Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 4)

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Bernd Laska bestreitet das, aber trotzdem: die Orgontheorie ist untrennbar mit LSR verknüpft. Es ist nur die Frage, wie man das Orgon auffaßt: ob man es mißbraucht, um Reichs Kampf gegen das Über-Ich zuzukleistern – oder ob man mit Hilfe des Orgons die „mechano-mystische Über-Ich-Kultur“ zerschlägt. Laska hat selbst hervorgehoben, daß LaMettrie in seinem Der Mensch als Maschine weniger eine mechanistische als vielmehr eine vitalistische Theorie vertritt. Und was Stirner betrifft: gerade ihm wurde ja immer vorgeworfen, er wolle das egomane triebhafte, sozusagen „vitalistische“ Tier freisetzen. Stirner vertreibt die Flausen aus dem Kopf, zerstört alle Ideen und Ideale – genauso wie der Naturwissenschaftler durch seine Experimente erbarmungslos ganze Weltgebäude aus Ideen und Idealen zum Einsturz bringt. Stirner war der einzige aufklärerische Aufklärer – und Laska sagte irgendwo, daß Reich der einzige wirklich „natur-wissenschaftliche“ Naturwissenschaftler war. Reich war Lebens-Forscher, während die anderen, Knechte des gegen das Lebendige gerichteten Über-Ichs, keine Biologie, sondern „Nekrologie“ betrieben – ganz im Sinne des Freudschen „Todestriebes“. Worum es geht, kristallisiert sich heute in der transhumanistischen Agenda des Great Reset heraus: du wirst nichts besitzen, nicht mal mehr der Eigner deines eigenen Ich sein, das mit „der Maschine“ eins wird…

Orgastische Potenz gibt es schon bei der Amöbe. Wie äußert sich das? Durch die Fähigkeit den inneren orgonotischen Überdruck durch eine Zellteilung abzubauen. Das ist funktionell identisch mit ihrer Vermehrung – also mit ihrer Durchsetzung als Individuum. Sie bevölkert die Welt mit ihren Klonen. Diese innige Verbindung zwischen Orgasmus und Weitergabe der eigenen unverwechselbaren Individualität zeigt wieder, daß (aus, nun gut, recht abstrakter Sicht) Reich und Stirner bestens harmonieren.

Was ist Liebe? Nach „orgonomischer Lehre“ gibt es ausschließlich die genitale Liebe, d.h. die sich hauptsächlich in den Genitalien äußernde Expansion („ich fühl mich zu Dir hingezogen“) des Biosystems. Bei verschiedengeschlechtlichen Partnern kommt es dabei zur körperlichen Durchdringung. Wahre Liebe beruht auf einem ständigen energetischen Austausch, bei dem der eine soviel nimmt, wie der andere gibt, wobei im Endeffekt mehr dabei herauskommt, als wären die Partner isoliert geblieben. Diese energetische Steigerung (Erstrahlung) geht periodisch so weit, daß es zu einer Verschmelzung kommt (Anziehung). Neurotisch wird es da, wo „selbstlos“ gegeben wird oder man sich sozusagen „selbst-los“ ausbeuten läßt – und genau in solchen „unegostischen“ Fällen kommt es eben nicht zur Überlagerung und vollkommenen Verschmelzung. Das, was als „selbstlose Liebe“ bezeichnet wird, ist gar keine Liebe, sondern das genaue Gegenteil: Angst, Haß und Kontaktlosigkeit. Auch hier gibt es keinen Gegensatz zwischen Reich und Stirner, sondern vollkommene Harmonie.

Siehe auch den grundlegenden Unterschied zwischen LSR und ihren sadomasochistischen Gegenspielern: LaMettrie und deSade, Stirner und Nietzsche, Reich und Freud!

Gehen wir zurück zu den ersten Menschen: Die Kernfrage des LSR-Projektes stellt sich nicht beim Steinzeitmenschen – aber nicht, weil der kein „Ich“ hat, sondern weil er kein Über-Ich hat. Trotzdem gibt es natürlich einen Gegensatz zwischen einem steinzeitlichen Schamanen und der wahren Aufklärung. Es ist der gleiche Unterschied der zwischen einem durchgeknallten Animisten und dem Funktionalisten Reich besteht. Aber das ist kein grundsätzlicher („charakter-struktureller“) Unterschied, beide sind orgastisch potent, sondern einfach einer des Wissens.

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4 Antworten to “Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 4)

  1. Peter Töpfer Says:

    „Bernd Laska bestreitet das, aber trotzdem: die Orgontheorie ist untrennbar mit LSR verknüpft.“
    => Ich bestreite das auch. „Verknüpft“ ganz bestimmt, es hängt ja zusammen, mehr aber auch nicht. Ich stimme dem Laska’schen „orgone forgone“ zu. LSR ist Post-Philosophie (oder „Paraphilosophie“, wie Laska sagt) und Post-Wissenschaft. Ich lese als Ex-Reichianer sehr gern auf Ihren wissenschaftlichen Seiten (Orgonometrie usw., da sind ja echte Weiterentwicklungen der Orgonomie dabei, Respekt!), aber es nützt ja nichts: LSR ist Post-Wissenschaft – und das ist auch gut so. Damit ähnelt das Projekt tatsächlich eher dem „steinzeitlichen Schamanentum“, freilich ohne den Firlefanz und das Brimborium.

    „… und Laska sagte irgendwo, daß Reich der einzige wirklich „natur-wissenschaftliche“ Naturwissenschaftler war.“
    => Sie meinen hier bestimmt die von Laska zitierte Aussage eines Dritten, wonach Reich „der letzte [große] Rationalist“ oder so ähnlich gewesen sei. Moment bitte, ich suche es mal heraus:

    >>Die wahre Bedeutung Reichs als „Jahrhundertmann“ hat sich gerade den Reichianern, die sich von jenen spektakulären Dingen faszinieren liessen, nicht erschlossen, weder denen, die Reich in jeweils modische ideologische Trends („68“, Selbsterfahrung, Ökologie, Esoterik, Spiritualität etc.) integrieren wollten, noch denen, die darauf beharren, dass Reich mit der „Orgonomie“ eine Superwissenschaft begründet hat. Ein (Ex-)Reichianer jedoch, der sich nach zwanzig Jahren, in denen er sich intensiv mit Reich und den Reaktionen auf ihn befasst hatte, von ihm frei schreiben wollte, hat diese Sonder-, ja Schlüsselstellung Reichs in der Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts intuitiv recht gut erfasst, wenn er schrieb: „Reich was a splendid child of Europe’s love of rationality, perhaps her last.“ (Leo Raditsa: Some Sense About Wilhelm Reich. New York: Philosophical Library 1978. p.46; Die zitierte Aussage wird von Raditsa nicht näher erläutert, steht erratisch im Text und ist wohl Ausdruck einer Intuition, die auf jahrzehntelanger Auseinandersetzung sowohl mit Reich als auch mit den Reaktionen auf Reich beruht.)
    http://www.lsr-projekt.de/wrnega.html

    • Robert (Berlin) Says:

      Dass du glaubst, wir würden denken, Reich hätte eine Superwissenschaft begründet, ist ein szientistisches Missverständnis. Als Naturwissenschaften hat er die Lebensenergie entdeckt und methodisch erforscht. Dass hätten auch viele vor ihm geschafft, wen sie nicht so gepanzert gewesen oder verfolgt worden wären.

    • Peter Nasselstein Says:

      Nein, ich meine eine andere Stelle irgendwo in den Wilhelm Reich Blättern, die ich jetzt nicht finde. Anyway, in den 1920er Jahren hat Reich, sich explizit gegen Freud stellend, gegen die Laienanalyse optiert, weil die „Geisteswissenschaftler“ zu viel Ballast (Ideologie, Über-Ich) in die naturwissenschaftliche Psychologie (die Psychoanalyse) tragen würden. Diese Haltung hat er in den 1930er Jahren bei seinen bioelektrischen Experimenten und den Bion-Experimenten weiter zugespitzt und sich sogar gegen „vorgebildete“ Naturwissenschaftler vom Kaiser-Wilhelm-Institut und der Rockefeller-Foundation gewandt. Man müsse ideologisch unvorbelastet die Natur betrachten. Sein Anspruch war es naturwissenschaftlicher als die Naturwissenschaftler zu sein, denen er im Grund „Scholastik“ vorwarf.

      Laska hat geschrieben: „Der Stirnersche Eigner seiner selbst hat durch Reichs Arbeiten klare Kontur gewonnen, sowohl was seine konkrete Gestalt angeht als auch die gesellschaftlichen Bedingungen für seine Existenz. Stirners fehlende oder ratlose Gesellschaftstheorie – von Marx und Engels zwar zu Recht kritisiert, aber nicht überwunden – wurde erst hundert Jahre später möglich: durch Reichs naturwissenschaftliche Erkenntnisse über die Möglichkeit der amoralischen individuellen Selbststeuerung, die mit sozialer Selbststeuerung nicht nur nicht kollidiert, sondern sie zur Bedingung hat – und umgekehrt“ (WRB 2/80, S. 82).

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