Der rechte Blick auf DIE MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS (Teil 15)

Blankertz zufolge ist Politik nicht die Lösung, sondern das Problem. Klingt nach Konia. Blankertz:

Das fundamentale Recht besteht in der Privatheit. Politik ist Kolonialismus. Der herrschende Trend zur Aufhebung aller Privatheit markiert das Ende des Subjekts. (S. 53)

Was Blankertz nicht sieht, ist, daß Hitler (Reich zufolge „der Generalpsychopath“ schlechthin) alles tat, um den Staat (den er als eine „jüdische“ Institution betrachtete) zu zerschlagen. Um das in Teil 1 gesagte zu widerholen: Das schier unglaubliche Chaos und Kompetenzwirrwarr im nationalsozialistischen Staat war gewollt. Das Starke sollte sich sozialdarwinistisch durchsetzen, ohne daß sich das Schwache hinter „Recht und Gesetz“ verstecken konnte. „David“ sollte gegen „Goliath“ keine Chance mehr haben! In gewisser Weise war Hitler „antiautoritär“, d.h. die (sekundären) Triebe sollten frei walten.

Die von Blankertz geforderte Befreiung der Gesellschaft vom Staat (S. 76) ist schlichtweg genausowenig machbar wie die von der Panzerung. Deshalb war Reich kein Anarchist, sondern ein Konservativer. Das sieht man auch daran, daß Blankertz sich explizit als jemand sieht, der gegen den Vater rebelliert (S. 67). Oder wenn er den Zerfall des Staates in Clanstrukturen geradezu positiv sieht (S. 96). Charakterstrukturell weist dies zusammen mit der in Teil 13 erläuterten Oberflächlichkeit trotz aller libertären Lobpreisungen des Kapitalismus auf eine linksliberale Charakterstruktur hin. Kein Orgonom hat etwas gegen Friedrich von Hayek, ganz im Gegenteil, es kommt aber immer darauf an, welche FUNKTION Begriffe wie „Kapitalismus“ im jeweiligen individuellen Weltbild haben. Bei Blankertz ist es die Rebellion gegen den „Vater Staat“, d.h. es handelt sich um den Versuch eine ödipale Verstrickung auf letztendlich pestilente Weise zu lösen: die ganze Gesellschaft soll sich wandeln….

„Erst die Vernunft als außer-natürliche Instanz erschließt uns, daß wir nicht berechtigt sind, andere Menschen oder ganz allgemein andere Lebewesen zu quälen“ (S. 100). Ein Beispiel dieser Vernunft ist etwa der Dieb: ihm dürfe sein Diebesgut abgenommen werden, das er jetzt als sein Eigentum betrachtet, weil er ja selbst den Eigentumsbegriff negiert habe (S. 103). – Genau solche Beispiele zeigen, warum Reich nichts mit derartigen Anarchisten zu tun haben wollte. Sie leben nur im Kopf, in der charakterlichen Fassade und haben keinerlei Blick für die sekundären Triebe.

Blankertz‘ Kritik an der Planwirtschaft (S. 65-73) sind stichhaltig. Reich benutzte diesen Begriff noch immer, als er das Konzept der Arbeitsdemokratie ausformulierte. Aus dem Zusammenhang wird aber deutlich, daß er dabei in keinster Weise etwa an die (später gegründete) DDR dachte, wo wirklich alles ausprobiert wurde von teilweise „sozialistischer Selbstverwaltung“ bis hin zur Kybernetik und „materiellen Anreizen“, sondern vielmehr an den Organismus, der ohne Zweifel ja „planvoll“ funktioniert. (Letztendlich geht diese Wortwahl auf die Marxsche Definition von Arbeit in Das Kapital zurück.)

„Weshalb bloß mußte er die Idee (!, PN) der freiwilligen wirtschaftlichen Interaktion Arbeitsdemokratie nennen, nur um den bösen Begriff Kapitalismus zu vermeiden?“ (S. 66). Er zitiert Reich, daß die Menschen noch so irrational und von sekundären trieben bestimmt sein mögen, „in ihrer Arbeitsfunktion sind sie natürlicherweise dazu verhalten, rational zu sein.“ Dazu meint Blankertz triumphierend, daß das doch eben (frei nach Adam Smith) der Kapitalismus sei, „daß aufgrund der Freiheit des Marktes jeder, ob großherzig oder kleingeistig, gezwungen werde, dem Nächsten zu Diensten zu sein“ (S. 73). Schön, trotzdem gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen Arbeitsdemokratie und Kapitalismus: die Arbeitsdemokratie gehört per definitionem zu den bioenergtischen Kernfunktionen, während der Kapitalismus ein ökonomisches System ist. Er umfaßt auch die sekundäre Schicht (beispielsweise brutale Übervorteilung) und die charakterliche Fassade („der Kunde ist König“ – auch wenn man ihn verachtet) und kann entsprechend, „den Charakter verformen“, wie man so schön sagt (siehe das entsprechende Reich-Zitat bei Blankertz S. 88f). Ich verweise auch auf Teil 11.

Reichs „Arbeitsdemokratie“ sei „im Grunde genommen nichts weiter als das Wirtschaften nach dem Prinzip der Freiwilligkeit, ist Kapitalismus“ (S. 88). Dazu ist zu sagen, daß auch Anarchisten nicht „frei-willig“ handeln. Sie sind nämlich in der Abbildung in Teil 13 gezeichneten „Ursünde“ gefangen, der Panzerung. Arbeitsdemokratie bedeutet schlichtweg ungepanzert zu sein, bzw. sie zwingt gepanzerten Menschen ein ungepanzertes Verhalten auf. Im Gegensatz dazu funktioniert der Kapitalismus auch im sekundären, im gepanzerten Bereich.

Was soll man schließlich über Blankertz‘ Ausführungen über Homosexualität und Feminismus (S. 109-117) sagen? Für Reich war Homosexualität unnatürlich, was schlichtweg bedeutet, daß nur der Kontakt zwischen Vagina und Penis und das Fehlen jedweder emotionaler Ambivalenz einen Orgasmus ermöglicht. Ja, man kann auf den Händen gehen oder einen Rollstuhl benutzen, auf einem Bein hüfen oder Skilaufen, aber das ist niemals dasselbe wie „natürliches“ Gehen! Mit „Moral“ hat das alles nichts zu tun, außer daß die gesellschaftliche Unterdrückung der Homosexualität stets die Genitalität mit umfaßt. Und was die Frauenemanzipation betrifft: es geht einzig und allein um den orgonotischen Kontakt zwischen Kind und Mutter, Frau und Mann. Alles andere ist Beiwerk. Blankerts beschäftigt sich nur mit diesem Beiwerk.

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9 Antworten to “Der rechte Blick auf DIE MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS (Teil 15)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    „In gewisser Weise war Hitler „antiautoritär“, d.h. die (sekundären) Triebe sollten frei walten.“

    Ich denke, diese Formulierung ist nicht richtig. Im Gegensatz zur Antiautoritären Bewegung waren im Hitlerstaat die sekundären Triebe fest eingebunden und geregelt. Hier konnte jemand nicht die sekundären Triebe austoben, sondern nur nach Anweisung. Ebenso im roten Faschismus.
    Ganz anders in der Antiautoritären Bewegung, wo die sekundären Triebe „befreit“ werden sollten, um den Menschen „freier“ zu machen. Genau so gehen übrigens die Körpertherapien vor.

    • Peter Nasselstein Says:

      Ich dachte dabei an zweierlei: erstens die widersprüchliche Charakterstruktur der zentralen Figuren des Nationalsozialismus Hitler und Röhm. Sie waren beide der wandelnde Protest gegen bürgerliche Konventionen. Man schae sich etwa Hitler an, dessen Hut immer zu groß war und der immer Uniformen trug, die wie für jemand anderen gefertigt schienen. Röhm mußte nach eigenem Bekenntnis immer kontra geben, in jeder Situation. Hinzu kommen andere Elemente des Nationalsozialismus: Entwertung der Familie durch die Kinder- und Jugendverbände, die Zentralisierung der Macht zuungunsten tradierter Autoritäten, der Kampf gegen „die Reaktion“.

      Zweitens wollte Hitler explizit den Bann von den Germanen nehmen, den indirekt Paulus ihnen auferlegt hat: Zurückhaltung, Nachsicht, Mitleid, „Nächstenliebe“ (Fremdenliebe). Akso das, was Reich in CHRISTUSMORD als Maßnahmen derersten Christen beschreibt, um die sekundären Triebe zu bändigen.

  2. Robert (Berlin) Says:

    „daß nur der Kontakt zwischen Vagina und Penis und das Fehlen jedweder emotionaler Ambivalenz einen Orgasmus ermöglicht.“

    Und was ist alles andere? Verwechselst du hier nicht die vollständige Entladung (orgastische Potenz) mit Teilentladungen (Masturbation, Analverkehr etc.)?

    • Peter Nasselstein Says:

      Ich verstehe die Frage nicht.

      • Robert (Berlin) Says:

        Einen Orgasmus kann man doch auch bei der Masturbation oder beim Analverkehr bekommen – oder sehe ich das falsch?

        • Peter Nasselstein Says:

          Ja, das siehst Du grundlegend falsch! Psychisch kann man als Masturbant und Sodomist keine unambivalente Einheit sein, sondern es kommt ur Spaltung, Abspaltungen, ödipalen Impulsen, etc. Somatisch und vor allem bioenergetisch sind Penis und Vaginalschleimhaut perfekt aufeinander abgestimmt, paßgenau. Beispielsweise kann eine Hysterikerin bei den absurdesten Sexualpraktiken heftigste Höhepunkte haben – aber trotzdem unbefriedigt bleiben. „Ich bin halt dauergeil!“

  3. claus Says:

    „Und was die Frauenemanzipation betrifft: es geht einzig und allein um den orgonotischen Kontakt zwischen Kind und Mutter, Frau und Mann. Alles andere ist Beiwerk. Blankerts beschäftigt sich nur mit diesem Beiwerk.“
    Eben weil die gängigen Emanzipationskonzepte vollkommen von Kontakt und davon, welche Art Tier wir sind, abstrahieren, kennen sie keinen Kern, keine Gesundheit, neben dem Beiwerk. Das fehlt den Klassisch-Liberalen leider.

  4. Kim Says:

    „Ein Beispiel dieser Vernunft ist etwa der Dieb: ihm dürfe sein Diebesgut abgenommen werden, das er jetzt als sein Eigentum betrachtet, weil er ja selbst den Eigentumsbegriff negiert habe (S. 103). – Genau solche Beispiele zeigen, warum Reich nichts mit derartigen Anarchisten zu tun haben wollte. Sie leben nur im Kopf, in der charakterlichen Fassade und haben keinerlei Blick für die sekundären Triebe.“

    Das verstehe ich noch nicht ganz. Wie soll das denn ohne sowas in einer tendenziell mafiotisch organisierten Gesellschaft gehen? Soll ein Kunstraub unter Kunsthändlern nicht möglichst zivil rückgängig gemacht werden?

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