Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 2)

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

I. Die Spannungs-Ladungs-Funktion: 1. Die Entdeckung der orgastischen Potenz

Von Freud wurde Anfang dieses Jahrhunderts erstmals die umfassende Bedeutung der Sexualität für die menschliche Entwicklung entdeckt. Er entwickelte den Begriff „Libido“, unter dem er einen spezifischen Sexualtrieb verstand. Dieser Trieb war jedoch selbst nicht faßbar, lediglich Triebabkömmlinge, die sich in sexuellen Vorstellungen und Affekten äußerten, konnten beobachtet werden. Freud vertrat die Ansicht, daß die psychische Energie, die Libido, eine physiologische Grundlage habe, die aber erst noch gefunden werden müsse.1

Reich beschäftigte sich schon zu Beginn seiner psychoanalytischen Tätigkeit mit Fragen nach der Herkunft und Energie der Triebe.2 Im Hintergrund seiner Arbeit stand für ihn die Frage, „ob es möglich sein könnte, den Freudschen Begriff ‚psychische Energie‘ konkret zu fassen oder gar dem allgemeinen Energiebegriff einzuordnen“.3

Bei der Behandlung neurotischer Störungen machte Reich wichtige Beobachtungen. Im Mittelpunkt des Interesses stand die Frage nach den Energiequellen der neurotischen Störungen. Angstneurosen und Neurasthenie waren nach Freud unmittelbarer Ausdruck gestauter Sexualenergie. Dagegen grenzte Freud die Psychoneurosen, insbesondere die Zwangsneurose und die Hysterie ab, in deren Mittelpunkt die Inzestphantasie und die Angst vor Beschädigung des Sexualapparats standen. Reich sah diese Grenze nicht so scharf: Auch die Psychoneurosen wiesen einen aktualneurotischen Kern gestauter Sexualerregung auf, aus dem sie ganz offensichtlich ihre Energie bezogen. Er folgerte: „Die Stauungsneurose ist eine körperliche Störung, hervorgerufen durch falsch gelenkte, weil unbefriedigte sexuelle Erregung. Doch ohne eine seelische Hemmung könnte die Sexualerregung nie falsch gelenkt werden.4

Die Bedeutung ungehinderter Sexualität für die Gesundheit der neurotischen Patienten erwies sich in der klinischen Praxis. Zwei Beispiele sollen dies verdeutlichen:5

  • Die Beschwerden eines an Zwangsgrübeln, Zwangsrechnen, analen Zwangsphantasien, gehäufter Onanie in Verbindung mit schweren neurasthenischen Symptomen, Rücken- und Hinterhauptschmerzen, Zerstreutheit und Übelkeit leidenden Studenten verschwanden, als die Aufdeckung der Onanieschuldgefühle gelungen war und der Patient mit Befriedigung onanieren konnte. Er heiratete bald und blieb gesund.
  • Ein an kompletter Erektionslosigkeit leidender Kellner blieb trotz Aufhellung der Urszene impotent. Das Bewußtmachen der Urszene, Ziel der Psychoanalyse, reichte allein zur Heilung nicht aus.

Es stellte sich bald heraus, daß die Schwere jeder Art seelischer Erkrankung in direktem Verhältnis zur Schwere der Sexualstörung steht, und daß die Heilungsaussicht und die Heilerfolge direkt von der Möglichkeit abhängen, die volle genitale Befriedigungsfähigkeit herzustellen.6 Bei Frauen beobachtete Reich in allen Fällen gestörte vaginale Befriedigung, jedoch litten nur 60 – 70 % der behandelten Männer an Impotenz. Das schien die Behauptung, Kern jeder Neurose sei nicht befriedigte Sexualenergie, zu widerlegen. Dieses Problem führte Reich zur Untersuchung der gesunden Genitalität. Die genaue Analyse des genitalen Verhaltens jenseits der Worte „Ich habe mit einer Frau bzw. mit einem Mann geschlafen“ war in der Psychoanalyse streng verpönt. Die genaue Beschreibung des Verhaltens während des Geschlechtsaktes ließ erkennen, daß die Kranken hier ausnahmslos schwer gestört sind. „Das traf vor allem auf die Männer zu, die am lautesten großsprecherisch aufzutreten pflegen, möglichst viele Frauen besitzen oder erobern, die in einer Nacht wieder und wieder ‚können‘. Es wurde eindeutig klar: Sie sind erektiv sehr potent, doch sie erleben beim Samenerguß keine Lust, geringe Lust oder sogar das Gegenteil davon, Ekel und Unlust. Die genaue Analyse der Phantasien des Aktes ergab meist sadistische oder eitle Einstellungen bei den Männern, Angst, Zurückhaltung oder Männlichkeitserleben bei den Frauen. Der Akt bedeutete für den angeblich potenten Mann durchbohren, bewältigen oder erobern der Frau. Sie wollten ihre Potenz just beweisen oder wegen der erektiven Ausdauer bewundert werden. Diese ‚Potenz‘ ließ sich durch Aufdeckung der Motive leicht zerstören. Dahinter kamen schwere Störungen der Erektion und der Ejakulation zum Vorschein. Bei keinem dieser Fälle gab es auch nur eine Spur von Unwillkürlichkeit oder Verlust der Aufmerksamkeit im Akt.“7

Diese Entdeckung führte zum Begriff „orgastische Potenz“.8 Darunter ist die Fähigkeit zur Hingabe an das Strömen der biologischen Energie ohne jede Hemmung, die Fähigkeit zur Entladung der hochgestauten sexuellen Erregung durch unwillkürliche lustvolle Körperzuckungen zu verstehen. Die Sexualerregung wird komplett abgebaut. Die volle orgastische Potenz fehlt heute bei den meisten Menschen, aber nur wenige wissen davon. „Der Begriff ‚orgastische Potenz‘ wird wirklich und als Unterschied von normaler Potenz erfaßbar nur aufgrund eigner subjektiver Erfahrung.“9

 

Fußnoten

  1. Diese Auffassung äußerte Freud z.B. in: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Frankfurt 1961. Vgl. S. 85ff.
  2. Das kommt in seinen beiden Abhandlungen „Trieb und Libidobegriffe von Forel bis Jung“ (1921) und „zur Triebenergetik“ (1923) zum Ausdruck.
  3. Reich, W., Die Entdeckung des Orgons – Die Funktion des Orgasmus, Frankfurt 1972, S. 74
  4. ebenda, S. 75
  5. Vgl. ebenda S. 69f
  6. Vgl. ebenda S. 77f
  7. ebenda S. 80
  8. der Begriff „orgastische Potenz“ ist ausführlich dargestellt in: ebenda S. 81–87
  9. Greenfield, J.: Über Probleme als „Reichianer“ in: Wilhelm-Reich-Blätter, 5/76, S. 98f
  10. Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

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