Das „Institut Wilhelm Reich“ war eine 1977 von dem Arzt und „Psychosomatiker“ Gérard Guasch gegründete Organisation in Paris, wo man einigen echten Kommunisten begegnen konnte. In Frankreich sind die meisten Reichianer überhaupt nicht an Orgonomie interessiert, sondern nur an Therapie und Politik. Immerhin gründete eine Gruppe das „Laboratoire d’Orgonomie Générale“ (LOG), aber ich glaube nicht, daß sie wissenschaftlich viel erreicht haben. Der eine oder andere wird den Artikel „The Appropriation and Distortion of Orgonomy“ (Teil 2 und 3) des verstorbenen Dr. Robert Dew aus The Journal of Orgonomy von 1980 kennen. Wenn Sie sich den Brief des bereits erwähnten Anarchisten Gian Laurens an das College genau ansehen, werden Sie feststellen, daß aus seinem LOG ein „Laboratoire d’Ortho-Génétique“ (!) wurde. Nach eigener Aussage wolle er sich von der „orthodoxen“ Orgonomie distanzieren und diesen Begriff nicht mehr verwenden, sondern lieber „diese Pseudowissenschaft namens Genetik“ angreifen. Wobei Laurens Ingenieur ist, kein Biologe. Er hegte offensichtlich eine große Verachtung für das American College of Orgonomy.
Roger Dadoun (1928-2022), ein Psychologieprofessor, verfaßte 1975 ein freundliches und nicht allzu schlechtes Buch über Reich, Cent fleurs pour Wilhelm Reich (100 Blumen für Wilhelm Reich), das ins Italienische und Spanische übersetzt und 1999 auf französisch neu aufgelegt wurde. Es diente den Franzosen als eine Art Nachschlagewerk, und das ist auch gut so, denn es gab weitaus destruktivere Bücher. Eine sorgfältige Lektüre seines Buches zeigt, daß er Reich bereits 1975 „sanft“ für dessen angeblich moralistischen Ansichten über Homosexualität und prägenitalen Sex angegriffen hat.
Interessanterweise wurde in der Berliner Zeitschrift emotion Nr. 3, 1981, aus Dadouns Cent fleurs pour Wilhelm Reich genau dieses Kapitel über Homosexualität übersetzt. Dort wird Dadouns Opposition zur Orgonomie besonders deutlich. Hier und im Kapitel über Genitalität greift er Reich offen für dessen „konformistisches“ Ideal der sexuellen Normalität an. Reich wurde schon 1975 als engstirniger Cisgender entlarvt!
2007 veröffentlichte Dadoun das Buch Utopies sodomitiques: diagonales de l’anal, dessen Thema bereits im in der emotion veröffentlichen Kapitel anklang und das wie folgt beworben wurde:
Was kann dieses „schändliche Vergnügen“, dieses „schändliche Laster“, „dieses abscheulichste Verbrechen unter allen Verbrechen“ sein, das nur durch Enthauptung, Galgen oder Scheiterhaufen bestraft werden kann, wobei zuvor Feuerfolter, Auspeitschen und andere Mißhandlungen erforderlich sind – ein Verbrechen, das R.-P. Sinistrari von Ameno in seiner 1754 in Rom veröffentlichten Abhandlung De Sodomia mit so viel heiligem Zorn anprangert? Der Name stammt aus dem biblischen Text und lautet Sodomie, oder besser gesagt Sodomien, da die Frau und das Aneinanderreiben der Geschlechtsteile mit Klitoris, Dildos und vielen peniblen Details im Vordergrund stehen. Der Prälat beleuchtet damit nolens volens die Rolle der Sexualität, genauer gesagt der analen Sexualität, genauer gesagt des Anus, in einer theologischen und religiösen Sicht des Menschen, über der der Schatten Satans liegt. Diese Verbindung zwischen Satan und analer Libido untersucht Roger Dadoun methodisch – um eine entscheidende Antwort darauf zu geben – in seinen Sodomitischen Utopien, einem gelehrten Essay, in dem sich die rosa und schwarzen Diagonalen des Analen kreuzen: ein Luther, der auf der Latrine des Klosters Wittenberg hockt und die kommende Reformation halluziniert, ein Hieronymus Bosch, der ein Tausendjähriges Reich schmiedet, in dem der Teufel die Menschen verschluckt, um sie wie Kothaufen auszuscheißen, ein Dante, ein Sade, die Nazihorden, die Auschwitz zum „Anus der Welt“ machten, aber auch die exquisiten lustvollen Sonette des Aretino, Fourier und seine Neue Welt der Liebe, die Erzählungen eines Artaud oder Bataille, die entscheidenden Fortschritte der Psychoanalyse und die höchsten ästhetischen Schöpfungen, die dem Analen seine herausragende Funktion im lebendigen Energiekreislauf der menschlichen Realität zurückgeben.
Wirklich: angesichts des hier hervorgehobenen letzten Satzes sollte man nochmals Dadoun in emotion lesen!
Dadoun näherte sich im Laufe der Zeit immer mehr der Linken und den Anarchisten an und begann zu sagen, daß das Orgon „eher ein Zufallskonzept“ sei und ähnliches. „Qui a peur de Wilhelm Reich?“ (deutsch: „Wer hat Angst vor Wilhelm Reich?“) ist ein Essay, der 1999 als langes Vorwort bzw. Begleittext zur Neuauflage von Cent fleurs pour Wilhelm Reich erschienen ist. Hier geht es u.a. um Umweltverschmutzung bis hin zur Pädophilie, er präsentiert aber nie eine solide, gute Darstellung der orgonomischen Sichtweise.
Der Journalist Gerard Ponthieu, ein enger Freund Dadouns, hat zahlreiche Reportagen und Artikel in französischsprachigen Medien veröffentlicht. Ponthieu und Dadoun haben 1999 ein Buch über die Sexualität älterer Menschen mit dem Titel Vieillir et jouir (Altern und Genießen) veröffentlicht. Ponthieu ist Autor mehrerer Bücher und leitete von 1975 bis 1980 die monatlich erscheinende Zeitschrift Sexpol. U.a. schrieb er dort „Reich – limites et contradictions“ (Reich – Grenzen und Widersprüche). Er konzentriert sich fast ausschließlich auf die Geschichte mit den Schwulen und greift Dadouns Argumente auf. Man erinnere sich an Dadouns verschiedene „Ebenen“ der Betrachtung des Problems, wie Dadoun es in emotion ausführt: Die tiefste war die, das Leben in jedem sexuellen Verhalten zu sehen. Das klingt kaum nach Orgonomie. Unter dem Artikel von Ponthieu ist ein Foto eines FKK-Camps zu sehen, in dem sich viele junge Leute um ein Schwimmbad drängen…
Sexpol war eine Zeitschrift für „Sexualität, Politik, Feminismus, neue soziale Bewegungen“. Herausgeber war „Grif“, ein Verbund politisch engagierter Frauen. Im Netz heißt es weiter: „In den 70er Jahren war Sexpol bekannt dafür, radikale Positionen zu Sexualität und Politik zu vertreten und eine Plattform für neue Stimmen zu sein. Das Magazin war ein wichtiger Akteur in der feministischen und linken Szene.“
Schlagwörter: anal, Anus, Dante, Feminismus, Fourier, Genetik, Genitalität, Homosexualität, Normalität, Pädophilie, Politik, Pseudowissenschaft, Psychosomatiker, Sade, Sexualität, Sodomie, Wilhelm Reich
12. September 2026 um 08:40 |
Ponthieu hat offenbar ein kritisches Buch zur Verharmlosung der Pädophilie geschrieben (soweit ich es als Sprachunkundiger beurteilen kann):
Pädophilie. Vom Fall Matzneff bis zu einer sexpolitischen Lesart der Nach-1968-Ära.
Zusammenfassung
Hinter dem Namen Matzneff tauchen heute viele andere wieder auf, die in einem völlig anderen Licht erscheinen … Hinter dem Namen Matzneff tauchen heute viele andere wieder auf, aus einer völlig anderen Perspektive betrachtet: Sartre, Beauvoir, Foucault, Hocquenghem, Schérer, Duvert, Sollers, Cohn-Bendit, Pivot, Finkielkraut, Bruckner, July … und Dolto. Viele sind tot, doch die Liste derer, die mehr oder weniger zur Gestaltung dieses Zeitgeistes beigetragen haben, ist weitaus länger. Ein wahrhaft kollektiver Schuldiger – daher die allgemeine Straflosigkeit –, dessen zeitgenössische Genealogie bis zum Mai 1968 und noch mehr bis in die Jahre danach zurückreicht.Dies ist der Fokus dieser tiefgründigen Untersuchung, die Anklage und Plädoyer zugleich ist und sich um Perverse dreht, die ihren Trieben verfallen waren und deren Opfer Kinder und Jugendliche waren und sind. Es wird auch ein Zusammenhang hergestellt zwischen dem berühmten „Verbot von Verboten“ und der darauf folgenden, ungezügelten liberalen Deregulierung, die große Verwirrung gestiftet hat und in unserer Zeit eine Gegenreaktion neuer Verbote auslöst.Sämtliche menschliche Beziehungen – wirtschaftliche, politische, kulturelle und sogar unsere intimen und sozialen Interaktionen – werden dadurch gestört.
Über Gérard Ponthieu
Gérard Ponthieu ist Journalist. Er hat in nahezu allen Bereichen des Journalismus gearbeitet – sogar in der Ausbildung von Journalisten. Er ist viel in Afrika, Amerika und anderen Ländern gereist. Er hat zahlreiche Reportagen und Artikel in französischsprachigen Medien veröffentlicht. Als Autor mehrerer Bücher war er von 1975 bis 1980 Herausgeber der Zeitschrift „Sexpol“ (Sexualität und Politik). Seit 2005 betreibt er einen Blog (c-pour-dire.com/).
https://www.decitre.fr/livres/pedophilie-9782900886120.html