Deutschland und die Emotionelle Pest (Teil 33)

Es hat etwas Befriedigendes, am Anfang einer Biographie über Joseph Goebbels (Narziß Goebbels. Eine psychohistorische Biographie) Reich zitiert zu sehen.

Im ersten Kapitel geht es um jene Gruppe, aus der Goebbels entwachsen ist und die die Hauptstütze des Nationalsozialismus war: das Kleinbürgertum, das durch den Untergang des Wilhelminischen Deutschland sich gezwungen sah, die sie tragenden gesellschaftlichen Strukturen so weit wie möglich aufrechtzuerhalten. Dazu diene insbesondere die Aufrechterhaltung der gewohnten Feindbilder.

So steht [das Kleinbürgertum] den Vertretern des Großkapitals feindlich gegenüber, und zwar als unbewußte Wahrnehmung der ökonomischen und damit auch der sexuellen Freiheit, wie Wilhelm Reich darstellt, weshalb es Adolf Hitler und Joseph Goebbels später ein Leichtes sein wird, aus einem latenten einen massiv-aggressiven Antisemitismus in der Bevölkerung aufzubauen. (S. 18)

Reichs Analyse fassen die Autoren wie folgt zusammen:

Eine politisch-gesellschaftliche Diktatur, wie der Nationalsozialismus sie darstellt, gründet ihr Fundament auf Begriffe wie Reinheit, Ehre, Pflicht, Tapferkeit und Disziplin, wodurch ein vermehrter Druck auf die zwangsmoralischen gesellschaftlichen Vorstellungen ausgeübt wird. Da diese permanente sexuelle Selbstbeherrschung und die Angst vor der eignen Sexualität den Kleinbürger überfordern, entsteht eine Führersehnsucht, um die eigene individuelle (und damit auch sexuelle Verantwortung) abzugeben, womit die Strukturlegung für den reaktionären Menschen gegeben ist. (S. 19)

Reich hält Hitlers Persönlichkeit, oder gar die eines Goebbels, für vollständig nebensächlich und denkbar uninteressant. Ihm ging es darum, wie die Massen auf solche Knallchargen haben hereinfallen können. Die Frage ist demnach: Was geht in den Massen vor?

Daß [die] Massenorganisierung gelang, lag an den Massen und nicht an Hitler. Es lag an der autoritären, freiheits-ängstlichen Struktur der Menschen, daß seine Propaganda Wurzeln fassen konnte. Daher kommt das, was an Hitler soziologisch wichtig ist, nicht aus seiner Persönlichkeit, sondern aus der Bedeutung, die er von den Massen bekommt. (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 57)

Es geht darum, ob die Massen ihr Leben selbst in die Hand nehmen oder irgendeinem „Sozial-Demokraten“ folgen, weil der ihnen verspricht, er werde sie an die Hand nehmen und sie „betreuen“. Es geht um die Übernahme von Eigenverantwortung.

Die Grundlage von Eigenverantwortung ist der ungehinderte „psychische“ Kontakt mit seiner Umgebung. „Psychohistorie“, wie sie in immer neuen Büchern über die Nazi-Größen zelebriert wird, verlagert jedoch die Energie ins Gehirn („Grübelei“, „Logelei“) und verstärkt dadurch die Kontaktlosigkeit des Lesers. (Sie ist in etwa mit dem Marxismus vergleichbar, dessen „Analysen“ den gleichen blöde machenden Effekt haben. Kein Wunder, daß Psychoanalyse und Marxismus bei „Intellektuellen“ so beliebt sind!)

Und dann ist da etwas, was die Bücher über die Protagonisten des Dritten Reiches schlichtweg ungenießbar macht: Es wird nie diskutiert, daß Leute wie Hitler und Goebbels nicht einfach nur „böse“ waren, auf den eigenen materiellen Vorteil bedacht waren und Lügen verbreitet haben, sondern vor allem auch Wahrheiten ausgesprochen haben, die nie über die Lippen unserer vermeintlichen „Demokraten“ kommen. Reich:

Es ist nie aus den Augen zu verlieren, daß Hitler stets an den berechtigten Haß des Massenmenschen gegen die Scheindemokratie und das Parlamentssystem anknüpfte – und mit viel Erfolg! (ebd., S. 233)

Für den gepanzerten Menschen ist Hitler ein absolutes Faszinosum. Manchmal will es scheinen, daß der Spiegel und das ZDF kein anderes Thema kennen und das Jahr ein, Jahr aus, über Jahrzehnte hinweg. Der paranoid-schizophrene Charakter Hitler hatte und hat diesen Erfolg seit nunmehr über 90 Jahren, weil er auf verzerrte Weise drei Dinge ansprach, die schlichtweg wahr sind:

  1. Seine Darstellung „des Juden“ ist fast eine perfekte Beschreibung der Emotionellen Pest im allgemeinen und des pestilenten Charakters im besonderen.
  2. Sein extremer Rassismus verweist darauf, daß der Mensch ein Tier ist und entsprechend gesellschaftliche Probleme letztendlich biologische Probleme sind.
  3. Sein Kampf gegen die christliche Mitleidskultur, mit dem er die abendländische Kultur vor dem Untergang bewahren wollte, ist von geradezu prophetischer Bedeutung.

Mit traumwandlerischer Sicherheit sind es gerade diese drei Aspekte, die dämonisiert werden: jedwede Analyse des Bösen als charakterologisches Problem ist Anathema, die biologische Bestimmtheit des Menschen, selbst seine Zweigeschlechtlichkeit, wird radikal infrage gestellt und christliche Tugenden werden auf masochistische Selbstverleugnung zugespitzt. Beide christliche Kirchen sind zu Todfeinden des deutschen Volkes mutiert. Auf diese Weise wird Hitler immer ein Faszinosum bleiben!

Ein weiteres Moment wird gerne verdrängt, da es zu sehr nach Apologetik klingt: Rechte Bewegungen appellieren immer an das Gesunde im Menschen, das „gesunde Volksempfinden“, während die Linke stets das Kranke in den Menschen beschwören. Wie bedürftig (infantil) doch alle „Unterdrückten“ seien, man müsse „Widerstand“ (sic!) leisten. Der Nationalsozialismus hingegen handelte zentral von nichts anderem als von Gesundheit und Schönheit und ihrer Erhaltung („Rassereinheit“). Siehe dazu den ausgezeichneten Film von Peter Cohen Architecture of Doom.

Die Frage stellt sich, ob die Nationalsozialisten wirklich „Rechte waren“, betrachtete sich doch Hitler als „Deutschen Lenin“.

Es läßt sich trefflich darüber streiten, ob der „Kampf gegen Rechts“ nicht Etikettenschwindel ist. Bzw. kann man streiten, solange man auf der oberflächlichen Ebene von Politik, Ökonomie, Soziologie und Psychologie verharrt.

Die Orgonomie behauptet, daß der ideologische Unterschied zwischen Liberalen („Linken“) und Konservativen letztendlich auf strukturellen Unterschieden beruht, d.h. grundsätzlich unterschiedliche Charakterstrukturen vorliegen. Den grundlegenden bioenergetischen Unterschied zwischen „Linken“ und „Rechten“ hat Charles Konia in seinem Blog herausgearbeitet.

Es wird unisono suggeriert, die National-Sozialisten seien natürlich Linke gewesen, was denn sonst?! Nun, die meisten Menschen haben dieses ach so „offensichtliche Faktum“ nicht so gesehen. Aber man kann dieses Thema von der Warte der Ideologie her ohnehin nicht sinnvoll behandeln.

Die beste Annäherung an das Thema ist, wie stets bei solchen Dingen, wenn man nach einem entsprechenden Problem in der Gegenwart sucht. Hier bietet sich der Islamismus an, der ohne jeden Zweifel „rechts“ ist: es geht um konsequente Fortschrittsfeindlichkeit, um blinden Glauben an Autoritäten, um Frauenfeindlichkeit, Kulturimperialismus, Rassismus, Geschäftemacherei, Machismo, Klassenunterschiede, Gewaltverherrlichung, Rückwärtsgewandtheit, etc.pp. Am eindeutigsten „rechts“ ist der alles durchdringende Mystizismus im Islam.

Der Islam ist zweifellos rechts und zweifellos wurde er von Menschen geschaffen und geprägt, die auch von ihrer Charakterstruktur rechts waren. Aber wie Charles Konia in seinem Buch The Emotional Plague (S. 256) ausführt, gibt es auch im Islam Menschen mit einer „linken“ Charakterstruktur. Konia zufolge erkennt man sie daran, daß es ihnen vor allem um ihre kulturelle Identität zu tun ist.

Wie ihre pseudo-liberale Entsprechung im Westen zieht es sie zu linksgerichteten politischen Versammlungen, etwa Demonstrationen von Feministinnen, oder sie schließen sich antiamerikanischen Antikriegs-Bewegungen an. Sie identifizieren sich mit den Unterprivilegierten und Außenseitern und betrachten Amerikaner als Rassisten, die gegen Moslems Vorurteile hegen. Ihre Identität gruppiert sich um die muslimische „Opferrolle“ und nicht um das westliche Land, das sie aufgenommen hat. Sie tragen Schleier nicht so sehr aus religiöser Überzeugung, sondern als Zeichen des Protests und um ihre „Gruppenidentität“ zu feiern. Sie blühen auf, wenn sie Kontroversen hervorrufen und beim Debattieren sozialer und politischer Fragen, weil auf diese Weise Energie in ihr Gehirn hochgezogen wird.

Ähnlich muß man die Nationalsozialisten betrachten. Beispielsweise war Goebbels von der Charakterstruktur her wohl doch eher ein „Linker“, während Himmler ein „Rechter“ war.

Die Frage, wie man die „Bewegung“ als ganzes einordnen soll, läßt sich nur beantworten, wenn man den Nationalsozialismus in die gesamte Geschichte des Abendlandes einordnet, wie Konia es getan hat. Dann geht es schlicht um die Frage, ob intellektuell durchschaubare mechanische Kräfte das Geschehen bestimmen (Mechanismus) oder ein undurchschaubarer Gott bzw. „die Vorsehung“ (Mystizismus). Diese beiden grundsätzlich unvereinbaren Weltanschauungen gehen auf die Charakterstruktur ihrer Anhänger zurück. Diese bioenergetische Ebene wird zwar von politischen, ökonomischen, soziologischen und psychologischen Verwerfungen überlagert, teilweise bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, kommt aber letztendlich doch zum tragen.

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7 Antworten to “Deutschland und die Emotionelle Pest (Teil 33)”

  1. Avatar von O. O. Says:

    Bleibt zu erwähnen, dass Reich die „emotionelle Pest“ in der 2. oder 3. Auflage der Charakteranalyse hinzufügte; Baker im „Mensch in der Falle“ (1967) hinzufügend oder erweiternd mit der Theorie „sozialpolitischer Charakterstrukturen“ das Verständnis in der Orgonomie verändert!

    Eden spricht von der „organisierten emotionellen Pest“, orientiert sich aber auch an der Bakerschen Sicht und Reichs antikommunistische Haltung.

    Die Verbindung von „psychologischem Charakter“ und „politischem Charakter“ mag einem Psychologen fremd erscheinen und die Sichtweise ist klar „politisch-konservativ“ gefärbt, wo eine orgonomisch neutrale, wertfreiere arbeitsdemokratische Sicht zu erwarten wäre. Auch in der Beschreibung der psychischen Charakterstrukturen gibt es keine Bevorzugung eines besseren neurotischen Charakters. Der genitale Charakter ist das Ziel und Ideal der Therapie.
    Für den politschen Charakter gibt es kaum ein Heilmittel, außer die Ansätze, wie man mit der emotionellen Pest umgehen müsse, gegen die organiserte Pest ist noch kein Kraut gewachsen. Ausgrenzung und Anfeindung therapieren keinen Liberalen, sondern fordern ihn zum politischen Kampf heraus, den er von sich aus ohne Not möglicherweise gar nicht geführt hätte.

    • Avatar von O. O. Says:

      Reichs „Massenpsychologie des Faschismus“ vergaß ich zu erwähnen, wo die Charakterentwicklung und Struktur zur Unterwürfigkeit, Untertanentum oder Idealisierung auch unter Hitler führt.

      Erich Fromm hat das Thema nach dem Krieg unter dem „antiautoritären Charakter“ aufgewärmt, so wie er aus der Funktion des Orgasmus „Die Kunst des Liebens“ gezaubert hat. Hier appeliert er zum gedanklichen Abenteuer der Selbstliebe (ohne Sexualität) – Turner legt dies dann thematisch pornographisch wieder auf Reich bezogen neu als „Adventure [Abenteuer] of the orgasm(-atron)“ auf. In beiden Büchern soll Reichs Inhalt demontiert werden.

  2. Avatar von O. O. Says:

    Begriff „Anathem“ bedeutet (göttlicher) Fluch oder Ausschluss.

  3. Avatar von Peter Nasselstein Peter Nasselstein Says:

    Die christliche Mitleidskultur, die „Migranten“ begrüßt, hat einst das Römische Reich zerstört genauso wie es heute Europa zerstört:

    http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/europa/gerhard-wisnewski/-voelkerwanderung-roemisches-reich-ging-an-einwanderern-zugrunde.html;jsessionid=528FBEDA5128FD205AF3C7DEF7303FEE

  4. Avatar von Peter Nasselstein Peter Nasselstein Says:

    Endlich mal ein tiefsinniger Kommentar zu MEIN KAMPF: http://der-kleine-akif.de/2015/12/03/neuer-skandal-um-adolf-pirincci/

  5. Avatar von superblyf9dd9491b7 Fantomas Says:

    Aus orgonomischer Perspektive ist besonders interessant, welche Rolle die NATUR in den diversen politischen Bewegungen des letzten Jahrhunderts spielte.

    Bis ca. 1980/81 die GRÜNEN als bundesweite Partei entstanden, nahmen Themen wie Umwelt- und Naturschutz bzw. Ökologie in den politischen Programmen der Parteien höchstens eine marginale Rolle ein.

    Von der Charakterstruktur her tendierte die naturverbundene Landbevölkerung in der BRD deutlich zu den konservativen Parteien (ehrlich gesagt, habe ich damals nie einen Förster, Jäger oder Landwirt kennengelernt, der politisch links stand…), während SPD und KPD bzw. später DKP die Parteien der proletarischen Bevölkerung der industrialisierten Großstädte waren.

    Dasselbe sieht man auch heute noch in den USA: die linken Intellektuellen konzentrieren sich in den Millionenstädten der Ostküste wie New York, Boston und Philadelphia sowie (wegen der Folgen der Hippie- und New Age-Bewegung) in Kalifornien und wählen traditionell die Demokraten, während die Landbevölkerung im Mittleren Westen, den Tausenden von Meilen Ackerland und Viehzucht zwischen den beiden Küsten sowie im Süden (z.B. Texas) konservative Republikaner sind und Trump wählen.

    Schon Reich stellte ja einst die rhetorische Frage (die er natürlich verneinte), ob man sich einen Modju wie Stalin vorstellen könne, wie er im Wald einem äsenden Reh zuschaut. Und Peter hat hier schon mehrfach darauf hingewiesen, dass er bei seinen regelmäßigen ausgedehnten Spaziergängen durch die Hamburger Natur praktisch noch nie einen „muslimischen Mitbürger“ im Wald oder in anderen natürlichen Biotopen gesehen hat, weil sich die Muslime Peters Beobachtungen zufolge – ähnlich wie die Linken – vorzugsweise in urbanen Ballungsgebieten aufhalten.

    Ähnliches galt übrigens auch für die Psychoanalyse als Bewegung großstädtischer Intellektueller, denn nicht von ungefähr praktizierten die Psychoanalytiker fast ausschließlich in Millionenstädten wie Wien, Berlin, New York, während sie in der Provinz bzw. auf dem Land so gut wie unbekannt waren.

    Zwar argumentierte der frühe Freud mit biologischen Grundbegriffen wie Libido oder den Trieben, aber das – so ein bekannter Reichscher Terminus – „Menschentier“ in seinem ökologischen Biotop kam auch in der Psychoanalyse kaum vor. Nicht von ungefähr war daher Reich auch der einzige mir bekannte prominente Psychoanalytiker, dessen Forschungen später tief in die Naturwissenschaften vordrangen.

    Die „Naturverachtung“ der Marxisten war legendär, denn Wälder, Felder, Tiere und (wie in der Orgonomie) die BIOLOGISCHE Dimension des Menschseins kamen schon bei Marx, im Dialektischen Materialismus und in der politischen Theorie und Praxis des Sozialismus und Kommunismus nur insofern vor, als es um die rücksichtslose AUSBEUTUNG der natürlichen Ressourcen geht, um den materiellen Wohlstand der Bevölkerung zu erhöhen: „Bitterfeld“, der gesundheitlich höchst gefährliche Uranbergbau im Fichtelgebirge sowie (wie ich bei einem mehrtägigen Aufenthalt in Magdeburg 1982 feststellen musste) der in breiten Landesteilen allgegenwärtige Asbestgeruch der Luft, der noch durch den massiven Kohleverbrauch und die stinkenden „Trabis“ verstärkt wurde, standen hier als Chiffren für den ganz massiven Raubbau an der Natur, den die DDR betrieb und der noch auf Jahrzehnte hinaus das Grundwasser und die Ökosysteme komplett zerstörte.

    Genau in DIESE Lücke drangen dann die Ökobewegungen der 1970er Jahre ein, die dann schließlich in die Gründung der Bundespartei DIE GRÜNEN mündeten.

    Man muss sich aber bewusst machen, dass die öko-pazifistischen GRÜNEN von 1980 so gut wie NICHTS mit den bellizistischen Linksintellektuellen der heutigen GRÜNEN zu tun hatten. Einige der prominentesten damaligen Gründungsmitglieder der GRÜNEN (wie z.B. der Ökobauer Baldur Springmann oder der NRW-Spitzenkandidat Werner Vogel) waren sogar ehemalige NSDAP- bzw. SA-Mitglieder, siehe z.B.: Aufgedeckt: NSDAP-Mitglieder gründeten die Grünen (hier ist besonders der GRÜNE TV-Werbespot mit Werner Vogel von Interesse: „Opa, warum sind die Fische tot?“ – „Weil die Industrie das Rheinwasser vergiftet hat!“) oder Grün mit braunen Wurzeln – Schweizer Monat.

    Deswegen meinte auch der berühmte Neonazi Michael Kühnen etwa 1983, dass die GRÜNEN die einzige Bundestagspartei seien, die mit dem ganzheitlich biologisch und ökologisch orientierten historischen Nationalsozialismus etliche Berührungspunkte aufweise.

    Denn auch er war z.B. Atomkraftgegner und argumentierte, dass Biologie, Ökologie und Naturschutz nur bei der NSDAP und den späteren GRÜNEN ein zentrales Thema seien, nicht aber bei CDU, SPD, FDP – und erst recht nicht bei der SED in der DDR.

    So waren z.B. die von Reichsjägermeister und Reichsforstmeister Hermann Göring erlassenen Tierschutz- und Naturschutzgesetze damals die modernsten der Welt. Tierquälerei und Vivisektion wurden streng bestraft, und die nationalsozialistische Regierung war die erste auf der Welt, die dem Tier- und Naturschutz eine hohe Priorität einräumte.

    Die „Tierliebe“ prominenter Nazis (z.B. der Vegetarier Hitler mit seinen Schäferhunden) war ja legendär.

    Auch dass es selbst heute noch den in den meisten anderen Ländern unbekannten Beruf des Heilpraktikers gibt, liegt am historischen Vermächtnis der Nazis, die die diversen Methoden der Naturheilkunde (wie Homöopathie, Anthroposophie und Heilkräuterkunde) als gleichberechtigt gegenüber der damals allerdings noch sehr unterentwickelten „Schulmedizin“ ansahen. Z.B. waren Rudolf Hess und Heinrich Himmler stark an Naturheilkunde interessiert.

    In dieser Tradition stehend hat noch in der BRD Veronika Carstens, Ärztin und Ehefrau des Bundespräsidenten und ehemaligen NSDAP-Mitglieds Karl Carstens, die heute noch aktive „Karl und Veronika Carstens-Stiftung“ gegründet, die zu den wichtigsten Fürsprechern der Homöopathie in Deutschland zählt. Frau Dr. med. Carstens glaubte auch an krankmachende Energiefelder und an Erdstrahlung und beauftragte Wünschelrutengänger, um pathogene Störfelder auszupendeln. Da ist es zur Orgonenergie nicht mehr allzu weit…

    Auch wenn es auf den ersten Blick etwas zynisch klingen mag: funktionell gesehen waren der Nationalsozialismus und die Orgonomie die einzigen politischen Bewegungen (wenn man die Orgonomie überhaupt eine „Bewegung“ nennen darf), die primär von der BIOLOGIE des Menschseins ausgingen („Menschentier“), während alle anderen Parteien und politischen Bewegungen den Bürger eher als primär gesellschaftliches Wesen betrachteten und die Natur, in der der Mensch verwurzelt ist, nur eine marginale Rolle (bzw. als etwas, was der Mensch zu seinem eigenen materiellen Nutzen auszubeuten hat) zugeteilt bekam.

    Erst vor ein paar Tagen sah ich zufällig im TV eine Sendung über die Geschichte der Hühnerzucht in der DDR. Da hieß es, dass in der Anfangszeit des „ersten Arbeiter- und Bauernstaats auf deutschem Boden“ die Hühner noch auf idyllischen Bauernhöfen (später: LPGs) lebten. Später jedoch wurde zum Zwecke der möglichst intensiven Versorgung der Bevölkerung mit Hühnerfleisch und Eiern die Hühnerzucht massiv industrialisiert, und (dies finde ich in obigem Kontext besonders interessant) es wurde den Mitarbeitern solcher „Hühnerfabriken“ von oben streng verboten, zu den Tieren eine persönliche Beziehung aufzubauen oder ihnen Namen zu geben!

    Das Mitgefühl mit konkreten lebendigen Hühnern sollte abgeschafft werden, und die Tiere sollten nur noch als möglichst effizient auszubeutende „Produkte“ gesehen werden.

    Was den Nationalsozialismus und die Orgonomie eint, ist, dass sie im Gegensatz zu allen anderen politischen Bewegungen – insbesondere den linken – den Menschen primär als BIOLOGISCHES Wesen sieht, eingebunden in die Naturgesetze und das Naturrecht (auf das sich Reich bei seinem Prozess in den 1950er Jahren explizit bezog)!

    Was Nationalsozialismus und Orgonomie hingegen NICHT eint bzw. sie scharf voneinander unterscheidet, ist, dass es bei der biologischen Verortung des Menschseins im Nationalsozialismus v.a. um Begriffe wie „Rasse“ (was später zu einem fürchterlichen Rassismus und Antisemitismus ausartete), Vererbung, „Blut und Boden“, Volkskörper, Rassenschande, Germanenkult und die „Höherzüchtung“ des Menschen ging, wohingegen Reich v.a. die Bedeutung der Sexualität betonte und die „Funktion des Orgasmus“ als Quelle allen Lebens bezeichnete.

    Interessanterweise betrachteten BEIDE Homosexualität als krankhaft bzw. als „entartet“, während jede andere politische Bewegung heutzutage kein Problem mit multiplen sexuellen Identitäten, LGBTQIA+ hat und die Behauptung vertritt, Geschlecht sei NICHT biologisch, sondern eher sozial definiert. Dass es in der SA (einschließlich ihres Chefs Ernst Röhm) zahllose, betont „männlich“ bzw. phallisch auftretende Schwule gab (während die eher weichen „Schwuchteln“ verachtet wurden und im KZ landeten), ist natürlich ein Paradoxon. Wenngleich die mörderische Niederschlagung des angeblichen „Röhm-Putsches“ 1934 u.a. auch deshalb erfolgte, um die notorische Homosexualität der SA-Führungsriege „aus der Bewegung auszumerzen“, wie es in der NS-Terminologie hieß.

    Außerdem hat der NS als historisch vermutlich erste politische Bewegung die Bedeutung der (von Reich so genannten) „emotionellen Pest“ erkannt und explizit bekämpft. Was die Nazis verachteten, waren praktisch alle Attribute, die Reich später der sozialen Biopathie „emotionelle Pest“ zuschrieb: Neid, Habgier, Missgunst, Intrigantentum, Falschheit, Sadomasochismus, Raffgier, Wucher, Pornographie, Gemeinheit, Hinterhältigkeit, notorisches Lügen, Mädchen- und Drogenhandel, Börsenspekulationen usw.

    Das große Problem dabei ist „nur“ (worauf ja auch Peter hinweist), dass die Nazis diese EP-Eigenschaften „fehletikettierten“ und fast ausschließlich den JUDEN zuschrieben, was natürlich unhaltbar ist. Wenn z.B. ein Nazi log und hinterhältig gewesen war, sagte man ihm, er müsse „den Juden – also die emotionelle Pest – IN SICH bekämpfen“ – unter Bezugnahme auf Martin Luthers berühmtes Diktum „indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn“.

    Mit der EP haben die Nazis (noch VOR Reich) zweifellos etwas sehr Wichtiges erkannt und bekämpft. Die absurde „Fehletikettierung“ der Nazis jedoch, alles emotionell Pestige den Juden zuzuschieben, hat als tragische und unverzeihliche Konsequenz leider zu Millionen von Todesopfern geführt.

    Orgonomiegeschichtlich ist auch höchst interessant, dass Reich vieles von dem, wofür Hitler stand, durchaus positiv fand („Der Mann hat recht“…), und überzeugend darlegte, dass der NS zwar einerseits reaktionär, andererseits (gerade auch in sexualökonomischer Hinsicht) aber durchaus auch sehr progressiv war.

    Ein Desiderat für zukünftige Reich-Biographen wäre auch herauszufinden, warum Reich nach 1945 unter allen damaligen linken Psychoanalytikern (die ja größtenteils Juden waren) bzw. ehemaligen Marxisten bzw. Kommunisten so ziemlich der einzige (!) war, der das gigantische Verbrechen des Holocaust so gut wie nie thematisiert hat – und das, obwohl einige Weggefährten von Reich inklusive eines seiner Lehranalytikers in deutschen KZs getötet worden waren uns Reich selbst sicher auch in einem gelandet wäre, wenn die Nazis ihn „gekriegt“ hätten.

    Im schriftlichen Gesamtwerk Reichs finden sich erstaunlicherweise m.W. höchstens 3-4 marginale Erwähnungen der Shoah!

    WENN er den NS nach dem Zweiten Weltkrieg thematisierte, dann fast immer in einem Atemzug mit Stalin („Modju“) bzw. den „roten Faschisten“, da BEIDE Bewegungen Reich zufolge gleichermaßen menschenverachtende politisch totalitäre Systeme darstellten.

    Es gibt auch ein höchst bemerkenswertes Zitat von Reich (Peter kann uns den Originaltext sicher mitteilen), das ab 1996 über einen SPIEGEL-Leserbrief sogar Eingang in die öffentliche Diskussion über die sogenannte Goldhagen-Kontroverse fand, wo der jüdische US-Historiker Daniel Goldhagen behauptet hatte, ALLE Deutschen zwischen 1933-45 seien „Hitlers willige Vollstrecker“ gewesen und hätten – quasi als deutsche Nationaleigenschaft – einem „eliminatorischem Antisemitismus gehuldigt.

    Reich (der als Jude und Kommunist wahrlich allen Grund gehabt hätte, die Deutschen zwischen 1933-45 zu hassen) hingegen schrieb sinngemäß, dass der Faschismus eben KEINE spezifische Nationaleigenschaft der Deutschen oder der Italiener sei (!), sondern dass Elemente des faschistischen Fühlens und Denkens fast in JEDEM Menschen auf der Welt vorhanden seien!

    Festhalten möchte ich nur, dass der NS ebenso wie die Orgonomie – und im Gegensatz z.B. zu CDU, SPD, FDP; KPF/DKP/SED – den Menschen primär als BILOGISCHES und den NATURGESETZEN unterworfenes Wesen begreift – ungeachtet all der sonstigen „Verzerrungen des Kern-Kontakts“ mit ihren Millionen Todesopfern, die den NS natürlich mehr als deutlich von der Orgonomie unterscheiden.

    • Avatar von claus claus Says:

      Ich denke, es ist also nicht unverständlich, wenn ich mir endlich wieder so etwas wie eine ‚ökokonservative‘ Kraft wünsche. Gruhl hat das mal versucht. Und ich erhoffte es mir früher von der AfD, die uns nun jedoch wieder ganz in die Atomenergie einsteigen lassen will. Wer sich dazu in ihrem Umfeld äußert, erntet Schweigen … oder den Hinweis auf den Segen vieler kleiner AKW’s mit Wiederaufbereitung des Atommülls. An diesen Ideen ist in Celle mal die Gründung eines Hayek-Clubs gescheitert. (Die damaligen Spalter propagieren jetzt Ernährungsideologien, ketogen oder was weiß ich, und wieder passiert nichts.)

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