Posts Tagged ‘Lenin’

Buchbesprechung: THE MASS PSYCHOLOGY OF FASCISM (Teil 4)

23. Oktober 2020

von Paul N. Mathews

 

Entgegen den jüngsten Rezensionen dieses Buches in der New York Times (3, 4) ist Reich weder gegen die Familie noch impliziert er, dass sich alle patriarchalischen Gesellschaften zu einem organisierten faschistischen Staat entwickeln müssen. Ihm geht es um die patriarchalische Zwangsfamilie, nicht um die natürliche Familie, und um jene Aspekte der menschlichen Charakterstruktur, die in einem faschistischen Staat kulminieren können. Eine weitere Implikation in diesen Rezensionen betraf Frauen in Nazi-Deutschland, die angeblich „ihren Sex genauso genossen haben wie die heutigen Mitglieder der Frauenbefreiungsligen“. Ein elementares Verständnis von Reichs Orgasmus-Theorie hätte ein solches Beispiel ausschließen können, denn Tatsache ist, dass sexuelle Aktivität und orgastische Potenz nicht identisch sind und dass „klitorale Orgasmen“ vaginale Orgasmen nicht ersetzen können (5).

Mit unfehlbarer Logik zeichnet Reich den Niedergang der Sozialdemokratie in der Weimarer Republik und ihren Verfall zum Nationalsozialismus nach. Und den vergleichbaren Prozess in der Sowjetunion nach den ersten Jahren, der zum Stalinismus und Roten Faschismus führte. In beiden Fällen weist Reich auf die charakterologischen Unfähigkeiten der Massen zu echter Sozialdemokratie hin und ihre starken Reaktionen auf ideologische Appelle, die auf Patriarchat, sexuellen Ängsten, Mystizismus und Chauvinismus beruhen.

Ich muss jedoch Reichs Einschätzung von Lenin widersprechen, dem er meines Erachtens mehr als verdiente Anerkennung sowohl für seine humanen Beweggründe als auch für sein funktionelles Verständnis der charakterologischen Unfähigkeit zu Freiheit seitens der Massen zollt.

Jüngste Dokumentationen, wie Robert Paynes The Life and Death of Lenin (6)g weisen darauf hin, dass Lenins Motivationen erheblich weniger human und funktionell waren, als Reich ihm zuschreibt:

Nachdem Lenin entschieden hatte, dass alle Mittel zulässig seien, um die Diktatur des Proletariats zu errichten, wobei er selbst im Namen des Proletariats regierte, hatte er Russland in unerträglicher Weise der menschlichen Freiheit beraubt. Seine Macht war nackte Macht; seine Waffe war die Vernichtung; sein Ziel war die Verlängerung seiner eigenen Diktatur. Er konnte schreiben: „Europa in Flammen setzen“ und sich nichts dabei denken. Er konnte den Tod von Tausenden und Abertausenden von Menschen anordnen und ihr Tod war unerheblich, weil sie nur Statistiken waren, die den Fortschritt seiner Theorie behinderten. Das Gemetzel in den Kellern der Lubjanka interessierte ihn nicht. Er kaperte die russische Revolution und verriet sie dann und in diesem Moment machte er Stalin unausweichlich (6, S.631).

Obwohl man Payne widersprechen muss, es sei Lenin und nicht die russischen Massen gewesen, die „Stalin unvermeidlich machten“, ist klar, dass Lenin kein humanitärer Mensch war.

 

Anmerkungen des Übersetzers

g Deutsch: Lenin und sein Tod. Rütten & Loening, München 1965.

 

Literatur

3. Lacqueur, W.: „The Mass Psychology of Fascism,“ New York Times Sunday Book Review, Dec. 20, 1970.
4. Lehman-Haupt, C. : „Again Into the Orgone Box,“ New York Times, Jan. 4, 1971.
5. Herskowitz, M.: „Orgasm in the Human Female,“ Journal of Orgonomy, 3:92-101, 1969.
6. Payne, R. : The Life and Death of Lenin. New York: Simon and Schuster, 1964.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 5 (1971), Nr. 1, S. 107-112.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Buchbesprechung: REICH – FOR BEGINNERS von David Zane Mairowitz (Teil 1)

11. September 2020

Reich – for Beginners. Von David Zane Mairowitz. Writers and Readers Publishing, Inc., New York, 1986, 174 Seiten, 6,95 $
[Wilhelm Reich kurz und knapp, Zweitausendeins, Frankfurt/M, 1995, 167 Seiten]

von Paul N. Mathews, M.A., Brooklyn, NY

 

Ich nehme an, es war unvermeidlich, dass jemand ein Buch über Reich mit dem Titel Reich – for Beginners1 schreiben würde. Ehrgeizig durchläuft der Autor das gesamte Spektrum von Reichs Leben und Werk von der Kindheit bis zum Tod, von der Psychoanalyse bis zum Cloudbusting. Wie erfolgreich er ist, ist eine andere Sache. Nicht unpassend für den Titel ist das Comic-Format. David Mairowitz, der Autor, zeigt dennoch mehr als Anfängerwissen über Reich und manchmal sogar ein Verstehen. Es ist offensichtlich, dass er seine Hausaufgaben gemacht hat und einen ironischen und satirischen Sinn für Humor hat. Es ist auch offensichtlich, dass dieser 174-seitige Band viele Unklarheiten und Zweideutigkeiten sowie einige Fehler und Verzerrungen enthält.

Letztere manifestieren sich in mehreren „Kritiken“ und „Zwischenbemerkungen“, in denen der Autor seine eigenen Vorstellungen und Interpretationen von Reich zu mehreren entscheidenden Fragen darlegt. Die erste dieser „Kritiken“ wirft Reich vor, „genital besessen“ zu sein, und in der der Autor seine eigene These darlegt, dass es eine Unterscheidung zwischen männlicher und weiblicher Sexualität gibt, „die oft erbringt, daß sexuelle Lust nicht unbedingt vollständig auf der genitalen Hingabe beruhen muss“. Er stellt fest, dass die Stimulation der Klitoris auch eine Funktion der sexuellen Befriedigung bei Frauen ist … „wobei ein männlicher Partner nicht einmal nötig ist“. Offensichtlich hat der Autor bei all seinen Lektüren und Studien über Reich den häufig gemachten Standpunkt von Reich und seinen Mitarbeitern übersehen, dass prägenitale Funktionen sehr wohl eine Rolle für die sexuelle Lust spielen und nur dann pathologisch werden, wenn sie das Endziel der genitalen orgastischen Befriedigung ersetzen.

Der Autor geißelt Reich auch wegen seiner angeblich „lebenslangen Haltung zur männlichen Homosexualität“ als „Neandertaler“. Er stellt fest, dass Reich Homosexualität als „Abweichung, die geheilt werden sollte“, betrachtete, dass er nie einen homosexuellen Patienten aufgenommen habe und dass er, einmal darum gebeten, geantwortet habe: „Ich will mit solchen Schweinereien nichts zu tun haben.“a Wiederum irrt er sich, was die Behandlung homosexueller Patienten durch Reich betrifft. Es nicht getan zu haben, wäre eine Unwahrscheinlichkeit für jemanden, der die Struktur des passiv-femininen Charakters klar verstanden und der den Artikel Das Problem der Homosexualität (J. of Orgonomy, 20(1), 1986) geschrieben hat, in dem er unmissverständlich seine Missbilligung der moralistischen, nichtklinischen Geringschätzung und Verfolgung von Homosexuellen zum Ausdruck bringt. Reich ist sich über die Pathologie der Homosexualität im Klaren und hier unmissverständlich, warnt aber vor einer moralischen und rechtlichen Verurteilung eines opferlosen, pathologischen Musters des sexuellen Ausdrucks. Der Autor hat seine Informationen offensichtlich aus dem Buch von Reichs ehemaliger Frau Ilse Ollendorff. Es ist weithin anerkannt, dass ehemalige Ehepartner häufig keine glaubwürdigen Quellen für genaue Informationen übereinander sind.

 

Anmerkungen

1 Vielleich sollte man darauf hinweisen, dass dieser Band zu einer Reihe von Büchern „für Anfänger“ gehört, die sich hauptsächlich mit linken Figuren wie Marx, Lenin und Engels beschäftigt haben – obwohl auch Einstein und Freud enthalten sind.

 

Anmerkungen des Übersetzers

a Zitat im Original in Deutsch.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 20 (1986), Nr. 2, S. 293-296.
Übersetzt von Robert (Berlin)

nachrichtenbrief151

3. Mai 2020

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Der rechte Blick auf DIE MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS (Teil 9)

9. April 2020

Reich habe sich, so die vollkommen verpeilten „Links-Orgonomen“, nie vom Sozialismus und Kommunismus gelöst, sondern allenfalls vom Stalinismus. Das sähe man daran, daß er bis zuletzt eine hohe Meinung von Marx, Lenin und Trotzki gehabt habe. Was hierbei stets unterschlagen wird, ist, daß Reich (jedenfalls m.W.) sich nie irgendwo kritisch über Lenin geäußert hat. Marx war für ihn zu einem Gutteil überholt, doch Lenin?!

Lenin ist bei den „Links-Orgonomen“ nicht sonderlich populär, vielmehr wird dem American College of Orgonomie gerne vorgehalten, es wäre aktuell „Leninistisch“ und ginge, ähnlich den „neocons“, geschichtlich auf Leninisten (bzw. Trotzkisten) zurück. Dem halten die „Links-Orgonomen“ Reichs Konzept der „Arbeitsdemokratie“ entgegen, das ursprünglich anarcho-syndikalistische und rätekommunistische Züge getragen habe. Diese Züge habe Reich dann in Amerika wegen der dortigen antikommunistischen Hysterie zunehmend verwischt. Dabei wird unterschlagen, daß (erstens) Reich wegen dieses Konzepts bereits in Norwegen mit SAP-Genossen wie Willy Brandt aneinandergeraten war und es dann in den USA zum endgültigen Bruch kam. Zweitens hat Reich in Amerika alle Annäherungsversuche von anarchistischer Seite vehement von sich gewiesen und ihm kam umgekehrt aus diesem Lager teilweise eine harsche Ablehnung entgegen.

Außerdem geht etwa aus Reichs Briefen an A.S. Neill hervor, daß Reich auf die englische Labourpartei einen ähnlichen Blick hatte wie George Orwell: sie war nicht viel besser als die Stalinisten. Man kann sich vorstellen, was Reich über die heutige SPD und die gegenwärtigen „demokratischen“ Präsidentschaftskandidaten in den USA sagen würde! Und für die Trotzkisten, die die Revolution ständig vor Augen hatten, hatte er kaum mehr als mißbilligendes Mitleid über: sie würden sofort scheitern und verzweifeln, wenn es darum ginge, auch nur den Zugverkehr aufrechtzuerhalten; unverantwortliche politische Wirrköpfe, die das exakte Gegenteil der Arbeitsdemokratie verkörpern!

Das ganze stellt die Perfidie der „Links-Orgonomen“ ins Rampenlicht, deren Hauptargument auf der Überlegung beruht, daß sich Reich in den USA dem „McCarthyismus“ angepaßt habe, indem er seine wahre, nämlich linksextreme Meinung verborgen hätte. Haben diese Leute nie Reichs Menschen im Staat gelesen? Ein vehementeres Bekenntnis zu Marx ist kaum denkbar und das auf dem Höhepunkt des McCarthyismus! Außerdem wäre ein Bekenntnis zu Stalin Reichs „Karriere“ in den USA bis weit in das Ende der 1940er Jahre hinein wohl eher förderlich gewesen! (Bis 1947 war Friedrich von Hayeks Der Weg zur Knechtschaft im Westen verboten, weil es ein anti-sowjetisches Buch war.)

Die ganze Perfidie der „Links-Orgonomen“ sieht man auch daran, daß sie Reichs Narrativ der von „Moskau“ initiierten amerikanischen Kampagne gegen ihn als schieren Unsinn hinstellen oder als bewußte Irreführung Reichs gegenüber dem „McCarthyismus“ betrachten, gleichzeitig heute religiös an die lächerliche Mär von Trump als „Agenten Moskaus“ glauben. Kein vernünftiger Mensch bestreitet, daß die Russen durch rechtsideologische Propaganda und Einflußagenten versuchen die gesellschaftliche Diskussion im Westen zu beeinflussen. Nur die gleichen Linken, die heute absolut hysterisch darauf reagieren, barsten vor Verachtung als unsereins früher auf die linksideologische Unterwandrung durch Moskau hinwies.

Vollends bizarr wird es, wenn sie Reich als Opfer der gleichen finsteren Mächte präsentieren, die heute den „Klimawandel“ leugnen und damals Reichs Cloudbuster-Arbeit hintertrieben, mit der Reich die allerersten Anzeichen des „Klimawandels“ hat angeblich bekämpfen wollen. Damals McCarthy und J. Edgar Hoover, heute Trump als Mörder Reichs und der Atmosphäre!

Und überhaupt Trump: da werde Reichs Analyse der Massenpsychologie des Faschismus, wie er sie 1933 dargelegt hat, wieder aktuell… Leute, euch hat man wohl mit dem Klammerbeutel gepudert!

Der rechte Blick auf DIE MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS (Teil 5)

30. März 2020

Angesichts der Horrorgestalten, die die US-Demokraten anzubieten haben, gilt die Wiederwahl Trumps als sicher. Entsprechend freuen sich die Konserbativen in den USA. Das Problem ist, daß etwas wie 1932/33 in Deutschland oder (in gewissem Sinne) 1917 in Rußland auftreten könnte, eine Krise, die Kandidaten aus der Hölle zum Sieg spülen würde. Ähnlich wie 1929 befindet sich die Welt, insbesondere Amerika, in einem Zustand wirtschaftlicher Überexpansion, ein Ballon, der jederzeit explodieren kann. Die eingangs angedeutete konservative Version von Lenins „schlechter ist besser“, was wiederum auf Marx‘ wirtschaftlichem Determinismus und dessen psychologische Naivität zurückging, die Reich 1933 in der Massenpsychologie des Faschismus enthüllt hat, wird in einem entsprechenden Desaster enden. In Krisen wenden sich die panischen Massen (die buchstäblich mit ihren Augen weggehen und ins Lala-Land entweichen) an den absurdesten und kriminellsten Führer, einen Lenin, Hitler oder Bernie Sanders, anstatt sich für das Rationale (Kontaktreiche) zu entscheiden, in diesem Fall einen Geschäfts- und mittlerweile Staatsmann wie Trump, der weiß, wie man mit der bevorstehenden Krise umzugehen hat.

Sowohl alle wirtschaftlichen als auch alle „charakterologischen“ Daten deuten darauf hin, daß dieses Worst-Case-Szenario Ende 2020 eintreten wird: 1933 redux. Reichs Massenpsychologie des Faschismus (insbesondere der angeblich veraltete erste Teil, das Originalbuch von 1933) ist aktueller denn je: die Verbindung von Wirtschaft und Charakterologie. Damals erklärte Reich, wie die Proletarier ihren Klasseninteressen entgegenhandeln, „ideologisch verblendet“ sein konnten. In der später von Reich formulierten Begrifflichkeit litten sie angesichts des äußeren Druckes unter einer verschärften okularen Panzerung. Eine entsprechende „Orientierungslosigkeit“ findet sich heute zwar unter anderen politischen Vorzeichen, doch funktionell ist es ein und dasselbe.

In der Neuauflage der Massenpsychologie des Faschismus von 1946 hat Reich versucht, die Marxistische Begrifflichkeit, in der das Buch ursprünglich geschrieben war, soweit es ging zurückzunehmen, um eine funktionelle Sichtweise, wie die soeben angeschnittene, möglich zu machen. Leider beobachten wir gerade eine abenteuerliche Entstellung in Form eines massiven Rollbacks dieser von Reich selbst vorgenommenen „Revision“, bei dem vollkommen unhistorisch und undialektisch Hitler mit Donald Trump bzw. Björn Höcke gleichgesetzt wird. Auf diese Weise wird Reichs Arbeit für die Todfeinde der arbeitenden Menschen fruchtbar gemacht!

Paul Mathews: Über den Terrorismus

15. März 2020

 

Paul Mathews:
Über den Terrorismus

 

Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 49

22. Januar 2020

orgonometrieteil12

49. Hegels Funktionalismus

Paul Mathews: People’s Temple: eine Fallstudie über Faschismus und die Emotionelle Pest

1. November 2019

 

Paul Mathews:
People’s Temple: eine Fallstudie über Faschismus und die Emotionelle Pest

 

Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 35

29. Oktober 2019

orgonometrieteil12

35. Die Orgonomie ist die endgültige Wahrheit!

Über den Terrorismus (Teil 6)

21. Oktober 2019

 

Paul Mathews:
Über den Terrorismus