Posts Tagged ‘Materialismus’

Orgonomie und Metaphysik (Teil 50)

3. April 2022

Die medizinischen Orgonomin Barbara G. Koopman verließ Ende der 1980er Jahre die organisierte Orgonomie wegen Unstimmigkeiten über die Natur des Bewußtseins. Später landete sie, wie bereits erwähnt, bei dem russischen „Geistheiler“ Nicolai Levashov, dem sie kurz vor ihrem und dann seinem Tod ein Vermögen hinterließ.

Ihre orgonomischen Kollegen beharrten auf der Reichschen Auffassung, daß Bewußtsein eine Funktion der Wahrnehmung ist, wie jeder beim Einschlafen und Aufwachen unmittelbar erfahren kann, während Koopman die Auffassung vertrat, daß Wahrnehmung eine Funktion des Bewußtseins ist. Materialismus stand gegen Idealismus.

Die letztere Auffassung entbehrt nicht einer gewissen Logik, denn es muß doch etwas da sein, was wahrnimmt, bevor überhaupt von Wahrnehmung gesprochen werden kann!

Nun, es ist die Logik des Mechano-Mystizismus. Um diese Scheinlogik zu durchschauen, betrachte man etwa die Phylo- und Ontogenese des menschlichen Organismus. Ich verweise auf die Ausführungen von Hans Hass in seinem Buch Wie der Fisch zum Menschen wurde, wo es darum geht, daß fast alles im menschlichen Organismus vorher ganz anderen Aufgaben diente und es teilweise zu mehreren Funktionsumwandlungen kam, bevor ein Organ seine heutige Funktion ausführte. Allein schon dieses eine Buch beweist, daß es „Gott“, d.h. eine alles planende und überwachende Instanz nicht gibt.

Aber trotzdem sich der Organismus aus Einzelfunktionen zusammensetzt und die biologische Entwicklung auf eine ständige chaotische Improvisation hindeutet, ist das Endprodukt doch ein Gebilde wie aus einem Guß: ein perfektes energetisches Orgonom, in dem die Bewegung der kosmischen Orgonenergie nicht nur im Gesamtorganismus, sondern auch in fast allen Organen und Organgruppen eingezeichnet ist. Eine wunderbare Symphonie! Nur wer hat sie komponiert? Von daher ist es kein Wunder, daß man immer wieder einen „göttlichen Plan“ in dem wahrhaftig gottgleichen Wesen „Mensch“ wiedererkennen wollte: Wir sind das Ebenbild Gottes!

Was wie ein immanenter Widerspruch aussieht, ist ganz und gar keiner, wenn man funktionell denkt. Hans Hass hat gezeigt, daß das Ziel („Mensch“) nicht die Funktionen bestimmt, sondern umgekehrt die Funktionen sich erst durch viele Umwege und Sackgassen hindurch entwickelt haben mußten, bevor man schließlich den Menschen am Horizont erahnen konnte. Man organisiere den Körperbau eines Schimpansen nach dem Goldenen Schnitt und man kommt dem Menschen schon recht nahe! Siehe dazu meine Ausführungen in Biologische Entwicklung aus orgonomischer Sicht.

Es ist wie mit der Arbeitsdemokratie, etwa beim Hausbau. Myriaden Funktionen müssen zusammengreifen, die fast alle jeweils eine lange und verwickelte Geschichte haben und ursprünglich meist nichts mit dem Hausbau zu tun hatten. Der Architekt muß sich nach den vorgegebenen Materialien mit all ihren Beschränkungen und den Umweltbedingungen ausrichten, – so daß fast jedes Haus gleich aussieht. Trotzdem ist es Unsinn, ist es eine grandiose Fehleinschätzung, eine Art „Platonische Idee“ namens „Haus“ zu vermuten.

Der Witz ist, daß auf dieser kindischen Idee unsere Sprache und damit unser ganzes Denken beruht. Solange wir nicht Opfer „dekonstruktivistischer Architekten“ werden, erkennen wir Häuser, indem wir das jeweilige Objekt unbewußt mit einer Art „Urhaus“ abgleichen, das dem Wort „Haus“ entspricht.

Ganz ähnlich ist es mit dem „Bewußtsein“ bestellt. Myriaden von Teilwahrnehmungen finden zueinander, bis schließlich „jemand“ hinzutritt, der bewußt wahrnimmt. Unvermittelt haben wir einen „Geist“ vor uns, der, ähnlich dem „Platonischen Haus“, „an sich“ da ist, den Körper verläßt und sogar dessen Tod überlebt. Ein überweltliches kleines „Männlein“, das „wahrnimmt“ und ohne das es keine „Wahrnehmung“ gäbe.

Dieses „Bewußtsein“ ist nichts anderes als das einheitliche Funktionieren des energetischen Orgonoms, wie oben angedeutet. Das einheitliche Funktionieren ist der Kern unserer Existenz als Wesen mit einer Identität und Würde. Von daher ist der Idealismus uns wesenseigen, genauso wie er unserer Sprache wesenseigen ist, d.h. aber noch lange nicht, daß er der objektiven Wahrheit entspricht.

Ich werde oft gefragt, was die ganze „Orgonometrie“ eigentlich soll. Sie hilft uns, ähnlich der Mathematik, uns von den Platonischen Fesseln der Sprache zu befreien und trotzdem logisch zu denken. (Der Unterschied zur Mathematik ist die Berücksichtigung qualitativer Faktoren.) Insbesondere rettet sie uns vor den Fallstricken des Mystizismus, ohne daß wir mechanistischen Platitüden verfallen, die zu Recht niemanden wirklich überzeugen können.

Um zum Anfang zurückzukehren: Auf einer oberflächlichen, pragmatischen Ebene ist es so, daß Wahrnehmung eine Funktion des Bewußtseins ist. Nietzsche würde sagen, daß uns das Leben selbst diese Sichtweise aufzwingt. Doch aus einer tieferen, bioenergetischen Sichtweise, d.h. wenn wir die Dinge als Wissenschaftler betrachten, d.h. sozusagen „neben das Leben“ treten, dann erkennen wir, daß Bewußtsein eine Funktion der Wahrnehmung ist.

Orgonomie und Metaphysik (Teil 19)

20. Dezember 2021

Die Heil-Methode der Geistheilung ist etwas, das auf einem einfachen psychologischen Mechanismus beruht. „Eine genuine ‚Wunderheilung‘ bedeutet einfach, daß es sich dabei um eine Stimulierung biologischer Energie des autonomen Nervensystems gehandelt hatte“ (Myron Sharaf: „Die erste Orgonomische Konferenz auf Orgonon vom 30. August bis 3. September 1948“ Internationale Zeitschrift für Orgonomie I(1), April 1950, S. 36). Bereits in den 1920er Jahren finden sich ähnliche Aussagen Reichs, der sich damals intensiv mit Suggestion als Heilmethode auseinandersetzte!

Gemeinhin wird von „Geistheilern“ zu Beginn die unbedingte Überzeugung vermittelt, daß die Methode auf jeden Fall wirkt. Es heißt nicht etwa: „Versuchen wir es mal, vielleicht klappt es ja, aber dazu müssen Sie mitarbeiten“, sondern es wird der Eindruck vermittelt, daß es unfehlbar immer wirkt und so wird der Patient perfekt konditioniert. Sagt der „Patient“, daß er nicht an die Methode glauben würde und sich fürchte, sich unbewußt gegen die Heilung zu sperren und diese dergestalt vielleicht zu hintertreiben, antwortet der „Therapeut“: „Das macht gar nichts, die Methode wirkt unabhängig von Ihrer Einstellung.“ Dies, die Unterlaufung jedes Widerstandes, ist die perfekte Methode, einen Placebo-Effekt zu provozieren, d.h. die besagte Stimulierung des Körperorgons. Hinzu kommt das ganze Umfeld: mystisches Geraune und Geschichten über einen geheimnisvollen Wundermann im Hintergrund.

Als nächster Schritt wird dann der durch den Placebo-Effekt praktisch überzeugte „Patient“ langsam in die Gedankenwelt des Geistheilers hineingezogen, so daß es ein sich selbsterhaltender Prozeß wird, d.h. man ist schließlich auch dann davon überzeugt, wenn Effekte schließlich ausbleiben, was praktisch immer der Fall ist. Am Ende steht dann die finanzielle Ausbeutung, indem man in ein teures Kurssystem hineingezogen wird. Unterstützt wird dies dann auch noch durch eine hohe Ethik: „Ich nehme kein Geld für eine Behandlung, die auf reiner Liebe beruht.“ Wieder wird jeder Widerstand unterlaufen. Der Weg aus dieser Guru-Sekte ist unmöglich, denn erstens gibt es die positiven unleugbaren Anfangserfahrungen und zweitens wird sich niemand eingestehen, daß er soviel Lebenszeit und vor allem (trotz aller gegenteiligen Beteuerungen) Geld für solch einen offensichtlichen Quatsch verschwendet hat. So wird gerade die Absurdität des Systems zu einer seiner Hauptstützen.

Letztendlich darf man auch nicht vergessen, daß die Esoterik all das in perfekter Weise verspricht, wonach sich der Kleine Mann sehnt: übermenschliche „kosmische“ Bedeutung der eigenen Person und die anstrengungslose Lösung aller Probleme, aller Schmerzen und aller Unsicherheit.

Dabei möchte ich einen gewissen orgon-energetischen Effekt der „Spiritualität“ auf den Gläubigen nicht ganz von der Hand weisen: „Von Eduard Zeller erzählte Steiner die Anekdote, daß dieser noch als Neunzigjähriger in Berlin ‚mit ungeheurer Lebhaftigkeit‘ habe dozieren können, weil er, da nicht Materialist, nicht verkalkte, während ein siebzigjähriger Kollege, der nur Gedanken gehabt, ‚die im Materialismus drinnen stecken‘ Arterienverkalkung bekam“ (Friedrich Heyer: Anthroposophie – ein Stehen in höheren Welten?, Friedrich Bahn Verlag, Konstanz, 1993, S. 109).

Ergänzung zu „Reichs Gründe der Abkehr von der Tagespolitik (Teil 8)“ (Teil 1)

19. Juli 2021

In Teil 8, Fußnote 7 schreibt Robert Hase, Reich beziehe sich bei seiner Äußerung über seine funktionelle Methode, die in Studien zur Wahrnehmung ihre Wurzeln habe, u.a. auf den Naturphilosophen Hans Driesch. Der Zusammenhang mit Driesch war mir nicht recht einleuchtend. Soweit ich das überblicke, erwähnt Reich in dem Text Driesch nirgends. Auch erwähnt er Driesch nicht in Äther, Gott und Teufel, sondern u.a.: Albert Lange, Henri Bergson, Richard Semon und Friedrich Engels.

Inzwischen hat mich der Autor darauf hingewiesen, daß Reich sich in Die Funktion des Orgasmus (Fischer TB, S. 28) auf Driesch bezieht, außerdem verweist Hase auf Driesch‘ Buch Alltagsrätsel des Seelenlebens. Beim Googeln stößt man auf folgendes zu diesem Buch: „Hans Driesch, Schüler Ernst Haeckels, gilt als Neubegründer der vitalistischen Lehre. Ausgehend von Problemen der Psychophysik, behandelt er hier alltägliche Erscheinungen wie Wahrnehmung und Erinnerung, wobei sich immer wieder Beziehungen zu parapsychologischen Phänomenen ergeben.“

Friedrich Albert Lange hatte in seiner Geschichte des Materialismus dargelegt, daß der Materialismus erstens die einzig vertretbare, ernstzunehmende, wissenschaftliche Annäherungsweise an das Verstehen der Wirklichkeit sei, andererseits aber Wahrnehmung, Bewußtsein und Gefühlsleben, also das „Innenleben“ und was daraus als Kultur und Wissenschaft hervorgeht (das „Geistesleben“), nicht mal annäherungsweise erklären kann, da es von den Atomen im leeren Raum (Materialismus) zum Bewußtsein keinen denkbaren Schritt gibt. Bei Lange lernte Reich, daß es eine (buchstäbliche!) Lücke in der Wissenschaft gibt, die zu füllen er zu seiner Lebensaufgabe machte. (Siehe auch Reichs Ausführungen über Kant und „das Ding an sich“ in Äther, Gott und Teufel.)

Hierher, zu der von Lange aufgezeigten Problematik, gehört auch Driesch, der mit seinem „Vitalismus“ zeigte, daß das Lebendige nicht als Maschine (wieder die Atome!) erklärt werden kann. Anders als der Kantschüler Lange flüchtete Driesch jedoch kurzschlußartig in den Mystizismus, der so gut wie nichts erklärt; ein billiger Schritt, den Reich vermeiden wollte. Dazu wurde er durch die Denkweise von Lange und etwa Friedrich Engels befähigt.

Driesch‘ Vitalismus gemahnt natürlich an Henri Bergsons „Lebensschwung“ (Élan vital). Bergson hat zwar die Welt der Atome nicht geleugnet, aber darauf bestanden, daß das Innenleben und das Lebendige eine eigene Sphäre bilden, die nach eigenen unmechanischen Gesetzmäßigkeiten abläuft. Beispielsweise kann man das Phänomen Erinnerung, und daß man imgrunde nichts wirklich unwiederrufbar vergißt, auf keinen Fall materialistisch erklären. Das ist mit dem Gefühl der „Dauer“ verbunden, d.h. der Kontinuität des Zeitablaufs. Google sagt: „‘Dauer ist das Unteilbare und Substantielle.‘ Die Dauer, die wirkliche Zeit, ist als eine unteilbare Kontinuität von Veränderung zu denken: Die Dauer ist somit die unteilbar wahrgenommene Zeit.“ Imgrunde wollte Bergson die Integrität des „Inneren“ und Organischen, das organisch Zusammenhängende, gegen die Zumutungen der teilenden, punktuellen („leeren“, „atomistischen“) mechanischen Welt wahren. Reichs Funktionalismus ist letztendlich der Versuch diese beiden unvereinbaren Welten zu vereinigen, ohne mystisch oder mechanistisch zu werden. Siehe dazu seine entsprechenden Ausführungen in Äther, Gott und Teufel.

Folgendes Interview mit dem Physiker Thomas Campbell beschreibt sehr schön, wie Driesch und Bergson, mit Vorbehalten vielleicht Lange heute ungefähr argumentieren würden. Es geht dabei vor allem um Quantenmechanik. (Die weltweit mit Abstand beste Einführung in dieselbe findet sich hier.) Besonders gut hat mir Campbells Gedankenfolge gefallen: Bewußtsein = Wahrnehmung plus Entscheidung fällen, Entscheidungen könne man aber nur treffen, wenn die Zeit real und fundamental ist. Auch wie das Campbell mit Entropieabnahme in Zusammenhang bringt…

Der Rest des Videos mit „Urknall“, Parapsychologie, daß wir in einer sich entwickelnden Simulation leben, bzw. (dreidimensionale) World of Warcraft-Figuren auf einem Bildschirm sind und mit unserem Bewußtsein auf die zentrale „Datenbank“ zurückgreifen können, zeigt mal wieder zu welchen extremst mechanistischen und gleichzeitig mystischen Konsequenzen jede Wissenschaft führen muß, die den Kontakt zum Leben, letztendlich der Lebensenergie verloren hat. Allein schon der absurde Gedanke, daß World of Warcraft-Figuren Quantenmechanik betreiben und so auf die Natur der Realität stoßen… Campbell stößt in der Quantenmechanik auf das, was Geist ist, erklärt diese Anomalie aber als Ausdruck einer Simulation. Mechanistischer kann man kaum denken. Reich ist von einer ganz ähnlichen, den damaligen Verhältnissen und Erkenntnissen entsprechenden, mechano-mystischen Weltsicht ausgegangen, wie sie das obige Video für heute repräsentiert. Sozusagen die „Welt als Wille und Vorstellung“ (Schopenhauer hat Reich damals auch gelesen).

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