In diesem Buch wird das Interview, das der Psychoanalytiker Kurt Eissler 1952 mit Reich führte, dokumentiert.
Zunächst verwundert, daß das Buch keine 1:1-Übersetzung des amerikanischen Originals Reich Speaks of Freud von 1967 ist, das von Mary Higgins und Chester Raphael mit einem denkbar umfänglichen editorischen Apparat und einem überbordenden Anhang herausgegeben worden war. Warum das alles weggelassen wurde, bzw. überhaupt das es weggelassen wurde (das Buch wäre mehr als doppelt so dick!), wird von Harms mit keinem Wort erwähnt. Nicht, daß ich etwas dagegen hätte, denn wie Richard Blasband in seiner Besprechung der amerikanischen Originalausgabe (Journal of Orgonomy, 1968) hervorhob, lenkten die tatsächlich zahllosen und meist überflüssigen Fußnoten vom eigentlichen Inhalt des Gesprächs nur ab. Eissler und im Anschluß an ihn Higgins, Raphael und auch dem deutschen Herausgeber Thomas Harms drehte und dreht sich alles um Reichs Verhältnis zu Freud. Wie Blasband zu recht herausstellt, ging es Reich jedoch um etwas fundamental anderes: um sein, Reichs, Alleinstellungsmerkmal, die Genitalität. Und zwar nicht nur als Teil seines Lebenswerks, das man wohl oder übel erwähnen muß!
Bezeichnenderweise beginnt Harms etwas betulich daherkommende Einleitung mit einer Fußnote, in der er sich dafür entschuldigt, daß er in seinem folgenden Text nicht durchgehend gendert, aber natürlich jeweils immer alle „Geschlechtsidentitäten“ gemeint seien. Geschenkt, zusammen mit dem Verweis auf Reich als Vorläufer der „Körperpsychotherapien“ – die gleichfalls durchgehend auf der Negierung der Orgasmustheorie beruhen. Nicht geschenkt ist folgende vollkommen irreleitende und das gesamte Buch desavouierende Aussage. Harms beschreibt zunächst Reichs Erhebungen über die sexuelle Potenz von Neurotikern. Manche von diesen „schienen in ihrer Sexualität keinerlei Beeinträchtigungen aufzuweisen“. Korrekt, aber Harms fährt dann unglaublicherweise fort, daß dieses Ergebnis „zentralen Aussagen der damaligen psychoanalytischen Theorie“ widersprochen habe (S. 18). Das exakte Gegenteil ist der Fall! In Die Funktion des Orgasmus von 1942 erinnert sich Reich, seine psychoanalytischen Kollegen hätten darauf bestanden, daß seine Behauptung, die Genitalstörung sei für die Genese, Beurteilung und Behandlung der Neurosen von zentraler Bedeutung, schlichtweg falsch wäre (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 78). Reich hingegen insistierte: „Sollte meine Annahme zutreffen, die Genitalstörung also die Energiequelle für die neurotischen Symptome bildet, dann durfte sich kein einziger Fall von Neurose mit intakter Genitalität finden“ (ebd., S. 79, Hervorhebung hinzugefügt).
Wirkt wirr, aber dafür ist Harms verantwortlich! Also nochmals: Reich erhob (in der Psychoanalyse erstmals überhaupt) Daten über das konkrete Sexualleben der Patienten. Demnach war der Großteil der Neurotiker zwar sexuell gestört, aber nicht alle. Harms behauptet, dies widerspräche zentralen Aussagen der damaligen Psychoanalyse. „Wie kann es sein“, so fragt Harms, „daß erwachsene Menschen, die mit Angst-, Zwangs- oder anderen Persönlichkeitsstörungen in die Psychotherapie kamen, trotzdem eine intakte Sexualität aufwiesen?“ (S. 18) Das fragen jedoch nicht die Psychoanalytiker, sondern einzig und allein Reich, denn es widerspricht seiner Theorie. Deshalb hinterfragte er die Aussagen der Patienten, daß bei ihnen in sexueller Hinsicht alles in Ordnung sei, und entwickelte das Konzept der orgastischen Potenz.
Es ist im Lichte von Blasbands Analyse absolut symptomatisch, daß Harms ausgerechnet an dieser Stelle derartig ins Stolpern kommt! Uns aber Reich nahebringen wollen… „Man kann doch Fehler machen!“ Im zentralen Punkt des gesamten Buches?! In einem PSYCHOANALYTISCHEN Kontext so eine absurde Fehlleistung? Wie geht nochmal der Spruch? „Zum Glück bin ich kein Psychoanalytiker!“
Vielleicht wäre ich gnädiger, wenn Harms‘ Vorwort nicht so ungelenk und lieblos geschrieben wäre. Kennzeichnend dafür sind Stilblüten wie die folgenden beiden: „Nachdem Reich 1933 von den Nazis auf die rote Liste der politisch Verfolgten gesetzt worden war (…)“ (S. 24). „Seine therapeutischen Arbeiten nennt er, nachdem er die Orgonenergie postuliert hat – nun ‚Psychiatrische Orgontherapie‘“ (S. 26). Es lohnt einfach nicht, das alles zu kommentieren! Gut, einen habe ich noch: „Am Ende seines Lebens widmete sich Wilhelm Reich den Babys, den Schwangeren und den Eltern“ (S. 27).
Zum Abschluß nochmal das Zitat des Diplom-Psychologen (und „Körperpsychotherapeuten“ [sic!]) Harms: „Wie kann es sein, daß erwachsene Menschen, die mit Angst-, Zwangs- oder anderen Persönlichkeitsstörungen (sic!) in die Psychotherapie kamen, trotzdem eine intakte Sexualität aufwiesen?“ (S. 18) Meine Güte, Angst- und Zwangsstörungen sind keine Persönlichkeitsstörungen! Ohnehin ein Mitte der 1970er Jahre geprägter Begriff, der in diesem Kontext eh nichts zu suchen hat. Und wie heißt es drei Seiten weiter, wo Harms Reich referiert? „Anders als psychische Angst- oder Zwangssymptome wurden die Charakterhaltungen von den Patienten als Teil der Persönlichkeit erlebt“ (S. 21).
Schlagwörter: Alleinstellungsmerkmal, Angstsymptome, Babys, Charakterhaltungen, Eltern, Fehlleistung, Gender, Genitalität, Geschlechtsidentitäten, Körperpsychotherapeuten, Körperpsychotherapie, Neurotiker, Orgasmus, Patienten, Persönlichkeit, Persönlichkeitsstörungen, psychoanalytische Theorie, Schwangere, Sexualleben, Sigmund Freud, Stilblüten, Thomas Harms, Wilhelm Reich, Zwangssymptome
17. Juli 2026 um 17:15 |
Solch eine Schizo-Scheiße wird auf Orgonon präsentiert!
There’s Something Toxic About Megan Bickel’s Landscapes
Break On Through: Wilhelm Reich and Popular Culture
17. Juli 2026 um 18:16 |
Als ich das mit den Geschlechtsidentitäten las, ging bei mir schon das Licht aus. Was für ein Quatsch in einem Buch über/von Reich.
20. Juli 2026 um 06:44 |
Meine Haltung ist ganz einfach: Ich muss ihn nicht kennen. Ich brauche von diesem Verlag kein einziges Buch, ich kaufe nichts. Dann lese ich es nicht, was da natürlich „lieblos“ u. völlig falsch gesagt wird. Ich muss es nicht kommentieren u. vergifte mein Hirn nicht damit. Mein Puls geht nicht hoch. Es ist egal, was sie schrieben oder schreiben, ich interessiere mich auch nicht für Kaninchenzüchtervereine. – Und diesen Kommentar habe ich nur geschieben, um zu testen, ob ich noch Leerzeichen tippen darf …. es scheint ja wieder zu funktionieren.
20. Juli 2026 um 08:08 |
Ich empfehler wärmstens die von dem Philosophen Christian Fernandes grundlegend revidierte finale Neuauflage von Laskas Christusmord-Übersetzung!
https://psychosozial-verlag.de/programm/1200/3475-detail
20. Juli 2026 um 23:35 |
Danke Peter für den Hinweis!
Ich habe neben der 2001 Version auch die Ausgabe vom Walter Verlag (1978), in dieser „Einleitung“ fehlt der Hinweis, dass sie von B. Laska geschrieben wurde.
Ich werde mal Ausschau halten nach einem second hand Exemplar, da ich ja sofort nicht zum Lesen kommen werde.
21. Juli 2026 um 14:52 |
Lieber Peter, Susanne Doppler hat uns Ihren Beitrag zum Buch geschickt. Ich habe ihn mit Interesse gelesen.
Ich bin neben meiner Tochter Lisa Teichmann die Übersetzerin des Buches. Wir haben sozusagen das Original des Originals aus dem Reich-Archiv genommen, die Handgetippte und mit Hand korrigierte Version. Wir haben natürlich auch die von Higgins und die darauf bezogene erste deutsche Übersetzung heran gezogen und da auch einige Unterschied gefunden. Wir waren froh, dass wir das Original zur Verfügung hatten.
Ich habe ein Nachwort verfasst, das leider nicht erschienen ist. Auf meinem Blog.
https://krebscoaching.org/2026/07/19/mein-lieber-wilhelm-reich/
24. Juli 2026 um 04:26 |
Siehe auch:
https://www.hagalil.com/2026/06/eissler-reich/