Ein dritter Blick auf Reichs Triebtheorie (Teil 6)

Eines der Hauptmißverständnisse, unter denen die Orgonomie leidet, ist, daß Reich für „Sex“ stand. Wenn es, frei nach Aldous Huxleys „Schöner neuer Welt“, keinen Triebstau mehr gäbe, weil Sex, frei nach Lenin, so einfach zu haben ist wie ein Glas Wasser, wären die Menschen erst recht unglücklich und – Reich hätte Unrecht. Tatsächlich haben wir dank Tinder solche Verhältnisse. Aber gemach: wer als Mann Geld hatte und als Frau Mut bzw. ausreichend Selbstverachtung konnte ohnehin schon von jeher jederzeit so viel Sex haben, wie er bzw. sie wollte. Sexualökonomisch ist das alles vollkommen wertlos, teilweise sogar kontraproduktiv, da wirkliche Befriedigung nur möglich ist, wenn die Emotionen mitspielen („Liebe“). Emotionen sind unmittelbarer Ausdruck der Bewegung der organismischen Orgonenergie. Sind sie nicht vorhanden (innere Leere), ziehen sie sich zurück (Angst) oder versuchen ganz im Gegenteil das „Liebesobjekt“ zu vernichten (Haß): was soll das mit Wilhelm Reich zu tun haben?

Eine Frau, die sich nach einer frustrierenden Ehe von ihrem Mann trennt und sich bei „Gangbangs“ austobt, kann behaupten, sie sei noch nie so sehr befriedigt wie jetzt, doch das hat NICHTS mit wirklicher genitaler Befriedigung zu tun. Sie rächt sich an ihrem Mann, letztendlich an ihren Eltern, lebt ihren Masochismus aus und „befriedigt“ ihren Narzißmus, aber dieses Ausleben der Neurose… Ausführungen erübrigen sich. Das gleiche gilt für das heutige Geschlechtsleben weiter Kreise junger Menschen, für die Sex nicht etwa die Besiegelung und Erfüllung einer romantischen Beziehung ist, sondern umgekehrt an deren Anfang stehen kann. Heute ist es für junge Frauen durchaus nicht absonderlich, beim elektronischen „Flirten“ erst mal nach einem „Schwanzbild“ zu fragen, bevor man sich trifft – um zu ficken. Bei Sympathie ist danach ein engeres (sic!) Kennenlernen nicht ausgeschlossen…

Man täusche sich nicht: die „Generation Tinder“ ist nicht freier als vorangegangene, denn die Spaltung zwischen Körper („Sex“) und Seele („Liebe“) wird aufrechterhalten, hat sich vielleicht sogar noch verschärft. In der sexualfeindlichen Welt vor der vermeintlichen „sexuellen Revolution“ gab es zumindest Anklänge an die Genitalität und ihren natürlichen Ablauf:

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11 Antworten to “Ein dritter Blick auf Reichs Triebtheorie (Teil 6)”

  1. Frank Says:

    Lieber Peter, das sind Beiträge, wie ich sie liebe, ein echter „Nasselstein“, vielen Dank! „Große“ Themen in nur einem oder zwei Sätzen kondensiert, zwischen verschiedenen „großen“ Themen (scheinbar) überraschende Zusammenhänge herstellen, historische und gleichzeitig aktuellste Zeitbezüge. Das ist eine eigenständige, bewundernswerte, wertvolle, seltene Leistung – Wilhelm Reich ist „nur“ die Basis. Wie Hans Hass zu Dir sagte, warum Du Dich nicht früher bei ihm gemeldet hattest … und Deine bescheidene Antwort. Das müßte mehr in die Welt hereingetragen werden! Aber wahrscheinlich würden es nur wenige hören wollen, leider.
    In letzter Zeit sind diese Art Beiträge seltener geworden, wie ich meine. Vielleicht sind die Themen schon mehr oder weniger alle abgearbeitet …?

    • Peter Nasselstein Says:

      Danke. Bin halt in letzter Zeit stärker eingespannt (ICH BRAUCHE NATUR!), außerdem „Entnasselsteinisierung“…

      Das ist wirklich eine der Grundwidersprüche der Orgonomie: Reich (Rangeley) und Eden (Careywood) sind an den Rand der Zivilsation gegangen. NATUR! Der Nachteil: Vereinsamung und, bei Eden, wirtschaftliches Elend. Orgonomen müssen in ihren Praxen hocken, in den urbanen Zentren…

      • Frank Says:

        Sehr gerne und immer wieder gerne 🙂
        „Eingespannt“ in die Natur …? 😉
        Oder wegen stärkerer „Eingespanntheit“ und dem Naturbedarf keine Zeit … Keine Antwort nötig, nur laut gedacht.
        NATUR! Das kann ich bestens nachvollziehen – leider immer mehr Borreliose-Zecken und Wölfe …
        Liebe Grüße,
        Frank

  2. „Die Häuser denen, die sie brauchen“ – Celle – die freie Seite Says:

    […] Ein dritter Blick auf Reichs Triebtheorie (Teil 6) […]

  3. claus Says:

    In einem liberal-konservativen Kreis organisierte ich vor ein paar Tagen einen Vortrag, in dem der Referent ‚Kulturmarxismus‘ behandelte. Er erwähnte auch Reich. Zusammenhang? Natürlich Marcuse usw. Inwiefern der linke Veränderungsdrang (Menschen und Welt verändern) Gesundheit mehr zerstört als alles andere, ist einem alten Kopf nicht zu vermitteln. Was hätte ich sagen sollen? Der ganze gedankliche Kontext ist nicht zu vermitteln. Ich hätte als Sektierer dagestanden und habe nichts gesagt bzw. die Sache als eine Bezugnahme auf den Kommunisten Reich stehen gelassen.

    • Peter Nasselstein Says:

      Reich hat gesagt, daß, wenn sich die Sexpol durchgesetzt hätte, dies die größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte gewesen wäre. Es ist genauso wie in der Orgontherapie: die Lösung einer Blockade kann, wenn sie zu früh erfolgt, für den Patienten die ultimative Katastrophe einleiten.

    • Peter Nasselstein Says:

      Habe gerade folgenden Leserkommentar auf Breitbart gelesen:

      Have you every watched Century of the Self – a brilliant four part documentary about the adoption of Freudian psychology in advertising then politics, ending with the Clinton admin. using it directly to influence voters? Tony Blair then used verbatim some of Clinton’s speeches based in the same. Do as thy wilt shall be the whole of the law… no wonder its going to end badly for them.

      Da spielt Reich eine große Rolle. Und dann all die kryptokommunistischen Linksorgonomen um das Museum und das IOS herum…

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