
Peter Nasselstein: Orgasmusfunktion und Arbeitsdemokratie: 1. Wilhelm Reich, d. Freuds Kampf gegen Reich
Schlagwörter: Albert Camus, Alfred Adler, C.G. Jung, Franz Anton Mesmer, Freud, Funktion, Funktionalismus, Geburtstraumata, Gemeinschaftsgefühl, Ich-Triebe, Jenseits des Lustprinzips, Libido, Lust-Ich, Materialismus, mechanistische Wissenschaft, Mesmerismus, natürliche Anlagen, Nietzsche, Nirvanaprinzip, Orgasmus, Partialtriebe, Perversionen, Philosophie des Als-Ob, Prägenitalität, Psychoanalyse, Rassismus, Real-Ich, Schopenhauer, Selbsterhaltungstrieb, Sexualtheorie, Sisyphos, Todestrieb, Todestriebtheorie, Triebe, Triebtheorie, Wiederholungszwang, Wilhelm Reich, Wille zur Macht
29. Mai 2010 um 09:03 |
Wird das normale Sexualleben behindert, kommen Perversionen zum Vorschein. Die Psychoanalyse ist an diesen Perversionen interessiert (ihr Ursprung, ihre Verknüpfungen, ihr Aufbau, etc.), während für Reich all dies uninteressant war.
Der große Unterschied zwischen der Psychoanalyse und der Sexualökonomie besteht darin, dass die erstere weder weiß, was gesundes Sexualleben und sexuelle (biologische) Normalität ist, noch wie man Perversionen objektiv definiert. Freuds Idee der Abweichung von der Fortpflanzung dürfte nicht ganz ausreichen.
Desweiteren ist der Zweck des Orgasmus der Psychoanalyse auch fremd und sonderbar und es schießen die Spekulationen ins Kraut, wie von der reinen Entladung der Samenflüssigkeit bis zur Vermischung der Partialtriebe.
21. Juni 2015 um 16:20 |
Ist dies der richtige Ort therapeutisch komplexe Fragen in der Theorie in einem Medium wie das Internet (im Blogg) zu diskutieren?
Soll hier gezeigt werden, dass Reich ein anderes oder gar besseres Verständnis habe als Freud? Die Frage nach dem Zweck drängt sich mir auf, wenn ich diese Zeilen lese.
Auf der anderen Seite – und dies wird man mir wieder als „gemein“ auslegen, obwohl es beschreibend gemeint ist – ist in Bakers Buch die Darstellung gleichfalls rudimentär. In wenigen Sätzen werden wichtigste Zusammenhänge zudem in vereinfachter Sprache dargestellt Dies macht die Inhalte eingängig, bietet aber keinen Anhaltspunkt zur tiefen Reflexion, da eben alles schon klar und vermeintlich „richtig“ dargestellt sei. (Raphael hat diesen Mythos in seiner Antwort entsprechend aufgedeckt.)
Kommen wir zum Inhalt der Aussage:
„Reich betrachtete das Triebhafte als Ausdruck der Lustsensation, nach Wiederholung zu verlangen. Der „Wiederholungszwang“ setze sich im Bereiche des Lustprinzips besonders machtvoll durch („Zur Triebenergetik“, Frühe Schriften I , siehe auch den betreffenden Hinweis in seinem Aufsatz „Über die Quellen der neurotischen Angst“ Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, XII(3), 1926, S. 423). Der „Wiederholungszwang“ bedeutete für Reich also das genaue Gegenteil als für Freud.“ (PN, s.o.)
Reichs „Wiederholungszwang“ (ich habe nicht geprüft, ob er dies so benannt hat) bedeutet etwas anderes als der von Freud. Hat Reich hier einen Begriff oder ein Konzept von Freud umgedeutet? Oder will er es als neuere Erkenntnis ersetzen? Soll dies zeigen, dass die Orgontherapie (die zu der Zeit noch nicht existierte, daher müssen wir von Sexualökonomie sprechen) psychische Prozesse und Phänomene anders deute oder bearbeite?
Oder klärt Reich hier etwas über den psychischen Prozess auf? (Hinweis auf „… Quellen der neurotischen Angst“)
Viele Fragen, die in zwei Sätzen nicht beantwortet werden (können).
Also beginne man bei der Definition von Freud (die zu finden schon schwierig genug sein wird) zum „Wiederholungszwang“: Gemeint ist die „Übertragung“ in Therapie und Alltag, die diesem unterliegt. Was mit Übertragung gemeint ist, setze ich voraus.
Benutzt Reich dieses Wort nun in gleichem Zusammenhang? (Bei Baker muss man sich das auch immer fragen, wenn er psychoanalytische Begriffe beleiht.)
Wie oben dargestellt (Zur Triebenergetik) bezieht Reich den „Wiederholungszwang“ auf das „Lustprinzip“ (Terminus von Freud, die Bedeutung dessen setze ich ebenso voraus). Lustprinzip und Übertragung sind nicht identische Prozesse. Damit hätte Reich das Thema – streng genommen – verfehlt. [Und ich habe nicht überprüft, ob dem so ist.]
Welchen Sinn macht der „Wiederholungszwang von Reich“ für die Sexualökomomie? Er ist begrifflich durch lockere Assoziation – psychoanalytisch gesprochen – entstanden; orgonomisch gesprochen, wäre er durch analogisieren entstanden und mit dem CFP in begründet worden.
Reich bewegt sich demnach schon in den frühen Schriften jenseits der Psychoanalyse. Er kreiiert eine eigene Sichtweise des Widerholungszwanges im neuen Kontext als der Sexualenergie zugehörig, die wiederkehrend als Trieb drängen muss. (Freuds Dampfkessel Analogie). Für die Übertragung und ihre Entstehung bringt das keine Erhellung. – Inhaltlich ist dies also nicht sinnstiftend, zumindest ist dieser hier noch nicht erkannt.
Bleibt die Frage nach der persönlichen Übertragung von Reich zu Freud. Ist der Sinn einer solchen Auseinandersetzung mit Freud als Vaterfigur für Reich eine ödipale Abgrenzung? Unterliegt Reich nicht dem Wiederholungszwang seines Charakter-Musters? Solche Interpretationen helfen nicht inhaltlich einer theoretischen Auseinandersetzung und würde die Frage aufwerfen, was das Motiv für die Enstehung der „Sexualökonomie“ war und aller folgenden Theorien bis hin zur „Orgontheorie“? – Ist dies ein neurotischer Wiederholungszwang? Und damit dieser in der Sexualökomie/ Orgonomie nicht auffallen werde, wurde er schon früh uminterpretiert.
Dies mag jetzt schon als „Psychologisieren“ anmuten, ist jedoch noch zu verankern in der Praxis des Charakteranalysierens.
Abschließend noch ein inhaltlicher Hinweis zum Wiederholungszwang bei Reich (1933) gegeben: Die Entdeckung und Definition des Charakters bei Reich (und anderen) birgt das Thema des Wiederholungszwanges in sich, sie kann (danach und) heute nicht mehr nach dem Lustprinzip folgend mit einem wiederkehrenden Aufbau von Sexualenergie verwechselt werden.
21. Juni 2015 um 18:25 |
Wiederholungszwang ist nicht gleich Übertragung, sondern, so Freud in JENSEITS DES LUSTPRINZIPS: „Angesichts [von] Beobachtungen aus dem Verhalten in der Übertragung […] werden wir den Mut zur Annahme finden, daß es im Seelenleben wirklich einen Wiederholungszwang gibt, der sich über das Lustprinzip hinaussetzt. Wir werden auch jetzt geneigt sein […] den Antrieb zum Spiel des Kindes auf diesen Zwang zu beziehen.“ Wer wird nicht wahnsinnig, wenn er beobachten muß, wie Kinder immer und immer wieder monoton das gleiche tun?! Karl Blüher und, ich glaube, Erik Erikson interpretierten dieses Verhalten schlicht als Funktionslust.
22. Juni 2015 um 01:21 |
Danke für das passende Zitat.
Den Spieltrieb zum Zwang zu erklären, sehe ich als Fehlleistung von Freud an. – Den Rest lese ich lieber in Ruhe mal nach, um nicht nur vorläufige Einfälle zu produzieren.
Den letzten Absatz im letzten Kommentar hier kann man streichen oder korrigieren:
„Abschließend sei noch ein inhaltlicher Hinweis zum Wiederholungszwang bei Reich (1933) gegeben: Die Entdeckung und Definition des Charakters bei Reich (und anderen) birgt das Thema des Wiederholungszwanges in sich, dieser kann (nach 1933 und) heute nicht mehr – nach dem Lustprinzip folgend – mit einem wiederkehrenden Aufbau von Sexualenergie gedeutet werden.“