Reichs phänomenologische Naturwissenschaft (Teil 1)

War die Beschäftigung des Psychoanalytikers („Psychologen“) und Sozialreformers („Soziologen“) Wilhelm Reich mit Naturwissenschaft nicht nur eine Marotte, die man nicht ernstnehmen kann?

Mit der Naturwissenschaft ist das so eine Sache. Man denke nur an all die physikalischen Halbgebildeten, die beispielsweise davon schwätzen, daß die Mondlandung unmöglich gewesen wäre, weil die Astronauten den radioaktiven Van-Allen-Gürtel durchqueren mußten. Das hätte wie ein Aufenthalt im Sarkophag von Tschernobyl tödlich verlaufen müssen! Und erst die Kälte (170 Grad unter Null) und die Sonnenhitze (130 Grad über Null) auf der Mondoberfläche hätten sie in ihren Mondanzügen unmöglich überleben können! Nun, den Van-Allen-Gürtel durchquerten sie jeweils in etwa 50 Minuten, den wirklich gefährlichen inneren Bereich in 15 Minuten, wobei die Strahlenwirkung zwar nicht gerade gesundheitsförderlich war, aber weit unter dem lebensgefährlichen Bereich lag. Und im Vakuum haben „Kälte“ und „Wärme“ eine grundsätzlich andere Bedeutung als in der dichten Erdatmosphäre. Ansonsten wäre überhaupt jede Raumfahrt unmöglich!

Das, was dem Laien mit seinem beschränkten Sichtkreis als „logisch“ erscheint, muß in der Wirklichkeit ganz und gar nicht so sein. Man kann sich ausmalen, wie sehr Naturwissenschaftler angesichts von so viel dummdreister Arroganz leiden! Gehörte Reich mit seinen außerhalb des anerkannten naturwissenschaftlichen Betriebs stehenden „orgonomischen“ Thesen nicht auch zu dieser Kategorie nerviger Ignoranz? Alles Fehlschlüsse, Fehlinterpretationen, Mißverstehen?

Als Reich 1919 und 1920 sich während seines Medizinstudiums mit „Physik für Mediziner“ herumschlug, war die Existenz des Atoms als Baustein der Materie erst frisch etabliert. Kaum anderthalb Jahrzehnte zuvor galt das Atom noch als ein voraussichtlich bald obsolet werdendes hypothetisches Hilfskonstrukt. Auch die Vorstellung, daß Elektrizität so etwas wie eine „flüssige Substanz“ ist, war erst zur Jahrhundertwende am Verschwinden. Das heißt der Triumph des konsequent mechanistischen Models, das die Welt als eine Art „Legobaukasten“ betrachtet, war noch nicht wirklich etabliert. Beispielsweise lehnte der streng phänomenologisch denkende Ernst Mach bis zu seinem Tode 1916 die physische Realität des Elektrons und des Atoms ab, da man sie nicht direkt beobachten konnte. Es handele sich bei ihrer Postulierung also um „Metaphysik“, die in der Naturwissenschaft keinen Platz haben sollte!

Reich bewegte sich in den 1930er Jahre gewissermaßen noch immer im 19. Jahrhundert, als er seine Physik mit dem „Zerstören von Materie durch Kochen und Glühen“ begann und sich auf elektrostatische Phänomene konzentrierte. Um sich in diese „altertümliche“ Vorstellungswelt hineinzuversetzen denke man nur daran, daß wir bei der Elektrizitätslehre noch immer mit Begriffen arbeiten, die auf die Dynamik von Flüssigkeiten verweisen: Ladung = Quelle bzw. Senke, Spannung = Druckunterschiede, Stromstärke = Durchflußmenge, Widerstand = Rohrverengung, Isolator = Damm.

Weit besser kann man sich den besagten Bruch zwischen der gängigen und der Reichschen Naturwissenschaft anhand der Arbeit des Berliner Internisten Friedrich Kraus vergegenwärtigen, dessen Hauptwerk Allgemeine und spezielle Pathologie der Person (Leipzig: Thieme, 1927) Reich noch im Erscheinungsjahr besprach. Der zentrale Gedanke von Kraus‘ Buch war das Konzept der „Tiefenperson“, die den unmittelbar erfahrbaren vitalen „spontan dranghaft schöpferischen“ Kern des Menschen ausmache und die, so Reich, weitgehend identisch sei mit Freuds Libido – eine Assoziation, die Kraus selbst in dem besagten Buch herstellt. Das, was Reich als Spitze der bio-medizinischen Avantgarde rezipierte, war jedoch das letzte Aufbäumen einer bio-medizinischen Wissenschaft, in der das Lebendige noch auf so etwas wie „vegetative Strömungen“ (Kraus) zurückgeführt wurde und nicht, wie seit etwa 1936 (Kraus‘ Todesjahr), alles auf biochemische Strukturen zurückgeführt wurde und langsam jene Genetik sich entwickelte, die heute die Biologie und Medizin fast ausschließlich bestimmt nach dem Muster: Software (die DNA) und Hardware (die Proteinsynthese). Es war ähnlich wie zuvor, als die einheitliche Materie und die einheitliche Elektrizität jeweils „atomisiert“ wurden!

Reichs Ausgangspunkt seiner bio-medizinischen Forschung, die Orgasmusformel (Spannung – Ladung – Entladung – Entspannung), wirkt heute vollständig absurd, da wir seit nunmehr fast einem Jahrhundert systematisch darauf trainiert werden, das Lebendige rein auf Informationsverarbeitung und das Maschinelle zu reduzieren. Beispielsweise „findet Sex im Kopf statt“ und der Rest weiter unten sei bloße Mechanik, so daß wir mit dem Begriff „das Lebendigen“ als autonomer Instanz rein gar nichts mehr anfangen können. Kraus‘ Lehre von den funktionellen Zusammenhängen und der Ganzheit des Menschen, bei der nicht nur das Plasma der einzelnen Zelle, sondern das gesamtorganismische dynamische Kontinuum dieses Plasmas und das energetische Fließgleichgewicht, das in diesem immer wieder hergestellt wird, also die Selbstregulation, eben das besagte „dranghafte Lebendige“, im Mittelpunkt stand („Syzygiologie“), wurde abgelöst von einer merkwürdig mittelalterlich wirkenden rein morphologisch orientierten statischen neuen Lehre mit den Genen als dem unveränderlichen Bauplan des Organismus. Die Nationalsozialisten waren enthusiastische Vertreter dieser Erblehre, entsprechend betrachtete Reich seine „sexualökonomische Lebensforschung“ der 1930er Jahre und die „biophysikalische Orgonforschung“ der 1940er Jahre als antifaschistischen Widerstand gegen das heraufziehende neue Mittelalter.

Gleichzeitig begann er die immer noch hydrodynamische und damit mechanische Vorstellung („Fluida“) durch eine biologische zu ersetzen mit Begriffen wie Erregung und qualitativen Umschreibungen, die dem Gefühlsleben entnommen waren. Man denke nur an Reichs Ausführungen über das ORANUR-Experiment von 1951, die dem „Hineinsehen“ in der Phänomenologie entsprechen.

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

3 Antworten to “Reichs phänomenologische Naturwissenschaft (Teil 1)”

  1. Avatar von Peter Nasselstein Peter Nasselstein Says:

    Wer Grün oder irgendeine andere verfassungswidrige Systempartei wählt, ist ein TODFEIND des Nachrichtenbriefes!

  2. Avatar von Robert (Berlin) Robert (Berlin) Says:

    da wir seit nunmehr fast einem Jahrhundert systematisch darauf trainiert werden, das Lebendige rein auf Informationsverarbeitung und das Maschinelle zu reduzieren.

    Die Psychiatrie ist leider weit zurückgefallen. Die sogenannte „Kognitive Verhaltenstherapie“ ist z. Z. der Renner, auch aus Geldgründen. Dieser Ansatz ist rein Gehirnzentriert, der Körper spielt insofern eine Rolle, als Stresshormone oder Neurotransmitter ausgeschüttet werden. Aber körperliche Muskelverhärtungen oder Atemblockaden spielen keine Rolle dabei,

  3. Avatar von Peter Nasselstein Peter Nasselstein Says:

    Nietzsches emotionaler Appell „Amor fati!“ ist identisch mit Hegels rationalistischem Satz: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig“. Für Max Stirner bedeutet Hegels Satz, daß man sich dem Existierenden beugt, weil man darin eine „alternativlose“ höhere Vernunft sieht, es gelte jedoch, so Stirner, alles Existierende als bloßes Material zu benutzen, das man verbraucht. – Bemerkenswert ist, wie Ben die Kurve hinkriegt und diesen Widerspruch zwischen Nietzsche und Stirner auflöst, denn das Emotionale, das sich seinen Gefühlen Öffnen, ist eine tiefere Ebene als die (vermeintlich) „vernünftige“ Einsicht in die Notwendigkeit.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..