Posts Tagged ‘Neurose’

Das sozialistische Patientenkollektiv (Teil 2)

15. April 2019

Das, was wir heute an Laternenpfählen finden, setzt in seinem ganzen Irrsinn ungebrochen das fort, was einst in Heidelberg seinen Anfang nahm. Der 1935 geborene Psychiater Wolfgang Huber begann in den 1960er Jahren die damalige unmenschliche Psychiatrie zu kritisieren und wurde dafür gemaßregelt. Wikipedia:

Am 12. Februar 1970 demonstrierte eine Patientenvollversammlung in der Psychiatrischen Poliklinik Heidelberg gegen die wegen „Aufhetzung der Patienten“ verfügte Entlassung Hubers. Huber gründete im Februar 1970 mit Kollegen, Studenten und 52 Patienten das Sozialistische Patientenkollektiv („SPK“) als Selbstorganisation von Psychiatrie-Patienten, in der es keine Trennung mehr von Patienten und Ärzten gab. Er sah Erkrankungen als Folge der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, demzufolge sei Krankheit eine Form von Protest. Psychisch Kranke hätten revolutionäres Potential, sie seien daher als politische Gefangene anzusehen. Das Kollektiv hatte bis zu 500 Mitglieder und gab insgesamt 51 Flugblätter heraus.

Lutz Hachmeister führt in seinem Buch über den RAF-Terror, in den Huber schon bald verwickelt war, aus, daß dessen „Grundaxiom“ gewesen sei, „daß es in der kranken kapitalistischen Gesellschaft keine ‚Gesunden‘ im eigentlichen Sinne geben könne“ (Schleyer. Eine deutsche Geschichte, München: C.H. Beck, 2004, S. 349). Hachmeister weiter:

Wer sich gesund fühlte, war krank, wer krank war und das als Resultat gesellschaftlicher Prozesse begriff, hatte zumindest schon mal eine höhere Stufe des Bewußtseins erreicht (….). In einer zusammenfassenden Agitationsschrift des SPK aus dem Jahre 1973 hieß es: „Auf eine einfache Formel gebracht, war das SPK die größte in den Jahren 70/71 mögliche Konkretisierung der Widersprüche des Begriffs Krankheit bei dessen höchst möglicher Verallgemeinerung… Die Gesundheit ist ein biologisch-faschistisches Hirngespinst, dessen Funktion in den Köpfen der Verdummer und Verdummten dieser Erde die Verschleierung der gesellschaftlichen Bedingtheit und gesellschaftlichen Funktion von Krankheit ist.“ (ebd.)

Was für ein verschwurbelter Mist! Was wirklich dahinter stand, wird aus den Erinnerungen von Margit Schiller deutlich, die aus dem SPK hervorging und zum ersten RAF-Kader gehörte:

Den Stein meiner Einsamkeit und Verzweiflung am Leben aufzuheben und ihn gegen seine Ursache zu werden. Die Ursache war die kapitalistische Gesellschaftsordnung… (…) Die Revolution mußte heute gemacht werden, und wer das nicht verstand, war ein Dummkopf und ein Ausbeuter. (ebd., S. 350)

Man kann wirklich argumentieren, daß der RAF-Terror unmittelbar aus der allgemeinen Neurose entsprungen ist. Das verschwurbelte Flugblatt (sic!), das man erst annähernd versteht, wenn man es mehrmals gelesen hat, spricht überdeutlich von der Abtrennung von den eigenen Emotionen. Und der Aufruf jenseits dieses leeren Geschwafels endlich aktiv zu werden, bringt das neurotische Ausleben des verkorksten Innenlebens offen zum Ausdruck. Diese Kontaktlosigkeit, Neurose und offene Emotionelle Pest wird dann auch noch als Ausdruck eines „höheren Bewußtseins“ hingestellt. Und schließlich ist die Aussage „Gesundheit ist ein biologisch-faschistisches Hirngespinst“ eine zumindest implizite Kampfansage an Wilhelm Reich, eine Kampfansage im Geiste Marcuses und Adornos.

Die RAF hat keine einzige, nicht eine, politische Forderung gestellt! Diese Psychopathen haben bei ihren Anschlägen neben ihre Bomben Eimer voll Schrauben und Nägel gestellt und ausschließlich mit Dummdummmunition geschossen. Beides ist an blutrünstigem Sadismus nicht zu toppen! Und diese Irren, die einem schlechten Horrorfilm entsprungen schienen, konnten sich auf eine landesweite Sympathisantenschar stützen, die bis heute ungebrochen fortwirkt, unsere Medien, die „Wissenschaft“ und mittlerweile sogar die Behörden kontrolliert. Heute ergötzen sich diese Psychopathen am „Volkstod“. Und das alles nur aus einem einzigen Grund: weil ähnlich wie in den 1930er Jahren Politik zur ausschließlichen Neurosenbewältigung mutiert ist: die Verzweiflung am Leben wird gegen ihre vermeintliche Ursache gekehrt, „die kapitalistische Gesellschaftsordnung“, die unverzüglich beseitigt werden muß – weil diese Arschlöcher keinen Zugang zu ihren eigenen Emotionen finden. Würden sie mit ihren Emotionen in Kontakt kommen, würden sie sich nicht mehr lächerlicherweise als „Opfer“ hinstellen.

Antwort auf David Boadellas „The Breakthrough into the Vegetative Realm“ (Teil 1)

12. März 2019

von Paul Mathews

Wilhelm Reich hat die Emotionelle Pest als „im sozialen Bereich destruktiv wirkende neurotische Charakter“ definiert. Er hat weiter gesagt: „Ein wesentlicher Grundzug der emotionellen Pestreaktion ist, daß Handlung und Begründung der Handlung einander niemals decken. Das wirkliche Motiv ist verdeckt, und ein scheinbares Motiv ist der Handlung vorgeschoben“ (CHARAKTERANALYSE, KiWi, S. 333). David Boadellas Artikel in der Januar-Ausgabe 1961 von Orgonomic Functionalism („The Breakthrough Into the Vegetative Realm“, Durchbruch in den vegetativen Bereich) ist ein Paradebeispiel für die Emotionelle Pest in Aktion. Er zeichnet sich weniger durch seinen Inhalt als durch seine Auslassungen aus. Er ist voll von Mutmaßungen, Verzerrungen, Ungenauigkeiten und Mißverständnissen, die die natürliche Konsequenz seiner Nichtqualifikation für die Art von „Kritik“ ist, die er versucht hat. Es erfordert wesentlich mehr als nur die Lektüre der Fachliteratur und verwandter Gebiete und die Ausübung einer Form von „Laientherapie“, die auf vergröberte Weise der Lektüre von Freud und Reich entlehnt wurde, ohne fachliche Vorbereitung und Ausbildung, wie er selbst zugegeben hat.1 Es ist jedoch ein so geschickt verführerischer Artikel, daß er im Interesse derjenigen, die irregeführt werden könnten, eine präzise Widerlegung fordert.

Boadella versucht einen Fall zu kreieren auf Grundlage der Vermutung – die er aus dem Studium mehrerer im Orgone Energy Bulletin veröffentlichter Fallgeschichten verschiedener Orgontherapeuten gezogen hat –, daß Reichs Kollegen die charakteranalytischen Aspekte ihrer orgontherapeutischen Praxis tendenziell übersehen haben. Er weist darauf hin, daß Reich selbst vor einem solchen Fehler „gewarnt“ hatte und daß ihm 1949 „etwas unbehaglich war, was die Praxis seiner Kollegen betraf“ (S. 23). Diese Vermutung beruht auf einem (aus dem Zusammenhang gerissenen) Absatz aus dem Vorwort zur dritten Auflage von CHARAKTERANALYSE. Was Boadella jedoch ausläßt und nicht erwähnt, sind die Abschnitte, die seinem Zitat unmittelbar vorangehen und folgen:

Die „Emotionen“ mußten immer mehr Manifestationen einer realen BIOENERGIE, der organismischen Orgonenergie, angesehen werden. Langsam lernten wir, praktisch damit umzugehen, was heute „medizinische Orgontherapie“ genannt wird.

Obwohl der „psychische Bereich“ der Emotionen viel enger ist als ihr „bioenergetischer Bereich“, obwohl gewisse Leiden wie hoher Blutdruck nicht mit psychologischen Mitteln angepackt werden können, obwohl die Sprach- und Gedankenassoziation nicht tiefer eindringen können als bis zur Phase der Sprachentwicklung, also bis etwa zum zweiten Lebensjahr, bleibt der psychologische Aspekt des emotionalen Leidens bedeutsam und unerläßlich, obwohl er nicht mehr der wichtigste Aspekt der orgonomischen Biopsychiatrie ist. (Hervorhebungen von mir hinzugefügt, P.M.)

Und:

Wir wenden die Charakteranalyse nicht mehr so an, wie sie in diesem Buch beschrieben wird. Jedoch bedienen wir uns der charakteranalytischen Methode in bestimmten Situationen; wir gelangen immer noch über charakterliche Einstellungen zu den Tiefen menschlicher Erfahrung. Aber in der Orgontherapie gehen wir bioenergetisch vor und nicht mehr psychologisch.2

Man kann also sehen, wie falsch es war, aus dem Gesamtzusammenhang zu schließen, daß Reich „etwas unbehaglich war, was die Praxis seiner Kollegen betraf“. Der Leser sollte daran erinnert werden, daß die von Boadella zitierten Artikel alle in den offiziellen Zeitschriften des Orgone Institute und der WRF [The Wilhelm Reich Foundation] unter der persönlichen Redaktion von Wilhelm Reich herauskamen. Nach meinem Verständnis und Wissen war Reich sehr sorgfältig bei der Auswahl der Fallgeschichten, daß sie wirklich repräsentativ, originell und kreativ waren.

Was nun die angeführten Fallgeschichten selbst betrifft, sei gesagt, daß sie hauptsächlich für den Austausch zwischen den qualifizierten Orgontherapeuten und den Ärzten in Ausbildung veröffentlicht wurden, die über den notwendigen Hintergrund und die Erfahrung verfügten, um Dinge zu interpolieren, die a priori bekannt sein sollten. Nur eine unqualifizierte Person kann nicht nachvollziehen, daß Ola Raknes, oder irgendein anderer Therapeut, der mit einer „Kurzbehandlung“ hantiert, dies nicht als Selbstverständlichkeit tut. Diese „Kurzbehandlungen“ sind auf die Beendigung der Therapie durch den Patienten aus Gründen, die mit den Umständen zu tun haben, zurückzuführen – und nicht auf die Illusion des Therapeuten, daß er eine vollständige Therapie erfolgreich abgeschlossen hat. Raknes wollte lediglich darauf hinweisen, daß in vielen Fällen gelegentlich positive und sogar bemerkenswerte Ergebnisse erzielt wurden. Um eine wesentliche Auslassung von Boadella aus den Artikeln von Raknes zu zitieren:

So hatte ich im letzten Jahr einige Versuche mit der Orgontherapie in Verbindung mit der Charakteranalyse in Fällen unternommen, in denen aufgrund der durch die Umgebung bedingten Umstände eine vollständige Behandlung nicht in Frage kam, in denen ich jedoch dachte, daß eine Verbesserung oder Erleichterung in der kurzen verfügbaren Zeit erzielt werden könnte.3 (Hervorhebungen von mir hinzugefügt, P.M.)

Diese einleitende Erklärung in Raknes‘ Artikel läßt kaum den Verdacht aufkommen, daß er die Schwierigkeiten und Ziele der Orgontherapie nicht kannte. Ihm vorzuwerfen, „das ursprünglich präzise Ziel der orgastischen Potenz … durch die eher vage Annahme der Aussage der Patientin, daß sie sich nach einigen Sitzungen besser fühle, und durch die Befreiung des Orgasmusreflexes“ ersetzt zu haben, ist absolut lächerlich. Ich sollte davor zittern, von einem Boadella behandelt zu werden. Raknes ist nie davon ausgegangen, daß er die ziemlich „präzisen“ Ziele der Orgontherapie in diesem kurzen Fall und in anderen Fällen hat erreichen können. Es gab keine „Umwandlung“ und kein „Ersetzen“ der ursprünglichen Ziele. Lediglich das Bewußtsein einer gewissen Erleichterung wurde erzielt, die zu einer günstigeren Zeit und in einer längeren, umfassenderen Therapie zu einer weiteren Verbesserung und sogar zu einer eventuellen Heilung führen könnte. Ich werde nicht auf Boadellas offensichtliche Unkenntnis der Natur und der Funktion des Orgasmusreflexes eingehen, außer sie zu erwähnen. Boadella meint, daß etwas, das bei ihm selbst möglich wäre – irrtümlicherweise „alle Arten von krampfartigen Bewegungen unterschiedlicher Intensität und Spontanität … für den vollen Orgasmusreflex“ zu betrachten – für die erfahrenen Kollegen von Reich möglich war und daß bestimmte Experimente Strömungen durch mechanische oder chemische Mittel auszulösen ein Beweis dafür sei, daß diese Mitarbeiter vom Weg abkamen.

 

Literatur

1. Boadella, David: Brief an A.S. Neill – Kopie an Paul Mathews – 28. Sept. 1959

2. Reich, Wilhelm, M.D.: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989

3. Raknes, Ola, Ph.D.: „A Short Treatment With Orgone Therapy“, OEB, 1950

 

Aus der von Paul und Jean Ritter in Nottingham, England herausgegebenen Zeitschrift Orgonomic Functionalism, Vol. 7 (1961), No. 2, S. 155-160.

Ein dritter Blick auf Reichs Triebtheorie (Teil 6)

23. Februar 2019

Eines der Hauptmißverständnisse, unter denen die Orgonomie leidet, ist, daß Reich für „Sex“ stand. Wenn es, frei nach Aldous Huxleys „Schöner neuer Welt“, keinen Triebstau mehr gäbe, weil Sex, frei nach Lenin, so einfach zu haben ist wie ein Glas Wasser, wären die Menschen erst recht unglücklich und – Reich hätte Unrecht. Tatsächlich haben wir dank Tinder solche Verhältnisse. Aber gemach: wer als Mann Geld hatte und als Frau Mut bzw. ausreichend Selbstverachtung konnte ohnehin schon von jeher jederzeit so viel Sex haben, wie er bzw. sie wollte. Sexualökonomisch ist das alles vollkommen wertlos, teilweise sogar kontraproduktiv, da wirkliche Befriedigung nur möglich ist, wenn die Emotionen mitspielen („Liebe“). Emotionen sind unmittelbarer Ausdruck der Bewegung der organismischen Orgonenergie. Sind sie nicht vorhanden (innere Leere), ziehen sie sich zurück (Angst) oder versuchen ganz im Gegenteil das „Liebesobjekt“ zu vernichten (Haß): was soll das mit Wilhelm Reich zu tun haben?

Eine Frau, die sich nach einer frustrierenden Ehe von ihrem Mann trennt und sich bei „Gangbangs“ austobt, kann behaupten, sie sei noch nie so sehr befriedigt wie jetzt, doch das hat NICHTS mit wirklicher genitaler Befriedigung zu tun. Sie rächt sich an ihrem Mann, letztendlich an ihren Eltern, lebt ihren Masochismus aus und „befriedigt“ ihren Narzißmus, aber dieses Ausleben der Neurose… Ausführungen erübrigen sich. Das gleiche gilt für das heutige Geschlechtsleben weiter Kreise junger Menschen, für die Sex nicht etwa die Besiegelung und Erfüllung einer romantischen Beziehung ist, sondern umgekehrt an deren Anfang stehen kann. Heute ist es für junge Frauen durchaus nicht absonderlich, beim elektronischen „Flirten“ erst mal nach einem „Schwanzbild“ zu fragen, bevor man sich trifft – um zu ficken. Bei Sympathie ist danach ein engeres (sic!) Kennenlernen nicht ausgeschlossen…

Man täusche sich nicht: die „Generation Tinder“ ist nicht freier als vorangegangene, denn die Spaltung zwischen Körper („Sex“) und Seele („Liebe“) wird aufrechterhalten, hat sich vielleicht sogar noch verschärft. In der sexualfeindlichen Welt vor der vermeintlichen „sexuellen Revolution“ gab es zumindest Anklänge an die Genitalität und ihren natürlichen Ablauf:

Ein dritter Blick auf Reichs Triebtheorie (Teil 4)

21. Februar 2019

Woher kommt die Wut, wenn ein Kind neurotische Impulse ausleben darf? Die Ironie liegt darin, daß, wenn man dem Kind alles durchgehen läßt, die tieferen Bedürfnisse des Kindes bei dieser Annäherungsweise übersehen werden. Nachgeben gegenüber den sekundären neurotischen Impulsen des Kindes verschafft nur oberflächliche Befriedigung und verhindert tatsächlich die spontane Entwicklung und den Ausdruck der tieferen, gesunden, primären Impulse. Die letzteren werden also in hohem Maße frustriert, von daher die Wut.

Oft haben die Eltern den Instinkt, „Nein“ zu sagen, setzen sich aber über ihn hinweg, weil sie sich schuldig fühlen. Dies ist bei permissiver Elternschaft üblich. Eine der immer wiederkehrenden Verzerrungen des Konzepts der Selbstregulierung ist die Vorstellung, daß ein Kind nicht behindert werden sollte, indem man „Nein“ sagt. (Peter Crist: “Problems of Childhood Self-Regulation in an Age of Permissiveness”, The Journal of Orgonomy 50(1))

Migration und die bizarr-perverse Wahnwelt der Linken

12. Dezember 2018

Mir liegt hier die Einladung zu einem Fortbildungsseminar über „Aggression und Gewalt im medizinischen Alltag“ vor. Merkwürdig, denn vor wenigen Jahren war das schlichtweg kein Thema! In dem Schreiben wird auf eine Resolution der Bundesärztekammer Bezug genommen: „Jegliche Gewalt gegen Angehörige der Gesundheitsberufe sei gesamtgesellschaftlich zu ächten.“ Früher hätte man einfach „gesellschaftlich zu ächten“ geschrieben. Was soll das sinnlose „gesamt-“? Denn „-gesellschaftlich“ impliziert doch bereits eine „Gesamtheit“! Linksliberale zerstören durch Migration (Be-Völkerung) die Gesellschaft (die Volksgemeinschaft), was zu einem ständigen Bürgerkrieg führt, in dem die offiziellen Vertreter des Staates („Hoheitsträger“ wie Ärzte und Krankenschwestern) von den Besatzern a priori als Feinde angesehen werden, und versuchen das dann im Nachhinein wieder zu kitten. Vor allem dadurch, daß UNS (also den DEUTSCHEN) „zivilgesellschaftlich“ ins Gewissen geredet wird: WIR sollen die Gewalt ächten. Friedenserziehung! Linke sind derartig irre, daß es einem die Sprache verschlägt!

Und sie sind pervers! Sie versuchen die einheitlich funktionierende hochproduktive (d.h. entladungsfähige) Gesamtgesellschaft durch Parallelgesellschaften und eine multikriminelle Gesellschaft zu zerstören. 1927 schrieb Reich in Die Funktion des Orgasmus (S. 17), daß Neurose vorliegt, wenn sich die prägenitalen Strebungen nicht mehr in den genitalen Primat unterordnen (d.h. orgonomisch sich nicht in das einheitliche bzw. ganzheitliche „gesamtorganismische“ Funktionieren einfügen). Neurose beruhe, so Reich, darauf, „daß die unbefriedigten und unsublimierten libidinösen Ansprüche, da sie sich in das Gesamtstreben nicht einfügen lassen, mit der Zeit immer mehr Interesse an sich ziehen und dadurch die Einheitlichkeit des sexuellen Erlebens stören; auch sonst kann nichts mehr voll erlebt werden. Das mag die sozialen Leistungen zunächst wenig beeinträchtigen, weil die meisten von ihnen dem persönlichen Erleben fernstehen. Im Bereiche sexuellen Erlebens, dessen Höhepunkt psychisch und physisch der Orgasmus ist, bedarf es hingegen der Fähigkeit zur Vereinheitlichung der sexuellen und der kulturellen Strebungen. Davon hängt die [libido-]ökonomische Zweckdienlichkeit des Orgasmus ab.“

Das Ende der Laientherapie

29. November 2018

Reich hat das Ende der Laientherapie eingeläutet. In den 1920er Jahren opponierte er gegen Freud, der die Psychoanalyse zunehmend als bloße „Psychologie“ betrachtete und den bis dahin weitgehend auf Ärzte beschränkten Beruf des Psychoanalytikers für „Laien“ öffnen wollte. Reich argumentierte dabei, vor dem Hintergrund der sich formierenden Sexualökonomie, hauptsächlich von der Libidotheorie her. Die Neurosen hatten einen „ökonomischen“, also physiologischen Kern. Man lese nur sein Buch Die Funktion des Orgasmus aus dem Jahre 1927! Beispielsweise entspricht der Gegensatz von Angst und Lust dem Gegensatz zwischen Herz („Herzenge“) und Genital.

In den 1930er und 1940er Jahren führte er weiter aus, daß und wie Neurosen im Körper verankert sind. Er zeigte, daß die „Neurose“ in der Tat eine Nervenkrankheit ist, nämlich eine chronische Übererregung des Sympathikus („Sympathikotonie“). Um so idiotischer ist es, daß die von ihm entwickelte Therapieform (und ihre diversen illegitimen Abzweigungen) zunehmend von Laientherapeuten praktiziert wurde. Dabei hat Reichs „Schüler“ Charles Kelley, ein Psychologe, den Vogel abgeschossen, als er zur Rechtfertigung seiner therapeutischen Tätigkeit allen Ernstes ausführte, daß Neurosen gar keine „Nervenkrankheiten“ seien, die man ärztlich therapieren kann, sondern bloße Anpassungsstörungen. „Therapie“ sei deshalb mehr so etwas wie ein „Lernprogramm“, der „Therapeut“ ein Trainer für „Zielgerichtetheit und Fühlen“. Es gibt tatsächlich Leute, die derartigen Murx ernstnehmen! Am schlimmsten sind aber die „Körpertherapeuten“, etwa in der Tradition von Alexander Lowen, die weitaus mehr „mit dem Körper arbeiten“ als der Orgontherapeut, die aber nicht mal die Qualifikation als klinischer Psychologe geschweige denn Arzt vorweisen können. In dieser Szene tummeln sich Politologen, Kindergärtner, Betriebsschlosser, etc. Würdest du einen Politologen dein Auto reparieren lassen?!

Reich als Überwinder der Distanz

27. November 2018

Wenn gesellschaftliche Vorgänge von der Wissenschaft beschrieben werden, psychologische Prozesse, körperliche Erkrankungen, etc., hat das, so impliziert die gängige „wissenschaftliche“ Sichtweise, jeweils nie wirklich etwas mit uns zu tun. Verursacher seien „objektive“ sozioökonomische Prozesse, „Komplexe“, „die Leber“, etc., also externe oder zumindest mechanisch ersetzbare Faktoren. Eine kaputte Leber kann man durch eine neue ersetzen, Komplexe kann man psychopharmakologisch und/oder mit verhaltenstherapeutischen Interventionen auflösen, etc. Ganz anders wird es, wenn die eigene vegetative (orgonotische) Strömung, schlichtweg DAS LEBEN, ins Spiel kommt. Dann wird „der Geschichtsverlauf“ zum Fleischwolf, durch den wir seit unserer Geburt (und sogar davor!) gedreht wurden und werden; unsere Psyche und unsere Soma werden zu bloßen Äußerungsformen der Störungen der besagten Strömung. Selbst „das Wetter“ und sogar ferne Galaxien entsprechen unmittelbar dem, was durch unsere Körper strömt. Und wir realisieren, daß das, was sich großspurig als „Wissenschaft“ präsentiert, nur Ausdruck der allgemeinen Neurose ist, dem Bedürfnis „Distanz zu wahren“, d.h. der Kontaktlosigkeit.

Die soziopolitische Diathese (Teil 7)

13. November 2018

von Paul Mathews, M.A., M.A.C.O.

An dieser Stelle könnte die Frage gestellt werden: „Gibt es überhaupt etwas Gutes am Liberalismus?“ Die Antwort kann in Bezug auf seine allgemeinen Ideale Ja sein; leider korrumpiert und zerstört der gepanzerte Liberale im Handeln direkt oder indirekt das Gute.10 Reich hat es so ausgedrückt:

Der sich prostituierende Politiker, der wortgewandte Freiheitsscharlatan, der mystische Erlöser, sie alle tragen nicht die Schuld an dem gewaltigen Elend. Ihre Schuld besteht darin, dass sie den Zugang zur Verwirklichung ihrer eigenen Ideale und zur Abschaffung des von ihnen verursachten Elends versperren. Man kann ihnen keinen Vorwurf daraus machen, dass sie für „Freiheit“, „Brot“, „Demokratie“, „Frieden“ und „Volkswillen“ und was nicht alles die Werbetrommeln rühren. Vorwerfen muss man ihnen aber, dass sie jeden verfolgen, der deutlich macht, was Freiheit ist und welche Hindernisse der Selbstverwaltung und dem Frieden entgegenstehen (7, S. 190)l.

Diese Verfolgungen und Behinderungen manifestieren sich auf verschiedene Weise: die abfälligen, höhnischen Verleumdungen von Reich und der Orgonomie, die Angriffe auf Reichs „letzte Periode“, auf seinen eindeutigen Standpunkt gegen freiheitshausierende Liberale und rotfaschistische Modjus, auf seine Zurechnungsfähigkeit und die Bezeichnung der gegenwärtigen orgonomischen Arbeiter als „ultrarechte Konservative“. Viele dieser Angriffe finden sich in Artikeln, Büchern und sogar Biografien, die vorgeben, Reichs Werk ganz besonders positiv gegenüberzustehen – weitere Beispiele von „Fairness, um unfairer zu sein“.

Es ist eine beängstigende Sache, den Umfang an Hass hinter diesen Kritiken zu sehen und einzuräumen, der natürlich in der schrecklichen Angst vor der Wahrheit und dem Leben wurzelt. Die verführerische Propaganda gegenwärtiger liberaler Gesellschaften macht es nicht leichter, diesen Hass zu erkennen, sondern fördert Zweifel und verstärkt die Neurose, vor allem in Charakterstrukturen, die so fundamental schuldbeladen und zweifelnd sind wie die des Liberalen. Müsste der Liberale zugeben, dass an den Wurzeln seiner sozialen Philanthropie echter Hass steht, würde das eine Katastrophe für ihn bedeuten. Auch der Konservative ist von Hass erfüllt, aber er verschlimmert nicht sein Dilemma, indem er auf den Schaden Überbauungen von intellektuellen Rationalisierungen häuft; so ist er letztlich leichter zugänglich.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass gemäß funktioneller Wahrnehmung der moderne Liberale als das Erzsymbol der menschlichen Malaise dasteht, aber das spricht den Konservativen keineswegs frei. Auf jeden Fall sollten wir nie vergessen, dass die extreme Linke die Liberalen benutzt, um die menschliche Freiheit zu zerstören, indem sie soziale Gerechtigkeit deklamiert, während sie Mord und Totschlag begeht. Die Konservativen durchschauen das; die liberalen Betrüger denken, sie arbeiten für das Vorankommen der Menschheit. Orgonomen versuchen eine ausgewogene Perspektive zu wahren, was den Einfluss der politischen Charakterstruktur auf unser Überleben in der heutigen Welt betrifft. Die obigen Überlegungen werden hoffentlich eher die funktionelle als die politische Grundlage unserer Schlussfolgerungen verdeutlichen.

 

Fußnoten

10 Es ist wahr, dass der Liberale in der Vergangenheit einiges getan hat, um notwendige soziale Reformen einzuleiten. Die Motive für diese Aktionen sind jedoch nicht identisch mit der humanen Natur der Reformen. Folglich erwuchsen viele destruktive sekundäre Erscheinungen aus den Reformen, die oft schlimmer waren als die Übel, aus der sie stammten.

 

Anmerkungen des Übersetzers

l Christusmord, Zweitausendeins, S. 381.

 

Literatur

7. Reich, W.: The Murder of Christ. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1972

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 8 (1974), Nr. 2, S. 204-215.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Die soziopolitische Diathese (Teil 2)

31. Oktober 2018

von Paul Mathews, M.A., M.A.C.O.

Als Hintergrund für diesen Artikel lassen Sie uns einige grundlegende Prinzipien der soziopolitischen Charakterologie, wie sie von Reich (5), Baker (1) und mir (2, 3, 4) entwickelt und formuliert wurden, kurz betrachten. Ich werde sachdienliche Beobachtungen oder Ergänzungen machen, die ich für hilfreich halte.

Wir sollten uns vor allem daran erinnern, dass alle Formen von Neurosen, Psychosen und anderen Biopathien, ob körperlich, emotional oder sozial, von der Panzerung des Menschen herrühren. Diese Panzerung verhindert die normale Regulierung der biologischen (Orgon-)Energie des Individuums, so dass Ungleichheiten oder Stauungen entstehen, die sich in Symptomen manifestieren, die körperlich oder emotional bzw. beides sein können. Da soziale Systeme Manifestationen des menschlichen Charakters sind, beruhen die sozialen Pathologien auf den gleichen Ursachen. Wie der gepanzerte Mensch dann versucht, das Dilemma seiner selbst geschaffenen Falle zu lösen, wird von seiner individuellen Charakterologie bestimmt, die von seiner unmittelbaren Umgebung beeinflusst wird. Ob er seine Probleme aus einem liberalen oder konservativen Blickwinkel angeht, liegt zum einen am elterlichen Einfluss, also seiner Entwicklung vom Kindesalter an (charakterologischer Faktor), und teilweise daran, ob er sich früh im Umfeld einer liberalen oder konservativen Gemeinschaft widerfindet (Umweltfaktor). So müssen wir zwischen einem charakterologischen und einem umweltbedingten Liberalen bzw. Konservativen (1, S. 193) unterscheiden. Die umweltbedingten Typen sind für erzieherische oder erfahrungsgemäße Einflüsse und Veränderungen zugänglich; die charakterologischen Typen sind, wenn überhaupt, kaum veränderbar.

Darüber hinaus müssen wir die menschliche Panzerung und die Struktur des Menschen von seinem Kern bis zur Peripherie betrachten, wie von Reich (5, S.vii-ix) skizziert. Der Kern repräsentiert seine grundlegende, urtümliche Natur, die im Wesentlichen kontaktfreudig, liebevoll, kreativ und gut ist. Die Blockade der Äußerungen des Kerns in Kindheit und Jugend führt zur Bildung einer sekundären, brutalen und perversen Schicht, die mit dem reaktiven Hass blockierter primärer Triebe besetzt ist. Die dritte Schicht dient als eine Verteidigung gegen den Ausdruck der sekundären Schicht. Es ist eine oberflächliche Fassade, die offenkundig „nett“ ist, aber kontaktlos, denn sie ist eigentlich eine kompensatorische Tarnung für den zugrunde liegenden Hass. Es ist der Teil des menschlichen Charakters, der mit dem Mechanismen des von Reich so genannten „Ersatzkontaktes“ (6, S. 328 ff) durchdrungen ist. Daher drückt sich die Nettigkeit, der Humanismus usw. auf einer mechanistischen, intellektuellen Ebene aus, die nicht mehr in Beziehung zu dem steht, was sie zu sein scheint, als die Koketterie einer Hysterikerin zur Sexualität. Der Ausdruck dieser oberflächlichen Fassade ist ausgesprochen defensiv und kann zu sehr gefährlichen sozialen Konsequenzen führen, wie später erklärt wird.

Reich bezeichnete die oberflächliche Fassade als „den Bereich des Liberalen“ und die sekundäre Schicht als „den Bereich des Faschisten“ (5, S. viii-ix). Er spezifizierte nicht den Bereich der Konservativen, sondern bekundete Respekt für ihn wegen dessen größerer Ehrlichkeit:

Der Freiheitsscharlatan [Liberale – P. M.] macht aus der Wahrheit einen Köder, um die Menschen in eine Falle zu locken. . . Er glaubt, für die Wahrheit zu kämpfen, wenn er tugendhaft ist. Der Konservative, der den gesellschaftlichen Status quo verteidigt, weil er die Schwierigkeiten kennt [kursiv von mir – P. M.], die mit der Suche nach der Wahrheit verbunden sind, ist bei weitem ehrlicher. Ihm steht zumindest die Möglichkeit offen, anständig zu bleiben. Der Freiheitsscharlatan muss seine Seele zwangsläufig dem Teufel verschreiben, wenn er vorwärts kommen will (7, S. 173)b.

Durch diese tiefgründige Beobachtung brachte Reich zum Ausdruck, daß der Konservative einen Grad an Kontakt hat, der dem Liberalen nicht zugänglich ist. Es war kein Plädoyer für den Status quo, sondern Ausdruck einer Präferenz für ihn im Vergleich zum kontaktlosen liberalen Freiheitshausieren. Baker hat Reichs Einsicht unterstrichen, indem er auf eine verzerrte Form des Kontaktes zum Kern beim Konservativen verwies, die mit Reichs Beobachtung übereinstimmt (1, S. 187 ff). Es stimmt, dass Reich in seinen früheren Schriften viel strenger und kritischer gegenüber dem Konservativen war; aber das war zum Teil ein Übertrag aus seiner Freudo-Marxistischen Periode und teils, weil er noch nicht die volle Bedeutung der sekundären Triebe, der emotionalen Pest und des Freiheitshausierens erfaßt hatte, wie er sie schließlich hatte, als er solche Werke wie The Murder of Christ und People in Trouble schrieb. Ebenso wie er, zum Ausgangspunkt zurückkehrend, mit Freud (aus verschiedenen Gründen) über die Vergeblichkeit eines politischen Ansatzes zur Lösung von Problemen übereinstimmte, stellte er fest, dass der Konservative weitaus weniger eine Bedrohung für die menschliche Freiheit und das Wohlergehen ist als der freiheitshausierende Liberale:

Ich wusste, dass die Leute krank waren, aber ich wollte Freiheit für sie. Aber die Fähigkeit zur Freiheit, die strukturelle, charakterologische Fähigkeit, war irgendwie nicht ganz da. Gerade hier, in der Frage der strukturellen Unfähigkeit waren Freuds Einwände gegen meine [sozio-politische] Arbeit korrekt. Ich versichere Ihnen, wenn ich nicht durch diese Fehler hindurchgegangen wäre, durch diese Erfahrungen mit den Leuten . . . wäre ich nicht dahin gekommen, wo ich heute bin, zu so einer reifen Position (8, S. 46)c.

 

Anmerkungen des Übersetzers

b Christusmord, Zweitausendeins, Seite 291.
Im englischen Original steht instinctive knowledge (instinktive Kenntnis) statt „kennt“ in der Übersetzung von Waltraud Götting.

c Wilhelm Reich über Sigmund Freud, Schloß Dätzingen 1976, S. 29/30.
Mathews lässt im Zitat eine Lücke weg, ohne sie anzugeben. Eckige Klammern von ihm.

 

Literatur

1. Baker, E.F.: Man in the Trap. New York: Macmillan Company, 1967
2. Mathews, P.: „A Functional Understanding oft the Modern Liberal Character“, Journal of Orgonomy, 1:138-48, 1967
3. Mathews, P.: „The Biological Miscalculation and Contemporary Problems of Man“, Journal of Orgonomy, 4:111-25, 1970
4. Mathews, P.: „On Armor, War and Peace“, Journal of Orgonomy, 5:165-74, 1971
5. Reich, W.: The Mass Psychology of Fascism. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1970
6. Reich, W.: Character Analysis. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1971
7. Reich, W.: The Murder of Christ. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1972
8. Higgins, M. und Raphael, C., Hrsg.: Reich Speaks of Freud. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1967

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 8 (1974), Nr. 2, S. 204-215.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 2)

6. September 2018

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

I. Die Spannungs-Ladungs-Funktion: 1. Die Entdeckung der orgastischen Potenz

Von Freud wurde Anfang dieses Jahrhunderts erstmals die umfassende Bedeutung der Sexualität für die menschliche Entwicklung entdeckt. Er entwickelte den Begriff „Libido“, unter dem er einen spezifischen Sexualtrieb verstand. Dieser Trieb war jedoch selbst nicht faßbar, lediglich Triebabkömmlinge, die sich in sexuellen Vorstellungen und Affekten äußerten, konnten beobachtet werden. Freud vertrat die Ansicht, daß die psychische Energie, die Libido, eine physiologische Grundlage habe, die aber erst noch gefunden werden müsse.1

Reich beschäftigte sich schon zu Beginn seiner psychoanalytischen Tätigkeit mit Fragen nach der Herkunft und Energie der Triebe.2 Im Hintergrund seiner Arbeit stand für ihn die Frage, „ob es möglich sein könnte, den Freudschen Begriff ‚psychische Energie‘ konkret zu fassen oder gar dem allgemeinen Energiebegriff einzuordnen“.3

Bei der Behandlung neurotischer Störungen machte Reich wichtige Beobachtungen. Im Mittelpunkt des Interesses stand die Frage nach den Energiequellen der neurotischen Störungen. Angstneurosen und Neurasthenie waren nach Freud unmittelbarer Ausdruck gestauter Sexualenergie. Dagegen grenzte Freud die Psychoneurosen, insbesondere die Zwangsneurose und die Hysterie ab, in deren Mittelpunkt die Inzestphantasie und die Angst vor Beschädigung des Sexualapparats standen. Reich sah diese Grenze nicht so scharf: Auch die Psychoneurosen wiesen einen aktualneurotischen Kern gestauter Sexualerregung auf, aus dem sie ganz offensichtlich ihre Energie bezogen. Er folgerte: „Die Stauungsneurose ist eine körperliche Störung, hervorgerufen durch falsch gelenkte, weil unbefriedigte sexuelle Erregung. Doch ohne eine seelische Hemmung könnte die Sexualerregung nie falsch gelenkt werden.4

Die Bedeutung ungehinderter Sexualität für die Gesundheit der neurotischen Patienten erwies sich in der klinischen Praxis. Zwei Beispiele sollen dies verdeutlichen:5

  • Die Beschwerden eines an Zwangsgrübeln, Zwangsrechnen, analen Zwangsphantasien, gehäufter Onanie in Verbindung mit schweren neurasthenischen Symptomen, Rücken- und Hinterhauptschmerzen, Zerstreutheit und Übelkeit leidenden Studenten verschwanden, als die Aufdeckung der Onanieschuldgefühle gelungen war und der Patient mit Befriedigung onanieren konnte. Er heiratete bald und blieb gesund.
  • Ein an kompletter Erektionslosigkeit leidender Kellner blieb trotz Aufhellung der Urszene impotent. Das Bewußtmachen der Urszene, Ziel der Psychoanalyse, reichte allein zur Heilung nicht aus.

Es stellte sich bald heraus, daß die Schwere jeder Art seelischer Erkrankung in direktem Verhältnis zur Schwere der Sexualstörung steht, und daß die Heilungsaussicht und die Heilerfolge direkt von der Möglichkeit abhängen, die volle genitale Befriedigungsfähigkeit herzustellen.6 Bei Frauen beobachtete Reich in allen Fällen gestörte vaginale Befriedigung, jedoch litten nur 60 – 70 % der behandelten Männer an Impotenz. Das schien die Behauptung, Kern jeder Neurose sei nicht befriedigte Sexualenergie, zu widerlegen. Dieses Problem führte Reich zur Untersuchung der gesunden Genitalität. Die genaue Analyse des genitalen Verhaltens jenseits der Worte „Ich habe mit einer Frau bzw. mit einem Mann geschlafen“ war in der Psychoanalyse streng verpönt. Die genaue Beschreibung des Verhaltens während des Geschlechtsaktes ließ erkennen, daß die Kranken hier ausnahmslos schwer gestört sind. „Das traf vor allem auf die Männer zu, die am lautesten großsprecherisch aufzutreten pflegen, möglichst viele Frauen besitzen oder erobern, die in einer Nacht wieder und wieder ‚können‘. Es wurde eindeutig klar: Sie sind erektiv sehr potent, doch sie erleben beim Samenerguß keine Lust, geringe Lust oder sogar das Gegenteil davon, Ekel und Unlust. Die genaue Analyse der Phantasien des Aktes ergab meist sadistische oder eitle Einstellungen bei den Männern, Angst, Zurückhaltung oder Männlichkeitserleben bei den Frauen. Der Akt bedeutete für den angeblich potenten Mann durchbohren, bewältigen oder erobern der Frau. Sie wollten ihre Potenz just beweisen oder wegen der erektiven Ausdauer bewundert werden. Diese ‚Potenz‘ ließ sich durch Aufdeckung der Motive leicht zerstören. Dahinter kamen schwere Störungen der Erektion und der Ejakulation zum Vorschein. Bei keinem dieser Fälle gab es auch nur eine Spur von Unwillkürlichkeit oder Verlust der Aufmerksamkeit im Akt.“7

Diese Entdeckung führte zum Begriff „orgastische Potenz“.8 Darunter ist die Fähigkeit zur Hingabe an das Strömen der biologischen Energie ohne jede Hemmung, die Fähigkeit zur Entladung der hochgestauten sexuellen Erregung durch unwillkürliche lustvolle Körperzuckungen zu verstehen. Die Sexualerregung wird komplett abgebaut. Die volle orgastische Potenz fehlt heute bei den meisten Menschen, aber nur wenige wissen davon. „Der Begriff ‚orgastische Potenz‘ wird wirklich und als Unterschied von normaler Potenz erfaßbar nur aufgrund eigner subjektiver Erfahrung.“9

 

Fußnoten

  1. Diese Auffassung äußerte Freud z.B. in: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Frankfurt 1961. Vgl. S. 85ff.
  2. Das kommt in seinen beiden Abhandlungen „Trieb und Libidobegriffe von Forel bis Jung“ (1921) und „zur Triebenergetik“ (1923) zum Ausdruck.
  3. Reich, W., Die Entdeckung des Orgons – Die Funktion des Orgasmus, Frankfurt 1972, S. 74
  4. ebenda, S. 75
  5. Vgl. ebenda S. 69f
  6. Vgl. ebenda S. 77f
  7. ebenda S. 80
  8. der Begriff „orgastische Potenz“ ist ausführlich dargestellt in: ebenda S. 81–87
  9. Greenfield, J.: Über Probleme als „Reichianer“ in: Wilhelm-Reich-Blätter, 5/76, S. 98f