Über Panzerung, Krieg und Frieden (Teil 3)

von Paul Mathews, M.A.

Bisher haben wir die Kriege der Zivilisation als Produkt der Neurosen der Zivilisation behandelt – als wirkliche Biopathien. Tatsächlich können wir tragfähige Analogien zwischen klassischen und funktionellen Interpretationen von physischen und sozialen Biopathien ziehen. Zum Beispiel beruht die klassische Interpretation der kardiovaskulären und Krebs-Biopathien hauptsächlich auf chemischen Ernährungsfaktoren, einer gewissen Anerkennung von physischem Stress und vagen Vorstellungen von emotionalen Faktoren, während die bioenergetischen Faktoren nie berührt werden. Das funktionelle Verständnis dagegen gelangt zu den Kernfragen von orgonotischer Pulsation, Panzerung und orgastischer Impotenz. In ähnlicher Weise befasst sich die klassische Interpretation einer sozialen Biopathie wie Krieg hauptsächlich mit sozio-ökonomischen Faktoren, zeigt nur eine sehr vage Kenntnis emotionaler Faktoren und berührt niemals die bioenergetischen Faktoren. Selbst die vorgeblich anarchistische, „anti-alte-schule-kommunistische“ Neue Linke plappert noch immer die antikapitalistischen, antiimperialistischen Plattitüden des Roten Faschismus daher, beweihräuchert das maoistische China und seine internationalen Ableger, verurteilt Freud und verzerrt die funktionellen, orgonomischen Aspekte von Reichs Werk und lehnt sie zugunsten seiner früheren marxistischen Schriften ab. Hier haben wir ein weiteres perfektes Beispiel für den heutigen „biologische[n] Rechenfehler im menschlichen Freiheitskampf“. Um wieder Reich zu zitieren:

Jetzt zu den Kommunisten: ich war nie ein Kommunist im üblichen Sinne. Ich war nie ein politischer Kommunist. Ich möchte, dass Sie das betonen. Niemals. Oh ja, ich habe in der Organisation gearbeitet. Ich habe mit ihnen zusammengearbeitet. Ich war überzeugt, dass der Kapitalismus schlecht ist, aber ich glaube heute nicht mehr, dass das Elend durch den Kapitalismus verursacht wurde (11, S. 114)e.

Die Ideologie der Neuen Linken von heute ist nicht mehr als eine Abwandlung des „Vulgärmarxismus“ der Alten Linken und ist in gewisser Hinsicht sogar weniger differenziert. Ihr Anspruch, eine biologische mit einer sozialen Revolution zu verbinden, wird durch ihre Losungen und Handlungen widerlegt, die keinerlei Verständnis für biologische Funktionen haben. Ironischerweise kommt sie in ihrem vermeintlichen Kampf gegen das autoritäre Patriarchat in dessen funktionellen Gegensätzen am stärksten zum Ausdruck – Zügellosigkeit, Gesetzlosigkeit, Pornografie – alles Kennzeichen des Roten Faschismus.2

Gibt es schließlich Kriterien für eine rationale Kriegsführung? Gibt es so etwas wie einen notwendigen Krieg? Die Antwort ist ja, solange die organisierte emotionale Pest fortbesteht, um die menschliche Freiheit und das Überleben zu bedrohen. Wir können die folgende Analogie aufstellen: Es ist bedauerlich, dass Polizeibeamte benötigt werden, um die Bürger, die „leben und leben lassen“, vor den Kriminellen zu schützen. Gäbe es keine Panzerung, keine sekundären Triebe, dann gäbe es keine Kriminellen und somit auch keinen Bedarf für die Polizei. Sobald die Kräfte der Zerstörung entfesselt sind, muss sich der Mensch selbst verteidigen – egal wie sehr er den Krieg und die Existenz der Polizei beklagt. Die Beschwichtigung des Kriminellen oder der Pest führt nur zur Katastrophe.

Aber selbst innerhalb der gepanzerten Struktur der menschlichen Gesellschaft gibt es eine Hierarchie von besseren und schlechteren Systemen. Die besseren Systeme sind jene, die Hoffnung in Richtung Freiheit und Selbstbestimmung und der gesünderen Entwicklung von Säuglingen und Kindern bieten. Reich empfand, dass die westlichen Demokratien, insbesondere die Vereinigten Staaten, die besseren und gesünderen Systeme (3 und 11 und in persönlichen Mitteilungen) gegenüber den schwarzen und roten faschistischen Systemen von Nazi-Deutschland, dem faschistischen Italien und der gesamten kommunistischen Welt sowie den starren alten Patriarchien Asiens repräsentierten. Es ist also kein Zufall, dass die größten Umwälzungen heute in den Vereinigten Staaten stattfinden (veranlasst von ihren Todfeinden, die die stärkste Bastion der menschlichen Hoffnung und Freiheit in der kranken Welt nicht tolerieren können), wo die Freunde des wahren Fortschritts nicht nur gegen die überkommenen Dinge, die Veränderungen brauchen, kämpfen müssen, sondern auch gegen diejenigen, die die Dinge vorzeitig und irrational ändern möchten.

 

Fußnoten

2 Vgl. Schema der „Massenpsychologie des Faschismus“ (S. 169). Beachten Sie auch die politische und pornografische Verzerrung von Reichs Werk im Film „WR – Mysterien des Organismus“ des jugoslawischen Kommunisten Dusan Makavejew. (Siehe das Editorial und die Rezension auf S. 227).

 

Anmerkungen des Übersetzers

e Wilhelm Reich über Sigmund Freud, Schloß Dätzingen 1976, S. 77.

 

Literatur

3. Reich, W.: The Mass Psychology of Fascism. New York:
11. Higgins, M. und Raphael, C., Hrsg.: Reich Speaks of Freud. New York: Farrar, Straus & Giroux, 1967

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 5 (1971), Nr. 2, S. 165-174.
Übersetzt von Robert (Berlin) mit Unterstützung von Peter Nasselstein

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2 Antworten to “Über Panzerung, Krieg und Frieden (Teil 3)”

  1. Abrasax Says:

    Bitte größte Vorsicht walten lassen:

    Die Begriffe Freiheit und Selbstbestimmung sind auf keinen Fall klar definiert und haben mindestens zwei Bedeutungsebenen. Je nach der Bedeutungsebene in der diese Begrifflichkeiten ausgelebt werden, unterscheiden sich die Ergebnisse die sich daraus ableiten. Je isolierter diese Begriffe interpretiert und gelebt werden, desto problematischer sind die sich daraus ergebenden Illusionen die dann erlebt werden.

    Eine Illusion in einem Erleben ist keinesfalls etwas nicht Existentes, sondern eine persönliche Empfindung eines Erlebens mitunter auch eines sich im Geist vorgestellten Erlebens, die in seiner wahrhaftigen Bedeutung individuell und möglicherweise aber nicht immer falsch interpretiert wird. Dieses Persönlich kann eine Einzelperson, aber auch Gruppen oder sogar Massen von Menschen betreffen. Illusionär bedeutet eigentlich individuell perspektivisch interpretiert.

    Die Anekdote von Ikarus und seinem Sohn beschreibt das Mißverständnis um den Begriff Freiheit sehr gut. Der naseweise Sohn hat vom Vater eine interessante Fähigkeit erlernt und meinte nun, es besser zu wissen als sein Vater und lacht über die Erklärung des Vaters über die Gesetze die beachtet werden sollten und setzt seinen rebellsichen Kopf in die Tat um.

    Die Folge ist ein katastophaler Absturz in die Tiefe.

    Wir verstehen, daß die Anekdote von Ikarus und seinem Sohn ein sehr wichtiges Gleichnis ist – hoffe ich.

  2. Robert (Berlin) Says:

    „Die Ideologie der Neuen Linken von heute ist nicht mehr als eine Abwandlung des „Vulgärmarxismus“ der Alten Linken und ist in gewisser Hinsicht sogar weniger differenziert.“

    Das kann man mit Fug und Recht sagen. Während marxistische Schriften immer mehrere Faktoren mit einbezogen, geht es heutzutage nur um Moralismus und Schwarz-Weiß-Denken. Wie Platt sind heutige Grüne- und Genderautoren gegenüber Plechanow oder Engels. Als Mathews dies schrieb, hatte die Neue Linke ihren Höhenflug und suhlte sich im Anti-Vietnam-Protest. Die Regierung wurde pauschal als faschistisch verleumdet (dabei waren McNamara und L. B. Johnson Liberale, der erstere gegen den Krieg, der zweite führte die Gleichberechtigung der Schwarzen und die Krankenversicherung ein). Die neo-Linken propagierten Drogenbenutzung und die Feministinnen Männerhass und Kinderlosigkeit.

    „Neue Linke plappert noch immer die antikapitalistischen, antiimperialistischen Plattitüden des Roten Faschismus daher, beweihräuchert das maoistische China und seine internationalen Ableger, verurteilt Freud und verzerrt die funktionellen, orgonomischen Aspekte von Reichs Werk und lehnt sie zugunsten seiner früheren marxistischen Schriften ab.“

    Man denke nur an die Zeitschrift „Emotion“ oder die Marxistisch-Reichianische-Initiative. Aber auch in anderen, linken Publikationen wurden fast nur die marxianisch-freudistischen Schriften Reichs zitiert und der reife Reich als verrückt verleumdet. Darum auch die Neu-Publikationen der alten Werle im Verlag O oder Verlag DeMunter, weil die Herausgeber Linke waren.

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