Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 20)

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

VIII. Schlußbemerkung

Die Orgonomie ist, wie wir gesehen haben, frei von ideologischem und dogmatischem Ballast. Ihr geht es einzig und allein um das Verständnis von Naturphänomenen und um die Wiederherstellung der natürlichen Funktionsweisen für den Menschen und die menschliche Gesellschaft. Oberstes Prinzip ist die rationale Auseinandersetzung mit Tatsachen. Hierbei ist wichtig, daß die Funktionsfähigkeit des menschlichen Orgonenergiesystems, das für die Empfindung und Wahrnehmung der Natur und der in ihr wirkenden kosmischen Orgonenergie verantwortlich ist, nicht beeinträchtigt ist. Hierin unterscheidet sich die Wissenschaft der Orgonomie von der traditionellen Wissenschaft, der Objektivität alles, Subjektivität so gut wie nichts bedeutet. Für die Orgonomie ist ein gesunder bioenergetischer Organismus (orgastische Potenz) zur korrekten Naturerkenntnis unerläßlich. Diese Anforderung wird heute von kaum einem Wissenschaftler erfüllt, die ja selbst auch alle eine lebensfeindliche Erziehung durchlaufen und Panzerungen aufgebaut haben, um das Lebendige abzuwürgen. Wie sollen nun aber Wissenschaftler, die das Lebendige (Orgonenergie) in sich selbst bekämpfen, das Lebendige außerhalb ihrer selbst erkennen können? Ein gepanzerter Wissenschaftler, der die Natur und den Menschen erforscht, ist wie ein Farbenblinder, der eine wissenschaftliche Untersuchung über Farben betreibt. Eine intakte Funktionsfähigkeit aller Sinnes- und Wahrnehmungsorgane, die an das freie, ungepanzerte Pulsieren der körpereigenen Orgonenergie gebunden ist, bildet die Grundlage der orgonomischen Forschungsweise, der es darum geht, natürliche – und nicht künstlich hervorgerufene Vorgänge im Naturgeschehen zu begreifen. Eine ausführliche Darstellung der orgonomischen Forschungsmethode, die Reich ‚orgonomischen Funktionalismus‘ nannte, findet sich in seinem Werk Ether, God and Devil,1 in dem er seine eigene Vorgehensweise reflektiert und gegen Mystizismus und Mechanismus abgrenzt. Die Orgonomie unterscheidet sich vom Mystizismus, der auch Reichs Auffassung die Orgonenergie zwar wahrnimmt, sie aber infolge der Panzerung des Mystikers losgelöst von der realen Existenz des Menschen betrachtet und sie als Überirdische, göttliche Macht bezeichnet, gerade dadurch, daß sie die Lebensenergie rational erforscht und in Verbindung zum menschlichen Organismus betrachtet.

Die Diskussion des orgonomischen Grundsatzes des „common functioning principle“, dem gemeinsamen Funktionsprinzip der verschiedenen Naturphänomene, demzufolge die Entstehung der Materie, die Organisation von Einzellern, die Funktionen des menschlichen Organismus, die Bildung von Wolken, Stürmen, Sonnensystemen etc. alle ein und demselben kosmischen Funktionsgesetz folgen, und nach dessen Auffassung die spezifischen Besonderheiten der verschiedenen Naturerscheinungen als Variation dieses gemeinsamen Funktionsprinzips, das den Urgrund des Universums beherrscht, verstanden werden, würde den Rahmen dieser Arbeit, der es um Darstellung der Orgonomie ging, sprengen.

Die Orgonomie stellt sicherlich kein fertiges Rezeptbuch für ein glückliches Leben dar und möglicherweise müssen einige Anschauungen revidiert werden, aber an der grundsätzlichen Existenz einer spezifischen Lebensenergie, die im Kosmos ebenso funktioniert wie im menschlichen Organismus, gibt es meiner Ansicht kaum noch begründete Zweifel.

In der Gegenwart kommt es meiner Auffassung nach darauf an, grundlegende Experimente der Orgonomie nachzuvollziehen und zu überprüfen und in einer größeren Öffentlichkeit eine sachliche Diskussion über Orgonomie zu führen. Dieser Prozeß hat bereits begonnen. Die weitere Entwicklung der Orgonomie hängt entscheidend davon ab, ob es gelingt, eine Erziehung der Neugeborenen auf der Grundlage der Selbstregulierung durchzuführen.

 

Fußnoten

  1. Dieses Werk ist bislang nicht in der Bundesrepublik veröffentlicht worden. Mir war es in französischer Übersetzung zugänglich: Reich, W., L’éther, Dieu et le Diable, Paris 1975

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7 Antworten to “Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 20)”

  1. claus Says:

    (Zum Kotzen, Kommentieren kriegt mein Computer nicht hin. Noch mal:)
    Ich will mal wieder garstig sein.

    „Die Orgonomie ist, wie wir gesehen haben, frei von ideologischem und dogmatischem Ballast. Ihr geht es einzig und allein um das Verständnis von Naturphänomenen und um die Wiederherstellung der natürlichen Funktionsweisen für den Menschen und die menschliche Gesellschaft. Oberstes Prinzip ist die rationale Auseinandersetzung mit Tatsachen.“

    Ich nehme jetzt mal einen Standpunkt ein, den ich zwar für akademisch, aber nicht unberechtigt halte.
    Das Zitat ist peinlich naiv. JEDER will frei sein von ideologischem Ballast. Und jeder will sich rational den Tatsachen zuwenden.

    „Hierbei ist wichtig, daß die Funktionsfähigkeit des menschlichen Orgonenergiesystems, das für die Empfindung und Wahrnehmung der Natur und der in ihr wirkenden kosmischen Orgonenergie verantwortlich ist, nicht beeinträchtigt ist. Hierin unterscheidet sich die Wissenschaft der Orgonomie von der traditionellen Wissenschaft, der Objektivität alles, Subjektivität so gut wie nichts bedeutet.“

    Orgonomie löst ‚das Leib-Seele-Problem‘ nicht, sondern will es durch einen Jargon vom ‚gemeinsamen Funktionsprinzip‘ ersetzen. Damit wird meines Wissens keine gut formulierte Frage beantwortet. ‚Das Leib-Seele-Problem‘ handelt davon, dass zum Beispiel Folgendes bislang nicht befriedigend erklärt worden ist:
    1) Ich habe ein Erlebnis, einen Apfelbaum zu sehen (zum Beispiel, nur zum Beispiel, ein visuelles Erlebnis – Geruch, Taktiles, … und Gefühle kommen hinzu).
    2) Wir haben einen Theoriestand, nach dem unter anderem der Weg von Licht von dem Apfelbaum zu meinem Gehirn zu 1) beiträgt.
    3) Dass 1) der Fall ist, wird nur teilweise durch 2) verständlich.

    „Für die Orgonomie ist ein gesunder bioenergetischer Organismus (orgastische Potenz) zur korrekten Naturerkenntnis unerläßlich. Diese Anforderung wird heute von kaum einem Wissenschaftler erfüllt, die ja selbst auch alle eine lebensfeindliche Erziehung durchlaufen und Panzerungen aufgebaut haben, um das Lebendige abzuwürgen. Wie sollen nun aber Wissenschaftler, die das Lebendige (Orgonenergie) in sich selbst bekämpfen, das Lebendige außerhalb ihrer selbst erkennen können? Ein gepanzerter Wissenschaftler, der die Natur und den Menschen erforscht, ist wie ein Farbenblinder, der eine wissenschaftliche Untersuchung über Farben betreibt. Eine intakte Funktionsfähigkeit aller Sinnes- und Wahrnehmungsorgane, die an das freie, ungepanzerte Pulsieren der körpereigenen Orgonenergie gebunden ist, bildet die Grundlage der orgonomischen Forschungsweise, der es darum geht, natürliche – und nicht künstlich hervorgerufene Vorgänge im Naturgeschehen zu begreifen.“

    „natürlich“ vs. „künstlich“, „lebendig“, „das Lebendige“ kommen immer gut an. Deswegen bin ich damit lieber sparsam.

    • Peter Nasselstein Says:

      Was meint „Leib“ und „Seele“. Ist die „Seele“ nicht die organismische Orgonenergie, die dem Leib durchgängig die Orgonom-Form aufzwingt? Oder meinen wir „Psyche“, „Wahrnehmung“, „Bewußtsein“, „Subjektivität“ – die alle nicht identisch sind. „Wahrnehmen“ kann auch ein Stück weicher Tonerde, in die man etwas preßt. „Bewußtsein“ kann auch die berühmte „schwarze Box“ vorgaukeln. Und: In den Nerven passiert etwas vor dem „Willensakt“ – nicht nur umgekehrt! „Subjektivität“ ist nur möglich im Austausch mit anderen Menschen. „Psyche“ ist eine Funktion des Gesamtorganismus.

      Reich und seine Schüler haben das alles bis ins Einzelne zu ergründen versucht. Bloßer „Jargon“?

      Was den Apfelbaum betrifft, kann man beispielsweise zwischen zwei grundlegend unterschiedlichen Weisen unterscheiden, wie dieser wahrgenommen wird: von den Emotionen her oder von den Sensationen. Schon haben wir einen Rahmen, der Felder wie die Soziologie und die Ästhetik eröffnet. Letztendlich auch die Physik, die explizit darauf beruht, dem Baum aller seiner Qualitäten zu berauben – und der dabei alles entgeht, wie Reich bei seiner Untersuchung des Phänomens „Licht“ zeigen wollte, die im ORANUR-Experiment gipfelte,

      • claus Says:

        Ich möchte Metaphorik reduzieren.

        „Was meint ‚Leib‘ und ‚Seele‘. Ist die ‚Seele‘ nicht die organismische Orgonenergie, die dem Leib durchgängig die Orgonom-Form aufzwingt?“

        „Seele“ würde ich erst einmal gar nicht verwenden. „Leib-Seele-Problem“ ist nur ein alter Name. In der kurzen Charakterisierung brauche ich ihn ja nicht mehr.

        „‘Wahrnehmen‘ kann auch ein Stück weicher Tonerde, in die man etwas preßt. ‚Bewußtsein‘ kann auch die berühmte ‚schwarze Box‘ vorgaukeln. Und: In den Nerven passiert etwas vor dem ‚Willensakt‘– nicht nur umgekehrt! ‚Subjektivität‘ ist nur möglich im Austausch mit anderen Menschen. ‚Psyche‘ ist eine Funktion des Gesamtorganismus.“

        Das Formen einer Sache ist noch keine Wahrnehmung, wenn auch notwendig dafür. Eine behavioristische Reduktion auf Verhalten würde ich natürlich nicht gutheißen. Wer tut das noch?

        „Reich und seine Schüler haben das alles bis ins Einzelne zu ergründen versucht. Bloßer ‚Jargon‘?“
        Ich glaube, da steckten sie nicht wirklich drin. Das ist ja auch nicht zu erwarten. Aber der einem selbst nicht bekannten Mängel sollte man sich doch ein wenig bewusst sein.

        Reich vermisste ja mal ‚immanente Kritik‘. Mit Recht. Man muss sich leider sehr in die Theorien hineinbegeben.

  2. Robert (Berlin) Says:

    Wirklich eine bemerkenswerte Zusammenfassung aus sonst vielen zersplitterten Stellen. Da merkt man, was es bringt, wenn ein Akademiker wissenschaftlich vorgeht und das Thema auch ernst nimmt.
    Wenn man bedenkt, wie viel er aus den wenigen Quellen gemacht hat – ganz erstaunlich.

    • Robert (Berlin) Says:

      Man stelle sich vor, diese Arbeit hätte es in der WR-Zeitschrift emotion gegeben. Nichts gegen Bernd Senf, aber diese Arbeit ist seinen Texten haushoch überlegen.

    • O. Says:

      Wenn man die ganzen emotions Artikel weglässt und auch keine Buchpublikationen aus diesem Kreise nimmt, dann kann man sich auf Reich konzentrieren und bekommt eine solidere Basis.

    • Robert (Berlin) Says:

      Aber außer die von Raknes gab es keine Übersicht über die Orgonomie. Und WR hat ja seine Erkenntnisse auf unzähligen unzusammenhängenden Textstellen verteilt (was sicherlich der Chronik der Erkenntnisse entspricht). Was bis heute fehlt ist ein Lehrwerk der Orgonomie; Heimanns Artikel wäre eine Vorlage dafür.

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