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Die soziopolitische Diathese (Teil 6)

11. November 2018

von Paul Mathews, M.A., M.A.C.O.

Wie bereits angeschnitten, ist nicht jeder, der sich als Konservativer ausgibt, einer im funktionellen Sinne. Ein so genannter konservativer Politiker, der einen verstärkten Handel fordert, der die Welt der Roten Faschisten stützt, hat eklatanten Mangel an sogar einem verzerrten Kontakt. Der Konservative kann aufgrund eines geringeren Grades der Kopfblockierung viel realistischer argumentieren. Er kann diese sekundären Triebe in den Roten Faschisten spüren, weil er sie in sich selbst spüren kann. Dasselbe gilt für das gegenwärtig populäre Prinzip der Entspannung. Ein echter Konservativer würde sich bei diesen Dingen sehr unwohl fühlen, selbst wenn wir ihn durch Druck und eine euphorische Atmosphäre im Repräsentantenhaus dazu verleiten würden, für sie zu stimmen.

Das Gegenteil ist natürlich auch der Fall. Vor kurzem waren einige Filmkritiker „schockiert“, dass eine große Anzahl von angeblich liberalen New Yorkern die Kinos mit einem Film namens „Death Wish“i füllten. Der Film handelt von einem ehemals liberalen New Yorker, dessen Frau von einem Räuber umgebracht und dessen Tochter vergewaltigt und in den Wahnsinn getrieben wird. Der Mann wird zu einem Ein-Mann-Selbstjustiz- und Exekutionskommando für Straßenräuber, ohne Gnade, und reduziert auf diese Weise die Kriminalitätsrate erheblich. Die Kritiker waren vor allem durch die emotional vehemente Begeisterung des Publikums für die Gerechtigkeit, die der Bürgerwehrmann ausübte, verstört:

Die Kinobesucher, die für „Death Wish“ 4 Dollar bezahlen, sitzen nicht nur ruhig auf ihren Plätzen und futtern Popcorn. Sie applaudieren und jubeln wild, wenn Charles Bronson, der einen holzgesichtigen, einst liberal gesinnten Architekten spielt . . . einen Straßenräuber mit seiner treuen .32-Pistole erledigt . . . ein schwarzer Mann, der allein vor mir sitzt, führt den Jubel in meiner Abteilung an. „Krieg die Wichser“, sagte er oft ohne Rücksicht auf die Rasse der Straßenräuber . . . Die Kritiker, die den Film nicht mögen, haben sich beschwert, dass er die Angst unverantwortlich ausnutzt; dass er ein übertriebenes Bild der Kriminalität in New York vermittelt; dass er Selbstjustiz verherrlicht; dass er Gewalt als Lösung für Gewalt befürwortet und dass er von Auswärtigen mit einer verzerrten Vision von New York gemacht wurde (11).

Obgleich der Selbstjustizler die Straßenräuber unabhängig von ihrer Rasse tötet, sind die Mehrheit der Straßenräuber im Film Schwarze und Puerto-Ricaner; dennoch haben viele Schwarze offenbar die Bürgerwehr-Aktion gebilligt. Es fragt sich wieder einmal nach dem Grad des Liberalismus in der allgemeinen Bevölkerung – sogar in New York City – und wie viel davon aufgrund der Durchdringung der New Yorker durch politisch liberale Kopfmaschinen, die die Medien kontrollieren, bedingt ist.

Die Begründung der Kritiker, die den Film kritisieren, ist charakteristisch für den Liberalismus (nicht, dass es keine Gefahren durch Selbstjustiz in einer gepanzerten Gesellschaft gibt); sie sind unqualifizierte liberale Polemiken, mit nicht einmal einem Lippenbekenntnis der Gegenwahrheit, dass der Straßenräuber eine sehr reale Bedrohung für das Leben in unserer heutigen urbanen Gesellschaft darstellt. Könnte es sein, dass diese Kritiker verstört waren, weil diese vom Liberalismus durchtränkten New Yorker nicht ihren Erwartungen entsprachen? Dass die so genannten Massen mehr mit der Gesetzlosigkeit, dem Verbrechen und anderen Folgen der liberalen Ideologie in Berührung kommen als ihre Mentoren? Warum werden dieselben Liberalen zu Bürgerwehren, „Lynchrichtern“ von Standgerichten und zu unbarmherzigen Staatsanwälten, wenn es um Nixon und Watergate geht, sind aber blind gegenüber den Mätzchen der Kunstlersj, Ellsbergsk und der Gesetzlosigkeit in New York?9 (Und das ist keine Verteidigung von Nixon!)

 

Fußnoten

9 Beachten Sie auch, dass diese Liberalen eine bedingungslose Amnestie für Deserteure fordern, während sie Präsident Fords Amnestie für Nixon verurteilen.

 

Anmerkungen des Übersetzers

i Deutscher Titel „Ein Mann sieht rot“.

j William Moses Kunstler (1919-1995) war in den 1960er und 1970er Jahren der bekannteste Bürgerrechtsanwalt in den USA. Benutzte Methoden des Guerilla-Theaters (Akt spontaner, überraschender Aufführungen in ungewöhnlichen öffentlichen Räumen für ein ahnungsloses Publikum) in seiner Verteidigung.

k Daniel Ellsberg (geb. 1931), ehemaliger US-Militäranalytiker, löste 1971 eine nationale politische Kontroverse aus, als er die Pentagon-Papiere veröffentlichte, eine streng geheime Pentagon-Studie zum Vietnamkrieg.

 

Literatur

11. Klemesrud, J.: „What Do They See in ‚Death Wish‘?“, New York Times, Section 2, 1. September 1974

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 8 (1974), Nr. 2, S. 204-215.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Die soziopolitische Diathese (Teil 4)

6. November 2018

von Paul Mathews, M.A., M.A.C.O.

Das konservative Syndrom

Der Konservative funktioniert mehr oder weniger verzerrt aus dem Kern heraus, d.h. die sekundäre Schicht wird auf zwei Arten abgewehrt: direkte Aggression (muskuläre Abwehr) oder moralische Unterdrückung (offene Sexualverneinung, Autoritarismus, Mystizismus). Er hat eine relativ dünne Fassade und es ist leichter, die Abwehrmechanismen zu durchschauen.

Wenn er Schuldgefühle hat, hängen die damit zusammen, ob er seine religiösen Ideale nicht erfüllt oder nicht in Harmonie mit der Natur lebt. Er wetteifert mit dem Vater, anstatt gegen ihn zu rebellieren, und er kann seine Absolution entweder von Gott oder von der Natur erhalten.

Da er jedoch sexuell unterdrückt ist, muss er seine sekundären Triebe bewältigen und kann sie nicht loswerden. Sein Moralismus und Autoritarismus sind ein Versuch, sie in sich und anderen zu kontrollieren (verzerrter Kontakt), und wenn er dazu nicht in der Lage ist, werden sie entweder in geheimen, perversen Fantasien oder – schlimmstenfalls – in schwerer Körperverletzung (Schwarzer Faschismus) ausgedrückt. Der Konservative benutzt seinen Intellekt, um der sekundären Schicht Ausdruck zu verleihen (1, S. 156)e, während der Liberale den seinen als Abwehr gegen die sekundäre Schicht verwendet; dies vergrößert die Fassade und ihre Komplexität und macht den Liberalen zu einem besonders schwierigen therapeutischen Problem. In der abschließenden Analyse führt die Abwehrhaltung des Liberalen gegen seine sekundäre Schicht zu weit größerem Durcheinander. Da der Konservative mit dem Vater konkurriert und sich mit ihm identifiziert5f, den intellektuellen Abwehrmechanismen nicht derartig hingegeben ist und über seine Aggression verfügt, neigt er dazu, individualistisch zu sein, verweist seinen Zentralismus hauptsächlich auf seine Familie und hat ein größeres Gefühl von Loyalität (wegen des Kontakts, wenn auch verzerrt), was sich als Patriotismus oder schlimmstenfalls als Chauvinismus manifestiert. Er identifiziert sich nicht mit der internationalen „Herde“, obwohl er sie in seiner schwarz-faschistischen Phase vielleicht als „überlegene Rasse“ (Mystizismus) dominieren möchte. Sowohl die schwarzen als auch die roten Faschisten wollen die Menschheit kontrollieren.

Die konservative Fassade ist relativ dünn, was die Struktur des Konservativen weitaus weniger komplex macht als die des Liberalen sowie viel leichter zu erkennen, zu beanstanden und, wenn nötig, zu bekämpfen. Genau aus diesen Gründen, glaube ich, ist es dem Konservativen nicht gelungen, die moderne Welt zu dominieren. Man sollte nie vergessen, was der schwarze Faschist (das Extrem des konservativen Spektrums) getan hat oder tun könnte – auch wenn sich die meisten Liberalen selten daran erinnern, was der rote Faschist (das Extrem des liberalen Spektrums) getan hat und derzeit tut.

Der konservative Charakter war der vorherrschende Typ bis zum Aufkommen des sogenannten Zeitalters der Vernunft; der Beginn der industriellen Revolution und das Wachstum der Technologie verstärkten die Kommunikation und machten die Massen für die hirnzentrierten liberalen Propagandisten zugänglicher. Die liberale Ideologie lockerte die Panzerung der grundsätzlich konservativen Massen, was zu einer Reaktion führte, die nicht zu einem ungepanzerten genitalen Charakter, sondern vielmehr zu einem gepanzerten liberalen Typus führte. Dieser liberale Typ musste sich gegen die konservative Struktur verteidigen, vor der er floh. Er tat dies, indem er seine oberflächliche intellektuelle Fassade als Abwehr gegen seinen Konservatismus und den Ausdruck seiner sekundären Schicht stärkte. Daher zog er mehr und mehr Energie in sein Gehirn und erzeugte so eine tiefe Spaltung zwischen seinen Organempfindungen und seiner Gedankentätigkeit; mit anderen Worten, eine Kontaktlosigkeit. So könnte man bemerkenswerterweise sagen, dass der Konservatismus sowohl historisch als auch charakterologisch eine frühere Stufe des modernen Liberalismus darstellt – eine Stufe, die der Liberale auf dem Weg zu mehr Gesundheit theoretisch erneut durchleben müsste6.

 

Fußnoten

5 Ein Artikel in der September-Ausgabe der Psychology today, 1974, mit dem Titel „Doves vs. Hawks; Guess Who Had the Authoritarian Parents“ von David M. Mantell, Dr. phil., bestätigt eindeutig die Identifizierung des Konservativen mit dem Vater, obwohl seine allgemeine Methodik und Interpretationen ernsthaft zu hinterfragen sind.

6 Dass Patienten in ihrem Charakter konservativer werden, wenn sie sich der Gesundheit nähern, wurde von einer Anzahl praktizierender Orgontherapeuten bestätigt.

 

Anmerkungen des Übersetzers

e Der Mensch in der Falle, S. 230: „Auf der konservativen Seite des Spektrums bewahrt sich das Individuum einen gewissen Kontakt zum Kern, wenn auch einen verzerrten, was einen vollständigeren Selbstausdruck und Aggressionstoleranz ermöglicht. Wenn das Gleichgewicht gestört wird, beginnt das Individuum, seine Brutalität zu äußern; es rationalisiert sie mystisch als notwendig im besten Interesse der Gruppen von Auserwählten, die beteiligt sind.“

f Psychologie heute, „Tauben gegen Falken; Ratet mal, wer die autoritären Eltern hatte.“

 

Literatur

1. Baker, E.F.: Man in the Trap. New York: Macmillan Company, 1967
5. Reich, W.: The Mass Psychology of Fascism. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1970
6. Reich, W.: Character Analysis. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1971

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 8 (1974), Nr. 2, S. 204-215.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Charakter überTRUMPft alles

16. Januar 2018

Der amerikanische Orgonom Dr. Charles Konia über die Trump-Show:

Charakter überTRUMPft alles

Wie Linke ihre eigenen Utopien zerstören

10. September 2017

Angeblich geht es um Volksherrschaft und Freiheit, doch der Sozialismus macht die Menschen zu unselbständigen Kindern. Der Rassismus soll überwunden werden, doch die Affirmative Action, Identity Politics und Träumereien vom die Menschheit befreienden White Genocide verewigen den Rassismus. Und so bei allen Utopien der Linken.

Beispielsweise werden konservativ, reaktionär und sogar faschistisch strukturierte Menschen importiert (sogenannte „Flüchtlinge“). Kurzfristig erfüllen sie vielleicht ihre Funktion, nämlich SPD, Grüne und Linke zu wählen und die CDU auf sozialdemokratischen Kurs zu trimmen, doch langfristig werden sie für eine „Ergogan-isierung“ der Politik sorgen. Demokratie ist sowieso unmöglich bei einer Bevölkerung, die im Durchschnitt erblich bedingt einen IQ haben wird, der unter 90 liegt. Aber das ist ja „Biologismus“…

Ein an sich löblicher Ansatz, wie die Überwindung der ödipalen Hölle der Kleinfamilie durch kollektive Erziehung, wird kontrakariert durch eine Krippenerziehung, die Seelen zerstört und durch den Terror, den Kinder aus Saharasia ab dem Kindergarten auf die weichen indigenen Kinder ausüben.

„Umweltschutz“ führt zur systematischen Zerstörung der industriellen Grundlagen unserer Gesellschaft bei gleichzeitiger forcierter Zerstörung der Umwelt. Man denke nur daran, daß alle, wirklich alle bisher offenen Landschaften, durch Vogelschredder in Industrielandschaften verwandelt werden. Ohnehin wird mit dem Umweltbewußtsein bald Schluß sein, denn das ist weltweit ausschließlich bei weißen Protestanten vorhanden, also jenen Menschen, die die Linken ausmerzen wollen.

Die Linke ist heute der Träger der Emotionellen Pest und damit die gesellschaftliche Verkörperung des „Todestriebes“, DOR. Die Selbstzerstörung dieses energetischen Parasiten bei gleichzeitiger Zerstörung des Wirts ist in seiner DNA eingebaut. Die Linke ist damit die exakte Entsprechung des Hitlerismus. Wie dieser wird sie ein Trümmerfeld und einen Leichenacker hinterlassen.

Die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht. Eine Ergänzung zu „Peter der Griesgrämige“

16. März 2017

Betrachten wir zunächst die Hauptgleichung der Orgonomie (hier in sehr verkürzter, „amputierter“ Form!):

Zutiefst haben wir die „orgonotische Strömung“. Was das ist, wird am ehesten noch anhand der Orgontherapie deutlich. Die Beseitigung der Augenblockierung führt zum Kontakt mit der Umwelt (dreidimensionales Sehen), die Beseitigung der Zwerchfellblockierung zum Kontakt mit dem eigenen Selbst, dem Körper (dreidimensionales Fühlen) und die Beseitigung der Beckenblockierung zum Kontakt mit dem Kosmos (orgastische Potenz). Dies geht jeweils einher mit einem Gefühl zunehmender Tiefe. Zunächst sieht man die atmosphärische Energie, dann, nach der Öffnung des Zwerchfells, fühlt man sie durch die eigenen Glieder fließen (und lernt entsprechend den Körper wirklich als dreidimensionales Gebilde zu empfinden) und schließlich wird man eins mit diesem Fließen, d.h. wird eins mit der kosmischen Strömung, die in ihrer Überlagerung die Galaxien und damit die Materie aus dem primordialen Orgonenergie-Ozean bildet. Hier setzt die Panzerung an. Indem sie die orgonotische Strömung unterbindet, macht sie die Welt flach, raubt ihr jede Tiefe und führt bei den gepanzerten Menschen zu Derealisation, Depersonalisation und einer generellen orgastischen Impotenz.

Konkret kommt die orgonotische Strömung in der kreiselwellenartigen Bewegung (dem „Orgonom“, siehe Die kosmische Überlagerung) und der orgonotischen Pulsation (siehe Äther, Gott und Teufel) zum Ausdruck.

In der alten, autoritären Gesellschaft führte die Abpanzerung der orgonotischen Strömung dazu, daß die Menschen einseitig aus dem durch das autonome Nervensystem (Plexus solaris) verkörperte orgonotische System heraus empfanden und entsprechend eine konservative, reaktionäre, wenn nicht faschistische Charakterstruktur hatten. In der neuen, antiautoritären Gesellschaft ist es zu einer ebenso einseitigen Verschiebung hin zum Orgonom gekommen, das durch das zentrale Nervensystem verkörpert wird. Die Menschen sind „zerebral“ und von ihren Emotionen getrennt, entsprechend liberal, sozialistisch, wenn nicht kommunistisch strukturiert. Den Unterschied sieht man im gesamten Auftreten. Man vergleiche etwa einen heutigen „typischen Deutschen“ mit einem typischen Türken! Ein „Erdogan“ wäre heute in Deutschland undenkbar!

Aus der obigen Gleichung ist ersichtlich, daß sich die Kreiselwelle in der „Welle“ und im „Puls“ äußert, die Pulsation selbstredend in Expansion und Kontraktion.

Die „Welle“ steht für den Schwung nach vorne, wie er etwa archetypisch im Sprung des Tigers zum Ausdruck kommt – oder in der Flucht der Gazelle. Dem Sprung ging ein mühsames und langwieriges Verfolgen und Lauern voran, der wilden Flucht das Grasen. Das letztere steht für den „Puls“, das „Mahlen auf der Stelle“, die Arbeit am Kleinklein. In der autoritären Gesellschaft „lebte man, um zu arbeiten“. Nur so waren die horrenden Kriegsanstrengungen und das Wirtschaftswunder möglich. Für den antiautoritären Menschen sind das „Sekundärtugenden, die Auschwitz erst möglich gemacht haben“. Arbeit ist eine Last („Ausbeutung“), stattdessen wird umverteilt und konsumiert, man gibt sich der Hedonie hin.

Die entsprechenden Erörterungen über Kontraktion und Expansion erübrigen sich ebenso, wie eine detaillierte Beschreibung, wie sich diese energetischen Funktionen in der neueren Geschichte des Kapitalismus widergespiegelt haben bzw. wie dessen Entwicklung wiederum die jeweiligen Charakterstrukturen perpetuierten. Man braucht nur die Augen aufmachen!

Orgontherapie nach Wilhelm Reich

3. Januar 2017

In vieler Hinsicht ist die Orgonomie mit Reich gestorben. Er hatte wohl immer wieder Mitarbeiter, etwa Biologen, die ihr Fachwissen einbrachten, doch imgrunde wurde die Orgonforschung von ihm allein getragen. Der einzige Bereich seiner Tätigkeit, der sich selbst trug und den er Ende der 1940er/Anfang der 1950er Jahre selbst weitgehend an andere abgetreten hatte, war die Orgontherapie. Er machte seinen Schüler Elsworth F. Baker, Psychiater und ausgebildeter Psychoanalytiker, für diesen Bereich zuständig. Beispielsweise war es Baker, der so etwas wie der „Familienpsychiater“ der Familie Reich war und zu Reichs Lebzeiten die Zeitschrift Medical Orgonomy herausbrachte. Nach Reichs Tod behauptete Baker, Reich habe ihm bei ihrem letzten Treffen vor seinem Gefängnisaufenthalt gesagt, daß er sich von allen anderen Orgonomen distanzieren solle und zusammen mit neu von ihm ausgebildeten Therapeuten die Orgonomie neu aufbauen sollte. Das ist glaubhaft, weil Reich zuvor ähnlich gehandelt hatte, etwa nach seinem Rauswurf aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 1934, nach dem Scheitern der Sexpol 1936, seinem Fortgehen aus Skandinavien 1939 und den Belastungen, die mit der Pressekampagne, den Auseinandersetzungen mit der Gesundheitsbehörde und dem ORANUR-Experiment (1951) nach 1947 aufbrachen und die Orgonomie bereits vor seinem Tod grundlegend umformte.

Es kam, wie es kommen mußte: zu einem unheilbaren Bruch zwischen Baker und der überwiegenden Mehrheit von Reichs anderen Mitarbeitern. Ein Faktor war auch, daß, bis auf Michael Silvert, Baker der einzige Schüler Reichs war, der von Anfang an ein Konservativer war, während alle anderen mehr oder weniger linksliberal eingestellt waren und sich nur anpaßten, als Reich beispielsweise verkündete, daß „die Orgonomie“ Eisenhower bei seiner Wahl unterstütze. 1967 brachte Baker ein Buch heraus, Der Mensch in der Falle, in der er die drei Tabus einer gepanzerten Gesellschaft anging: Sexualität, Religion und Politik. In den ersten beiden Bereichen bestand von jeher Konsens unter Reichs Anhängern, aber Baker machte sich daran, Reichs entsprechenden Ausführungen aus den 1950er Jahren über Liberale (im amerikanischen Sinne, also Linke) und Konservative zu systematisieren. Die Kernaussage war, daß eine erfolgreiche Orgontherapie die Patienten konservativer machen würde. Wenn sie mehr in Kontakt zu ihrem „bioenergetischen Kern“ kommen, beginnen sie sich mit „dem Eigenen“ zu identifizieren, statt mit haltlosen „humanistischen“ Ideologien.

Derartige Ideen formulierten Baker und seine Schüler genau zu jener Zeit, als Amerika in Aufruhr geriet und die gesamte Kultur sich dramatisch nach links verlagerte, wobei neben Herbert Marcuse auch „Wilhelm Reich“ eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Zur gleichen Zeit bildete sich eine neue therapeutische Kultur heraus (Esalen, Encounter Groups, die Urschrei-Therapie, Reichs Schüler Alexander Lowen und seine „Bioenergetik“ wurden ungemein populär, etc.), als Baker streng darauf beharrte, daß ausschließlich voll ausgebildete und von den Fachverbänden anerkannte Psychiater Orgontherapeuten sein konnten. Baker war so etwas wie der ultimative Spielverderber.

In seinen letzten Jahren hatte Reich mit einer therapeutischen Herangehensweise experimentiert, bei der er sehr schnell mit der Auflösung des Körperpanzers voranschritt in der Hoffnung, daß sich die damit erreichten Ansätze von Genitalität im Laufe der Zeit selbst konsolidieren würden. Baker beharrte weiter auf dem „traditionellen“ Ansatz, bei dem mehr Nachdruck auf die Charakteranalyse gelegt wurde und Zeit keine Rolle spielen durfte. Auch stellte sich im Laufe der Zeit heraus, daß gerad der heutige Mensch, d.h. der Mensch in der antiautoritären Gesellschaft mehr Charakteranalyse benötigt.

Ein weiterer Faktor der Spaltung war der Orgonenergie-Akkumulator. In seinem Buch Der Mensch in der Falle hatte er sorgsam jede Erwähnung des Akkumulators vermieden und auch in dem seit 1968 erscheinenden Nachfolgeorgan von Medical Orgonomy, der Zeitschrift Journal of Orgonomy wird der Akkumulator ausschließlich in Zusammenhang mit Tierexperimenten und physikalischen Messungen erwähnt. Das mußte wie der ultimative Verrat an Reich erscheinen, zumal Baker bereits zu Reichs Lebzeiten ganz und gar nicht einverstanden war, wie Reich mit den Gesundheitsbehörden umging. Reich wollte offensiv für sein Recht kämpfen Menschen mit dem Akkumulator zu helfen, während Baker dafür plädierte, alles den Rechtsanwälten zu überlassen. Nach Reichs Tod schrieb Baker der FDA, daß er nichts mit dem Akkumulator zu tun habe und auch nichts zu tun haben wolle. Das hat einen zweifachen Hintergrund: erstens Angst, daß den heutigen Orgonomen das gleiche widerfahren könnte wie Reich selbst und zweitens ist da die berechtigte Angst vor den Berufsverbänden und Versicherern mit horrenden Regreßforderungen und einem effektiven Berufsverbot. In Europa besteht dieses Problem zum Glück nicht in diesem Ausmaß.

Hier zeichnet sich auch das eigentliche Problem der heutigen Orgonomie ab: Psychiater sind in den USA dermaßen in ein System aus überbordender Bürokratie und einem Berufsbild eingespannt, das sich ausschließlich um „Gehirnchemie“, das Verabreichen von Psychopharmaka und das „Management“ des Falles erschöpft (d.h. die Zuweisung an Neurologen, Internisten, etc. und vor allem an neuerdings weitgehend nichtmedizinische Psychotherapeuten), daß das Berufsbild des klassischen Psychiaters, der sich zum Orgonom fortbilden kann, zunehmend verschwindet. Es fehlt schlicht der Nachwuchs. Andererseits wäre es ziemlich absurd Nichtmediziner als Körpertherapeuten auszubilden und Nichtpsychiater angesichts einer Bevölkerung auszubilden, die zunehmend psychiatrisch auffällig ist („Frühstörungen“, Substanzmißbrauch, zerrüttete Familien, etc.).

Um was es hier zentral geht, kann man sich am Beispiel Alexander Lowens, dem Begründer der „Bioenergetik“ vergegenwärtigen. Er war einer der ersten Schüler Reichs in Amerika, aber leider nur Rechtsanwalt und Gymnastiklehrer. Deshalb wurde er von Reich aufgefordert Medizin zu studieren, wenn er wirklich als Therapeut arbeiten wolle. Dies tat Lowen dann auch unter großen persönlichen Opfern in der damals noch billigen Schweiz. Als er nach seiner Rückkehr nach Amerika aber auch noch Psychiater werden sollte, verließ er die Orgonomie unter dem Vorwand sie sei zu „kultisch“ geworden. Die Krankheitslehre, die er dann aber in einer Reihe von Büchern ausbreitete, zeigte genau das: den eklatanten Mangel an psychiatrischen Kenntnissen, so daß sein System geradezu gemeingefährlich ist, auf jeden Fall aber Verwirrung stiftet.

Die US-Wahlen und das Wesen der Demokratie

31. Oktober 2016

Im US-Wahlkampf sehen wir, viel deutlicher als in Europa, den Unterschied zwischen liberal (linksliberal) und konservativ (rechtsliberal), teilweise bis zur geradezu karikaturhaften Illustration der entsprechenden Ausführungen von Elsworth F. Baker in Der Mensch in der Falle Die ersteren sind mehr im Kopf gepanzert, die letzteren mehr im Körper (Muskelabwehr). Um das zu sehen, muß man nur nach Amerika blicken!

In einer einigermaßen intakten Gesellschaft gibt es eine entsprechende Zweiteilung, d.h. ein Zweiparteiensystem mit der Pulsation zwischen liberal (Expansion) und konservativ (Kontraktion). Beide Sichtweisen der Welt sind notwendig, damit die Gesellschaft stabil bleiben bzw. organisch wachsen kann. Regierten immer nur die Liberalen, würde die Gesellschaft sehr schnell ihre Identität verlieren und zerfallen. Bei den Konservativen würde sie stagnieren und wäre ebenfalls dem Untergang geweiht.

Das Fragwürdige an den gegenwärtigen US-Wahlen ist die Tendenz, dieses Zweiparteiensystem aufzulösen. Es entspricht dem anti-autoritären Zerfall der Gesellschaft in lauter „Stämme“, was die Demokratie nachhaltig zerstört. Wenn jedes Sonderinteresse im Parlament eine Gruppierung hat, die nie Verantwortung für das Ganze wird tragen müssen, ist das Endergebnis nicht „mehr Demokratie“, sondern das Chaos, das nur in einer Diktatur münden kann.

Außerdem macht sich durch den Koalitionszwang die Politik selbständig, löst sich vollständig vom Wähler und Wahlen werden zur Farce. Ich werde nie vergessen, daß ich in Hamburg explizit die CDU gewählt habe, um Rotgrün zu verhindern. Was bekam ich? Eine schwarzgrüne Senatsmehrheit!

Goethes Funktionalismus

20. September 2016

Das menschliche Gehirn erkennt auf Bildern andere Lebewesen weitaus schneller und zuverlässiger als tote Gegenstände. Forscher um Joshua New von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara zeigten Probanden jeweils zwei Bilder ein und derselben Szene, die sich nur durch ein Detail unterschieden. Beispielsweise ein Elefant bzw. ein Auto in einer afrikanischen Savannenlandschaft, eine Kaffeetasse auf einem Schreibtisch oder eine menschliche Gestalt in einer Urwaldszene. Für jedes Bildpaar ermittelten die Forscher, ob und wie schnell die Probanden die Veränderung bemerkten. Dabei zeigte sich durchweg ein großer Unterschied zwischen toten Gegenständen und Lebewesen, selbst wenn die ersteren viel kleiner waren und sich mit deutlich weniger scharfen Kontrasten vom Hintergrund abhoben. Das Getreidesilo auf dem Bild einer Landschaft oder die Kaffeetasse auf dem Schreibtisch registrierten die Probanden bei weitem nicht so schnell wie eine vergleichsweise winzige Taube in einer Marktszene oder die menschliche Gestalt im tropischen Regenwald. Gerade die im Vergleich zu Lebewesen langsame Erkennung von Autos spreche dafür, so die Wissenschaftler, daß die Unterschiede nicht auf erlernten Fähigkeiten beruhen, sondern angeboren sind, denn für die meisten Menschen wäre es heute wohl eher ein Vorteil, Autos schnell zu erkennen. Eine Fähigkeit, die wir im Alltag ständig trainieren.

New und seine Kollegen erklären die Ergebnisse natürlich evolutionsbiologisch: unsere Vorfahren hätten vor Raubtieren auf der Hut sein müssen und wären vom Jagderfolg abhängig gewesen.

In Äther, Gott und Teufel beschreibt Reich den Animismus als natürlichen Geisteszustand. Die toten „mechanischen“ Gegenstände um uns herum sind unserem Wesen derartig fremd, daß wir sie “beseelen”. Durch die Dominanz der evolutionistischen Herangehensweise wurde diese „Goetheanische“ Betrachtungsweise fast vollständig verdrängt.

Dazu ein sehr interessanter Film auf YouTube in vier Teilen:

Liest man bestimmte Stellen bei Goethe, fühlt man sich stellenweise in die Welt des Orgonomischen Funktionalismus versetzt.

Wenn es bei Goethe heißt, daß ein ausgesprochenes Wort meistens „Widerspruch, Stocken und Stillstehen“ erregt, oder daß „der Begriff Summe ist“, dann auch, daß das Höchste „das Anschauen des Verschiedenen als identisch“ ist, so ist es leicht, über alle Unterschiede hinweg, die Verbindungslinien zu Grundgedanken Hegels zu ziehen, zum Beispiel zu seinem Axiom: „Das Wahre ist das Ganze.“ Die deutsche Klassiker bilden eine höchst harmonische Ganzheit, und sie stehen gemeinsam auf dem Boden einer großen Tradition, die in ihnen ihre letzte Aufgipfelung empfängt. (Predrag Grujic: Hegel und die Sowjetphilosophie der Gegenwart, Bern 1969)

Das Höchste ist das Anschauen des Verschiedenen als identisch!

Hans Hass, nach Reich mein zweiter Held des Funktionalismus (siehe Hans Hass und der energetische Funktionalismus), sei, nach eigenem Bekunden, „nahezu erschlagen“ gewesen von Gedankengängen bei Goethe, die der eigenen Energontheorie entsprachen.“Wie kein anderer“ habe Goethe „das Energonprinzip in der Natur erschaut.“ Wenn Goethe

nach dem Urtier und der Urpflanze suchte, dann dachte er nicht an gemeinsame Ahnen, sondern an ein gleiches Grundkonzept, das den höheren Pflanzen und den höheren Tieren, so verschieden sie sich unseren Sinnen auch darbieten, verbindend zugrunde liegt. „Alle Gestalten sind ähnlich und keine gleichet der anderen, und so deutet das Chor auf ein einigendes Gesetz, auf ein heiliges Rätsel“ – so schrieb er in einem Gedicht über die Metamophose der Pflanzen. Nirgends fand ich deutlicher ausgesprochen, was mich selbst in meiner Forschung bewegte, wohin sie mich Stück für Stück weiterführte. (Hass/Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978)

Auch in der ganz konkreten Herangehensweise an Naturphänomene wirkt Goethe wie ein direkter Vorläufer Reichs. Insbesondere wenn Reich beispielsweise auf die Voraussetzungslosigkeit des funktionellen Forschungsansatzes abhebt. Hätte Reich Anfang der 1930er Jahre profunden Kenntnissen in der Bakteriologie Folge geleistet, hätte er nie die Bione entdecken können.

Goethe in einem Brief von 1780:

(…) wie der Hirsch und der Vogel sich an kein Territorium kehrt, sondern sich da äst und dahin fliegt, wo es ihn gelüstet, so, halte ich davon, muß der Beobachter auch sein. Kein Berg sei ihm zu hoch, kein Meer zu tief. Da er die ganze Erde umschweben will, so sei er frei gesinnt wie die Luft, die alles umgibt. Weder Fabel noch Geschichte, weder Lehre noch Meinung halte ihn ab zu schauen. Er sondere sorgfältig das, was er gesehen hat, von dem, was er vermutet oder schließt. Jede richtig aufgezeichnete Bemerkung ist unschätzbar für den Nachfolger, indem sie ihm von entfernten Dingen anschauende Begriffe gibt, die Summe seiner eigenen Erfahrungen vermehrt und aus mehreren Menschen endlich gleichsam ein Ganzes macht.

Bei der Naturforschung sei „der anschauende Begriff dem wissenschaftlichen unendlich vorzuziehen“ und man fühle „mit dem lebhaften Anschauen einen dunklen Wink in der Seele (…): so ist es erstanden!“

Eine solche empathische, d.h. gleichempfindende, Annäherung an die Natur erfordert natürlich „reine“ Sinneswerkzeuge, reine (Nach- und Mit-)Empfindung orgonotischer Prozesse, d.h. eine ungepanzerte Wahrnehmung. Goethe in einem Brief von 1779:

Mein Auge und meine Seele konnten die Gegenstände fassen, und da ich rein war, diese Empfindung nirgends falsch widerstieß, so wirkten sie was sie sollten.

Auch in sozialer Hinsicht war Goethe, der schließlich zu Zeiten der französischen Revolution und der beginnenden romantischen Bewegung lebte, hellsichtig und aktuell.

Für den Goethe-Verehrer Nietzsche war Romantik ein Rachesyndrom, dessen Gegensatz die klassischen Produkte eines Goethe waren, die der Dankbarkeit für das Leben entspringen, aus der heraus man allen Dingen einen Glorienschein geben will. Demgegenüber entspricht das romantische Syndrom dem Gefühl des Leidenden und Schlechtweggekommenen, der aus seinem Ressentiment heraus am Leben Rache nehmen will. Auch das Christentum sei eine solche Bewegung, aus der sich schließlich der „romantische Pessimismus der Entbehrenden, Mißglückten, Überwundenen“ entwickelte, wie er sich in der Wagnerschen Musik und Schopenhauers Willensmetaphysik ausdrückt. Der Romantiker nimmt Rache am Leben, indem er dem Dasein sein eigenes Leiden „zum verbindlichen Gesetz und Zwang“ aufprägen will (Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft, Aphorismus 370). Die eigene persönliche neurotische Not wird zunächst theoretisch und dann praktisch der ganzen Welt aufgezwungen, angefangen vom kleinbürgerlichen Christentum der Antike bis zu den gegenwärtigen linken „Bewegungen“.

Der konservative Philosoph Günter Rohrmoser führt aus, daß es den konservativen Menschen kennzeichnet, in der Kategorie der Dekadenz zu denken, während der Linke strukturell dazu nicht in der Lage ist.

Wer eine Gesellschaft oder einen einzelnen Menschen als dekadent empfinden kann, der ist ein Konservativer von Geblüt. Eine der ganz großen Schwierigkeiten in der Verständigung mit Sozialisten besteht darin, daß man sich mit noch so einsichtigen und gutwilligen Sozialisten nicht über Dekadenz verständigen kann. Im Falle, daß man sich mit einem Sozialisten über Dekadenz verständigen kann, stellt man fest, daß dieser Sozialist im Grunde genommen keiner ist. Die Behauptung vom inneren Zusammenhang von Sozialismus und Dekadenz hat eine lange Vorgeschichte. Der späte Goethe beispielsweise hat in diesem Punkte voll mit Nietzsche übereingestimmt. Goethe hat im Angesicht der Ausbreitung des Humanitarismus, und der Sozialismus ist nichts anderes als eine humanitaristische Ideologie, die Prognose gewagt, daß am Ende dieses Weges die Menschheit ein einziges großes Lazarett und jeder des anderen Krankenwärter werden würde. Wenn wir heute in der Analyse des fortgeschrittenen Sozialstaates Pathologien in den Mentalitäten der Wohlfahrtsempfänger und derer, die es werden wollen, entdecken, dann ahnen wir vielleicht, was Nietzsche unter der im Sozialismus angelegten Dekadenz verstanden und immer bekämpft hat. (Rohrmoser: Nietzsche als Diagnostiker der Gegenwart, S. 298f)

Goethe war natürlich in erster Linie Dichter, obwohl er zeitweise seine Farbenlehre als bedeutenderen Beitrag betrachtete als etwa den Faust!

In der Anfang der 80er Jahre in München erschienen Zeitschrift Die Wolken sterben wurde Goethes Funktionalismus anhand der Ballade Der Fischer von 1779 aufgezeigt. Der Autor, Werner Schiwy, führt aus, wie zu Beginn des Gedichts die Antithese von lebendigem Organismus „Fischer“ und totem Element „Wasser“ aufgehoben wird, indem der Fischer wesentlicher Attribute des Lebens entkleidet wird (er ist kühl und ruht bis ins Herz hinein), während das tote Element Wasser lebendig ist und durch eine Frau (eine „Nixe“) verkörpert wird. Im folgenden beschreibe Goethe die orgonotische Erregung und schließliche Vereinigung der beiden Anfangs unvereinbar erscheinenden Systeme.

In der Ballade heißt es:

Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
Das feuchtverklärte Blau?

Das erinnert mich an mein Lieblingsgedicht von Goethe, das mich immer an den äquatorialen Orgonenergie-Strom der Erde gemahnt hat. Es entstammt einem Brief von 1775 an die Gräfin Christine von Brühl:

Auf den Auen wanden wir
Und bleiben glücklich ohne Gedanken,
Am Hügel schwebt des Abschieds Laut,
Es bringt der West den Fluß herab
Ein leises Lebewohl.
Und der Schmerz ergreift die Brust,
Und der Geist schwankt hin und her,
Und sinkt und steigt und sinkt.
Von weiten winkt die Wiederkehr
Und sagt der Seele Freude zu.
Ist es so? Ja! Zweifle nicht.

Goethes Faust, das deutsche Nationalepos, wird von Anthroposophen als mystisches Mysterienspiel interpretiert. Marxisten wollen in den Schlußszenen Kritik am beginnenden Kapitalismus und Kolonialismus erkennen. Was m.W. kaum je gesehen wird, ist das, was sofort ins Auge fällt. Am Ende heißt es: „Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.“ Das ist tatsächlich mystisch und doch hat es eine zutiefst funktionelle und sexualökonomische Bedeutung. Das Ewig-Weiblich ist nämlich nicht nur das Höchste, sondern auch das Tiefste, das Gemeinsame Funktionsprinzip. Taucht doch Faust im ersten Akt (Finstere Galerie) von Faust II in die namenlose Tiefe des Ungeformten, zu den „Urmüttern“ hinab, um Helena heraufzubeschwören. Er war ihr bereits in Faust I begegnet, denn in der Hexenküche hieß es: „Das schönste Bild von einem Weibe! Ist’s möglich, ist das Weib so schön? Muß ich an diesem hingestreckten Leibe den Inbegriff von allen Himmeln sehn? So etwas findet sich auf Erden?“ Das Weib ist natürlich niemand anderes als Helena.

In Faust I geht es um das Kindweib Gretchen, in Faust II um das Vollweib Helena. Die Gretchen-Tragödie mit dem Vorspiel des Osterspaziergangs, auf dem er Mephisto trifft und der zitierten Szene in der Hexenküche ist eine geradezu sexualökonomische Moritat. Es dreht sich alles um die Sexualnot junger Männer und Frauen, alleingelassener Frauen (Gretchens Nachbarin), mangelnde Empfängnisverhütung und einen überholten Sünden- und Ehrbegriff, der in Mord- und Todschlag endet. Der Hexensabbat auf dem Blocksberg ist das Gegenbild einer vom Christentum zerstörten Sexualökonomie: die Unfähigkeit Befriedigung zu finden, endet in frustrierenden Orgien. Faust hat „zwei Seelen in seiner Brust“, d.h. die für orgastische Impotenz ausschlaggebende Trennung zwischen sinnlichen und liebevollen Strebungen. Letztendlich beruht die gesamte Tragödie, auch im zweiten Teil, auf Fausts Lebenshunger bzw. Sexualhunger.

Im zweiten Teil versucht Faust der christlichen Sexualmisere mit Hilfe von Wissenschaft (dem ohne Geschlechtsakt erzeugten Homunkulus) und mit Rückbesinnung auf das heidnische Griechentum zu entfliehen, in das ihn der Homunkulus entführt. (In Faust I und in Faust II wird die Kirche als unmoralisch und geldgeil gezeichnet.) Schließlich endet Faust als Industriemogul, der ganze Landschaften erschließt und dabei neues Elend, himmelschreiende Ungerechtigkeit, Mord und Todschlag verbreitet. Goethe hat die Tragödie des gepanzerten Menschen gezeichnet, der Himmel (der bioenergetische Kern), Erde (die bürgerliche Fassade) und Hölle (die sekundäre Schicht) durchschreitet. Und bemerkenswerterweise erkannte Goethe den sexualökonomischen Kern dieser Tragödie.

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel 6.b.

13. April 2016

orgonometrieteil12

1. Zusammenfassung

2. Die Hauptgleichung

3. Reichs „Freudo-Marxismus“

4. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

5. Reichs Biophysik

6. Beiträge zu Reichs Orgonomie

a. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

b. Spiritualität und die sensationelle Pest

Irrsinniges Gebrabbel unter dem Mond

20. Januar 2016

In Christusmord hat Reich „schöpferische Gedanken“ mit dem „Gegenstück des Kleinen Mannes“ über fünf Seiten hinweg kontrastiert. Aus dem Gedanken der Freiheit wurde unsere Porno-Gesellschaft, aus dem einheitlichen Äther wurden bei Rudolf Steiner unterschiedliche „Äther“ für unterschiedliche Naturbereiche, aus der Gesetzlichkeit wurde Bürokratie, aus der Psychologie wurde, daß jeder sich zum Psychotherapeuten aufschwingt, aus dem medizinischen Orgonomen wurde der Reichianische Körpertherapeut („Muskelquetscher und Panzerdrücker“), aus dem gesunden Kind, das artige Kind, das keine Probleme macht, etc. Dergestalt richtet der gepanzerte Mensch seine aus der Arbeitsdemokratie erwachsene Kultur so ein, daß sie ein Hort des Gegenteils der Arbeitsdemokratie wird: der Emotionellen Pest.

Eines der Hauptprobleme, mit denen sich die Orgonomie herumschlagen muß, ist eine Begrifflichkeit, der man sich bedienen muß, um in der gepanzerten Welt verstanden zu werden, die aber mechanistisch bzw. mystisch verzerrt ist und die bioenergetisch bestimmte Wirklichkeit deshalb nicht adäquat wiedergeben kann. Man denke etwa an die sozio-politische Orgonomie, die mit Begriffen wie „konservativ“ und „liberal“ hantieren muß, welche sich im Laufe der Geschichte mit unterschiedlichsten Inhalten gefüllt haben und ohnehin zunehmend jede Bedeutung verlieren. Oder man nehme Reichs Auseinandersetzung mit kontaktelektrischen Phänomenen, bei denen „positive Elektrizität“ und „negative Elektrizität“ („Ladungstrennung“) wie dazu geschaffen sind, orgonotische Vorgänge quasi unsichtbar zu machen.

Bereits 1931 beklagte Reich im Bereich der Ethnologie und Sexologie:

Wir sehen, wie wenig die hochtrabend wissenschaftlichen Kategorien der „Monogamie“, „Polygamie“, „Polyandrie“, „Promiskuität“ mit [den bei den Trobriandern] nur von der genitalen Bedürfnisbefriedigung gelenkten und geregelten Sexualbeziehungen zu tun haben. Diese Paare sind ebensowohl monogam wie gelegentlich polygam, bei Festen sogar promiskue; doch die Klassifizierungen sagen nichts aus in [der Trobriandrischen Gesellschaft] und bekommen erst ihren Sinn und Gehalt als Prinzipien unserer moralistischen Regulierungsbestrebungen, nicht mehr. Auch bei uns decken sie keinen Tatbestand. Auch bei uns sind die sexuellen Beziehungen verschiedenstartig. Der Unterschied zum Primitiven – das sei besonders hervorgehoben, weil es unsere sexualökonomische Betrachtungsweise von jeder anderen in jeder Beziehung trennt – liegt nicht darin, daß jene polygam oder promiskue und wir monogam leben; es läßt sich auch keine monogame Forderung aus dem monogamen Leben der Primitiven, wie manche Sexualforscher und Ethnologen versuchen, ableiten, sondern er ist einzig und allein ausgedrückt in der sozialen Ordnung des Geschlechtslebens und in der verschiedenartigen Erlebnisweise der Umarmung, die von jener abhängt. Der Genitalapparat an sich ist mit allen seinen Konsequenzen hier wie dort gleich angelegt (…). Und das macht das Kopfzerbrechen unserer Sexualforscher aus, daß er ihre Kategorien der verschiedenen „-gamien“ nicht kennt, sondern nur das Ziel der Sexualbefriedigung. (Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, KiWi, S. 40f, Hervorhebungen hinzugefügt)

Den Anthropologen und Soziologen ist es um oberflächliche „objektivierbare“ Erscheinungen zu tun, Reich um das „innere“, „subjektive“ Erleben, d.h. um die Bioenergetik, die sich vor allem in den Emotionen und dem Gefühl der Befriedigung zeigt. An diesem Gegensatz muß jede Diskussion um unsere gesellschaftlichen Zustände scheitern. Beispielsweise führt Reich weiter aus, daß es in unserer Gesellschaft Entsprechungen zu den sexuellen Festivitäten der Trobriander durchaus gibt, etwa gemeinsame Bordellausflüge der Studenten, „die Wanderungen der Jugend, die zu genitalen Betätigungen führen“, etc. (heute ließe sich ganz anderes anführen!). Der zentrale Unterschied, der einzig ausschlaggebende Punkt sei: „Unsere Sexualfeste enden mit Katzenjammer aus der unerfüllten, ja vor sich selbst meist verschleierten und mit Heuchelei und ‚Ehrbarkeit‘ verdeckten Erwartungen genitaler Befriedigung. Diese Einrichtungen der Primitiven haben sich bis in unsere Zeit, wenn auch in anderer Form, fortgesetzt, sie verloren nur ihren sexualökonomischen Wert, statt zu befriedigen, steigern sie bloß die sexuelle Spannung“ (ebd., S. 46, Hervorhebungen hinzugefügt).

Man nehme auch Reichs folgende Aussage:

Es gibt in unseren Kulturkreisen sicher nicht weniger genitale Umarmung als in den primitiven; die Promiskuität der männlichen Jugend ist sicher ausgesprochener. Die eheliche Untreue ist infolge des strengeren ökonomischen und moralischen Druckes und infolge der Genitalstörungen sicher verbreiteter als bei den „Wilden“. (ebd.)

Unsere heutigen Pseudointellektuellen können ganze Bücher, etwa über „Sex“ schreiben, ohne jemals zu diesem Kern durchzudringen, der das ganze Gelaber mit einem Satz aufhebt! Sie sind verfangen, gefangen in der gepanzerten Begrifflichkeit. Auf diese Weise wird Wissenschaft, ein zentrales Element der Arbeitsdemokratie, zu einem Organ der Emotionellen Pest.

Angesichts des allgegenwärtigen irrsinnigen Gebrabbels verfiel Reich in die Haltung des „stillen Beobachters“ und versetzte sich von der „Bühne“ auf die „Wiese“ (siehe Menschen im Staat und Die kosmische Überlagerung). Ein schönes Bild hat auch Rocko Schamoni gefunden: