Liebe, Arbeit und Wissen: Zwei Arten von Liebe

Reichs Haltung zum Thema Liebe wurde wohl am prägnantesten von seinem 1985 verstorbenen Schüler Elsworth F. Baker formuliert. Der genitale Charakter spüre Liebe nicht in erster Linie im Herzen, sondern im Genital.

Liebe ist eine Erstrahlung des Organismus, die in erster Linie im Genital gespürt wird, wenn man in der Nähe desjenigen ist, den man liebt. Es reicht sogar, wenn man nur an die geliebte Person denkt. (The Journal of Orgonomy, Vol. 14, No. 1, S. 99)

Entsprechend steht die Orgonomie bei eher konservativ Gesinnten im Ruf, für ein „ausschweifendes Sexualleben“ zu stehen. Dabei können sie beispielsweise auf Orson Beans Autobiographie „One man’s search for sexual fullfillment“ verweisen. Mehr liberal Gesinnte brauchen in ihrem Vorwurf, die Orgonomie sei puritanisch, nicht mal auf die „Verdammung“ prägenitaler Lüste hinzuweisen, es reicht schon die Weigerung der Orgonomie Liebe und Sex voneinander zu trennen.

Tatsächlich hat die Orgonomie nichts gegen ein „ausschweifendes Sexualleben“, aber sehr wohl etwas gegen die Instrumentalisierung der Sexualität für „Kunst“, Kommerz (Pornographie), Religion und Macht (Tantra), Politik („Reichianer“) und ganz allgemein Freiheitskrämerei (Nacktkultur, sogenannte „Aufklärung“, etc.). Da ist die Orgonomie puritanischer als der Papst.

Bereits Anfang der 1930er Jahre schrieb Reich:

Eingehende Erfahrung lehrt, daß je mehr die sexuellen Erscheinungen sich in einer Gesellschaftsgruppe vordrängen, desto gestörter, zerrissener, unbefriedigender für jeden einzelnen das Geschlechtsleben im Innern und in Wirklichkeit ist. (Der sexuelle Kampf der Jugend, S. 53)

Dies zur Rezeption á la Erich Fromm, die behauptet, mit der heutigen sexuellen Befreiung und ihren verheerenden Folgen wäre der „Sexualromantiker“ Reich widerlegt. Diese Reich-Kritiker sehen einfach nicht den Kern des Problems: die orgastische Impotenz.

Reich spricht nie über Sex im Sinne von „Liebestechniken“. Solange kurz vor und während des idealerweise gemeinsamen Höhepunkts Eichel und Uterusmund sich nahe sind, ist alles „erlaubt“ was gefällt. Über das hinaus kann man wenig bis nichts sagen.

Wo bleibt das „Herz“? Daß zur genitalen Umarmung auch die Sehnsucht nach der Überlagerung gehört, ist selbstverständlich. Diese Sehnsucht ist spezifisch mit dem Brustsegment und dem Herzen verbunden.

Es stimmt nicht, daß Reich die romantische Liebe nicht gekannt hat und am „genitalen Sex“ fixiert war. In seinen Jugenderinnerungen schreibt er z.B.:

(…) keine Sehnsucht kann bei mir so stark werden wie die nach der Frauenbrust als Kopfkissen. Ich habe später viele keusche Nächte erlebt, in denen ich auf der Mädchenbrust ruhend, eng an sie und den Körper geschmiegt, vollkommenen Ersatz für den Koitus fand. (Leidenschaft der Jugend, S. 56)

Daß wir das Gefühl haben, daß sich Sehnsucht und Liebe in der Brust bei weiterer Intensivierung allmählich ins Genitale ausbreitet, hängt damit zusammen, daß das Herzen unmittelbar über dem Solar plexus liegt, dem Zentrum des orgonotischen Systems.

Liebe ist eine orgonotische Erstrahlung unseres bioenergetischen Kerns, die entsprechend der Entfernung zunächst nach oben zum Herzen und dann nach unten zum Genital übergreift. Deshalb ist es unmöglich, mit einem orgonotisch vollständig erregten Penis den Geschlechtsakt durchzuführen („durchzuführen“) und dabei keine Liebe zu empfinden. Gleichzeitig ist es natürlich möglich, auch mit einer „kalten Erektion“ Sex zu haben. Entsprechend sind Liebe und Sex zwei Funktionsbereiche, die man trennen kann.

Beispielsweise konsumieren Männer typischerweise harte Pornographie, in der Liebe keine Rolle spielt, während Frauen eher „Pornographie fürs Herz“ genießen („Herzchen“, Schlagerschnulzen, Liebesromane, Titanic, Pretty Woman, etc.). Ein Psychopath kann den Geschlechtsakt ausführen, ein Querschnittsgelähmter kann Liebe empfinden.

Liebe ist Herzenssache, Sex konzentriert sich im Genital. Bei der Liebe geht es um Emotionen, beim Sex um Sensationen, „Aktion“ und „Technik“. Das entspricht den beiden sich ergänzenden Energiesystemen des Körpers: dem orgonotischen System (Pulsation) und dem Orgonom (Kreiselwelle).

Das erstere System liegt bei gepanzerten Menschen dem Mystizismus zugrunde, das letztere dem Mechanismus.

In Nervenheilkunde (1-2, 2010) ist ein sehr interessanter Artikel von Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer (Universitätsklinikum Ulm) unter dem Titel „Liebe und Sex, der Wald und die Bäume“ erschienen.

Spitzer führt auf überzeugende Weise etwas aus, was die Grundlagen der Orgonomie infrage stellen könnte:

Frühere Auffassungen, die sowohl von Evolutionsbiologen als auch von Psychoanalytikern vertreten wurden, daß Liebe eine Art Epiphänomen darstelle, und sich „eigentlich“ alles nur um Sex drehe sind unzutreffend.

Das ist eine neurobiologische Tatsache, die schwerlich wegzudiskutieren sein wird!

Spitzer führt aus, daß Liebe und Sex vollkommen unterschiedliche Konnotationen haben: globale, kreative Ganzheitlichkeit mit einem weitem Zeithorizont gegen Fokussierung auf Details und das Hier und Jetzt. So ist auch die Überschrift von Spitzers Aufsatz erklärlich: Mal betrachten wir eher den Wald und mal eher die einzelnen Bäume.

Wir alle kennen die Frage: „Was findet der nur an der!“ und verkennen, daß Liebe vollkommen blind macht für all die (mehr oder weniger) kleinen Schönheitsfehler, während wir umgekehrt nach dem Rausch des Augenblicks feststellen, wie öde und imgrunde häßlich doch die Frau ist, „an der alle Details stimmen“.

Diese beiden unterschiedlichen Gefühlswelten können Psychologen experimentell anhand von Freiwilligen erforschen und quantifizieren. Spitz referiert eine entsprechende Arbeit. Bezeichnenderweise sprechen die Psychologen von zwei unterschiedlichen „Denkmustern“, gemäß der Vorstellung, daß „sich alles nur im Gehirn abspielt“.

Aus Sicht der Orgonomie sind Liebe und Sex nur zwei Aspekte der beiden Hauptäußerungsformen der Panzerung des Menschen: des Mystizismus („Romantik“) und des Mechanismus („Ficken“). Die Orgonomie erschließt jedoch einen tiefer gelegenen dritten Funktionsbereich jenseits von Liebe und Sex: die Genitalität.

Während der gepanzerte Mensch in einem der beiden „Denkstile“ gefangen bleibt oder ein Doppelleben führt (der liebende Ehemann, der sich heimlich bei Huren „auslebt“), lebt der ungepanzerte Mensch ein funktionelles Leben. Er kann sich angemessen verhalten: Liebe und Sex ergänzen einander, statt sich gegenseitig zu behindern. Gleichzeitig kann er sie klar voneinander trennen, beispielsweise wird er nach einer bedeutungslosen Affäre nicht zum liebeskranken Stalker, genauso ist er aber auch fähig, Frauen „ohne Hintergedanken“ so zu lieben, wie man einen sehr engen Freund liebt.

Reich hat die Funktionsweise der Orgonenergie mit Hilfe der Orgonometrie beschrieben, siehe dazu die Abbildung unten. Je nach Fragestellung kann man in der Orgonometrie von bestimmten Variationen ausgehend nach immer tieferen Gemeinsamen Funktionsprinzipien suchen, deren tiefstes das einheitliche Naturgesetz N ist (N ← V); oder man kann umgekehrt von allgemeinen Funktionsprinzipien ausgehen und von dort auf die potentiell unendlich vielen Variationen V dieses Naturgesetztes blicken (N → V). Beides ist gleichwertig und hat seinen angemessenen Platz im Leben. Kommt Panzerung ins Spiel, wird eines der beiden Denkstile rigide festgehalten mit den entsprechenden lebenswidrigen Folgen.

Man denke nur daran, wie der „rechte“ Katholik die Liebe gegen den teuflischen Sexus in Stellung bringt, während umgekehrt der „linke“ Atheist auf zynische Weise alles vom Sexus her sehen will und jede Art von Liebe psychoanalytisch oder evolutionsbiologisch zu dekonstruieren trachtet. Das erstere ist Ausdruck des Mystizismus, das letztere des Mechanismus.

Da Reich in einer Zeit gelebt hat, in der der sexualfeindliche Mystizismus kulturell vorherrschend war („die Adenauer-Zeit“), hat er getreu seiner Herkunft aus der Psychoanalyse und der Darwinistischen Biologie den Schwerpunkt etwas einseitig auf den Sexus gelegt. Heute ist die Lage grundlegend anders.

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6 Antworten to “Liebe, Arbeit und Wissen: Zwei Arten von Liebe”

  1. Heiko Lassek Says:

    Lieber Peter Nasselstein,

    Ich möchte Sie hiermit auf die Arbeiten von Prof. Gerald Hüther hinweisen, von dem zahlreiche Audio- und Videobeiträge gut zu „googlen“ sind.
    Wir – die Wilhelm Reich Gesellschaft, als deren Ehrenpräsident ich fungiere – hatten am vergangenen Donnerstag in unserer Reihe „Was ist Leben“ zum Thema: „Evolution der Liebe“ als Gastvortragenden eingeladen. Der „Grüne Salon“ der Freien Volksbühne war überfüllt; ein ganzes Treppenhaus voller interessierter Menschen konnte auf Grund von Brandschutzbestimmungen nicht mehr eingelassen werden. Hüther ist auch durch meine alte Freundin Prof. Dr. Annelie Keil, Universität Bremen, mit Reich recht gut vertraut, ohne jedoch dessen späte Werke zu kennen… Auf jeden Fall ein höchst sympathischer und lebendiger Naturforscher u. Neurobiologe, dessen Audiostreams im Web ich ebenfalls an dieser Stelle sehr empfehlen möchte.

    Schauen Sie doch mal auf unsere Webpage – der nächste Vortrag geht auch über den gegenwärtigen Stand der Ufo – Forschung; Sie sehen, wir sind immer noch unterwegs…

    Mit freundlichen Grüssen und Dank für manchmal sehr interessanten Beiträge,

    Heiko Lassek.

  2. Sebastian Says:

    Paartherapeuten gegen das ‚irrationale‘ Kribbeln im Bauch. Solche Artikel finde ich zum Kotzen, aber sie zeigen, wie weit entfernt man immer noch von der Orgonomie ist. Friends with benefits…. Grrr

    Was sind die Schmetterlinge im Bauch eigentlich?

  3. Der Zerfall der Gesellschaft | Nachrichtenbrief Says:

    […] Rückgrat, das senso-motorische System, Sensationen). Ich verweise auf meinen Blogbeitrag über die Biophysik von Liebe und Sex und die dortige Illustration. Hier eine Skizze, die zeigt, warum im Zusammenhang mit dem […]

  4. Orgonomie und Buddhismus (Teil 1) | Nachrichtenbrief Says:

    […] Das kalte, unbeteiligte „Mitleid“ des selbstlosen Buddhisten ist unparteiische „Freundlichkeit“, die, damit nicht doch noch eine gefühlsmäßige Beziehung aufkommt, von der Weisheit des „Über-der-illusorischen-Zweiheit-stehens“ gezügelt wird. Was man hier nicht findet, ist das europäische Verständnis von „selbsthafter“ und „parteiischer“ Liebe und persönlicher Hinwendung, mit seiner ganzen Spannweite vom platonischen Eros bis zur sexuellen Anziehung. Erst recht gibt es im Buddhismus keinen Platz für die orgonomische Definition der Liebe: die Erregung des Genitals, die bei einem passenden gegengeschlechtlichen Gegenüber zur genitalen Überlagerung führt. Daraus leitet sich alle wirkliche, d.h. emotionale Hinwendung zum Nächsten her. Das, was die Buddhisten als emotionale „Liebe“ anführen, ist der tantrische Brand, der die Ichheit verzerrt. (Über Liebe siehe meinen Blogeintrag Liebe, Arbeit und Wissen: Zwei Arten von Liebe.) […]

  5. Diskussionsforum 2011: eine Nachlese (Teil 8) | Nachrichtenbrief Says:

    […] Darauf verwies Peter auf https://nachrichtenbrief.wordpress.com/2015/02/13/die-orgonometrie-von-liebe-und-sex/ […]

  6. Die Charakteranalyse der Menschheit (Teil 1) | Nachrichtenbrief Says:

    […] Was der Kommunismus letztendlich zerstören will, ist die bioenergetische Struktur des Menschen, die sich in zwei Energiesystemen manifestiert: erstens das orgonotische System und zweites das energetische Orgonom. […]

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