kulturleistungen aus den Männern herauszupressen.

    So sehe ich das.

    Es gelang denen aber – bei Männern – nicht so ganz; es wurde – im Westen – immer mehr oder weniger geduldet, dass Prostituierte zur Verfügung standen für die Männer, traditionell vor allem für die Soldaten, wie ich glaube.

    Dagegen sind in der islamischen Kultur viele ganz bewusst der Ansicht, es ist in Ordnung, wenn die Söhne mit Prostituierten – oder gar mit einer Freundin – Erfahrung sammeln, Hauptsache, die Prostituierte bzw. die Freundin ist eine Ungläubige.

    Und das muss man ihnen lassen: wenn tatsächlich wie gefordert die Frau unaufgeklärt in die Ehe geht, dann ist die Idee, dass wenigstens der Mann wenn nicht theoretische so doch praktische Aufklärung erhalten sollte, nicht ganz von der Hand zu weisen.

    Was diese Art des Vorgehens für die Frau bedeutet, kann man z.B. in den Büchern von Inci Y. nachlesen.

  2. Peter Nasselstein Says:

    Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen den traditionellen Auffassungen der westlichen und der islamischen Welt was die Sexualität des Weibes betrifft. Während im Westen (infolge des Marienkultes?) die Frau als asexuell galt und der Mann als geborenes Triebwesen, das sich „ausleben“ muß, – betrachtete die islamische Welt die Frau als von Natur aus dauergeil, weshalb, Mohammed zufolge, sowieso fast alle Frauen in der Hölle landen. Die anarchische, nicht zu kontrollierende weibliche Sexualität würde die gesamte Gesellschaft zerstören, würde sie nicht durch extreme mit Todesanktionen belegte soziale Kontrolle, durch eine alle weiblichen Reize negierende Kleidung und nicht zuletzt durch die Verstümmelung des weiblichen Genitals gebannt werden.

  3. David Says:

    betrachtete die islamische Welt die Frau als von Natur aus dauergeil … Die anarchische, nicht zu kontrollierende weibliche Sexualität würde die gesamte Gesellschaft zerstören

    Es besteht dort also Kontakt dazu, Mann weiß dass – auch bei der Frau – „es“ offenbar existiert, und mann findet es bedrohlich und hat offenbar Angst.

    Die christliche, westliche Kultur hatte eher Kontaktlosigkeit, wenn sie meinte, dass die weibliche Sexualität nicht existiere.

    So wie vor einiger Zeit ein – in diesem Falle ein nicht christlicher – Politiker vor amerikanischen Studenten – hinsichtlich der männlichen Homosexualität – mit einer jovialen Handbewegung sagte:

    „Anders als in Ihrem Land existiert in meinem Land dieses Phänomen nicht.“

    Kontaktlosigkeit zu haben und zu meinen, ein Phänomen existiere nicht, ist sicher recht einfach und bequem, hat jedoch Folgen. Die andere Möglichkeit, „es“ einfach nur zu unterdrücken, ist natürlich genauso schlimm.

  4. Sperma, Orgasmus, Empfindungen « Mannwerdungsblog Says:

    […] Wilhelm Reich. Eine gute Skizze der Grundidee dahinter findet sich hier. Die Funktion des Orgasmus wird hier diskutiert: Reich zufolge erfüllt die Sexualität eine grundlegende bioenergetische […]

  5. Die Sexualität im Kulturkampf « Nachrichtenbrief Says:

    […] Jungen! In einer befriedigenden Partnerschaft gleichen sich die Geschlechter hormonell an, wie in Die Funktion des Orgasmus (Teil 3) ausgeführt: Frauen werden selbstgewisser, Männer werden weicher. Entsprechend lebten früher […]

  6. Lena Says:

    Ist es also tatsächlich so das Männer hne Frauen nicht können, aber andersrum nicht so?

  7. Robert (Berlin) Says:

    Gehirn-Scan zeigt erstmals Orgasmus der Frau

    http://www.focus.de/gesundheit/video/verlauf-der-erregung-gehirn-scan-zeigt-erstmals-orgasmus-der-frau_vid_28158.html

  8. Die Orgonomie und ihre Kritiker | Nachrichtenbrief Says:

    […] Jungen! In einer befriedigenden Partnerschaft gleichen sich die Geschlechter hormonell an, wie in Die Funktion des Orgasmus (Teil 3) ausgeführt: Frauen werden selbstgewisser, Männer werden weicher. Entsprechend lebten früher […]

  9. Robert (Berlin) Says:

    Wie lange hält das Hochgefühl nach dem Sex?

    Sex ist nicht der einzige Faktor für eine gelungene Beziehung – aber er spielt eine wichtige Rolle. Wie stark er die Paarbindung beeinflusst, lässt eine Studie erahnen.

    http://www.spektrum.de/news/wie-lange-haelt-das-hochgefuehl-nach-dem-sex/1443341

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