Posts Tagged ‘psychische Energie’

Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 2)

6. September 2018

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

I. Die Spannungs-Ladungs-Funktion: 1. Die Entdeckung der orgastischen Potenz

Von Freud wurde Anfang dieses Jahrhunderts erstmals die umfassende Bedeutung der Sexualität für die menschliche Entwicklung entdeckt. Er entwickelte den Begriff „Libido“, unter dem er einen spezifischen Sexualtrieb verstand. Dieser Trieb war jedoch selbst nicht faßbar, lediglich Triebabkömmlinge, die sich in sexuellen Vorstellungen und Affekten äußerten, konnten beobachtet werden. Freud vertrat die Ansicht, daß die psychische Energie, die Libido, eine physiologische Grundlage habe, die aber erst noch gefunden werden müsse.1

Reich beschäftigte sich schon zu Beginn seiner psychoanalytischen Tätigkeit mit Fragen nach der Herkunft und Energie der Triebe.2 Im Hintergrund seiner Arbeit stand für ihn die Frage, „ob es möglich sein könnte, den Freudschen Begriff ‚psychische Energie‘ konkret zu fassen oder gar dem allgemeinen Energiebegriff einzuordnen“.3

Bei der Behandlung neurotischer Störungen machte Reich wichtige Beobachtungen. Im Mittelpunkt des Interesses stand die Frage nach den Energiequellen der neurotischen Störungen. Angstneurosen und Neurasthenie waren nach Freud unmittelbarer Ausdruck gestauter Sexualenergie. Dagegen grenzte Freud die Psychoneurosen, insbesondere die Zwangsneurose und die Hysterie ab, in deren Mittelpunkt die Inzestphantasie und die Angst vor Beschädigung des Sexualapparats standen. Reich sah diese Grenze nicht so scharf: Auch die Psychoneurosen wiesen einen aktualneurotischen Kern gestauter Sexualerregung auf, aus dem sie ganz offensichtlich ihre Energie bezogen. Er folgerte: „Die Stauungsneurose ist eine körperliche Störung, hervorgerufen durch falsch gelenkte, weil unbefriedigte sexuelle Erregung. Doch ohne eine seelische Hemmung könnte die Sexualerregung nie falsch gelenkt werden.4

Die Bedeutung ungehinderter Sexualität für die Gesundheit der neurotischen Patienten erwies sich in der klinischen Praxis. Zwei Beispiele sollen dies verdeutlichen:5

  • Die Beschwerden eines an Zwangsgrübeln, Zwangsrechnen, analen Zwangsphantasien, gehäufter Onanie in Verbindung mit schweren neurasthenischen Symptomen, Rücken- und Hinterhauptschmerzen, Zerstreutheit und Übelkeit leidenden Studenten verschwanden, als die Aufdeckung der Onanieschuldgefühle gelungen war und der Patient mit Befriedigung onanieren konnte. Er heiratete bald und blieb gesund.
  • Ein an kompletter Erektionslosigkeit leidender Kellner blieb trotz Aufhellung der Urszene impotent. Das Bewußtmachen der Urszene, Ziel der Psychoanalyse, reichte allein zur Heilung nicht aus.

Es stellte sich bald heraus, daß die Schwere jeder Art seelischer Erkrankung in direktem Verhältnis zur Schwere der Sexualstörung steht, und daß die Heilungsaussicht und die Heilerfolge direkt von der Möglichkeit abhängen, die volle genitale Befriedigungsfähigkeit herzustellen.6 Bei Frauen beobachtete Reich in allen Fällen gestörte vaginale Befriedigung, jedoch litten nur 60 – 70 % der behandelten Männer an Impotenz. Das schien die Behauptung, Kern jeder Neurose sei nicht befriedigte Sexualenergie, zu widerlegen. Dieses Problem führte Reich zur Untersuchung der gesunden Genitalität. Die genaue Analyse des genitalen Verhaltens jenseits der Worte „Ich habe mit einer Frau bzw. mit einem Mann geschlafen“ war in der Psychoanalyse streng verpönt. Die genaue Beschreibung des Verhaltens während des Geschlechtsaktes ließ erkennen, daß die Kranken hier ausnahmslos schwer gestört sind. „Das traf vor allem auf die Männer zu, die am lautesten großsprecherisch aufzutreten pflegen, möglichst viele Frauen besitzen oder erobern, die in einer Nacht wieder und wieder ‚können‘. Es wurde eindeutig klar: Sie sind erektiv sehr potent, doch sie erleben beim Samenerguß keine Lust, geringe Lust oder sogar das Gegenteil davon, Ekel und Unlust. Die genaue Analyse der Phantasien des Aktes ergab meist sadistische oder eitle Einstellungen bei den Männern, Angst, Zurückhaltung oder Männlichkeitserleben bei den Frauen. Der Akt bedeutete für den angeblich potenten Mann durchbohren, bewältigen oder erobern der Frau. Sie wollten ihre Potenz just beweisen oder wegen der erektiven Ausdauer bewundert werden. Diese ‚Potenz‘ ließ sich durch Aufdeckung der Motive leicht zerstören. Dahinter kamen schwere Störungen der Erektion und der Ejakulation zum Vorschein. Bei keinem dieser Fälle gab es auch nur eine Spur von Unwillkürlichkeit oder Verlust der Aufmerksamkeit im Akt.“7

Diese Entdeckung führte zum Begriff „orgastische Potenz“.8 Darunter ist die Fähigkeit zur Hingabe an das Strömen der biologischen Energie ohne jede Hemmung, die Fähigkeit zur Entladung der hochgestauten sexuellen Erregung durch unwillkürliche lustvolle Körperzuckungen zu verstehen. Die Sexualerregung wird komplett abgebaut. Die volle orgastische Potenz fehlt heute bei den meisten Menschen, aber nur wenige wissen davon. „Der Begriff ‚orgastische Potenz‘ wird wirklich und als Unterschied von normaler Potenz erfaßbar nur aufgrund eigner subjektiver Erfahrung.“9

 

Fußnoten

  1. Diese Auffassung äußerte Freud z.B. in: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Frankfurt 1961. Vgl. S. 85ff.
  2. Das kommt in seinen beiden Abhandlungen „Trieb und Libidobegriffe von Forel bis Jung“ (1921) und „zur Triebenergetik“ (1923) zum Ausdruck.
  3. Reich, W., Die Entdeckung des Orgons – Die Funktion des Orgasmus, Frankfurt 1972, S. 74
  4. ebenda, S. 75
  5. Vgl. ebenda S. 69f
  6. Vgl. ebenda S. 77f
  7. ebenda S. 80
  8. der Begriff „orgastische Potenz“ ist ausführlich dargestellt in: ebenda S. 81–87
  9. Greenfield, J.: Über Probleme als „Reichianer“ in: Wilhelm-Reich-Blätter, 5/76, S. 98f

Der Rote Faden: Die Leninistische Organisation

28. Oktober 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

c. Rassenhygiene

d. Der Weg in den Faschismus (Berlin und Kopenhagen)

e. Der Übermensch

f. Die Untermenschen

2. Der Weg in den Kalten Krieg

a. Das rote Berlin

b. Agenten des Roten Terrors

c. Der Friedenskämpfer Nr. 1

d. Der Kalte Krieger Nr. 1

e. Der Warmduscher

3. Mentalhygiene

a. Sexpol

b. Die sexuelle Revolution in der Sowjetunion

c. Psychoanalyse und Kommunismus

d. Otto Fenichel und seine „Rundbriefe“

e. Die Leninistische Organisation

 

nachrichtenbrief59

19. August 2017

Der orgonomische Psychiater

26. November 2016

Wohin immer man schaut, in Gesprächen zwischen Männern und noch mehr in Gesprächen zwischen Frauen, in der Literatur, in Zeitschriften, im Fernsehen, in der Musik – überall geht es fast durchgehend nur um das eine, Sex. Dabei geht es eindeutig nicht um Fortpflanzung, auch wenn unsere Gene dem Trieb weitgehend eine entsprechende Form verleihen, sondern um etwas ganz anderes: die Regulierung unserer biologischen, „psychischen“ Energie. Aus keinem anderen Grund sind wir von diesem Thema derartig besessen.

Psychiater ist ein merkwürdiger Beruf. Alle anderen Ärzte haben es im Idealfall mit festumrissenen Problemen zu tun, etwa ein entzündeter Blinddarm, die man kausal angehen kann. Aber was bei schlechter Befindlichkeit tun? Natürlich beruhen nicht alle Befindlichkeitsstörungen auf einer Störung der Sexualfunktion, sondern beispielsweise auf hirnorganischen Problemen, aber doch der überwiegende Teil. Der Psychiater kann heutzutage nicht mehr tun, als Medikamente verschreiben, die den Erregungspegel senken. „Mehr Sex“ verschreiben zu wollen, wäre lächerlich, weil ja gerade die Befähigung zur Befriedigung gestört ist. Was tun?

Die Lösung liegt in der Bearbeitung der psychischen Hemmungen, die die Befriedigung unterbinden, insbesondere ödipale Verstrickungen, die mit dem Aufwachsen in der von inzestuösen Gefühlen gesättigten Atmosphäre der Kleinfamilie einhergehen. Da man das psychische Erleben nicht vom Körper trennen kann (Angst geht untrennbar mit muskulärer Kontraktion einher!), ist das direkte Angehen der muskulären Verkrampfungen der Weg, auf dem der Psychiater Symptome genauso kausal beseitigen kann, wie jeder andere Arzt auch.

Da sich alles um die Regulierung einer konkreten Energie handelt (die Funktion des Orgasmus, die durch Muskelverspannungen hintertrieben wird), kann der Psychiater erst effektiv helfen, wenn er diese Energie und ihre physikalischen Eigenschaften kennt: die von Reich entdeckte Orgonenergie. Er ist ein orgonomischer Psychiater.

Der Hintergrund der deutschen Orgonomie

1. November 2016

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Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

Der Hintergrund der deutschen Orgonomie

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel 2.d.

25. Oktober 2015

orgonometrieteil12

1. Zusammenfassung

2. Die Hauptgleichung

a. Die Auffächerung der Hauptgleichung

b. Kreiselwelle und Pulsation

c. Welle, Puls, Expansion und Kontraktion

d. Ladung und Entladung

Von Freud zu Reich (Teil 4)

20. Oktober 2015

In seinem bereits in Biologische Entwicklung aus orgonomischer Sicht diskutierten Aufsatz „Der Energiebegriff in der Bioenergetik Alexander Lowens“ (Integrative Therapie 1/88) führt Gerald Russelman aus, daß der Begriff „psychische Energie“ Mitte des 19. Jahrhunderts entstand.

Gewöhnlich neigt man zu der Annahme, daß [dieser Begriff] durch Übertragung des Energiebegriffs aus der Physik in den psychischen Bereich entstanden sei; daher müsse es als ein physische Modell angesehen werden. Obwohl diese Ansicht nicht ganz unrichtig ist, muß sie historisch gesehen doch nuanciert werden. Der Begriff Energie hatte nämlich von alters her nicht nur eine physische, sondern auch eine psychische Bedeutung. Beide Bedeutungen unterschieden sich nicht deutlich voneinander. Um etwa 1850 bekam der physische Energiebegriff eine viel schärfer umrissene Definition, als das Gesetz der Erhaltung der Energie bekannt worden war. Hierdurch entwickelte sich ein langwieriger Prozeß, in dem Schritt für Schritt die physische und die psychische Bedeutung des Energiebegriffs voneinander getrennt wurden. Auch nach dieser Trennung blieb die psychische Energie begrifflich unklar definiert.

Russelman arbeitet dann weiter heraus, daß der Begriff „psychische Energie“ vier Bedeutungen hatte:

  1. Die physisch-chemische Energie, die für die psychische Arbeit vonnöten ist.
  2. Energie, die in der Psyche vorhanden ist und nach dem Gesetz von der Erhaltung der Energie zur Physis übergehen kann, wie auch umgekehrt.
  3. Im „psychophysischen Parallelismus“ glaubte man nicht mehr an einen solchen Übergang, sondern an zwei getrennte, wenn auch aufeinander einwirkende, Bereiche, in denen je das Energieerhaltungsgesetz gilt.
  4. Der Energiebegriff wurde nur als Metapher benutzt.

Russelman behauptet, nur die erste Definition sei heute noch haltbar, während die zweite und dritte auf der „Nervenenergie“ beruhten und deshalb mit ihr zusammen widerlegt seien. Die vierte Definition sei, wenn sie heute noch benutzt wird, nur ein definitorischer, in der Wissenschaft unerlaubter, Trick, um Freuds Libidotheorie zu retten. Dieser Einwand wurde, wie bereits erläutert, von Wurmser im Detail zurückgewiesen, doch uns kann dies Problem eh egal sein, denn in der Orgonomie

geht es nicht um metaphorische oder analoge Zusammenhänge, (…) sondern um greifbare, sichtbare und lenkbare Prozesse des Lebendigen. (Charakteranalyse, KiWi, S. 519)

Zu Russelmans Einwänden gegen die zweite und dritte Definition ist zu sagen, daß Reich sowohl die psycho-physische Einheit, als auch die Gegensätzlichkeit durch die Einführung eines „dritten Faktors“ unterhalb von Soma und Psyche überwunden hat. Darüber hinaus hat Reich nie die Übermittelung von Nervenimpulsen mit der Strömung von Energie durch den Körper gleichgesetzt. Vielmehr kann, Reich zufolge,

die Übermittlung der Bio-Energie (…) nicht an die Nervenbahnen allein gebunden sein, sondern sie folgt sämtlichen Membranen und Flüssigkeiten des Organismus. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 284)

Bei diesen Formulierungen wurde Reich entscheidend durch den Direktor der Berliner Charité, Friedrich Kraus beeinflußt. Russelman sagt nun über Kraus, dieser habe unter „vegetativer Strömung“ „die osmotische Bewegung von Körperflüssigkeiten“ verstanden. Reich hätte diesen Begriff übernommen, „gab ihm aber eine eigene Bedeutung“, nämlich, so Russelman, als bio-elektrische Energie.

Das ist eine eindeutige Verdrehung durch Russelman, die er vorbringt, um seine Theorie von der Unhaltbarkeit der Reichschen Energieauffassung nicht von Kraus stören zu lassen. In Wirklichkeit fügt sich die Reichsche Auffassung nahtlos in die Theorie von Kraus ein, der geschrieben hatte:

Im Biosystem der Person sehe ich ein Erregungssystem, eine relaisartige Auslösevorrichtung, einen auf Ladung und Entladung eingerichteten Apparat.

So wies Kraus die Richtung, in der das Orgon zu entdecken war:

Wie die ganze Entwicklung der Orgonomie so deutlich gezeigt hat, gab es nur einen Zugang zur physikalischen Untersuchung des Äthers, die orgonotische Strömung im Menschen oder, anders ausgedrückt, den „Ätherfluß“‘ in der membranösen Struktur des Menschen. (Äther, Gott und Teufel, S. 170)

Reichs Selbstverständnis als Wissenschaftler (Teil 2)

12. September 2012

Über die unmögliche Position der Orgonomie im Wissenschaftsbetrieb mit ihren nur ungepanzerter Empfindung zugänglichen Ansatz schrieb Jerome Greenfield:

Ein Mann, der sich als sexuell normal betrachtet, d.h. erektiv und ejakulativ potent ist, weiß vielleicht nicht, was man mit „orgastischer Potenz“ meint und denkt, daß man übertreibt, romantisiert oder eben sexuelle Schwierigkeiten hat. Der Begriff selbst, den Reich definierte als „die Fähigkeit, den unwillkürlichen Bewegungen beim Orgasmus völlig nachzugeben sowie zur vollständigen Entladung der sexuellen Erregung am Höhepunkt des Sexualaktes zu gelangen“, dieser Begriff wird wirklich und als Unterschied von normaler Potenz erfaßbar nur aufgrund eigener subjektiver Erfahrung. Diese Dialektik trifft für viele – keinesfalls alle, möchte ich hinzufügen – Beobachtungen Reichs an Orgonfunktionen zu, die nur für relativ wenig abgepanzerte Menschen wahrnehmbar sind. Und weil Abpanzerung in unserer Kultur nicht nur endemisch, sondern weitgehend nicht als biopathische Erscheinung anerkannt ist, bedeutet das, daß große Gebiete der Lebenswahrnehmung von der allgemeinen Erfahrung ausgeschlossen sind, selten ihren Weg in die Wissenschaft finden und meist auf das Gebiet der Künste verwiesen werden, wo subjektive Wahrnehmungen eher gelten gelassen werden. (Greenfield: „Über Probleme als ‚Reichianer’“, Wilhelm Reich Blätter, 5/76, S. 96-101)

Bernd A. Laska hat den bemerkenswerten Schluß gezogen, Reich sei gewisserweise naturwissenschaftlicher als die gleichzeitige „Naturwissenschaft“ gewesen. Zur Definition dessen, was Reich als „naturwissenschaftlich“ verstanden habe, nennt Laska Stichwörter wie „rational, holistisch, konsequent diesseitig, nichtmetaphysisch“.

Nicht gemeint ist offensichtlich die Übernahme von Methoden und Prinzipien, die bei der Erforschung spezieller Aspekte des Naturgeschehens bisher verwendet wurden, nur weil sie dort erfolgreich waren. So sind Richtungen wie Psychophysik, Reflexologie oder experimentelle Psychologie, obwohl mit naturwissenschaftlichen Methoden arbeitend, im Sinne Reichs „nicht naturwissenschaftlich genug“, weil sie Funktionen isoliert erforschen und sich nicht organisch in umfassendere Theorien einfügen. (Laska: Wilhelm Reich, rororobildmono, S. 21f)

Siehe auch Siegfried Bernfelds und Serjei Feitelbergs Artikel „Über psychische Energie, Libido und deren Meßbarkeit“ (Imago, Bd. 16, 1930, S. 66-118), sowie ihr gemeinsames Buch Energie und Trieb – Psychoanalytische Studien zur Psychophysiolgie (Wien 1930) und die daran anschließenden Diskussionen im Imago und der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse.

Diese Art von „Naturwissenschaft“ war für Reich Anathema. Übrigens begann Reich als strenger materialistischer Mechanist, der es noch 1922 ablehnte, Libido in quantitativen Begriffen aufzufassen, wie es die Physik bei der Energie tut (Frühe Schriften, S. 162).

Von dem Adlerianer Thomas Kornbichler, Autor der Studie Wilhelm Reich – Enfant terrible der Psychoanalyse, wurde Reich dessen „Szientismus“ vorgeworfen. Reich habe den „psychoanalytischen Szientismus“ auf die Spitze getrieben. Sein naturwisenschaftliches Weltbild sei rationalistisch und biologistisch gewesen, ein „enges Korsett, in das er die Fülle des ganzen Lebens einzuzwängen versuchte“ (Berlin 1989, S. 13).

Hingegen wurde Reich 1927 von Eugen Bleuler gelobt:

Zum Unterschied von manchen neueren Arbeiten der Freudschüler verlegt sich R. nicht nur aufs Behaupten, sondern er sucht, wenigstens im Hauptteile, ernstlich Beweise zu geben, die allerdings mit den nicht untersuchten Grundbegriffen der Psychoanalyse stehen und fallen. (z.n. in Wilhelm Reich Blätter, 3/80, S. 155)

In die gleiche Kerbe schlug 1928 Arthur Kronfeld:

Wenn auch Einzelbeobachtungen und Erklärungsversuche – oft etwas schematisch und konventionell – in die Sprache der Libidotheorie gekleidet sind, so ist doch das Bestreben des Verfassers rühmlich, jede Formulierung kasuistisch zu belegen und alle spekulativen Formulierungen zu vermeiden. (…) Er warnt, namentlich gegen Rank gerichtet, vor methodisch ungenauem Deuten, das häufig von „einer bloßen Analogie auf Identität“ schließt, und ist ständig sorgsam bemüht, das wirklich Tatsächliche über seine Probleme zusammenzutragen. (ebd., S. 156)

Im Gegensatz zu Freud verstand sich Reich immer als Arzt, nicht als Psychologe. Während Freud in seinen Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse hervorhob, die Psychoanalyse unterscheide sich von den „anderen“ ärztlichen Disziplinen dadurch, daß das Hören und das Wort im Mittelpunkt stehen und in der normalen ärztlichen Ausbildung alles auf den direkten Augenschein ausgerichtet sei (Fischer Taschenbuch, 1992, S. 14f), legte Reich grade auf diesen unmittelbaren Augenschein aller höchsten Wert.

Reich schaute den Patienten an, während Freud dem Patienten nur zuhörte. Reich faßte den Patienten an, während Freud nur durch Worte intervenierte. In diesem Sinne war Reich ein weit konventionellerer Arzt als Freud. Freud beklagte, daß das Medizinstudium den angehenden Psychoanalytiker vom Kern der Psychoanalyse wegbringe und stattdessen biologisch, anatomisch, chemisch und physikalisch indoktriniere (ebd. S. 18f). Reich sah grade in dieser spezifisch ärztlichen Sichtweise die Grundvoraussetzung einer erfolgreichen Anwendung der Psychoanalyse (siehe die damalige Diskussion zur Laienanalyse).

Übrigens hat Reich als Student verlangt, daß die Prüfungen verschärft werden, „indem an die Kandidaten Anforderungen höchsten Ausmaßes gestellt werden, durch Einführung von obligaten, strengen und recht häufigen Kolloquien“ („Zwei kaum bekannte Arbeiten des jungen Reich“, Wilhelm Reich Blätter, 2/80, S. 58-66).

Bernd A. Laska hat den Vorwurf, Reich hätte sich nicht mit seinen Berufskollegen, d.h. anderen Wissenschaftlern auseinandergesetzt, zurückgewiesen und darauf verwiesen, daß man sich nur die Jahre bis zu Reichs Ausschluß aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung anschauen müsse: es sei geradezu umgekehrt gewesen (Laska: Wilhelm Reich Blätter, 3/81, S. 139).

Dazu auch Freud über seine eigenen Erfahrungen:

Mir schien es (…), als ob die sogenannte wissenschaftliche Polemik im ganzen recht unfruchtbar sei. Abgesehen davon, daß sie fast immer höchst persönlich betrieben wird.

Freud weiter:

Sie werden nun gewiß urteilen, daß eine solche Ablehnung literarischer Diskussion einen besonders hohen Grad von Unzugänglichkeit gegen Einwürfe, von Eigensinn oder, wie man es in der liebenswürdigen wissenschaftlichen Umgangssprache ausdrückt, von „Verranntheit“ bezeugt. Ich möchte Ihnen antworten, wenn Sie einmal eine Überzeugung mit so schwerer Arbeit erworben haben werden, wird Ihnen auch ein gewisses Recht zufallen, mit einiger Zähigkeit an dieser Überzeugung festzuhalten. Ich kann ferner geltend machen, daß ich im Laufe meiner Arbeiten meine Ansichten über einige wichtige Punkte modifiziert, geändert, durch neue ersetzt habe, wovon ich natürlich jedesmal öffentlich Mitteilung machte. Und der Erfolg dieser Aufrichtigkeit? Die einen haben von meinen Selbstkorrekturen überhaupt nicht Kenntnis genommen und kritisieren mich noch heute wegen Aufstellungen, die mir längst nicht mehr dasselbe bedeuten. Die anderen halten mir grade diese Wandlungen vor und erklären mich darum für unzuverlässig. (Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, S. 235)

Freud sagt dann noch: „An den grundlegenden Einsichten habe ich bisher nichts zu ändern gefunden und hoffe, es wird auch weiterhin so bleiben“ (ebd. S. 236). Er führt die „allgemeine Auflehnung“ gegen die Psychoanalyse auf die „dritte Kränkung“ zurück, die nach Kopernikus und Darwin die Menschheit durch ihn, Freud erlitten habe (ebd. S. 273f). Reich hat diese Kränkung auf die Spitze getrieben: