VORBEMERKUNG zu „Orgonomie und Metaphysik (Teil 30)“

Reich schrieb Anfang der 1940er Jahre:

Heute weiß jeder, daß die marxistischen Wirtschaftsanschauungen das Denken der modernen Menschheit mehr oder minder durchdrungen und beeinflußt haben (…). Begriffe wie „Klasse“, „Profit“, „Ausbeutung“, „Klassenkampf“, „Ware“ und „Mehrwert“ sind menschliches Allgemeingut geworden. Es gibt dagegen heute keine Partei, die als Erbin und lebendige Vertreterin des wissenschaftlichen Guts des Marxismus gelten kann, wenn es um soziologische Entwicklungstatsachen und nicht um Schlagworte geht, die sich mit dem Inhalt nicht mehr decken. (Die Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 21)

Wenn man das oberflächlich liest, sieht es so aus, als würde keine Partei etwa die Mehrwerttheorie korrekt vertreten. Reich geht es aber zunächst einmal um etwas ganz anderes:

Die marxistischen Parteien in Europa versagten und gingen unter (…), weil sie den Faschismus des 20. Jahrhunderts, eine grundsätzlich neue Erscheinung, mit Begriffen zu fassen versuchten, die dem 19. Jahrhundert entsprechen. Sie gingen als soziale Organisationen unter, weil sie es versäumten, die lebendigen Entwicklungsmöglichkeiten, die jeder wissenschaftlichen Theorie anhaften, lebendig zu erhalten und fortzuentwickeln. (ebd.)

Diese Fortentwicklung fände sich in Reichs Sexualökonomie und politischen Psychologie, die sich um die charakterstrukturelle Freiheitsunfähigkeit, die „Naturwidrigkeit“ der Massen drehen, und in seinem Konzept der Arbeitsdemokratie, die die Ökonomie in der Biologie fundiert: die natürliche Organisation der Arbeit.

Eine postkapitalistische Gesellschaft sei erst möglich, wenn alle arbeitenden Menschen, nicht nur „das Proletariat“ im engeren Sinne, charakterstrukturell fähig sind, die Produktionsprozesse eigenständig zu organisieren.

Dies ist der wesentlichste soziologische Grund, weshalb sich die Privatwirtschaft des 19. Jahrhunderts überall immer mehr in eine staatskapitalistische Planungswirtschaft verwandelt. Es muß klar ausgesprochen werden, daß es auch in Sowjetrußland keinen Staatssozialismus, sondern einen strengen Staatskapitalismus gibt; dies im streng Marxschen Sinne. Der gesellschaftliche Zustand „Kapitalismus“ ist nach Marx, nicht, wie die Vulgärmarxisten glauben, durch das Vorhandensein individueller Kapitalisten, sondern durch das Vorhandensein der spezifisch „kapitalistischen Produktionsweise“ gegeben. Also durch Warenwirtschaft anstelle von „Gebrauchswirtschaft“, durch Lohnarbeit der Menschenmassen und durch Mehrwertproduktion, gleichgültig ob dieser Mehrwert dem Staat [, der] über der Gesellschaft [steht], oder individuellen Kapitalisten durch private Aneignung der gesellschaftlichen Produktion zugute kommt. In diesem streng Marxschen Sinne besteht aber in Rußland das kapitalistische System fort. Und es wird fortbestehen, solange die Menschenmassen irrational verseucht und autoritätssüchtig sein werden, wie sie jetzt sind. (ebd., S. 25)

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4 Antworten to “VORBEMERKUNG zu „Orgonomie und Metaphysik (Teil 30)“”

  1. Robert (Berlin) Says:

    „gleichgültig ob dieser Mehrwert dem Staat [, der] über der Gesellschaft [steht],“

    Meint Reich damit die Steuern, oder die Aneignung von mehr Geld, als notwendig (um z.B. Straßen zu bauen), damit die Fettlebe von Bundestagsabgeordneten finanziert werden kann?

    • Peter Nasselstein Says:

      Im Kapitalismus werden die Einnahmen nicht gerecht verteilt, sondern der Unternehmer eignet sich einen „Mehrwert“ an, um etwa Kanäle bauen zu können, auf denen er mit seiner Jacht besser reisen kann. Im Sozialismus eignet sich der Staat, also konkret irgendwelche Bürokraten, den Mehrwert an, um Kanäle für die Allgemeinheit zu bauen. Das Arbeitsleben bleibt dabei praktisch gleich. Im Kommunismus schließlich organisieren sich die Arbeitenden selbst, um solche Projekte in Angriff zu nehmen. Reich kritisiert, daß im Realsozialismus (dem damaligen Stalinismus) nicht nur das gleiche geschah, wie im Kapitalismus, nämlich daß der Mehrwertmechanismus ideologisch mehr verschleiert wurde, als je zuvor („Arbeiter, das ist deine Fabrik!“) und die Ausbeutung sogar verschärft wurde, sondern vor allem, daß nichts getan wurde, um die gesellschaftliche Selbstorganisation zu fördern und den Einzelnen selbständiger zu machen – ganz im Gegenteil. Das hat sich nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus dramatisch gezeigt, als die Massen weitaus hilfloser waren als im kapitalistischen Westen und widerstandslos hingenommen wurde, daß irgendwelche Penner sich den gesellschaftlich erarbeiteten Reichtum privat aneigneten. Man denke nicht nur an die märchenhaft reichen Oligarchen in Rußland, sondern auch daran, wie in der Ex-DDR mögliche Konkurrenz für die Kapitalisten im Westen zerschlagen wurde und der Steuerzahler gezwungen wurde, den Scherbenhaufen künstlich zu ordnen. Das Grundproblem ist aber natürlich kein ökonomisches („strukturelles“), sondern ein bio-soziales (charakterstrukturelles): wirklich freie Menschen würden sich arbeitsdemokratisch organisieren und kapitalistisch/sozialistische Auswüchse, wie jetzt in der Coronakrise, wären undenkbar. Man schaue sich die Hilflosigkeit der Massen an, wenn sie einen bürokratischen Nichtsnutz wie Lauterbach und schwerstkriminelle „Unternehmer“ wie anbetungswürdige Christusfiguren feiern, deren Konterfei sogar auf die Geldscheine soll. Das ist die gleiche Melange aus „Moskau [eine Chiffre für „Stalinisten“] und Rockefeller“, die Reich am Ende seines Lebens angriff. Reichs Massenpsychologie des Faschismus ist aktueller als je zuvor.

  2. Peter Nasselstein Says:

    Interessante Kritik am Marxismus:

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