Posts Tagged ‘Biographien’

Buchrezension: Wilhelm Reich, Life Force Explorer

21. November 2020

von Paul Mathews, M.A., Brooklyn, N.Y.

 

Wilhelm Reich, Life Force Explorer. Von James Wyckoff. Greenwich, Conn.: Fawcett Publications, Inc., 1973, 144 S., 95¢.

 

Der Autor dieses Buches ist ein Mann, der eine Vielzahl von Berufen ausgeübt hat, darunter „Cowboy, Landstreicher, Totengräber, Grubenarbeiter und Wanderarbeiter in den 30er Jahren“*. Nachdem er während des Zweiten Weltkriegs für eine psychiatrische Abteilung eines Krankenhauses der US-Armee verantwortlich war, veröffentlichte er einen Roman über seine Erfahrungen mit dem Titel The Middle of Time (jetzt vergriffen), der Wilhelm Reich und einem anderen Orgonomen gewidmet war. Er hat auch ein Buch für Kinder, einige Western und einige Kurzgeschichten veröffentlicht. Gegenwärtig ist er Herausgeber einer bekannten Kinderzeitschrift und einiger Ratgeberbücher. Bei einem so interessanten und schriftstellerischen Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass es ihm gelungen ist, eine so lesenswerte Darstellung über Wilhelm Reich zu verfassen, wenn auch eher anspruchslos. Trotzdem ist es für seinen Umfang überraschend ausführlich.

In seinem Vorwort stellt Herr Wyckoff fest:

Dieses Buch ist keine abschließende Abhandlung über Wilhelm Reich. Es ist nicht einmal das, was man eine Standardbiographie nennt. Vielmehr habe ich niedergeschrieben, wie ich einige von Reichs Ideen verstehe, insbesondere derjenigen, die Energie, die Lebensenergie, betreffen. Das Buch ist eine Annäherung, eine Suche, eine Frage. Wer war Wilhelm Reich und worum ging es ihm?

Wie der Autor so ehrlich gesagt hat, handelt es sich also auch hier um eine Art „persönliche Biographie“a, die subjektiv ist und in einem erzählerischen, fast fiktionalen Stil geschrieben ist, nicht unähnlich den medizinischen und wissenschaftlichen Biographien von Paul de Kruifb (Microbe Hunters, Hunger Fighters etc.). Dieses Buch hat eine anheimelnde Weisheit an sich und bewegt sich manchmal am Rande mystischer Beweihräucherung. Aber innerhalb seines begrenzten Umfangs ist es gut dokumentiert, mit zahlreichen Hinweisen auf Einflüsse auf Reich als auch auf bestimmte periphere Verbindungen, sprich die Beziehung großer Denker, bestimmter Mystiker usw. zu Reichs funktionellen, wissenschaftlichen Erkenntnissen. Darüber hinaus versucht der Autor immer dann, wenn er eine Meinung oder Beobachtung äußert, diese durch direkte, kontextbezogene und unentstellte Zitate von Reich rational zu untermauern.

Ich fand das Buch sehr lesenswert und interessant. Es war auch eine Erleichterung und ein Vergnügen, etwas über Reich zu lesen, das seine geistige Gesundheit letztendlich nicht in Frage stellt. Dies ist also die erste anständige, popularisierte Version von Reich – ein Geheimtipp!

 

Anmerkungen

* Aus einer persönlichen Mitteilung des Autors.

 

Anmerkungen des Übersetzers

a Anspielung auf Ilse Ollendorffs „personal biography of Reich“ [PN]

b Paul Henry De Kruif (1890 – 1971) war ein US-amerikanischer Mikrobiologe und Autor mehrerer populärer Werke.
 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 2, S. 271-272.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Literatur zu Reichs Leben und Werk

4. Januar 2017

Es gibt im Netz zwei Listen von Reichs Büchern, die sich hervorragend für das Selbststudium der Orgonomie eignen. Auf Dr. Vittorio Nicolas Heimatseite sind Reichs auf Deutsch erschienenen Werke nach dem Erscheinen der Erstausgabe geordnet angeführt. Die meisten dieser Bücher lassen sich problemlos beschaffen und die Lektüre in dieser Reihenfolge sollte ein einigermaßen klares Bild des Reichschen Werk vermitteln.

Seit Jahren angekündigt ist die Gesamtausgabe von Reichs Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie aus den 1930er Jahren.

Eine zweite etwas systematischere Anleitung zum Selbststudium findet sich am Ende meiner Einführung zu www.orgonomie.net.

Eine dritte Buchliste, diesmal zu Reichs Biographie, möchte ich hier präsentieren. Die folgenden sieben oder acht Bücher verschaffen ein lückenloses Bild vom Tag seiner Geburt 1897 bis zum Tag seines Todes 1957.

Zunächst wären da Reichs eigene selbstkritischen und schonungslosen Erinnerungen aus seiner Kindheit, Jugend, der Kriegszeit und der Nachkriegszeit: Leidenschaft der Jugend. Eine Autobiographie. 1897-1922.

Über diese Zeit kann nur Reich selbst sinnvoll berichten, was aber sein späteres Leben betrifft, sollte man sich weitgehend von seinen Selbstinszenierungen frei machen. Den Anfang macht ein Buch über Reich zwischen 1919 und 1930: Wilhelm Reich in Wien. Psychoanalyse und Politik (Geyer-Edition, 1988) von Karl Fallend.

Leider Gottes ist das Buch vergriffen, aber vielleicht über Bibliotheken beschaffbar. Ein kleiner Trost ist Fallends Beitrag in einem auch ansonsten lesenswerten Ausstellungskatalog, der von Birgit Johler herausgegeben wurde: Wilhelm Reich Revisited. Allein schon wegen der Bilder lohnt sich die Anschaffung!

Ein Buch, das sich auf Reichs Berliner Zeit zwischen 1930 und 1933 konzentriert (aber nicht beschränkt), stammt von Andreas Peglau: Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus.

Genauso uneingeschränkt lobenswert ist ein Buch von Christine Rothländer: Karl Motesiczky 1904 – 1943. Eine biographische Rekonstruktion. Es handelt sich hier um die Biographie von Reichs „politischem Sprecher“ Karl Teschitz und bietet (u.a.!) einen hervorragenden Einblick in Reichs skandinavische Zeit zwischen 1933 und 1939. Eine Ergänzung zu dieser Untersuchung ist das Buch über Reichs Sekretarin in Oslo und anfangs auch in New York, Gertrud Gaasland: Gertrud Meyer 1914 – 2002. Ein politisches Leben im Schatten Willy Brandts (1914 – 2002).

Reichs anfängliche Zeit in Amerika zwischen 1939 und 1947 war nach außen hin ziemlich ereignislos. Wichtigste Augenzeugin dieser Zeit ist eine Frau, die Reich über ihre gute Freundin Gaasland kennen- und liebengelernt hatte: Ilse Ollendorff. Ihre Biographie Reichs, die erste überhaupt, ist noch immer lesenswert und wird es auch bleiben: Wilhelm Reich. Das Leben des großen Psychoanalytikers und Forschers Wilhelm Reich, aufgezeichnet von seiner Frau und Mitarbeiterin.

Die ereignisreiche Zeit vom Beginn der Verfolgung durch die FDA 1947 bis zu ihrem Enderfolg 1957 dokumentiert Jerome Greenfield sehr ausführlich und kompetent in seinem Buch: USA gegen Wilhelm Reich.

Keiner der Autoren beschönigt etwas, alle stehen Reich mit einer gesunden Distanz gegenüber, alle sind objektiv. Mit einigem Engagement sollten sich alle diese Bücher besorgen oder zumindest ausleihen lassen!

Mundgeblasene Geschichte

12. August 2016

Erinnerungen scheinen mehr über die Berichterstatter auszusagen, als über das geschichtliche Ereignis. Das zeigt sich beispielsweise an dem Gerede über Reichs angeblich emotional gefärbte Haltung zur Homosexualität. Reichs geschiedene Ehefrau Ilse Ollendorff, die auch sonst ein Problem mit Reichs „puritanischer“ Haltung zur Sexualität zu haben schien, erinnert sich:

Er hat niemals wissentlich einen Homosexuellen in Behandlung genommen. Während meines Interviews mit Dr. Havrevold 1966 in Oslo erwähnte dieser, daß er einmal versucht habe, einen angesehenen Akademiker zu Reich in die Ausbildung zu schicken; aber als Reich hörte, daß der Mann homosexuell sei, lehnte er es nicht nur ab, ihn zu akzeptieren, sondern sagte auch noch: „Ich will mit solchen Schweinereien nichts zu tun haben. (Wilhelm Reich, München 1975, S. 115, Hervorhebung hinzugefügt)

Der medizinische Orgonom Morton Herskowitz, der letzte Schüler Reichs, kommentiert:

Dies widerspricht meinen eigenen Erfahrungen. Eines Tages hatte ich Gelegenheit Reich über die Wirksamkeit der psychiatrischen Orgontherapie bei der Behandlung von Homosexualität zu befragen. Vollkommen sachlich verwies er auf erfolgreich behandelte Fälle in seinen Aufzeichnungen. Es gab keinerlei Anzeichen einer ungewöhnlichen Gefühlsregung hinsichtlich homosexueller Patienten. Hatte Reich einmal auf die homosexuellen Probleme eines Patienten überreagiert? Hatte sich seine Haltung seit den Tagen, über die Ilse Ollendorff berichtet, geändert? Oder hatten jene Berichterstatter Reichs Reaktion auf dieses Thema mißdeutet? („Recollections of Reich“, The Journal of Orgonomy, Nov. 1978, S. 185f)

Auch ging es ja in Ollendorffs Beispiel für Reichs angebliche „Homophobie“ um Ausbildung nicht um Therapie. Was wirklich hinter dieser berühmten Geschichte steckt, zeigt vielleicht die folgende von Myron Sharaf, dem mehr oder weniger offiziellen Biographen Reichs, überlieferte Anekdote:

Mit McCullough [einem Mitarbeiter Reichs] und auch anderen führte er gerne eine Art sokratischen Dialog. Reich fragte ihn einmal, was er von einer Zulassung Rotchinas bei den Vereinten Nationen halte, ein in den fünfziger Jahren heißdiskutiertes Thema. McCullough war dagegen. Reich, der auch ein entschiedener Gegner der Zulassung Rotchinas war, lavierte für den Augenblick: „Nun, die Regierung repräsentiert 700 Millionen Menschen!“ (Fury on Earth, New York 1983, S. 409)

Sharafs Punkt ist, daß, wenn McCullough für Rotchina votiert hätte, Reich empört gegen dieses Paktieren mit dem Roten Faschismus angegangen wäre. Mag sein, daß Reich in einer Diskussion über Homosexualität ähnlich reagiert hat. Bei einem anderen Gesprächsverlauf oder anderen Gesprächspartnern hätte er sich emphatisch für die Rechte der Homosexuellen ausgelassen.

Wilhelm Reich und unsere Ahnen

13. August 2015

Es ist offensichtlich, daß Reich mit persönlichen Dämonen gerungen hat, die zu seinem frühen, tragischen Tod beigetragen haben. William Schlamms „Theorie“ habe ich bereits referiert, bei Reichs Biographen Myron Sharaf ist es der Selbstmord der Mutter, für den Reich sich verantwortlich fühlte, andere führen den frühen sexuellen Mißbrauch an, dem Reich angeblich zum Opfer gefallen ist.

Nun, Reichs „Humorlosigkeit“, der auch seinem Freund Alexander Neill aufgefallen war, bezog sich hauptsächlich auf sexuelle Witze und Zoten. Reichs Sekretärin und zeitweilige Geliebte Lois Wyvell hat dazu gefragt, was denn beispielsweise an einem ästhetisch und emotional ergreifenden Sonnenuntergang „lustig“ sei. Nun, was ist dann an der Genitalen Umarmung „witzig“? Was am Leid der orgastischen Impotenz – daran, daß die überwiegende Mehrheit der Menschheit in einem „energetischen Sumpf“ lebt?

Was die Tragödie der Familie Reich betrifft: in einem seiner allerersten psychoanalytischen Aufsätze hat er diesen Fall, entsprechend verfremdet, lang und breit ausgewalzt, hat oft darüber mit Freunden (meist psychoanalytische Kollegen) gesprochen – es war nichts, was er verdrängt hat.

Und schließlich die frühen sexuellen Erfahrungen: die hat er mit fast allen Kindern von Großgrundbesitzern geteilt. Überhaupt: ständig haben sich irgendwelche Nutztiere begattet und all die Mägde und Knechte hatten kaum eine andere Freude im Leben als einander zu beglücken – und zumindest im Sommer alle Möglichkeiten der Welt.

Ich möchte auf all dies nicht weiter eingehen, sondern meine eigene Theorie vortragen 😉

Gleich bei der ersten Lektüre bin ich über eine der unsinnigsten Stellen in Reichs Werk gestolpert:

Ich bin ein biologischer und kultureller Mischling (mongrel), und ich bin stolz, das geistige und körperliche Ergebnis aller Klassen und Rassen und Nationen zu sein, und nicht reinrassig wie du, noch reinklassig wie du, noch chauvinistisch wie du, kleiner Faschist aller Nationen, Rassen und Klassen. (Rede an den Kleinen Mann, S. 37).

Diese Aussage ist, zumindest was die Biologie betrifft, nicht nur schlicht Unsinn, sondern einfach nur ungeheuerlich, denn sowohl Reichs Vater als auch seine Mutter (die Ronigers) konnten auf eine lange ungebrochene Vorfahrenreihe aus Rabbinern zurückblicken. Man braucht sich Reich nur anzuschauen und etwa mit David Ben-Gurion oder Ariel Scharon zu vergleichen, um sofort zu sehen, daß er „reinrassiger“ Jude war. (Untersuchungen des Genoms von europäischen Juden scheinen Reich aber eher recht zu geben.)

Liest man die Biographien, die seine Frau Ilse Ollendorff und sein Mitarbeiter Sharaf über ihn geschrieben haben, fällt auf, daß Reich sich mit Gewalt von seinen familiären Wurzeln losgerissen hat und beispielsweise auch nichts mit der Familie seiner Ehefrau zu tun haben wollte. Ein Mann ohne Herkunft und ohne nationale Identität. Jemand, dem am Ende sogar der Gedanke kam, sein Vater wäre nicht Leon Reich, sondern ein „Außerirdischer“ gewesen (Das ORANUR-Experiment: Zweiter Bericht).

Wenn Reich einen „Knall“ hatte, dann kreiste er primär um seine Herkunft bzw. um deren einfach nur als krankhaft zu bezeichnende Leugnung.

Es ist müßig, über die Ursachen für dieses neurotische Symptom zu spekulieren. Wir würden nur im üblichen „psychohistorischen“ Geschwafel ertrinken. Viel wichtiger ist die Frage nach den Folgen für Reich und ganz allgemein für die Orgonomie, die von Reichs Persönlichkeit geprägt wurde.

Man fügt sich selbst schweren Schaden zu, wenn man sich von seinen Vorfahren abwendet. Sie leben in uns fort, ob wir es wollen oder nicht, ob es in unsere Weltanschauung paßt oder nicht. Das kann jeder bezeugen, der adoptiert wurde (oder seine Existenz gar einer künstlichen Befruchtung verdankt) und nichts über seine biologische Herkunft weiß. Man denke nur an Alex Haleys Lügenmärchen Roots: The Saga of an American Family, das von der Sehnsucht nach „Wurzeln“ spricht.

Wie nicht zuletzt Haley zeigt, war, historisch gesehen, bis vor kurzem das Wissen um die Vorfahren, um die Stellung in der Ahnenreihe, das wichtigste Wissen überhaupt, das ein Mensch haben konnte. Seit der Aufklärung wurden diese Bande zunehmend zerrissen. Ein „Progressiver“ wie Reich hat das ganz bewußt getan.

Die oben zitierte Stelle aus seiner Rede an den kleinen Mann beginnt mit dem Satz:

Ich bin der einzige in dieser Welt, der zu bestimmen hat, wer ich bin, und niemand sonst.

Klingt gut, aber – man kann nicht „aus seiner Haut raus“. Niemand kann seinem biologischen Erbe und seiner kulturellen Prägung entgehen. Billwerder-Moorfleet, Hamburg und den Genmix meiner Eltern werde ich ewig in den Knochen haben. Diese Wurzeln zu leugnen, ist so, als würde ich mich nicht mit meinem Körper identifizieren.

Seinem Schüler Elsworth F. Baker sagte Reich, ein Jude sei jemand, der regelmäßig in die Synagoge gehe. Womit Reich zu verstehen gab, daß er selbst und auch keiner seiner Schüler ein Jude sei. Baker hat das ganz und gar nicht überzeugt. Tatsächlich ist es ziemlicher Quatsch!

So zu tun, als ob man irgendwie nicht in diese Welt gehört, ist purer, krankhafter Mystizismus, der es schwer macht, sich rational zu verhalten. Es geht dabei natürlich nicht um das intellektuelle Wissen, daß meine Familienlinie auf, sagen wir mal, einen spanischen Söldner im 30jährigen Krieg oder einen obskuren slawischen Volksstamm im östlichen Polen zurückgeht, sondern um die emotionale Erfahrung Teil einer in Raum und Zeit verankerten Geschehniskette zu sein.

Man lese etwa die Geschichten auf der Weltseite der iGENEA Gentest.ch GmbH. Bei der iGENEA kann jeder mit Hilfe genetischer Testverfahren feststellen, woher er kommt. Erstaunlich sind die Geschichten, wo Leute unerklärliche Affinitäten zu bestimmten Dingen hatten und sich nach einer solchen Genanalyse herausstellt, daß die Vorfahren, von deren Existenz man nichts ahnte, ganz offensichtlich damit zu tun hatten.

In der Orgonomie dreht sich alles darum, wirklich im dreidimensionalen Raum zu sein, der nicht leer, kein bloßes Konzept ist, sondern von einem energetischen Medium, dem Orgon, angefüllt ist. Er ist etwas Lebendiges. Genauso sind wir Teil des lebendigen Stromes der Zeit. Reich:

Leben hat keine festen Vorstellungen davon, was in der Zukunft geschehen wird. Leben läßt diese Dinge ihren natürlichen Lauf nehmen. Die Zukunft erwächst aus dem ständigen Strom der Gegenwart, wie auch die Gegenwart aus der Vergangenheit hervorgeht. Sicherlich gibt es Gedanken, Träume und Hoffnungen für die Zukunft; aber die Zukunft beherrscht nicht die Gegenwart, wie dies beim gepanzerten Leben der Fall ist. (Christusmord, S. 72)

Dieser Film ist nicht nur ein Beispiel für Ahnenforschung, sondern auch ein Dokument der Sexualökonomie, Emotionellen Pest und Modjus in den 1930er Jahren!

Hitler und die Orgonomie (Teil 1)

14. August 2014

Es hat etwas Befriedigendes, am Anfang einer Biographie über Joseph Goebbels (Narziß Goebbels. Eine psychohistorische Biographie) Reich zitiert zu sehen.

Im ersten Kapitel geht es um jene Gruppe, aus der Goebbels entwachsen ist und die die Hauptstütze des Nationalsozialismus war: das Kleinbürgertum, das durch den Untergang des wilhelminischen Deutschland sich gezwungen sieht, die sie tragenden gesellschaftlichen Strukturen so weit wie möglich aufrechtzuerhalten. Dazu diene insbesondere die Aufrechterhaltung der gewohnten Feindbilder.

So steht [das Kleinbürgertum] den Vertretern des Großkapitals feindlich gegenüber, und zwar als unbewußte Wahrnehmung der ökonomischen und damit auch der sexuellen Freiheit, wie Wilhelm Reich darstellt, weshalb es Adolf Hitler und Joseph Goebbels später ein Leichtes sein wird, aus einem latenten einen massiv-aggressiven Antisemitismus in der Bevölkerung aufzubauen. (S. 18)

Reichs Analyse fassen die Autoren wie folgt zusammen:

Eine politisch-gesellschaftliche Diktatur, wie der Nationalsozialismus sie darstellt, gründet ihr Fundament auf Begriffe wie Reinheit, Ehre, Pflicht, Tapferkeit und Disziplin, wodurch ein vermehrter Druck auf die zwangsmoralischen gesellschaftlichen Vorstellungen ausgeübt wird. Da diese permanente sexuelle Selbstbeherrschung und die Angst vor der eignen Sexualität den Kleinbürger überfordern, entsteht eine Führersehnsucht, um die eigene individuelle (und damit auch sexuelle Verantwortung) abzugeben, womit die Strukturlegung für den reaktionären Menschen gegeben ist. (S. 19)

Reich hält Hitlers Persönlichkeit, oder gar die eines Goebbels, für vollständig nebensächlich und denkbar uninteressant. Ihm ging es darum, wie die Massen auf solche Knallchargen haben hereinfallen können. Die Frage ist demnach: Was geht in den Massen vor?

Daß [die] Massenorganisierung gelang, lag an den Massen und nicht an Hitler. Es lag an der autoritären, freiheits-ängstlichen Struktur der Menschen, daß seine Propaganda Wurzeln fassen konnte. Daher kommt das, was an Hitler soziologisch wichtig ist, nicht aus seiner Persönlichkeit, sondern aus der Bedeutung, die er von den Massen bekommt. (Massenpsychologie des Faschismus, S. 57)

Es geht darum, ob die Massen ihr Leben selbst in die Hand nehmen oder irgendeinem „Obama“ folgen, weil der ihnen verspricht, er werde sie an die Hand nehmen und sie „betreuen“. Es geht um die Übernahme von Eigenverantwortung.

Die Grundlage von Eigenverantwortung ist der ungehinderte „psychische“ Kontakt mit seiner Umgebung. „Psychohistorie“, wie sie in immer neuen Büchern über die Nazi-Größen zelebriert wird, verlagert jedoch die Energie ins Gehirn („Grübelei“, „Logelei“) und verstärkt dadurch die Kontaktlosigkeit des Lesers. (Sie ist in etwa mit dem Marxismus vergleichbar, dessen „Analysen“ den gleichen blöde machenden Effekt haben. Kein Wunder, daß Psychoanalyse und Marxismus bei „Intellektuellen“ so beliebt sind!)

goebbels

Und dann ist da etwas, was die Bücher über die Protagonisten des Dritten Reiches schlichtweg ungenießbar macht: Es wird nie diskutiert, daß Leute wie Hitler und Goebbels nicht einfach nur „böse“ waren und Lügen verbreitet haben, sondern vor allem auch Wahrheiten ausgesprochen haben, die nie über die Lippen unserer vermeintlichen „Demokraten“ kommen. Reich:

Es ist nie aus den Augen zu verlieren, daß Hitler stets an den berechtigten Haß des Massenmenschen gegen die Scheindemokratie und das Parlamentssystem anknüpfte – und mit viel Erfolg! (ebd., S. 233)

Für den gepanzerten Menschen ist Hitler ein absolutes Faszinosum. Manchmal will es scheinen, daß der Spiegel und das ZDF kein anderes Thema kennen und das Jahr ein, Jahr aus, über Jahrzehnte hinweg. Der paranoid-schizophrene Charakter Hitler hatte und hat diesen Erfolg seit nunmehr über 90 Jahren, weil er auf verzerrte Weise drei Dinge ansprach, die schlichtweg wahr sind:

  1. Seine Darstellung „des Juden“ ist fast eine perfekte Beschreibung der Emotionellen Pest im allgemeinen und des pestilenten Charakters im besonderen.
  2. Sein extremer Rassismus verweist darauf, daß der Mensch ein Tier ist und entsprechend gesellschaftliche Probleme letztendlich biologische Probleme sind.
  3. Sein Kampf gegen die christliche Mitleidskultur, mit dem er die abendländische Kultur vor dem Untergang bewahren wollte, ist von geradezu prophetischer Bedeutung.

Mit traumwandlerischer Sicherheit sind es gerade diese drei Aspekte, die dämonisiert werden: jedwede Analyse des Bösen als charakterologisches Problem ist Anathema, die biologische Bestimmtheit des Menschen, selbst seine Zweigeschlechtlichkeit, wird radikal infrage gestellt und christliche Tugenden werden auf masochistische Selbstverleugnung zugespitzt. Beide christliche Kirchen sind zu Todfeinden des deutschen Volkes mutiert. Auf diese Weise wird Hitler immer ein Faszinosum bleiben!

Ein weiteres Moment wird gerne verdrängt, da es zu sehr nach Apologetik klingt. Rechte Bewegungen appellieren immer an das Gesunde im Menschen, das „gesunde Volksempfinden“, während die Linke immer an das Kranke in den Menschen appelliert: wie bedürftig (infantil) doch alle „Unterdrückten“ seien, man müsse „Widerstand“ (sic!) leisten. Der Nationalsozialismus hingegen handelte zentral von nichts anderem als von Gesundheit und Schönheit und ihrer Erhaltung („Rassereinheit“). Siehe dazu den ausgezeichneten Film von Peter Cohen Architecture of Doom.

Die Frage stellt sich, ob die Nationalsozialisten wirklich „Rechte waren“, betrachtete sich doch Hitler als „Deutschen Lenin“. Man führe sich dazu folgendes Video zu Gemüte:

Es läßt sich trefflich darüber streiten, ob der „Kampf gegen Rechts“ nicht Etikettenschwindel ist. Bzw. kann man streiten, solange man auf der oberflächlichen Ebene von Politik, Ökonomie, Soziologie und Psychologie verharrt.

Die Orgonomie behauptet, daß der ideologische Unterschied zwischen Liberalen („Linken“) und Konservativen letztendlich auf strukturellen Unterschieden beruht, d.h. grundsätzlich unterschiedliche Charakterstrukturen vorliegen. Den grundlegenden bioenergetischen Unterschied zwischen „Linken“ und „Rechten“ hat Charles Konia in seinem Blog herausgearbeitet.

Aber zurück zur Frage, ob „Nazis“ wirklich „rechts“ stünden. Das obige Video will uns suggerieren, daß dies vollkommener Unsinn sei: natürlich seien National-Sozialisten Linke, was denn sonst?! Nun, die meisten Menschen haben dieses ach so „offensichtliche Faktum“ nicht so gesehen. Aber man kann dieses Thema von der Warte der Ideologie her ohnehin nicht sinnvoll behandeln.

Die beste Annäherung an das Thema ist, wie stets bei solchen Dingen, wenn man nach einem entsprechenden Problem in der Gegenwart sucht. Hier bietet sich der Islamismus an, der ohne jeden Zweifel „rechts“ ist: es geht um konsequente Fortschrittsfeindlichkeit, um blinden Glauben an Autoritäten, um Frauenfeindlichkeit, Kulturimperialismus, Rassismus, Geschäftemacherei, Machismo, Klassenunterschiede, Gewaltverherrlichung, etc.pp. Am eindeutigsten „rechts“ ist der alles durchdringende Mystizismus im Islam.

Der Islam ist zweifellos rechts und zweifellos wurde er von Menschen geschaffen und geprägt, die auch von ihrer Charakterstruktur rechts waren. Aber wie Charles Konia in seinem Buch The Emotional Plague (S. 256) ausführt, gibt es auch im Islam Menschen mit einer „linken“ Charakterstruktur. Konia zufolge erkennt man sie daran, daß es ihnen vor allem um ihre kulturelle Identität zu tun ist.

Wie ihre pseudo-liberale Entsprechung im Westen zieht es sie zu linksgerichteten politischen Versammlungen, etwa Demonstrationen von Feministinnen, oder sie schließen sich antiamerikanischen Antikriegs-Bewegungen an. Sie identifizieren sich mit den Unterprivilegierten und Außenseitern und betrachten Amerikaner als Rassisten, die gegen Moslems Vorurteile hegen. Ihre Identität gruppiert sich um die muslimische „Opferrolle“ und nicht um das westliche Land, das sie aufgenommen hat. Sie tragen Schleier nicht so sehr aus religiöser Überzeugung, sondern als Zeichen des Protests und um ihre „Gruppenidentität“ zu feiern. Sie blühen auf, wenn sie Kontroversen hervorrufen und beim Debattieren sozialer und politischer Fragen, weil auf diese Weise Energie in ihr Gehirn hochgezogen wird.

Ähnlich muß man die Nationalsozialisten betrachten. Beispielsweise war Goebbels von der Charakterstruktur her wohl doch eher ein „Linker“, während Himmler ein „Rechter“ war.

Die Frage, wie man die „Bewegung“ als ganzes einordnen soll, läßt sich nur beantworten, wenn man den Nationalsozialismus in die gesamte Geschichte des Abendlandes einordnet, wie Konia es getan hat. Dann geht es schlicht um die Frage, ob intellektuell durchschaubare mechanische Kräfte das Geschehen bestimmen (Mechanismus) oder ein undurchschaubarer Gott bzw. „die Vorsehung“ (Mystizismus). Diese beiden grundsätzlich unvereinbaren Weltanschauungen gehen auf die Charakterstruktur ihrer Anhänger zurück. Diese bioenergetische Ebene wird zwar von politischen, ökonomischen, soziologischen und psychologischen Verwerfungen überlagert, teilweise bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, kommt aber letztendlich doch zum tragen.