Buchbesprechung: THE MASS PSYCHOLOGY OF FASCISM (Teil 4)

von Paul N. Mathews

 

Entgegen den jüngsten Rezensionen dieses Buches in der New York Times (3, 4) ist Reich weder gegen die Familie noch impliziert er, dass sich alle patriarchalischen Gesellschaften zu einem organisierten faschistischen Staat entwickeln müssen. Ihm geht es um die patriarchalische Zwangsfamilie, nicht um die natürliche Familie, und um jene Aspekte der menschlichen Charakterstruktur, die in einem faschistischen Staat kulminieren können. Eine weitere Implikation in diesen Rezensionen betraf Frauen in Nazi-Deutschland, die angeblich „ihren Sex genauso genossen haben wie die heutigen Mitglieder der Frauenbefreiungsligen“. Ein elementares Verständnis von Reichs Orgasmus-Theorie hätte ein solches Beispiel ausschließen können, denn Tatsache ist, dass sexuelle Aktivität und orgastische Potenz nicht identisch sind und dass „klitorale Orgasmen“ vaginale Orgasmen nicht ersetzen können (5).

Mit unfehlbarer Logik zeichnet Reich den Niedergang der Sozialdemokratie in der Weimarer Republik und ihren Verfall zum Nationalsozialismus nach. Und den vergleichbaren Prozess in der Sowjetunion nach den ersten Jahren, der zum Stalinismus und Roten Faschismus führte. In beiden Fällen weist Reich auf die charakterologischen Unfähigkeiten der Massen zu echter Sozialdemokratie hin und ihre starken Reaktionen auf ideologische Appelle, die auf Patriarchat, sexuellen Ängsten, Mystizismus und Chauvinismus beruhen.

Ich muss jedoch Reichs Einschätzung von Lenin widersprechen, dem er meines Erachtens mehr als verdiente Anerkennung sowohl für seine humanen Beweggründe als auch für sein funktionelles Verständnis der charakterologischen Unfähigkeit zu Freiheit seitens der Massen zollt.

Jüngste Dokumentationen, wie Robert Paynes The Life and Death of Lenin (6)g weisen darauf hin, dass Lenins Motivationen erheblich weniger human und funktionell waren, als Reich ihm zuschreibt:

Nachdem Lenin entschieden hatte, dass alle Mittel zulässig seien, um die Diktatur des Proletariats zu errichten, wobei er selbst im Namen des Proletariats regierte, hatte er Russland in unerträglicher Weise der menschlichen Freiheit beraubt. Seine Macht war nackte Macht; seine Waffe war die Vernichtung; sein Ziel war die Verlängerung seiner eigenen Diktatur. Er konnte schreiben: „Europa in Flammen setzen“ und sich nichts dabei denken. Er konnte den Tod von Tausenden und Abertausenden von Menschen anordnen und ihr Tod war unerheblich, weil sie nur Statistiken waren, die den Fortschritt seiner Theorie behinderten. Das Gemetzel in den Kellern der Lubjanka interessierte ihn nicht. Er kaperte die russische Revolution und verriet sie dann und in diesem Moment machte er Stalin unausweichlich (6, S.631).

Obwohl man Payne widersprechen muss, es sei Lenin und nicht die russischen Massen gewesen, die „Stalin unvermeidlich machten“, ist klar, dass Lenin kein humanitärer Mensch war.

 

Anmerkungen des Übersetzers

g Deutsch: Lenin und sein Tod. Rütten & Loening, München 1965.

 

Literatur

3. Lacqueur, W.: „The Mass Psychology of Fascism,“ New York Times Sunday Book Review, Dec. 20, 1970.
4. Lehman-Haupt, C. : „Again Into the Orgone Box,“ New York Times, Jan. 4, 1971.
5. Herskowitz, M.: „Orgasm in the Human Female,“ Journal of Orgonomy, 3:92-101, 1969.
6. Payne, R. : The Life and Death of Lenin. New York: Simon and Schuster, 1964.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 5 (1971), Nr. 1, S. 107-112.
Übersetzt von Robert (Berlin)

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7 Antworten to “Buchbesprechung: THE MASS PSYCHOLOGY OF FASCISM (Teil 4)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Zur Literaturnummer 3. Walter Lacquer war eine faszinierende Persönlichkeit und dürfte so manche Querverbindung zu Reich gehabt haben (Jugendbewegung, Koestler).

    https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Laqueur

    • Robert (Berlin) Says:

      Es kann sein, dass ich hier 2 Personen verwechsele:
      Lacquer mit Laqueur; aber die Angaben bei Mathews sind nicht immer zuverlässig.

  2. Robert (Berlin) Says:

    „Ihm geht es um die patriarchalische Zwangsfamilie, nicht um die natürliche Familie“

    immer wieder wird uns von linken Reichianern dieser Irrtum um die Ohren gehauen. Auch weil diese sich nur auf die veralteten früheren Ausgaben stützen.

    „Ich muss jedoch Reichs Einschätzung von Lenin widersprechen“

    Das muss wohl inzwischen jeder, der sich mit Lenin auseinandersetzt. Von der Errichtung von Konzentrationslagern und der Tscheka bis zu Massenerschießungen basiert der Terror auf Lenins Anweisungen. Reich war da einfach blind, weil er so große Hoffnungen auf Lenin gesetzt hatte.

    • Peter Nasselstein Says:

      Ich glaube, daß Lenin einen weitaus größeren Einfluß auf Reich hatte als Marx. Außerdem hat er Marx durchaus kritisiert, während mir kein einziges kritisches Wort zu Lenin bewußt ist. Ich lasse mich gerne korrigieren!

  3. Peter Nasselstein Says:

    So https://www.youtube.com/watch?v=cubi2J0r2OE sieht Faschismus heute aus!

  4. Peter Nasselstein Says:

    Und nicht vergessen, der ROTE Faschismus ist quicklebendig: https://www.youtube.com/watch?v=sDxFJzDg574.

  5. Robert (Berlin) Says:

    Martin Sellner diskutiert die totalitären Züge des linken tiefen Staats

    Repressionsakzelerationismus

    https://sezession.de/63509/repressionsakzelerationismus

    „Jede Kritik an dieser Ideologie und ihren Auffassungen von Volk und Geschichte wird rasch und kompromißlos mit Repression beantwortet. Sowohl Liberalismus als auch Marxismus harmonieren mit dieser Zivilreligion, die ihre eigenen Klöster, Priester, Heiligtümer und Rituale geschaffen hat.

    Psychologisch ließe sich dieses Syndrom, das nicht nur die Verlierer des II. Weltkriegs sondern die gesamte westliche Welt befallen hat, als überzogene Gegenreaktion auf die eigenen Chauvinismen und Überlegenheitsphantasien erklären. Philosophisch steht der Universalismus der Schuld in der Tradition des hegelianischen Geschichtsverständnisses.

    In dieser politischen Religion hat sich jedoch der Pessimismus den Optimismus abgelöst. Der Status der Auserwähltheit und universalen Berufung hat sich zur totalen Verantwortung und universalen Schuld gewandelt. Aus ihm läßt sich kein Sonderrecht, nicht einmal mehr ein „white man’s burden“ ableiten. Lediglich die „Kunst zu Verschwinden“ und das „Arbeiten an der eigenen Auflösung“ sind, wie Sieferle erkennt, erlaubte Ziele für die nationale Selbst-Aufgabe. Es ist der von Heidegger beschriebene „Geist der Rache“, der sich gegen sich selbst wendet.“

    „Wir befinden uns in einem hochideologischen System der Meinungskontrolle, moralischen Erpressung und brutalen Repression. Unsere Zivilisation stirbt nicht von selbst, sie wird getötet. Kein schicksalshafter Untergangs und keine Ermattung aller Kräfte, sondern die Vollstreckung eines ideologischen Programms führt zu ihrem Ende.“

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