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Peter liest den Roman DER TROLLRING von Sigurd Hoel (Teil 1)

1. April 2026

Der Trollring (norwegisches Original „Trollringen“, Bedeutung in etwa „Teufelskreis“) erschien 1958 als letzter Roman von Sigurd Hoel (geb. 1890), der zwei Jahre später verstarb. Die deutsche Übersetzung erschien 1980 in der DDR (Rostock: Hinstorff Verlag). Auf dem Schutzumschlag findet sich ein Schneeflocke und 13 schwarze Raben, die ringförmig einen 14. Raben umringen, der offenbar in einer Blutlache liegt. Der Roman erzählt vom Neuerer Haarvard Gjermundsen, der an der verbiesterten ländlichen Bevölkerung Norwegens scheitert.

Der Roman handelt im weitesten Sinne von Ökonomie, sozusagen ein „Wirtschaftsreformer“ und sein Scheitern. Aus funktioneller Sicht gehören Belletristik und Wirtschaft tatsächlich eng zusammen. Ökonomie handelt im Kern vom Gegensatz Arbeitsdemokratie und Emotionelle Pest, große Literatur von dem zwischen Genitalität und Emotioneller Pest. Hoels Buch beschreibt beides.

Haarvard („Hoher Wächter“ oder „Der den Felsen bewacht“) stellt eindeutig Reich da. Diese These stellte erstmals Harvard Nilsen (Universität Oslo) auf der Internationalen Reich-Tagung 2007 in Rangeley, Maine auf: The Troll Circle. The Social Construction of Wilhelm Reich as a Pseudo-Scientist. Nilsen:

Der Trollring ist die Geschichte eines jungen, starken, begabten und einfallsreichen Mannes (…), der in den 1820er Jahren aus einem reichen, sonnigen Dorf in ein armes, dunkles und rückständiges Dorf kommt, um dort die reichste und schönste Frau zu heiraten. Er will die Fruchtbarkeit des Bodens verbessern und erkennt, daß man die Hindernisse für den Wasserfluß in der Gegend beseitigen muß. Er hat großartige Ideen, wie der natürliche Wasserfluß besser reguliert werden könnte. Er wird zum naheliegenden Gegenstand von Neid und Mißgunst. Er ist der Fremde, der versucht, ihnen neue Wege beizubringen. Er wird zum Gegenstand von Klatsch und Verleumdung, und schließlich wird er völlig zermalmt. Niemand, der das Buch gelesen hat, wird die unheimliche Atmosphäre vergessen, ebensowenig wie die bedrückende ländliche Gesellschaft, der es schließlich gelingt, den jungen Mann (…) zu zerstören, der schließlich in einem Prozeß zum Tode verurteilt und hingerichtet wird. Wie man sicher verstanden hat, ist Wilhelm Reich das Vorbild für den Hauptprotagonisten des Buches.

Unmittelbar an Reich erinnert folgende Beschreibung des Romanhelden: „Er stürzte sich in die viele Arbeit auf dem Hof. Um ihn herum durfte nichts stillstehen, keine Atempause eintreten, keine Ruhe. Hundert Dinge sollten erledigt werden, eins drängte das andere“ (S. 90). Oder etwa: „Er hatte einen ungewöhnlich leichten, weich-federnden Gang, sogar jetzt, wo er eine ansehnliche Last zu tragen hatte, die doch nach unten zog“ (S. 134). Dieser ungepanzerter Gang ist jedem bei Reich aufgefallen.

Er ist ein Fremdling, der die wohlgeachtete Witwe Rönnau Larsdatter Olstad heiratet, worauf sich seine Freundin zu Tode stürzt. Ähnlich wie Reich ist er von tiefer Schuld belastet. Die Landbevölkerung steht dem Fremden feindselig gegenüber, weil der sich aufdrängt als Missionar moderner Landwirtschaftsmethoden. Er soll hervorragend pflügen können, heißt es gehässig. „Doch am besten pflügt der wohl zwischen den Schenkeln der Weiber. Sonst hätte er gewiß die Rönnau nie bekommen!“ (S. 38). Hinter ihm ist alles „verbrannt und versperrt“. „Er konnte all dem nur den Rücken zuwenden“ (S. 40). Doch von Rönnau geht Wärme aus – „ein lebendiger Mensch, kein Schatten aus Vergangenheit oder Zukunft“ (S. 72).

Der Roman baut auf der Dichotomie zwischen Haarvards Träumen, Visionen und Plänen (S. 46f) und den rückständigen norwegischen Bauern: „Sie waren stolz, selbstgefällig und stur. Aber ängstlich. Und schwerfällig. Oh so schwerfällig…“ (S. 50). „ – ja, hatte er nicht sogar davon geträumt, die Häusler zu freien Menschen zu machen?“ (S. 264). Über Haarvards Bestrebungen würden sie sich „lustig machen, zunächst einmal. Würden grinsen und ihre abfälligen Bemerkungen machen“ (S. 50f). Doch obwohl Haarvard keinen von ihnen kannte: „Ha! Er kannte sie wie seine eigene Hosentasche. Es gab nicht einen schwarzen Winkel in ihrer Seele, den er nicht kannte – besser als sie selbst“ (S. 50). Sie wiederum, würden wechselseitig Erkundungen über ihn einholen – „bei anderen, nicht bei ihm selbst, oh, wie ihnen das ähnlich sähe!“ (S. 51). „– dieser Ort hat alle Fröhlichkeit aus mir herausgesogen“, so Haarvard (S. 310).

Selbst bei Rönnau zeigen sich Anzeichen der Emotionellen Pest. Sie konnte in der Nacht mit Haarvard „glühen“, ja „weißglühend werden“. „Doch am nächsten Morgen, wenn sie sich wieder abgekühlt hatte, war sie so hart wie zuvor. Oder noch härter? Ja, ab und zu schien es, als suchte sie gerade an einem solchen Morgen Streit oder als haßte sie ihn wegen irgend etwas“ (S. 89). Es ist, als beschreibe Hoel hier das teilweise spannungsreiche Zusammenleben von Reich und Elsa Lindenberg: „Hatten er und Rönnau eine ihrer heißen Stunden gehabt, dann konnte es geschehen, daß er sofort einschlief, in eine bewußtlose Tiefe versank. Am nächsten Morgen konnte er dann frisch und munter erwachen, wie seit langem nicht, und ohne daß er es selbst bemerkte, begann er beim Ankleiden zu singen“ (S. 91). Doch in anderen Nächten mit Rönnau wurde er von schlimmen Alpträumen voll von Schuldgefühlen über eine längst vergangene Tragödie gepeinigt. Ilse Ollendorff beschreibt solche Nächte mit Reich aus eigener Erfahrung und von den Erzählungen Elsa Lindenbergs her.

Gleich zu Anfang hatte Rönnau Haarvard für sich gewonnen, indem sie vorgab von ihm schwanger zu sein, woraufhin sich, wie erwähnt, dessen Verlobte umbrachte. Schließlich sollte Rönnau durch ihre unbegründete Eifersucht auf ihre Stieftochter selbst den Unfall verschulden, der ihr das Leben kostete und Haarvard schließlich zu Fall bringt. Ihr vorangehender Wahnsinn wird wie folgt erklärt:

(…) Rönnau kann jenem ausgesetzt sein, was einige Nemesis, andere Circulus vitiosus nennen. Hier oben in den Dörfern spricht man vom Trollring oder Teufelskreis. Die Vergangenheit rächt sich, das Schicksal beißt sich, gleich einer Schlange, selbst in den Schwanz… (S. 348)

Der offensichtliche, geradezu plakative emotionell pestkranke Charakter der Handlung, Kerstaffer, betreibt passenderweise eine Art „Privatpsychiatrie“ auf seinem Hof, d.h. er sperrt im Auftrag des Landkreises die Irren der Umgebung in seinen Keller ein. Tatsächlich stellt sich jedoch heraus, daß der stets freundliche und zuvorkommende ewig lächelnde Hans Nordby der wirkliche Intrigant war. Am Ende hat Haarvard das Gericht vor Augen, „und er wußte, was er von dort zu erwarten hatte, von Menschen, die ihn hassen, weil er das ist, was sie nicht sind – ein Mann, von der Frauen geliebt, von Ebenbürtigen bewundert“ (S. 391).

Die erwähnte Schwiegertochter, namens Kjersti, wird kurz vor Haarvards Hinrichtung von den Frauen durchs Dorf gehetzt und stürzt sich, ähnlich wie einst Haarvards Verlobte, in den Tod. „Haavard mußte sterben – die Männer bewunderten ihn, doch mehr noch weckte er ihre Mißgunst. Und Kjersti mußte sterben, die haßerfüllten Weiber ertrugen nicht den Gedanken, daß Haarvard sie vielleicht geliebt hatte“ (S. 425).